Warum beten Katholiken zu Maria?

Artikel von Michael Reeves
14. August 2021 — 5 Min Lesedauer
Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel ist das Audio-Transkript einer Folge aus der Podcast-Reihe „Ask Pastor John“.

Der englische Historiker Michael Reeves ist diese Woche als Vertretung für John Piper dabei. Michael, in der katholischen Kirche ist es ein auffallendes Merkmal – zumindest für uns Protestanten –, dass zu Maria gebetet wird. Auch in dem aktuellen Katechismus bleibt der Vatikan dabei, den Wert und die Bedeutsamkeit der Liturgien, Feste und Gebete zu Ehren Marias zu betonen. Wie hat sich diese Gewohnheit über die Zeit entwickelt? Warum beten Katholiken zu Maria?

Also, diese Geschichte hat zwei Stränge. Der erste Strang hat einen sehr guten Ursprung. Seit den frühesten Tagen haben die Kirche und ihre Theologen die Vision des Paulus aus dem Römerbrief 5,12–21 als ein sehr starkes, dominierendes Bild für die Erlösung genommen: die beiden Personen, Adam und Christus, die das Schicksal aller Menschen bestimmen. Und wir alle sind von einem der beiden für unsere Erlösung abhängig. In Adam sind wir gefallen. In Christus sind alle, die mit ihm verbunden sind, erlöst.

Maria als Mittlerin?

Diese Gedanken sind zu einer so starken Säule der Theologie der ersten Kirche geworden, dass die Frage aufkam, welche Rolle Maria in all dem spielt. Nicht nur Adam ist gefallen. Eva ist mit ihm gefallen. Somit wurden ein Mann und eine Frau zunehmend als Ursprung unserer Verdammnis gesehen. Dadurch begannen einige Theologen mit der Idee zu spielen, dass es im Sinne einer schönen Ordnung nicht nur einen ersten und letzten Adam nach Paulus im 1. Korintherbrief 15,22 gebe, sondern auch eine erste und letzte Eva, die dann Maria sein würde. Und dies hat sich ganz, ganz langsam zu der Idee hin entwickelt, dass Maria gewissermaßen eine Teilhaberin des Erlösungswerks sei. So glaubte Papst Johannes Paul II. an Maria als Mit-Erlöserin, eine Erlöserin neben Christus, was natürlich ganz direkt der Aussage in Apostelgeschichte 4,12 widerspricht: „Es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden sollen!“ Und das ist Jesus Christus.

Das war zunächst eine theologische Entwicklung. Im Volksglauben bewirkte dies nicht viel im Hinblick auf das Gebet zu Maria, bis dann etwas anderes hinzukam. In der Zeit von 500 bis 1500 nach Christus kam es aus verschiedenen Gründen dazu, dass das Wissen über Gott dramatisch abnahm. Das Evangelium wurde immer unzugänglicher. Das Wissen darüber war auf die Klöster beschränkt. Die Menschen waren unzulänglich belehrt. Und mit der Abnahme des Wissens über Gott verschwand Christus gewissermaßen im Himmel. Die Menschen dachten, sie könnten sich ihm nicht nahen. Sie kannten ihn nicht als Erretter. In dieser Situation, in der sie sich Christus nicht als einem einfühlsamen und vertrauenswürdigen Hohenpriester, der sich für sie einsetzt, nahen konnten, brauchten sie zwischen sich und Christus einen Mittler.

„All die Fürsorglichkeit und die Erlösung, nach der jemand bei Maria sucht, findet man noch besser bei Jesus.“
 

Und so wuchs der Gedanke: Nun, wenn ich mich Christus nicht nähern kann, so werde ich mich seiner Mutter nähern, die ein gutes Wort für mich bei ihm einlegen kann. So begannen die Menschen zu Maria zu beten, die zu Christus beten sollte, der dann bei dem Vater Fürsprache einlegen würde. Und da hörte das Ganze nicht auf. Maria selbst gewann nun eine erhöhte Stellung als Königin des Himmels, weshalb die Menschen dachten, man sollte vielleicht zu ihrer Mutter beten, damit sie ein gutes Wort bei Maria einlegt, die ein gutes Wort bei Jesus einlegt. Und so begann der Kult um Anna, die Mutter Marias. In der Geschichte Martin Luthers können wir lesen, wie er als junger Jurastudent einen Blitzeinschlag miterlebt und zu Boden geworfen wird. In diesem Moment ruft er folgendes aus: „Heilige Anna, hilf mir. Ich werde ein Mönch.“ Bis zu diesem Zeitpunkt hatte Luther es niemals gewagt, direkt zu Gott zu beten. Er betete nur zu den Heiligen – den Vermittlern zwischen uns und Christus.

Besser in Christus

Eine andere Sache, die wir bei Luther meiner Meinung nach sehen, ist das Empfinden Luthers, Gott nicht lieben zu können. Tatsächlich sagte er: „Ich hasste den gerechten Gott, der die Sünder verdammte.“ Man möchte sein Herz und seine Zuneigung einer Person oder einer Sache schenken, die liebenswert erscheint. Und da Christus eben nicht liebenswert erschien, richteten Luther und die anderen Mönche ihre Zuneigung auf Maria und die Heiligen. Maria als Mutterfigur schien im Gegensatz zu Jesus Barmherzigkeit zu besitzen. Das erklärt meiner Meinung nach, weshalb man in Gesprächen mit heutigen Mitgliedern der römisch-katholischen Kirche immer noch spüren kann, dass Maria für sie nicht einfach nur wichtig, sondern geliebt ist. Da spürt man eine echte Wärme der Zuneigung. Und dies spiegelt erneut die Ansicht wider, dass Christus eben kein mitfühlender und vertrauenswürdiger Hohepriester ist. Daher braucht man jemanden, der es an seiner Stelle ist.

Die Aussagen in Hebräer 4,14–16 sind eine theologische Antwort für jemanden, der zu Maria betet: Jesus ist unser „großer Hohepriester“ und wir können direkt zu ihm kommen.

Meiner Meinung nach ist das der richtige Zugang, da Respektlosigkeit gegenüber Maria kein produktiver Schritt in die richtige Richtung ist. Aber wenn man sagt, dass all die Fürsorglichkeit und die Erlösung, nach der jemand bei Maria sucht, noch besser bei Jesus gefunden werden können, nimmt man der anderen Person nichts weg. Man bietet ein besseres Evangelium, einen wahren, gnädigeren Gott.

Michael Reeves lehrt an der Union School of Theology. Zuvor war er viele Jahre theologischer Leiter der Studentenarbeit The Christian Unions (UCCF) und stellvertretender Pastor der All Souls Kirchengemeinde am Langham Platz in London (England).