Wo war das Evangelium vor der Reformation?

Artikel von Gavin Ortlund
2. Juli 2021 — 9 Min Lesedauer

In den letzten Jahren hat es eine beträchtliche Anzahl Evangelikaler gegeben, die sich dem Katholizismus oder der Orthodoxen Kirche zugewandt haben. Dieser Trend zeichnete sich nicht etwa nur bei jungen evangelikalen Laien ab, sondern betraf gestandene Pastoren und Professoren bis hin zum Präsidenten der Evangelical Theological Society. Während die jeweiligen Beweggründe, die zu diesem Phänomen führen, zweifellos komplex sind und in jedem einzelnen Fall variieren, wird doch immer wieder das Gefühl der historischen Verwurzelung angesprochen, das in diesen Traditionen geboten wird. So erwähnt etwa ein ehemaliger Baptist auf der Website „Why I’m Catholic“ von der Entdeckung der Kirchengeschichte, die mit seiner Bekehrung zum römisch-katholischen Glauben einherging. Auf der Seite „Called to Communion“ setzt ein ehemaliger Presbyterianer seine Akzeptanz des Katholizismus mit einer Hinwendung zum „historischen Christentum“ gleich und auf „Journey to Orthodoxy“ berichtet ein ehemaliger Anglikaner davon, wie gesegnet er sich fühlt, dass er nun durch die Liturgie der östlich-orthodoxen Kirche in direkter Nachfolge der Apostel anbetet.

Auch innerhalb des Protestantismus lässt sich eine Bewegung zu historisch gegründeten Traditionen (etwa der Via Mediaim Anglikanismus), mehr Liturgie und historisch bewussten Ausdrucksformen der Anbetung und Geistlichkeit beobachten. So greifen viele meiner jüngeren protestantischen Freunde für Andachtslesungen gerne zu Thomas à Kempis Die Nachfolge Christi, würden sich aber niemals mit einem Buch von John Eldredge erwischen lassen. Hymnen sind wieder auf dem Vormarsch und auch der liturgische Kalender stößt bei Evangelikalen auf Interesse.

Woher kommt dieser Wandel? Ein erheblicher Faktor ist neben den mehr komplexen theologischen Fragen eine Entwurzelung und Ruhelosigkeit, die von vielen jungen Menschen der Postmoderne empfunden wird. Tief im Herzen meiner Generation ist eine tiefe Leere, das Gefühl der Isolation und ein damit einhergehendes Unbehagen. Wir sehnen uns nach dem Alten und Erhabenen, nach Transzendenz und Tradition, nach Stabilität, Solidität und Substanz. Und so wenden sich viele von uns vom Evangelikalismus ab.

„Wir sehnen uns nach dem Alten und Erhabenen, nach Transzendenz und Tradition, nach Stabilität, Solidität und Substanz. Und so wenden sich viele von uns vom Evangelikalismus ab.“
 

Da ich selber 29 Jahre alt bin, kann ich das Gefühl des Verlorenseins in einer Welt ohne feste Interpretationspunkte nur allzu gut verstehen. Aber ich glaube nicht, dass wir den Evangelikalismus aufgeben müssen, um einen Sinn für historische Verortung zu finden. Dieser Durst nach Verwurzelung kann auch im Protestantismus und Evangelikalismus völlig gestillt werden. Man kann katholisch sein, ohne katholisch zu werden, und orthodox, ohne orthodox zu werden. Während wir der nächsten Generation einen auf das Evangelium ausgerichteten Dienst nahelegen, müssen wir klarstellen, dass es kein Widerspruch ist, sowohl evangelikal als auch althergebracht zu sein, sowohl „evangeliumszentriert“ als auch „historisch verwurzelt“. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Evangeliumszentriertheit ist selbst historisch verwurzelt. Sie ist so alt wie das Evangelium selbst.

Evangelikale und ihre vorreformatorische Kirchengeschichte

Wie viele Christen kann der durchschnittliche Evangelikale zwischen dem Apostel Johannes und Martin Luther mit Namen benennen? Scheinbar wird dieser Zeitabschnitt der Kirchengeschichte von heutigen Evangelikalen völlig vernachlässigt, als ob vom 1. bis zum 16. Jahrhundert nichts Wichtiges zu erwähnen sei. Natürlich wird die Wichtigkeit von Augustinus (inbesondere die Bekenntnisse) hervorgehoben. Auch frühe Schlüsselereignisse, etwa die Dispute über die Christologie und die Trinität sind uns bekannt. Und natürlich gab es auch damals schon irgendwann und irgendwo einige mutige Märtyrer. Manchmal genießen wir gar eine Predigt von Johannes Chrysostomus oder ein Gedicht von Bernhard von Clairvaux. Allzu oft vermitteln wir aber den Eindruck, dass unsere wirkliche Geschichte nicht etwa einer soliden, 2000 Jahre alten Tradition entspringt, sondern mit einigen Vorankündigungen erst vor etwa 500 Jahren begann. Und es gibt große Zeitspannen, mit denen wir praktisch nichts verbinden. Wie mag wohl das Leben eines Christen im 9. Jahrhundert ausgesehen haben? Gab es damals bereits eine wirkliche Ausrichtung auf das Evangelium (als Glaubensrealität, nicht nur als Begriff)? Wie verhält sich unser Verständnis von Dienst und Evangelium zur gesamten Geschichte der Kirche?

„Evangeliumszentriertheit ist selbst historisch verwurzelt. Sie ist so alt wie das Evangelium selbst.“
 

Dass wir als heutige Protestanten manchmal die Antworten auf diese Fragen schuldig bleiben, geht nicht auf Fehler der ersten Protestanten zurück. Es ist kein Merkmal, das zur Natur des Protestantismus gehören würde. Tatsächlich haben die Reformatoren große Mühen auf sich genommen, um klarzustellen, dass sie die Kirche reformieren wollen und nicht neu erschaffen, und dass das wahre Evangelium niemals vollständig von der Erde gewichen ist. Selbst die schärfsten Kritiker der römisch-katholischen Theologie (wie Luther und später Turrettini) bestanden darauf, dass Gott sogar in Zeiten großer Verdorbenheit und Dekadenz immer ein wiedergeborenes Volk bewahrt hat (obwohl Luther in typisch ironischer Weise spekulierte, dass dieses Volk zu gewissen Zeiten auf ein paar Mägde geschrumpft sein musste). Als sich dann die römisch-katholischen Gelehrten auf Augustinus und die Kirchenväter beriefen, um die Lehren der Gegenreformation zu rechtfertigen, antwortete Johannes Calvin nicht mit den Worten: „Wen interessieren schon Augustinus und die Kirchenväter?“ Stattdessen wurde Calvin ein fleißiger Student der Kirchenväter und versuchte, den roten Faden zwischen der reformatorischen und patristischen Theologie aufzuzeigen. Sola Scriptura bedeutet, dass die Schrift allein obersteAutorität ist. Nicht, dass die Schrift allein die einzig wertvolle Schrift ist.

Sich das Familienalbum zu eigen machen

Ich bin Protestant und ich bin fest davon überzeugt, dass die protestantische Theologie das Evangelium bewahrt. Aber ich glaube auch, dass es möglich ist, ein robuster Protestant und gleichzeitig mit dem mittelalterlichen Christentum verbunden zu sein. Die Kirche war in der Zeit der Schlösser und Kathedralen, Mönche und Abteien, Pfeil und Bogen, der Ritter in schimmernden Rüstungen nicht völlig versunken, um dann urplötzlich mit Luthers 95 Thesen aus dem Dornröschenschlaf zu erwachen. Es gab immer ein solides und beständiges Stück Christentum, das direkt neben Caedmon, Karl dem Großen und Chaucer existierte. Und da Jesus auch während vieler Fortschritte und Rückschritte, Korrumpierungen und Erneuerungen seine Gemeinde gebaut hat (Mt 16,18; vgl. auch Jes 42,4), können auch wir von der mittelalterlichen Theologie lernen. Sie dient uns als Ressource für den Dienst in einer post-christlichen, sich wandelnden Kultur.

„Der heutige Protestantismus braucht eine ausgewogene historische Identität. Wir müssen uns sowohl mit den letzten 500 Jahren befassen als auch mit den 1500 Jahren davor.“
 

Sicherlich ist es möglich, eventuell auch gefährlich, wenn man das „bloße Christentum“ dermaßen überbetont, dass man seine protestantischen Eigenheiten verliert. Aber es ist ebenso möglich, sich dermaßen in der eigenen konfessionellen Enklave zu sonnen, dass man darüber den Bezug zur gesamten christlichen Tradition verliert. Der heutige Protestantismus braucht eine ausgewogene historische Identität. Wir müssen uns sowohl mit den letzten 500 Jahren befassen als auch mit den 1500 Jahren davor. Hier müssen sowohl die Diskontinuitäten erkannt als auch die ermutigenden Schnittmengen betont werden. So bemerkte einst ein afrikanischer Christ der patristischen Ära: “Ich bin ein Christ, und nichts, was einen Christen betrifft, betrachte ich als mir fremd.“

Dieses Zitat fängt einen guten Blick darauf ein, wie unsere Haltung bei der Auseinandersetzung mit der vorreformatorischen Kirchengeschichte sein sollte: Sie ist Teil meiner Herkunft, meiner Identität. Das Bild, das mir dabei in den Sinn kommt, ist das eines Familienalbums. In jedem solchen Album gibt es sicherlich Bilder, die uns peinlich sind, und vielleicht sind wir auf den einen Großonkel stolzer als auf den anderen. Aber trotz Makeln und Schönheitsfehlern ist meine Familie immer noch meine Familie und es wäre dumm, mich selbst von dieser loslösen zu wollen. Schließlich wäre ich ohne sie gar nicht hier.

Wo fängt man an?

Doch wo sollte man am besten anfangen, wenn man das Bewusstsein für die eigenen vorreformatorischen Wurzeln stärken möchte? Empfehlenswerte Sekundärliteratur sind hier etwa die ersten sechs Kapitel aus Mark Nolls Turning Points: Decisive Moments in the History of Christianity. An dieser Stelle möchte ich drei Primärtexte vorstellen, die meiner Meinung nach als klassische theologische Grundwerke eine größere Leserschaft unter gegenwärtigen Protestanten verdienen.

  1. Boethius: Trost der Philosophie. Obwohl Trost der Philosophie über die Jahrhunderte wahrscheinlich zu den einflussreichsten Werken der Kirchengeschichte zählt, ist dieses Werk heute fast vergessen. C.S. Lewis bemerkte zu diesem Werk: „Bis vor etwa zweihundert Jahren gab es kaum einen gebildeten Menschen in Europa, der dieses Werk nicht geliebt hat […] Einen Geschmack hierfür zu finden ist gleichbedeutend damit, sich ins Mittelalter einzuleben.“ Trost der Philosophie ist eine Mischung aus Poesie und Prosa, verfasst um 524, als Boethius auf seine Hinrichtung wartete. Es erforscht Themen des Leidens und der göttlichen Vorhersehung. Allein die Behandlung der klassischen Schwierigkeit der göttlichen Vorhersehung im fünften Band macht dieses Werk lesenswert.
  2. Gregor der Große: Regula Pastoralis. Johannes Calvin nannte Gregor (540–604) den letzten guten Papst. Die Regula Pastoralis ist ein Klassiker der Pastoraltheologie, den jeder im Dienst stehende Christ gelesen haben sollte. Gregor der Große vertritt die These, dass der pastorale Dienst einer Reihe von fein ausgewogenen, inneren wie äußeren Qualitäten bedarf: Theorie und Praxis, Bedachtheit und Handlungsfähigkeit, Administration und Askese, geistliche Heiligkeit und weltliche Weisheit. Hierin ist das Buch eine hilfreiche Erinnerung für all diejenigen Pastoren, die sich zu einer Seite mehr hingezogen fühlen als zur anderen.[1]
  3. Anselm von Canterbury: Proslogion (dt. Anrede). Zwar ist dieses Werk vor allem aufgrund seines ontologischen Gottesbeweises berühmt geworden, doch machen die leidenschaftlichen Gebete und die reichhaltige Theologie Proslogion zu einer erbaulichen Lektüre. Anselms Kapitel über die Lehre des Himmels (24–25) waren Gegenstand meiner Doktorarbeit – und die Freude und das Erstaunen über diesen Band der Hauptgrund für diesen Artikel. Wenn irgendjemand den Stellenwert der Lektüre vorreformatorischer Theologie anzweifelt, dann kann ich nur raten: Finde eine gute Übersetzung des ersten Kapitels von Proslogion. Tolle lege!

[1] Eine schöne (englische) Ausgabe des Werkes kann über das St. Vladimirs Seminary erworben werden, die eine Reihe zu den Patristikern hat. Hier findet sich im Übrigen auch gutes Material zum Gedankengut der frühen Christentums.

Gavin Ortlund ist Ehemann, Vater, Pastor und Schriftsteller. Er ist leitender Pastor der First Baptist Church of Ojai in Ojai, Kalifornien (USA). Er ist der Autor der Bücher Theological Retrieval for Evangelicals: Why We Need Our Past To Have A Future (Crossway, 2019) und Finding the Right Hills To Die On (Crossway/TGC, 2020).