The Heart of Anger

Rezension von Klaus Giebel
1. Juli 2021 — 8 Min Lesedauer

Wer hat sich nicht schon einmal darüber geärgert, dass plötzlich aus der Seitenstraße ein Fahrzeug auftaucht und einen zwingt, auszuweichen? Oder einfach wenn das Essen angebrannt ist, weil ein Nachbar an der Tür geklingelt hat? Kann jemand von sich sagen, dass er nie wütend war? Nicht jeder zeigt seinen Ärger oder seinen Zorn auf die gleiche Art und Weise, doch jedes Kind, jede Frau, jeder Mann (und letztere vielleicht besonders), kennen das Gefühl des Zorns. Dürfen wir berechtigterweise wütend sein, wenn uns Unrecht geschieht? Was machen wir mit der Erfahrung, dass die Dinge oft anders laufen, als wir es gewohnt sind?

Das britische Autorenteam Christopher Ash und Steve Midgley hat sich dieses Themas in einem aktuell auf Englisch erschienen Buch angenommen.

Überblick

Das Buch gliedert sich übersichtlich in vier Hauptteile, die gut aufeinander abgestimmt sind:[1]

  1. Biblische Beispielporträts über den Zorn des Menschen
  2. Schaffe Raum für einen Gott des Zorns
  3. Erste Schritte um den menschlichen Zorn zu entschärfen
  4. Finde Freude im Frieden Christi

Die Autoren fangen mit dem menschlichen Zorn an, den sie anhand biblischer Porträts als Phänomen inklusive seiner Wurzeln beschreiben. Sie geben dann einen Einblick in das biblisch so wichtige Verständnis des Zornes Gottes, der als Teil der Gerechtigkeit Gottes die Alternative bildet, auch im Blick auf den auf Christus abgeladenen Zorn. Sie zeigen dann im dritten Teil, wie es möglich ist,  aus der Zornesfalle auszusteigen, um im vierten Buchabschnitt ein auf Christus ausgerichtetes Leben als entscheidende Zielrichtung zur Lösung zu präsentieren.

Zwei auf die Praxis ausgerichtete Anhänge schließen das Buch ab: Anhang I gibt eine schöne Zusammenfassung in Verbindung mit einer Prüfliste, die den Leser dazu motivieren soll, sein eigenes Potential, seine Auslöser für Zornesäußerungen (Kontrolle, Verlustangst, sexuelle Frustration u.a.m.) zu überprüfen oder überprüfen zu lassen. Anhang II greift die geistlichen Kernprinzipien zum Umgang mit Zorn durch die Öffnung des Blicks auf den Herrn und Erlöser, auf Christus, auf. Damit werden die beiden Grundanliegen, eine biblische „Diagnose“ des Zorns und eine geistliche Orientierung mit Befreiungscharakter übersichtlich und lebenspraktisch zur Anwendung empfohlen.

Der Wunsch nach Kontrolle

Im ersten Teil wird das Problem des menschlichen Zorns anhand prägnanter Beispiele aus der Bibel verdeutlicht. Die Autoren haben sich bewusst dafür entschieden, nicht nach theologischen Gesichtspunkten erst mit dem Zorn Gottes zu beginnen, da für sie das biblische Reden vom Zorn besser verständlich wird, wenn wir dieses Phänomen aus unserer menschlichen Erfahrung im Licht der Bibel begreifen. Besonders auffällig wird ein Prinzip, das die Autoren immer wieder hervorheben und das die problematische Seite der Gefühlsdynamik des Zorns unterstreicht: der Wunsch nach Kontrolle. Dieses Phänomen wird bei Herrschern besonders auffällig, etwa Nebukadnezar, der gleich ein Standbild errichten lässt, um seine Kontrolle zu demonstrieren. Der König Saul wurde wütend als er mit den Erfolgen Davids die Kontrolle über sein Regierungsgebiet und seinen Herrscheranspruch zu verlieren drohte. Die Autoren verwenden diese und andere Beispiele, weil Kontrollwunsch eben eines der menschlichen Phänomene ist, der zwar bei Machthabern besonders ausgeprägt ist, aber insgesamt eine Quelle für das Entstehen des menschlichen Zorns ist. Andere Quellen für den menschlichen Zorn wären dann noch u.a. materieller Besitz (Gier), sexuelle Befriedigung, menschliche Anerkennung, Erwartungen einer menschlichen Gruppe. Im Wesen – so die Autoren – steckt aber hinter dem Phänomen menschlichen Zorns das „Sein-Wollen-wie-Gott“ als Ursünde. Darauf bauen die Autoren auch in den einzelnen Kapiteln innerhalb der großen Abschnitte auf und belegen ihren Ansatz immer wieder mit biblischen Zusammenhängen, z.B. aus dem Buch der Sprüche und aus dem Jakobusbrief.

„Zorn ist ein universales menschliches Phänomen und eine der stärksten Ausdrucksformen der Realität des gefallenen Menschen.“
 

Zorn wird als ein universales menschliches Phänomen beschrieben und ist einer der stärksten Ausdrucksformen der Realität des gefallenen Menschen, der Gott nicht den ersten Platz einräumen will und deshalb bei Misslingen seiner Pläne entsprechend reagiert. Dieser Zorn hat ein verheerendes Zerstörungspotential (Mord, zerrissene Familien, Krieg...), was in der Bibel gezeigt wird, aber auch unsere Erfahrungen bestätigen.

Gleichzeitig sind alle bekannten „Hausmittel“, diesem Phänomen zu begegnen, zwar nicht verkehrt, aber unzulänglich. Ratschläge wie „halt mal die Luft an“ haben einen begrenzten Wert, führen aber nicht zum Kern des Problems. Entscheidend für die Autoren ist, dass sich der Mensch darüber im Klaren ist, dass er eben weder die Kontrolle hat, noch die Zukunft erfassen kann, noch seinen Wert aufgrund gelingender bzw. misslingender Pläne definieren sollte. Gott ist auf dem Thron! Damit verliert der manchmal gehörte Anspruch, seinem Zorn oder Ärger immer frei Luft zu schaffen, die Berechtigung.

Um Abhilfe zu schaffen, verweisen die Autoren auf zahlreiche biblische Zusammenhänge, gepaart mit Beispielen aus dem Alltag (Stichwort: Elternzorn bei Kleinkindtrotz). Ohne in den Modus eines „Ratgeberbuches“ nach dem Motto „Was muss ich tun, wenn...?“ zu verfallen, wird die Wurzel der Problematik, das „Ursündenphänomen“ des „Sein-Wollens-wie-Gott“ konkret als Grundmotiv für zornige Reaktionen aufgedeckt und gleichzeitig situationsgerecht angewandt.

Berechtigter Zorn, um das Böse zu bekämpfen

Das Gegenüberstellen von menschlichem und göttlichen Zorn bildet den Schlüssel zum Verständnis. Es geht den Autoren darum, dass der gerechte Gott auch einen berechtigten Zorn hat, um das Böse zu bekämpfen. Der Mensch kann sich lediglich unter diesen Auftrag, aber nicht darüber stellen, er muss es lernen, die Kontrolle und die Ehre auch in den Verästelungen der alltäglichen ihm begegnenden Herausforderungen an den Herrn und Schöpfer des Universums abzugeben.

Dann kann auch der vom Willen Gottes geleitete Mensch einen gerechten Zorn zeigen, ja, er muss dies sogar, wenn es darum geht, sich gegen Sünde und Zerstörung göttlicher Ordnungen zu entrüsten (ein eindeutiges Beispiel wäre die Tötung ungeborenen Lebens). Allerdings, so schränken die Autoren ein, wird es immer so sein, dass der menschliche Zorn hinter den gerechten Absichten Gottes zurückbleibt und deshalb die Tendenzen des Herzens anhand von begleiteten Gefühlen wie Scham, Furcht, persönlicher Kränkung etc. nicht übersehen werden dürfen. Letztere werden deshalb auch genauer beschrieben, um alles, was sich um das Phänomen des menschlichen Zorns rankt, in ein realistisches Licht zu tauchen und im Zusammenhang zu verstehen.

Christus genügt

Der vierte Hauptteil bildet einen tiefgreifenden und starken Höhepunkt der Ausführungen. Immer wieder greifen die Autoren auf frühere Kapitel zurück um dann anhand umfassender und gezielt angewandter biblischer Texte den Unterschied zu den Denk- und Gefühlsfallen menschlicher Zornerfahrung zu beschreiben. Die glaubwürdige und erlösende Botschaft lautet: Es gibt eine biblische Alternative, wenn Christus als genügende Quelle erkannt wird!

„Es gibt eine biblische Alternative, wenn Christus als genügende Quelle erkannt wird!“
 

Die praktischen, z.B. im Jakobusbrief gegebenen Hinweise („Eines Mannes Zorn wirkt nicht Gottes Gerechtigkeit“, Jak 1,20) bekommen dadurch ihre gesamtbiblische Richtung jenseits nur moralischer Verurteilung, und die Platzanweisung für den Menschen im Heilsgeschehen ist für ihn die entscheidende Hilfe, um sich sowohl in Gedanken als auch in den Gefühlen und im Umgang mit seinen Nächsten auf einen neuen Weg abseits seines eines ungerechten Zorns zu machen!

Fazit

Das Buch ist flüssig, lebendig geschrieben, sprachlich ist es für die meisten Leser mit Schulenglischkenntnissen sicher gut zu verstehen.

Es ist für Seelsorger, Gemeindeleiter, aber auch für z.B. in Erzieherberufen tätigen ebenso nützlich wie für jeden Christen, der sich auf den Weg gemacht hat, um in der Gnade Gottes zu wachsen. Es hilft, den Bereich der Charakterentwicklung nicht zu vernachlässigen, sondern ihm die entsprechende Aufmerksamkeit zu geben und ein vielleicht bislang vernachlässigtes oder in seiner Gefährlichkeit unterschätztes Phänomen bewusst anzugehen.

Was sich der Leser, der mit zeitgenössischen Vorstellungsmodellen aus den Humanwissenschaften zu tun hat, vielleicht noch gewünscht hätte, wäre ein Kapitel zur Auseinandersetzung mit gängigen Aggressionsmodellen aus der psychologischen Forschung, die, kritisch hinterfragt, ja eine große Rolle im Bereich der Pädagogik und Therapie spielen. Aber das hätte den Rahmen und das wichtige Anliegen dieses ausgesprochen wertvollen Buches womöglich gesprengt.

Meine Empfehlung: ein Buch, das es wert wäre, für den deutschsprachigen Raum übersetzt zu werden! Es ist für alle, die sich mit der Einordnung und Bewältigungsstrategien menschlicher Gefühlswelten beschäftigen wollen genauso hilfreich wie für jeden, der sich selbst mit den eigenen Kräften des Zorns auseinandersetzen will oder anderen dabei helfen möchte, hier neue, christusgemäße Wege zu beschreiten. Darüber hinaus bietet es eine Fülle an biblischen Anregungen, um durch Vertiefung der Texte auch zu eigenen Einsichten zum Thema zu kommen.

Buch

Christopher Ash und Steve Midgley, The Heart of Anger – How the Bible Transforms Anger in Our Understanding and Experience, Wheaton, Illinois: Crossway 2021, 192 Seiten, ca. 15 EUR.


[1] Die Hauptüberschriftenformulierungen sind aus dem Englischen übersetzt, anderes wird sinngemäß übertragen, wörtliche Zitate werden nicht verwendet, Anm. des Autors.

Klaus Giebel Jahrgang 1955, verheiratet, geboren und wohnhaft in München, fünf erwachsene Kinder, einige Enkelkinder. Seit 1981 im aktiven Gemeindedienst, aktuell auch in der Mitarbeit bei der Gemeindeorientierten Initiative für biblische Beratung sowie im Martin Bucer Seminar, Studienzentrum München. Beschäftigt sich hobbymäßig mit Schach, liest viel, sieht aber u.a. auch gerne Sportsendungen (Fußball).