Jesus Christus ist das Zentrum

Ein offener Brief an die Evangelikalen zum Thema Christologie

Artikel von Stephen Wellum
3. August 2021 — 9 Min Lesedauer

Liebe Evangelikale,

Die Heilige Schrift spricht über viele Themen, doch keines so wichtig, herrlich und zentral wie unser Herr Jesus Christus. Das ist noch eine Untertreibung! Angesichts dessen, wer Jesus ist und was er getan hat, ist er das Herz und das Wesen des Evangeliums, ja tatsächlich der ganzen Schrift, und infolgedessen die wichtigste Person in der gesamten Geschichte der Menschheit.

Betrachten wir drei Beispiele, die diesen Punkt darlegen.

Erstens ist es fast eine Binsenweisheit zu sagen, dass unser dreieiniger Gott als der glorreiche und allgenügende Eine, der allein Schöpfer und Herr ist, im Mittelpunkt von allem steht (vgl. Röm 11,33–36). Doch wie wir dazu kommen, Gott als dreieinig kennenzulernen, ist größtenteils auf die Inkarnation des göttlichen Sohnes und sein Werk zurückzuführen. Johannes erinnert uns, dass Jesus das „Fleisch gewordene Wort“ (Joh 1,14) ist. Dennoch ist er seit Ewigkeit der göttliche Sohn, welcher „bei Gott“ war und selbst „Gott war“ und so offenbart er demnach die Dreifaltigkeit Gottes (Joh 1,1). Wäre nicht die Fleischwerdung Christi, wüssten wir nicht hinreichend, wie er als göttlicher Sohn an der ungeteilten göttlichen Natur mit dem Vater und dem Heiligen Geist in perfekter Liebe und Gemeinschaft Anteil hat. Das ist sehr bedeutsam für uns, da wir nämlich sonst keinen Erlöser hätten, der uns von unseren Sünden rettet (vgl. Mt 1,21).

Um die Heilige Schrift recht zu verstehen, müssen wir zweitens unseren Herrn Jesus Christus als ihr Zentrum begreifen. Trotz zahlreicher mitwirkender Autoren und einer Fülle von Büchern enthält die Schrift eine Hauptbotschaft. Nämlich das, was unser dreieiniger Gott seit Ewigkeit geplant und rechtzeitig vollendet hat, um all seine Absichten und Pläne in Christus Jesus in Erfüllung zu bringen. Die Bibel erinnert uns wiederholt an diese Wahrheit. In Christus allein findet Gottes Plan seine Erfüllung (Hebr 1,1–4). Gott hat beabsichtigt, in Christus alles, „was im Himmel als auch was auf Erden ist“, unter seinem Haupt zusammenzufassen (Eph 1,9–10). Denn der Vater hat nicht nur das, was ist, durch den Sohn geschaffen (mit dem Heiligen Geist), sondern er hat es auch „für ihn“ gemacht (Kol 1,16). Kein Wunder, dass unser Herr uns gelehrt hat, die gesamte Schrift auf ihn hin zu lesen (vgl. Lk 24,26–27; Joh 5,39–40), denn er ist ihre Hauptperson und die zentrale Figur der gesamten Menschheitsgeschichte (vgl. Mt 5,17–20; 11,11–13).

Drittens können wir das Evangelium nicht losgelöst von Christus verstehen (vgl. 1Kor 15,1–3). Was unser dreieiniger Gott getan hat um sein Volk zu erlösen und eine neue Schöpfung zu etablieren, ist von zentraler Bedeutung für das Evangelium. Das ist der Grund, warum „ewiges Leben“ nur in Christus zu finden ist (Joh 17,3). Indem er eine menschliche Natur annahm, wurde der göttliche Sohn der erste Mensch der neuen Schöpfung, vollkommen qualifiziert, unser neues Bundeshaupt zu sein. In seinem Werk machte Jesus das Werk Adams rückgängig (vgl. Röm 5,12–21; Hebr 2,5–18) und sicherte durch sein Leben, seinen Tod und seine Auferstehung unsere ewige Erlösung (vgl. Hebr 5,8–10). In der Tat, nur weil Christus wirklich Gott und wirklich Mensch ist, konnte er uns erlösen. Als göttlichem Sohn ist es ihm allein möglich, dem Urteil Gottes über unsere Sünde Genüge zu tun. Und als inkarniertem Sohn ist es ihm allein möglich, sich mit uns als unser Stellvertreter zu identifizieren (vgl. Hebr 5,1). Deswegen ist Christus das Zentrum des Evangeliums und in keinem anderen gibt es Erlösung (vgl. Joh 14,6; Apg 4,11).

Warum ist es wichtig, das zu erwähnen? Es erinnert uns nicht nur daran, dass Jesus eine ganz eigene Kategorie für sich einnimmt, sondern auch daran, dass es keine Kleinigkeit ist, Christus zu kennen. Wir können in unserem Leben über viele Themen verwirrt sein und viele Dinge nicht verstehen. Darüber unsicher zu sein, wer Jesus ist und was er getan hat, ihn also nicht wirklich als Herrn und Retter zu kennen, entscheidet über Leben und Tod.

„Das unsere Welt desorientiert ist, kann uns nicht wirklich überraschen. Doch wenn Verwirrung im Blick auf Christus innerhalb der Gemeinde besteht, ist das besorgniserregend!“
 

Deswegen ist es alarmierend zu entdecken, dass innerhalb der Evangelikalen eine zunehmende Verwirrung über die Person und das Werk Jesu gibt. Das unsere Welt desorientiert ist, kann uns nicht wirklich überraschen. Doch wenn Verwirrung im Blick auf Christus innerhalb der Gemeinde besteht, ist das besorgniserregend!

Seit 2014 wird die State of Theology–Umfrage durchgeführt, welche Glaubensinhalte von Menschen, die sich selbst als Evangelikale bezeichnen, abfragt (siehe URL: https://thestateoftheology.com). Die letzte Umfrage wurde 2020 veröffentlicht und die Ergebnisse waren bestürzend. Wir wissen, dass 96 % von 573 sich selbst identifizierenden Evangelikalen an die Dreieinigkeit glauben, aber 65 % meinten auch, dass „Jesus das erste und großartigste Geschöpf Gottes ist“ (eine ketzerische Ansicht, die von Arianern und Zeugen Jehovas vertreten wird). Wir haben zudem lesen können, dass 30 % glauben, „Jesus sei ein großer Lehrer, aber nicht Gott“. 42 % sind der Meinung, dass „Gott die Anbetung aller Religionen akzeptiert, einschließlich Christentum, Judentum und Islam.“

Wenn man diese „evangelikalen“ Antworten durchdenkt, zeigt sich leider, dass das, was für den christlichen Glauben am zentralsten ist, entweder geleugnet oder missverstanden wird, oder dass der gegenwärtige Zustand des Evangelikalismus von einem ziemlich großen biblischen und theologischen Analphabetismus geprägt ist. Aber wie oben erwähnt, ist diese Art von Desorientierung nicht so unbedeutend wie in so vielen anderen Bereichen unseres Lebens. Es geht es bei dieser Verwirrung vielmehr um Leben und Tod, wenn man bedenkt, wer Jesus ist.

Dies sollte ein Weckruf für die Evangelikalen sein. Anstatt die Situation zu beklagen, sollte sie uns zum Handeln bewegen, in dem sie uns zur treuen Bibelauslegung, solider Glaubenslehre und Erneuerung unserer Verpflichtung, Christus zu verkündigen, zurückruft. Viel zu lange waren die Evangelikalen im Blick auf eine solide Schriftauslegung und die Systematische Theologie nachlässig. Sie hat theologischen Tiefgang mit den gefühlten Bedürfnissen der Menschen und dem Einsatz für verschiedene soziale Zwecke ersetzt. Aber angesichts der lebenswichtigen Bedeutung dessen, wer Christus ist, und angesichts dessen, wo die Evangelikaken stehen, muss es unser größtes Bedürfnis sein, richtig über Christus zu denken - und zwar biblisch und theologisch. Das Leben und die Gesundheit der Gemeinde hängt von einer korrekten Verkündigung und Lehre über Christus ab. Es muss eine Lehre sein, die uns durch Gottes Gnade zum Glauben und Vertrauen in unseren Herrn Jesus und zu einem Leben in Anbetung, Lobpreis und Gehorsam ihm gegenüber führt.

„Das Leben und die Gesundheit der Gemeinde hängt von einer korrekten Verkündigung und Lehre über Christus ab.“
 

Eine Frage muss gestellt werden: Warum sind – allgemein betrachtet – so viele Evangelikale von den „wichtigsten Dingen“ eines christozentrischen Evangeliums abgewichen? Wahrscheinlich könnten verschiedene Antworten auf diese Frage gegeben werden. Doch vor einigen Jahren hat Francis Schaeffer eine potentielle Antwort angeboten, die ich kurz vorstellen möchte.

Beim Nachdenken über Generationen von Christen und Kirchen stellte Schaeffer den Unterschied zwischen einer lebendigen Orthodoxie [im Sinne von „Rechtgläubigkeit“, Anm. d. Redaktion], einer toten Orthodoxie und einem Liberalismus heraus. Er meinte, dass eine „lebendige Orthodoxie“ von Menschen widergespiegelt wird, die aus dem Geist geboren sind, die gerne die lehrmäßigen Wahrheiten des Evangeliums annehmen und die ihre zentrale Identität in Christus und seinem Volk finden. Aus dieser Mitte in Christus resultierte ein Lebensstil, der darauf abzielte, Gott zu gefallen und die Kultur für Christus zu gewinnen. Eine „tote Orthodoxie“ zeichnete sich hingegen durch Menschen aus, die die Wahrheiten des Evangeliums bejahten, deren zentrale Identität jedoch in den moralischen und sozialen Folgen des Evangeliums lag.

Ihr oberstes Anliegen war nicht die Herrlichkeit Christi, sondern mehr die Transformation der Kultur für Christus. Was der Apostel Johannes an der Kirche in Ephesus kritisierte, traf auf sie zu: Ihre Lehre war solide, aber sie hatten ihre erste Liebe verlassen (vgl. Offb 2,1–7). Und nach einer Phase der toten Orthodoxie folgte bald der „Liberalismus“. Der Liberalismus leugnete auch die Wahrheiten der christlichen Theologie. Alles, was vom historischen Christentum übrig blieb, waren seine moralischen und sozialen Begleiterscheinungen – das „soziales Evangelium“ –, das versuchte, die Gesellschaft durch politische Einflussnahme und nicht durch die Wahrheit des Evangeliums, zu verändern.

Wenn wir Schaeffers Analyse auf unseren gegenwärtigen Zustand des Evangelikalismus anwenden, bin ich besorgt, dass die „tote Orthodoxie“ viele Bereiche davon beschreibt. Die meisten Evangelikalen „bejahen“ das historische Christentum, aber wie die Umfragen zeigen, ist diese „Bejahung“ ziemlich konfus.

Zu viele evangelikale Gemeinden konzentrieren sich auf die kulturellen Konsequenzen des Evangeliums. Sie beschäftigen sich kaum mit den „wichtigsten Dingen“ des Evangeliums, die in Christus selbst liegen. Traurigerweise sind wir, falls die sozialen Medien als Indikatoren ernst zu nehmen sind, leidenschaftlicher in den Debatten über soziale Gerechtigkeit als in Diskussionen über Christologie, Stellvertretende Sühne und die Auswirkungen des einzigartigen und allgenügenden Werkes Christi für die Mission usw. Zweifellos sind diese „sozialen“ Debatten wichtig, aber sie dürfen niemals unsere „erste Liebe“ ersetzen.

„Was Evangelikale wieder fesseln muss, ist die objektive Wahrheit des Evangeliums – ja, Christus selbst!“
 

Was Evangelikale wieder fesseln muss, ist die objektive Wahrheit des Evangeliums – ja, Christus selbst! Das einzige, was uns in unserer gegenwärtigen Situation helfen kann, ist es zu beten, dass unser dreieiniger Gott seine Kirche durch die kraftvolle Verkündigung Christi wiederbelebt (vgl. Kol 1,28). Das einzige Heilmittel für unsere Lethargie, Verwirrung und unser Abdriften ist, zur Heiligen Schrift zurückzukehren und das Volk Gottes zu lehren, Christus zu erkennen und zu verherrlichen. Denn nur wenn wir das tun, werden wir durch Gottes Gnade wiederbelebt und durch den Geist gestärkt, um Christus Jesus, unseren Herrn, richtig zu bekennen, zu verkündigen und zu verherrlichen.

Angesichts dessen, wer Jesus ist und was er für uns als unser alleiniger und allgenugsamer Erlöser getan hat, ist unsere angemessene Reaktion auf ihn und sein Werk eine adäquate Glaubenslehre, vollumfängliches Vertrauen und ganze Hingabe. Wenn das geschehen soll, muss der Geist uns erneut von unserer Sünde überführen und uns daran erinnern, dass wir ohne Christus schuldig und verloren sind. Das Christentum wird zu Recht als „Religion der Sünder“ bezeichnet, was heißt: Erst wenn wir durch Gottes Gnade etwas von unserer Sünde und Schuld vor Gott wissen, erfreuen wir uns an dem unfassbarem Geschenk unseres Herrn Jesus Christus. Für ein solches Volk, das um sein tiefes Bedürfnis nach einem Erlöser weiß, ist Jesus mehr als eine Glaubenslehre, die es zu behaupten gilt; er ist der einzige Herr, den es zu umarmen, zu lieben, anzubeten und zu gehorchen gilt.

Mit freundlichen Grüßen,

Stephen

Stephen Wellum ist Professor für Christliche Theologie am Southern Baptist Theological Seminary in Louisville, Kentucky. Stephen und seine Frau, Karen, haben fünf erwachsene Kinder.