Gott gibt, was er befiehlt

Das Doppelgebot der Liebe

Artikel von Benjamin Schmidt
19. August 2021 — 7 Min Lesedauer
„Höre, O Israel. … Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“ (5.Mose 6,5). „Und der HERR, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele“ (5.Mose 30,6).

Als Jesus von einem der Schriftgelehrten gefragt wurde: „Welches ist das höchste Gebot von allen?“, antwortete er:

„Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft“ (Mk 12,28-30).

Diese Sätze bilden den Kern von Gottes Forderung an sein Volk – sowohl im Neuen als auch im Alten Testament.

1. Gott gibt uns sein Gebot: liebe Gott

Was uns beim Lesen des höchsten Gebots sofort in den Sinn kommt, ist die Frage: Wie kann Gott Liebe wie eine Pflicht einfordern? Wir kennen Liebe als Emotion, die entweder vorhanden ist oder eben nicht – sie kann nicht erzwungen oder eingefordert werden. Oder?

Im Kontext der Zeit und Kultur, in die Gott zu seinem Volk Israel spricht, ging es aber nicht bloß um eine emotionale, sondern vor allem um eine rational begründete Liebe, im Sinne der Ehrerbietung und Loyalität. Schließlich hatte Gott seinem Volk jeden Grund zur Liebe und Dankbarkeit geliefert. Denn wenn sich jemals einer als liebenswert erwiesen hat, dann Gott! Dies zeigte sich insbesondere durch seine bedingungslose Gnade, mit der er Israel aus allen anderen Nationen auserwählt hatte, durch seine Treue, dass er sie trotz allen Ungehorsams nicht verlassen hatte und nicht zuletzt durch sein Erbarmen, mit dem er sie immer wieder überreich segnete. Doch auch losgelöst von all diesem Handeln war, ist und bleibt Gott in seinem vollkommenen, wunderbaren und heiligen Wesen über die Maßen liebenswert.

„Seit dem Fall unserer ersten Eltern sind wir unfähig, Gott oder einen anderen Menschen in der vollkommenen Weise zu lieben, wie Gott es von uns fordert“
 

Auch unserer Kultur ist die Forderung nach Liebe jedoch nicht fremd. Stellen wir uns zum Beispiel die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern vor. Ich bin sicher, dass jeder von uns grundsätzlich voraussetzen würde, dass Kinder in der Pflicht stehen, ihre Eltern zu lieben. (Auch wenn es zugegebenermaßen besonders schwere Ausnahmefälle gibt, ist das grundsätzliche Prinzip doch klar.) Wie viel mehr muss dies auf unsere Liebe zu Gott, unserem Schöpfer, zutreffen! Leider wissen wir nicht nur aus dem Beispiel Israels, dass alle äußerlichen Gnadenerweise Gottes leider wirkungslos bleiben, solange sie auf ein „unbeschnittenes“, verfinstertes Herz treffen (vgl. Röm 2,29; 2Kor 3,14). Der 78. Psalm zeigt uns auf erschreckend ehrliche Weise, dass Israel meist nur von dem Wunsch nach einer Besserung der äußeren Umstände – die Befreiung von den feindlichen Nachbarvölkern – angetrieben war und nicht von der Liebe zu Gott. Gott segnet Israel; Israel wendet sich von Gott ab; Gott straft sie durch feindliche Angriffe; Israel schreit zu Gott; Gott segnet und erlöst Israel; Israel wendet sich von Gott ab; usw. Die Tatsache, dass Gott an sich liebenswert ist, reichte nicht aus. Der Wunsch, ihn selbst und nicht die besseren Umstände zu erhalten, war schlichtweg nicht vorhanden (vgl. Ps 107).

Allerdings war dies kein exklusives „Israel-Problem“, sondern es gehört zur sündigen Natur des Menschen – ohne Ausnahme (vgl. Röm 3,11 ff.). Seit dem Fall unserer ersten Eltern sind wir unfähig, Gott oder einen anderen Menschen in der vollkommenen Weise zu lieben, wie Gott es von uns fordert (vgl. Jesu Forderung in Mt 5,44-48). Daher verurteilt Gott die Menschen auch zurecht deshalb, weil sie „Gott erkannten, ihn aber weder als Gott verherrlichten noch ihm Dank darbrachten“ (Röm 1,21). Ist Gottes Forderung nach Liebe also hinfällig? Hat Gott diese Gebote nur gegeben und hat Jesus sie nur betont, damit wir einmal mehr unsere Unzulänglichkeit erkennen, wir frustriert sind und jeden Versuch aufgeben, sie zu halten? Nein, denn wer auf Gott hofft, der erhält von ihm das, was er fordert.

2. Gott schenkt uns das, was er befiehlt

Der bekannte Kirchenvater Augustinus schrieb in seinen Bekenntnissen das Gebet:

„Siehe, meine ganze Hoffnung ruht einzig und allein auf deiner überaus großen Barmherzigkeit. Gib, was du befiehlst, und dann befiehl was du willst.“ (Bekenntnisse X,29)
„Gott fordert nicht nur, ihn zu lieben, er selbst schenkt uns seine Liebe.“
 

Mit dieser Hoffnung hatte Augustinus völlig recht. Gott gibt uns nicht nur das größte Gebot, er selbst erfüllt es an uns und in uns. Dieses Wunder hat er bereits in seinem Gesetz angekündigt. Denn während er in 5. Mose 6 fordert: „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft“, gibt er in Kapitel 30 die Verheißung: „Der HERR, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden, damit du den HERRN, deinen Gott, liebst von ganzem Herzen und von ganzer Seele“ (5Mose 30,6).

Gott fordert nicht nur, ihn zu lieben, er selbst schenkt uns seine Liebe. Er selbst gibt uns das, was er fordert – und zwar in mehrfacher Hinsicht:

Gott schenkt uns seinen Sohn

Zum einen schenkt Gott uns seine Liebe, indem er seinen Sohn für uns in den Tod gab. „Gott erweist seine Liebe zu uns dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren“ (Röm 5,8). Christi Opfer in seiner Menschwerdung, seinem Leiden und Sterben zeugen von Gottes Liebe mit seinem ganzen Herzen, seiner ganzen Seele und all seiner Kraft. Er ist die vollkommene Liebe. „Es gibt keine größere Liebe als dass jemand sein Leben lässt für seine Freunde“ (Joh 15,13). Jesus brachte den größten Liebesbeweis dar, indem er sein Leben für seine Feinde gab, sie aus der Feinschaft erlöste und zu seinen Freunden machte. Während die Welt an der Güte und Liebe Gottes zweifelt, sollte der Blick auf das Kreuz dem Christen jeden Zweifel nehmen und ihn mit Dankbarkeit und Vertrauen erfüllen – auch dann, wenn die äußeren Umstände etwas anderes sagen.

Gott schenkt uns seinen Geist

Zweitens schenkt Gott uns seine Liebe, indem er seinen Heiligen Geist in unsere Herzen sendet. „Denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist“ (Röm 5,5). Durch ihn werden wir fähig, Gott zu lieben und seine Gebote zu befolgen – wenn auch (in diesem Leben) noch immer mit Mangel und in Schwachheit. Wer von Gottes Geist erneuert wurde und Gottes Herrlichkeit erkannt hat, für den ist die Liebe zu Gott eine natürliche Reaktion darauf. Der Apostel Johannes schreibt:

„Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingeborenen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen. Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und seinen Sohn gesandt hat zur Versöhnung für unsre Sünden.“

Und die Schlussfolgerung daraus lautet: „Ihr Lieben, weil Gott uns so geliebt hat, daher sind wir schuldig, auch einander zu lieben“ (1Joh 4,9–11).

Weder Romantik noch Überforderung

Das größte Gebot soll für uns Christen daher weder eine leichtfertige Romantik noch eine Überforderung sein. Ich möchte mit einigen Fragen schließen:

  • Ist mir bewusst, dass Gott in sich überaus liebenswert ist, dass er alle Ehre, meine ganze Liebe und meinen Gehorsam verdient?
  • Bin ich bereit, seiner Liebe auch dann zu vertrauen, wenn die äußeren Umstände mir etwas anderes erzählen?
  • Ist mir das größte Gebot eine tägliche Erinnerung daran, dass ich ohne Gottes Eingreifen noch immer sein Feind wäre?
  • Staune ich über das große Wunder, dass Gott seine Liebe in mir ausschüttete, indem er selbst mein Herz verwandelte und darin einzog?
  • Und wenn mir all dies bewusst ist, was hält mich dann davon ab, meinen Nächsten zu lieben, auch wenn er mir Leid zugefügt hat?

Lasst uns daher täglich Gott bitten: „HERR, gib, was du befiehlst, und dann befiehl, was du willst.“

Benjamin Schmidt ist Leiter des Herold Verlags. Als Diakon der Immanuel-Gemeinde Wetzlar ist er im Bibelunterricht und in der Kinderarbeit tätig. Benjamin ist verheiratet mit Hanna und gemeinsam haben sie drei Kinder.

Der Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Herold, Nr. 2, 2020, S. 5–6. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.