Täufer

Rezension von Andreas Wiebe
13. Juli 2021 — 4 Min Lesedauer

Mit ihrem rund 400-seitigen Buch Täufer: Von der Reformation ins 21. Jahrhundert verfolgt Astrid von Schlachta, Privatdozentin an der Universität Regensburg und Leiterin der Mennonitischen Forschungsstelle, das Ziel, eine umfassende Darstellung der Täufergeschichte unter Berücksichtigung der neuesten Forschungsergebnisse zu liefern. Dabei gilt ihr Blick weniger den hervorstechenden Protagonisten der Bewegung, auch wenn diese erwähnt werden, als vielmehr der Gruppe und dem gewöhnlichen Mitglied.

Von Schlachta geht in neun Kapiteln durch die 500 Jahre Täufergeschichte. Einen Schwerpunkt des Werkes lassen bereits die ersten vier Kapitel erkennen. In diesen Kapiteln, die beinahe die Hälfte des Buchumfangs ausmachen, befasst sich die Autorin mit dem ersten der fünf Jahrhunderte, also mit den Anfängen der Täufer im 16. Jahrhundert. Was von Schlachta besonders gut gelingt, ist die Herausstellung der Vielschichtigkeit und Nicht-Geradlinigkeit der Täuferbewegung. Was allgemein für die Geschichte gilt, gilt womöglich insbesondere für die nicht von politischen Kräften unterstützte und gesteuerte Täuferbewegung: Sie wurde nicht am Reißbrett skizziert, sondern entwickelte sich frei, wie das Wurzelwerk einer betagten Eiche.

Die folgenden vier Kapitel widmen sich den verbliebenen vier Jahrhunderten, wobei hier der Fokus auf der Mennonitengeschichte liegt, die Amischen und Hutterer aber auch immer wieder in den Blick genommen werden. Die Autorin zeichnet zunächst das weite Auswanderungsnetzt der Täufer nach: Preußen, Schweiz, Siebenbürgen, Nordamerika, Russland. Danach richtet sie ihren Blick auf das Gemeindeleben und das gesellschaftliche Zusammenleben. Was zeichnete das geistliche Leben und das gesellschaftliche Zusammenleben der Taufgesinnten aus? Welche Differenzen führten zur Entstehung der Amischen? Wie gestaltete sich der Kontakt zu anderen Konfessionen? Auch das wirtschaftliche und politische Leben werden beleuchtet.

Mit zunehmender gesellschaftlicher Akzeptanz der Täufer im 19. Jahrhundert gehen dann Fragen der Integration und Abgrenzung einher. Offenheit oder Old Order. „Weltweit“ ist das Schlagwort, mit dem das Kapitel 8 zusammengefasst wird. Mit Paraguay, Bolivien, Uruguay geraten weitere Landstriche ins Blickfeld der Mennoniten. Neben der Weiterwanderung gibt es aber auch die Rückwanderung der Mennoniten aus der Sowjetunion zurück in ihre immer noch im kollektiven Bewusstsein verankerten Heimat, Deutschland. Wie auch in den ersten vier Kapiteln zeichnen sich die Kapitel 5 bis 8 durch eine breite, gesamtheitliche Perspektive aus. Von Schlachta stellt die Entwicklungen und Themen differenziert nach Regionalität und jeweiliger Täufergruppe (Mennoniten, Amisch, Hutterer) dar. Für Leser, die sich zum ersten Mal mit der Täufergeschichte befassen, mag das durch die Wechsel herausfordernd sein. Ein zweites Lesen wird aber diese für ein Studienbuch nicht untypische Komplexität greifbarer machen.

Das letzte Kapitel sticht dadurch heraus, dass es eine kleine Geschichte der Geschichtsschreibung über die Täufer darstellt. Diese von Täufern geschriebenen Texte, häufig mit pädagogischer Intention niedergeschrieben, sollten den Zeitgenossen des Autors zur Orientierung und Ermahnung oder zur Abgrenzung zu den Münsteraner Täufern dienen. Der Blick der Geschichtsschreiber, die die Bewegung von außen betrachteten, war lange Zeit von Polemik und Diffamierung durchsetzt. Die letzten Jahrzehnte kennzeichnen kultur- und sozialhistorische Herangehensweise an die Geschichte der Täufer unter der Prämisse, dass die bisherige Darstellung „rehistorisiert“ werden müsse. Denn „[m]anche historiografische Darstellung lässt die Distanz zur Geschichte vermissen, indem sie die Täufer in Kategorien presst, die nicht jenen der Frühen Neuzeit entsprechen“[1].

Was das Werk von Schlachtas besonders auszeichnet, ist das durchgängig wahrgenommene Bemühen, die Geschichte in ihrem historischen Kontext darzustellen und ihr keine den tatsächlichen Ereignissen fremden Kategorien überzustülpen. Nicht zuletzt unterstützen die verarbeiteten und eingefügten Primärquellen, die im Buch visuell hervorgehoben sind, und die sachliche Schreibweise diesen Eindruck. Auf diese Weise gelingt von Schlachta ein wahrnehmbar wertschätzender Umgang mit allen Gruppen der Täufer, selbst mit Gruppen, die in der öffentlichen Wahrnehmung in der Schublade der Naiven und Weltfremden dezent ausgegliedert werden. Dieser Takt überträgt sich auf die Leser. Neben dem sachlichen, unpolemischen Schreibstil ist auch die Sprache gut und flüssig lesbar. Dezent verteilt finden sich auch humorvolle Passagen. Z. B. wenn der Mennonit Peter Weber 1761 zu Wort kommt, der die Prediger polemisch als solche charakterisiert, die „so wohl zum Predigen sich schicken als ein Ochse zum Orgelschlagen“[2].

Für wen dürfte die Lektüre des Buches ein Gewinn sein? Vor allem für Interessierte an der Täufer- und Mennonitengeschichte dürfte die Lektüre dieses Buches ein bereicherndes Erlebnis sein: Es verschafft einen umfassenden, differenzierten Einblick in die vielschichtige, komplexe Geschichte der Täufer, ohne sich in Details zu verlieren. Es zeigt Entwicklungen und Verbindungen der Täufergruppen in übersichtlicher Weise auf. Aber auch diejenigen, die das Buch im Rahmen eines Studiums o.ä. lesen müssen, wird das Buch einen guten, fundierten Einstieg in das Thema eröffnen. Das Buch bietet sich durch die Reflexionsfragen zum Ende jedes Kapitels zu Selbststudium oder zum Studium in einer Gruppe an. Und denjenigen, die noch stärker in die Materie eintauchen wollen, liefert das Buch zahlreiche Anstöße zum Weiterforschen. Wir dürfen Astrid von Schlachta dankbar sein, 40 Jahre nach der Täufergeschichte von Hans-Jürgen Goertz[3] wieder eine aus deutscher (nicht amerikanischer) Perspektive verfasste Gesamtdarstellung der Täufergeschichte vorliegen zu haben, die die aktuelle Forschungslage berücksichtigt.

Buch

Astrid von Schlachta, Täufer, Tübingen: 2020, UTB, 423 S., 26,90 Euro.


[1] S. 386

[2] S. 208

[3] Die Täufer. Geschichte und Deutung.

Andreas Wiebe dient in der Leitung einer frei-evangelischen Gemeinde im Lipperland. Er ist mit Christina verheiratet, sie haben drei Töchter. Sein besonderes Interesse gilt der Geschichte der Russland-Mennoniten, was sich immer mal wieder auch in seinen Blog-Artikeln auf christusallein.com widerspiegelt.