Die eigene Berufung finden

Artikel von Andreas Münch
26. Juli 2021 — 10 Min Lesedauer

Ich gebe zu, dass ich Menschen beneide, die schon früh im Leben wissen, was sie mit ihrer Lebenszeit anfangen wollen. Damit meine ich in erster Linie den beruflichen Werdegang. Als Jugendlicher gehörte ich eher zu denen, die dies nie so genau wissen. Was ich schon wusste war, dass ich handwerklich unbegabt bin, was schon einmal einige Optionen ausschloss. Nach einigen Gesprächen mit einem Berufsberater begann ich eine kaufmännische Ausbildung – stellte aber bereits am ersten Tag fest, dass dies nichts für mich ist. Etwa zur gleichen Zeit begann ich ernsthaft nach dem Willen Gottes für mein Leben zu fragen, was das Thema noch verzwickter machte. Denn dauernd fragte ich mich, ob dieser oder jener Weg Gottes Wille für mein Leben sei.

Daher war ich auch sehr empfänglich für herausfordernde Appelle. Zu dieser Zeit besuchte ich einige Jugendgottesdienste und Missionskonferenzen und wurde häufig mit der Not der Welt konfrontiert, die mich natürlich nicht kalt ließ. Und so fühlte ich mich fast jeder Missionsgesellschaft, die auf der Suche nach jungen, motivierten Christen für ihre Arbeit war, verpflichtet. Während meiner Suche beschäftigte ich mich viel mit der Bibel und mit Theologie. Ich las und hörte vor allem Prediger und Autoren, die einen Schwerpunkt auf die Weltmission unter unerreichten Völkern legten. Für mich be- stand kein Zweifel: die Ernte war reif und der Arbeiter wenige; also begann ich, mich für den geistlichen Dienst vorzubereiten. Ich besuchte eine Bibelschule und setzte das Gelernte in die Praxis um. Die Rückmeldungen auf meine ersten Predigten und Lehrstunden klangen vielversprechend. Für einige Zeit hatte ich den Eindruck, endlich meine Berufung gefunden zu haben – bis meine Frau und ich ein halbes Jahr nachdem wir nach Südamerika ausgereist waren, die Koffer packten und unseren Dienst vorzeitig abbrachen. Wir waren geistlich und emotional am Ende und wollten nur noch nach Hause. In einem klärenden seelsorgerlichen Gespräch kamen wir schließlich zur Erkenntnis, dass wir uns etwas vorgemacht hatten: Wir waren in Südamerika Menschen begegnet, die voll in ihrer Arbeit aufgingen, die sich ihrer Berufung wirklich bewusst zu sein schienen – aber auf uns traf dies nicht zu. Wir waren das genaue Gegenteil.

„Es war einfach nicht mein Ding“

Ich war mir ziemlich sicher, dass meine Berufung nicht die Auslandsmission war. Aber damit war die Frage für mich noch nicht vom Tisch. Da ich meine ganze berufliche Laufbahn auf den Verkündigungsdienst ausgerichtet hatte, nahm ich die Berufung als Zweitpastor meiner damaligen Heimatgemeinde an – um dann, nach drei Jahren, den Dienst zu quittieren! Sicherlich spielten mehrere Faktoren hierbei eine Rolle, aber der Hauptgrund war, dass ich mit der Rolle als geistlicher Leiter einer Gemeinde überfordert und unglücklich war. Kurze Zeit später fiel mir das Buch Von Gott berufen – aber zu was? von Os Guinness in die Hände. Darin schildert Os Guinness seinen eigenen Weg – darüber, wie er seine Berufung fand –, und er beschrieb dies mit den folgenden Worten:

„Von allen Seiten wurde ich gedrängt zu glauben, meine Zukunft läge im geistlichen Dienst, weil ich zum Glauben gekommen war, und so hatte ich mich bereit erklärt, neun Monate lang in einer bekannten Kirchengemeinde zu arbeiten – und fühlte mich elend dabei. Um fair zu bleiben, ich bewunderte den Pfarrer und die Leute und einen großen Teil der Arbeit mochte ich gerne. Aber es war einfach nicht mein Ding. Meine Leidenschaft war es vielmehr, der aufregenden und der sich aus- breitenden säkularen Welt der frühen 60er von meinem Glauben zu erzählen, aber im geistlichen Dienst war hierfür nur wenig oder gar kein Raum.“

Als ich diese Worte las, merkte ich, dass sie mein Dilemma genau auf den Punkt brachten. Nicht, dass mir die Gemeinde unwichtig war, ich fühlte mich sehr mit ihr verbunden, aber nicht in der vollzeitlichen Gemeindearbeit. Als Sohn eines Pastors, der einige Pastoren kannte, war ich mir nach drei Dienstjahren sicher, dass mir die Hirtengabe fehlte, um Pastor einer Gemeinde zu sein.

Gott beruft persönlich und individuell

Während dieser Umbruchphase kehrte ich immer wieder zum Buch von Os Guinness über Berufung zurück. Guinness’ Erklärungen sind inhaltsreich und voller hilfreicher Beispiele aus der Antike, der Kunst und der Politik. Es ist kein Buch, das man mal eben in einem Rutsch durchliest und dann beiseitelegt. Vielmehr lädt es zum reflektierten Nachdenken ein. Die Stärke von Os Guinness’ Buch liegt darin, dass er die vielfältigen Aspekte der Berufung beleuchtet. So half er mir beispielsweise besser zu verstehen, dass Gottes Ruf an uns persönlich, als Individuum ergeht: „Der Rufer [Gott] sieht uns und wendet sich an uns als Individuen – als einzigartig, außergewöhnlich, wertvoll, wichtig und frei zu antworten.“

Stolperfallen auf dem Weg zur eigenen Berufung

Weil bestimmte biblische Lehraussagen für alle Christen gleichermaßen gelten, weil sie unabhängig von uns wahr sind, können wir schnell dem Denken verfallen, ein Christ müsse so und so sein. Vielleicht wird es nicht laut in unseren Gemeinden und christlichen Kreisen geäußert, aber diese Idee verankert sich dennoch tief in unseren Herzen: Ein Christ hat sich für bestimmte Dinge nicht zu interessieren oder sollte bestimmte Berufe nicht wählen. Ein klassisches Beispiel wäre jener Christ, der ein Musikinstrument spielt, weil es ihm Freude macht, ohne dass er gleich beabsichtigt, es im Gottesdienst oder für andere explizit christlich-motivierte Anlässe ein-
zusetzen. Ich denke an den Christen, der sich in der Politik engagiert, weil er der Gemeinschaft dienen möchte oder an den Christen, der eine Laufbahn bei der Polizei oder beim Militär anstrebt. Manche würden diese Ambitionen zwar nicht als unmoralisch bezeichnen, aber vielleicht doch als „weltlich“, als etwas, womit Nicht-Christen sich beschäftigen, aber nicht wir, die wir Jesus nachfolgen und nach dem streben, was „droben“ ist. Vielleicht haben wir den Drang, eine bestimmte Sache zu tun, oder haben eine Leidenschaft für eine Sache, die wir aber unterdrücken oder zurückhalten, aus Furcht, dass wir damit auf Unverständnis bei unseren christlichen Freunden stoßen?

„Wir alle sollen dieselben Tugenden anstreben, aber nicht alle dieselbe Persönlichkeit entwickeln.“
 

Oftmals lesen wir begeistert Biografien von Gläubigen und schießen dann vielleicht über das Ziel hinaus, indem wir versuchen ihnen nachzueifern und vergessen, dass es Gottes persönlicher Weg mit ihnen war und Gottes Weg mit uns ganz anders aussieht. Natürlich gibt es ganz allgemeine Berufungen, wie die, dass jeder Christ in der Heiligung leben sollte. „Jagt dem Frieden mit allen nach und der Heiligung“ (Hebr 12,14). Dies gilt allen Christen zu allen Zeiten. Wir alle sollen dieselben Tugenden anstreben, aber nicht alle dieselbe Persönlichkeit entwickeln. Eines der Grundprobleme der korinthischen Gemeinde war zum Beispiel, dass sie eine bestimmte Vorstellung davon hatten, wie ein christlicher Leiter zu sein hatte, und dementsprechend ergriffen sie Partei. Doch weder Paulus noch Petrus oder Apollos lehrten unterschiedliche Dinge. Sie waren lediglich vom Charakter unterschiedlich. Einer konnte besser Predigen, der andere war vielleicht ein besserer Seelsorger. Doch anstatt diese Vielfalt an Persönlichkeiten und Gaben wertzuschätzen, führte es zu Spaltungen in der Gemeinde (vgl. 1Kor 1,11–12).

Während meiner Bibelschulzeit hatten wir einen Gastdozenten, der von seiner äußerlichen Erscheinung und seinem Stil so gar nicht dem „Typ“ Bibellehrer entsprach, wie wir es gewohnt waren. Es war erfrischend, diesen Lehrer mit seiner Andersartigkeit zu erleben. Leider verfiel ich später dem Denken, dass zu einem guten Prediger ein bestimmter Charakter gehört, was mich ziemlich schnell ermüdete (und bestimmt auch meine Zuhörer). Als ich zum Beispiel die Schriften von John MacArthur las, versuchte ich ernsthafter zu wirken als ich eigentlich bin. Kurze Zeit später begeisterte mich die lebendige Art von Pastor John Piper, und ich versuchte, genauso mitreißend zu predigen wie er. Als ich Tim Kellers Bücher las, war ich davon überzeugt, nur mit seiner intellektuellen Argumentationsweise meine Zuhörer zu gewinnen. Doch Tatsache ist, dass ich keiner dieser Männer bin. Gott hat mir eine eigene Persönlichkeit gegeben, andere Interessen und eine eigene Biografie. Dasselbe gilt für jeden anderen Christen auch.

Weißt du, wozu du berufen bist?

Vielleicht bist auch du in deinem Leben als Christ frustriert, weil du einem Ideal von Christsein entsprechen willst, das die Bibel an keiner Stelle fordert, aber von deiner Gemeinde (unbewusst) geprägt wird? Möglicherweise findet dein geistlicher Dienst nur innerhalb der Gemeinde statt, während dein Herz eigentlich eher für deine ungläubigen Nachbarn schlägt und du viel lieber hier deinen Schwerpunkt setzen möchtest und dich dazu eigentlich auch von Gott berufen fühlst, wie es bei Os Guinness der Fall war? Vielleicht ist es bei dir genau andersherum und du vernimmst den Ruf Gottes in einen geistlichen Dienst, der es mit sich bringt, dass du deinen bisherigen Beruf aufgibst?

In jedem dieser Fälle sind wir aufgefordert, ehrlich zu uns selbst zu sein und den Willen Gottes zu erforschen. Dabei sollten wir Gott im Gebet um Weisheit und Führung bitten, denn er hat gesagt: „Ich will dich unterweisen und dich lehren den Weg, den du gehen sollst; ich will dir raten, mein Auge ist über dir“ (Ps 32,8). Je nach Tragweite unserer Entscheidung sollten wir mit weisen, erfahrenen Christen sprechen, die uns bei dem Prozess helfen können. „Pläne scheitern, wo keine Besprechung ist, wo aber viele Ratgeber sind, kommt etwas zustande“ (Spr 15,22).

Natürlich kann es sein, dass wir trotz vieler guter Ratgeber, weiterhin unsicher sind. Os Guinness berichtete ja, dass viele ihn im geistlichen Dienst sahen, während er selbst anderer Meinung war. Nicht in allen Fällen vernehmen wir den Ruf Gottes auf so eindrucksvolle Weise, wie etwa William Wilberforce, der auf Geheiß von John Newton auf seinem politischen Posten blieb, um sich für die Abschaffung der Sklaverei zu engagieren, anstatt Geistlicher zu werden. Manchmal sehen wir vielleicht nur eine Not in einem bestimmten Bereich und wollen Ab- hilfe schaffen, oder haben eine Leidenschaft für etwas, durch die Gott uns führt. In den Sprüchen heißt es dazu: „Befiehl dem HERRN deine Werke, und deine Gedanken werden zustande kommen“ (Spr 16,3). Vor einigen Jahren ist mir aufgefallen, dass Sprüche 15,22 und 16,3 sich wunderbar ergänzen: Wir sollten nicht unüberlegt handeln, aber oftmals reifen unsere Überlegungen erst dann, wenn wir anfangen zu handeln. Tim Keller hat es einmal treffend formuliert: „Gottes Plan erfüllt sich durch unsere Taten und Pläne, und nicht trotz dieser Pläne oder indem er einen Bogen um sie macht.“

„Das Thema der Berufung ist so vielfältig wie das Leben selbst.“
 

Das Thema der Berufung ist so vielfältig wie das Leben selbst. Einige von uns sollten sich mehr mit der Frage ihrer persönlichen Berufung befassen, weil sie sonst womöglich wertvolle Dienstmöglichkeiten und Gaben außer Acht lassen. Andere wiederum grübeln vielleicht zu viel über eine „besondere“ Form der Berufung nach, und vernachlässigen darüber hinaus die allgemeine Berufung, die allen Christen gleichermaßen gilt.

Ich persönlich freue mich immer, wenn ich Menschen begegne, die ihre Gaben ganz bewusst und freudig für Gottes Sache einsetzen, sei es innerhalb oder außerhalb der Gemeinde, sei es bei einer praktischen Tätigkeit, in der Kunst oder im geistlichen Verkündigungsdienst. Mö- gen wir alle achtsam auf den Ruf Gottes hören und in allen Dingen zu seiner Ehre leben.

Andreas Münch ist mit Mirjam verheiratet. Sie haben drei Söhne. Seit dem er sein Theologiestudium beendet hat, ist Andreas Mitarbeiter bei der Herold-Mission und verantwortlich für den Herold-Blog.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Herold, 5/2021, Nr. 5 (773), S. 4–5. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.