Making Sense of Old Testament Genocide

Rezension von Ben Graber
12. August 2021 — 7 Min Lesedauer

„Wenn dich der HERR, dein Gott, ins Land bringt, in das du kommen wirst, es einzunehmen, und er ausrottet viele Völker vor dir her“, spricht Mose zum Volk Israel, das am Ende seines Lebens kurz davorsteht, ins Land Kanaan einzumarschieren, „und wenn sie der HERR, dein Gott, vor dir dahingibt, dass du sie schlägst, so sollst du an ihnen den Bann vollstrecken“ (5Mose 7,1–2 [Luther 1984]). Dieses Wort „Bann“ (hebr. חרם ḥrm) bedeutete konkret die Vernichtung der kanaanitischen Völker inklusive Frauen und Kinder. Der durchschnittliche westliche Mensch des 21. Jahrhunderts würde diese Anordnung schlicht und einfach als Genozid bezeichnen.

Für orthodoxe Christen, die das Alte Testament als Wort Gottes anerkennen, werfen solche Befehle Gottes und deren Ausführung (wie etwa in Josua 6,21 erzählt) schwierige Fragen auf. Christian Hofreiter, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des Oxford Centre for Christian Apologetics, fasst das Dilemma in seiner Studie Making Sense of Old Testament Genocide: Christian Interpretations of Herem Passages wie folgt zusammen: Fromme Christen glauben, dass Gott gut und die Bibel wahr ist. Laut Bibel hat Gott Genozide geboten und gutgeheißen. Ein Genozid gilt jedoch generell als Gräueltat und ein gutes Wesen, vor allem ein vollkommen guter Gott, würde eine solche Tat niemals gebieten oder gutheißen (S. 9). Wie lässt sich die Spannung zwischen diesen logisch inkompatiblen Prämissen lösen – und welche Lösungen haben bekennende Christen über die zwei Jahrtausende der Kirchengeschichte vorgeschlagen?

„Hofreiter bietet keine Auslegung der verschiedenen herem-Stellen, sondern er analysiert Ansätze aus verschiedenen Perioden der Kirchengeschichte.“
 

Hofreiter beschäftigt sich fast ausschließlich mit dieser letzten Frage in Making Sense of Old Testament Genocide, sodass seine Ausarbeitung als ein Werk der „Wirkungsgeschichte“ gilt (S. 2). Er selbst bietet keine Auslegung der verschiedenen herem-Stellen (die Nominalform herem wird vom Autor konsequent als Sammelbegriff für den relevanten Wortschatz bzgl. des Banns verwendet), sondern er beschreibt und analysiert exegetische, homiletische und sogar künstlerische Ansätze aus verschiedenen Perioden der Kirchengeschichte und ordnet diese in grobe Kategorien ein. Erst mit der Verwerfung des Alten Testaments durch Markion und der Kritik durch Heiden wie etwa Porphyrios ab dem 2. Jh. wurde die Verteidigung des AT als christliche Schrift zu einem wichtigen apologetischen Thema. Maßgeblich durch das Mittelalter hindurch wurde der figurative Ansatz von Origenes (Kap. 4), der herem primär als bildliche Darstellung des Heiligungsprozesses im christlichen Leben deutet. Durch Augustinus wurde im 5. Jh. eine Alternative zur Allegorese vorgestellt, nämlich ein theologisch voluntaristischer Ansatz („divine command theory“, S. 109–110), bei dem der wörtliche Sinn des biblischen Textes betont und die Prämisse, dass Genozid in jedem Fall eine Gräueltat darstellt, infrage gestellt wird. Diese Auffassung wurde im späten Mittelalter durch den Einfluss des Thomas von Aquin immer wichtiger, bis die Mehrheit der Christen diese, sowohl in der reformatorischen als auch in der römisch-katholischen Tradition, vertrat (S. 109).

In den Jahren nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 galt im „Neuen Atheismus“ der Glaubensartikel, dass die Religion an sich dazu tendiere, Menschen zu Gewalttaten zu treiben. Die herem-Stellen böten Kritikern des Judaismus und des Christentums Beweise für diesen Vorwurf und es sei insofern von großem Interesse, ob und wie solche Bibelstellen von Christen tatsächlich als Vorbilder übernommen würden, um Gewalt zu rechtfertigen oder Menschen zur Gewalt aufzuhetzen. Solchen Anwendungen der herem-Stellen widmet Hofreiter sein längstes Kapitel, besonders – und nicht gerade überraschend – im Hinblick auf die Kreuzzüge. Überraschend ist hingegen, wie klein die Rolle war, die diese Texte in der Rhetorik dieser Periode anscheinend im Verhältnis zu anderen biblischen (auch neutestamentlichen) Themen spielten (S. 182). Dabei wurde mindestens ein solcher Text verwendet, um ein Massaker nachträglich zu rechtfertigen. In einem anderen Fall bezog sich ein Prediger auf Josua 7, um seine Landsleute zu einer Art totalem Krieg anzuspornen (S. 189–192). Zur Begründung der grausamen und von vielen Seiten kritisierten Eroberung Amerikas durch Spanien trug das Beispiel der Eroberung von Kanaan entscheidend bei. Auch wenn solche Anwendungen der biblischen Geschichtstexte die klare Ausnahme in der Wirkungsgeschichte bilden, ist das Belegmaterial, das Hofreiter anführt, ernüchternd. Unbestreitbar ist, dass in mehreren Fällen bekennende Christen diese Texte für die göttliche Genehmigung extremer Gewalt missbraucht haben.

Hofreiter grenzt den Skopus seiner Arbeit relativ eng ein. Mehrmals werden interessante Fragen oder Forschungslücken erwähnt, aber nicht weiter besprochen, um nicht den Rahmen der Arbeit zu sprengen – wie etwa „the important question of whether religiously motivated wars were, in actual practice, any more bloody and cruel than wars waged for other purposes“ (S. 213), um nur ein Beispiel zu nennen. Making Sense of Old Testament Genocide ist kein Werk der Apologetik, weder eine Behandlung der relevanten theologischen Fragen, noch eine ausführliche Untersuchung der theologischen, philosophischen oder hermeneutischen Perspektiven wichtiger kirchengeschichtlicher Figuren. Zum Schriftverständnis des Origenes gibt es eine kurze Einführung (S. 59–60), zu dem von Augustinus leider nicht. Wie und warum Letzterer dazu kam, für die Apologetik den wörtlichen Sinn dem allegorischen vorzuziehen, ist unklar. An manchen Stellen lässt sich Hofreiters Darstellung bzw. Zusammenfassung dieser Perspektiven hinterfragen: Wie korrekt ist eigentlich die Behauptung, dass für die „divine command theory“, die unter sehr vielen anderen Augustinus und Calvin vertreten, „genocide cannot be an atrocity“ (S. 109) bzw. dass „actions do not possess intrinsic moral value“ (S. 110)? Spürbar ist eine gewisse Abneigung des Autors gegenüber dieser Auffassung, welche seine Auslegung der relevanten Quellen möglicherweise beeinflusst.

Abgesehen von diesen Kritikpunkten ist Hofreiters Studie in vieler Hinsicht empfehlenswert. Der Autor bemüht sich offensichtlich, unparteiisch und fair zu sein. Auch die wohl kritischer gesehene „divine command theory“ wird nicht als unhaltbar abgeschrieben und Hofreiter verteidigt sogar ihre Kohärenz (S. 159). Die Anordnung der Quellen scheint nicht dazu gedacht, einer Agenda zu dienen, sondern um möglichst genau darzustellen, wie jeder Autor sich mit den apologetischen Herausforderungen dieser Texte auseinandergesetzt hat, welche Anwendungen er macht sowie welche er nicht macht. Auch da, wo ein christliches Reich explizit mit dem von Josua geführten Kriegsvolk Israels verglichen wird, verzichtet Hofreiter darauf, dem besagten Autor zu unterstellen, er würde die Praktik von herem (sprich Genozid) befürworten, solange keine eindeutige dahingehende Aussage vorliegt. Ganz im Gegenteil: In der Analyse versucht er konsequent festzustellen, wie der Autor seinen Vergleich versteht.

Solange der Zweck und die Methodik von Hofreiters Studie im Auge behalten werden, bietet Making Sense of Old Testament Genocide durch seine Aufführung und nüchterne Analyse zahlreicher Primärquellen sowie sein umfangreiches Literaturverzeichnis einen exzellenten Ausgangspunkt zur historisch-theologischen Erforschung seines Themas. Auch für Pastoren und Apologeten gibt Hofreiter einen wertvollen Überblick darüber, wie sich frühere sowie zeitgenössische Theologen, die ihren Glauben sowie die Heilige Schrift ernst nehmen, mit der Spannung zwischen Gottes Güte und der Grausamkeit des Krieges auseinandergesetzt haben. Anhand dieses Überblicks lässt sich feststellen, welche Details und theologischen Fragen im Laufe der Jahrhunderte eher unterbetont wurden, sodass das Werk als Sprungbrett zur konstruktiven Arbeit in der Exegese, Homiletik und Apologetik dienen kann.

„Auch wenn man sich als frommer Christ freuen darf, dass die Kirchengeschichte im Allgemeinen viel weniger von solchem Frevel geprägt ist als manchmal behauptet, kann man die Vorwürfe der Kritiker auch nicht als völlig unbegründet abtun.“
 

Doch der wichtigste Dienst, den Christian Hofreiter der Gemeinde Christi durch dieses Buch erweist, ist wohl sein Versuch, einfach die Wahrheit in der Kirchengeschichte herauszufinden und sie unparteiisch darzustellen. Aus seiner Forschung ergibt sich folgendes Bild: Es gab weder ein ausnahmslos friedliebendes Volk, das immer wieder durch hasserfüllte Gottlose geschmäht wurde, noch eine Jahrtausende lange Reihe blutrünstiger Bischöfe, sondern ein corpus permixtum. Den meisten wäre es nie in den Sinn gekommen, irgendeinen Krieg zu ihren Lebzeiten mit den Feldzügen Josuas zu vergleichen, noch ihre Feinde als Kanaaniter oder Amalekiter zu bezeichnen. Manche haben genau dies getan, ob aus unbedachtem Enthusiasmus oder böswilligem Größenwahn.

Zweifelsohne wurden Christen manchmal anhand des Beispiels von Josua oder Saul zu schrecklichen Taten aufgerufen, zu anderen Zeiten wurden solche Taten durch diese Bibeltexte gerechtfertigt. Auch wenn man sich als frommer Christ freuen darf, dass die Kirchengeschichte im Allgemeinen viel weniger von solchem Frevel geprägt ist als manchmal behauptet, kann man die Vorwürfe der Kritiker auch nicht als völlig unbegründet abtun. Jedes Werk, das Christen hilft, sich ernsthaft mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen und von den Sünden und Fehlern unserer Väter zu lernen, ohne sie allesamt zu verurteilen, dient nicht nur zu unserer Information, sondern auch zu unserer Heiligung.

Buch

Christian Hofreiter. Making Sense of Old Testament Genocide: Christian Interpretations of Herem Passages. Oxford: Oxford University Press, 2018. 103,50 Euro.

Ben Graber ist Dozent für Biblische Theologie und Altes Testament am Martin Bucer Seminar in München, wo er auch als pastoraler Mitarbeiter der FeG München-Ost tätig ist. Ben und seine Frau Anna, beide gebürtige Amerikaner, lernten sich in Berlin kennen und dienten dort als Gemeindegründungsmissionare, bevor sie 2018 nach München kamen. Sie haben vier Kinder.