Törichte Kontroversen

Artikel von Russell Moore
26. Juni 2021 — 10 Min Lesedauer

In Walker Percys Roman Der Kinogeher denkt der Protagonist Binx Bolling:

„Sooft ich bedrückt bin, lese ich in der Bibliothek diese streitbaren Zeitschriften. Obwohl ich nicht weiß, ob ich fortschrittlich oder konservativ bin, wirkt doch der Haß, den da einer für den andern zeigt, belebend auf mich. Tatsächlich: solcher Haß berührt mich als eins der wenigen verbleibenden Lebenszeichen. (Eine andre Eigenart dieser gleichsam verkehrten Welt: all die freundlichen und liebenswürdigen Leute kommen mir tot vor; nur die Hasser scheinen lebendig.)"

Ob Percy in diesem Absatz nun seine Zeit zusammengefasst hat oder nicht – unsere Zeit hat er mit Sicherheit getroffen.

Sicher, Kontroversen gibt es in jeder Zeit, da die Menschen unterschiedliche Ansichten zu wichtigen Themen haben. Manchmal gibt es sogar Meinungsverschiedenheiten darüber, wie wichtig diese Themen denn nun sind. Aber die Bibel spricht immer wieder von denen, die das haben, was der Apostel Paulus ein „[K]rank[en] an Streitfragen“ nennt (1Tim 6,4). Natürlich war Paulus selbst mehr als bereit, sich in Kontroversen einzumischen – er hat Petrus aufgrund seiner Weigerung, mit den Heiden zu essen, ins Angesicht widerstanden und auch den Korinthern einige feurige Briefe geschrieben.

Das hatte allerdings nichts mit einer Sehnsucht nach Streitfragen um der Streitfragen willen zu tun, sondern unterschied sich davon so, wie sich eheliche Liebe von einer Orgie unterscheidet. Tatsächlich kommt die Zänkerei, vor der Paulus warnt, aus genau demselben Ort wie die Orgien – aus den „Werken des Fleisches“ (vgl. Gal 5,17–21). Und ohne Buße enden Zänkerei und sexuelle Unmoral am selben Ort: Verdammnis und Tod (vgl. Gal 5,21). Diejenigen, die ständig „törichte Streitfragen“ anfachen, sollen zurechtgewiesen und, wenn sie nicht darauf reagieren, als „verkehrt“ und „selbst verurteilt“ angesehen werden (Tit 3,9–11).

Der Diener des Herrn hingegen soll „die jugendlichen Lüste“ fliehen und die „törichten und unverständigen Streitfragen“ zurückweisen, da „du weißt, dass sie nur Streit erzeugen“ (2Tim 2,22–23). Wieder sehen wir, dass sexuelle Unmoral mit dem kämpferischen Drang zum Streit verbunden ist.

Warum ist das so?

Klatsch und Tratsch als willkommene Unterhaltung

Über die Jahre habe ich Christen gesehen, die sich auf Kontroversen eingelassen haben, wenn es notwendig war; und ich habe beobachtet, wie es die Christusähnlichen unter ihnen so oft tun – mit einem Sinn der Liebe für das Gute und für das Wohlergehen derer, von denen sie glauben, dass sie im Irrtum sind, nicht mit einer Liebe für das Kämpfen selbst. Und ich habe diejenigen gesehen, von denen ich dachte, sie seien „eifrig für die Wahrheit“, die sich mit der Zeit jedoch nur als eifrig für das Gefühl des Eifers erwiesen. Das waren diejenigen, die wegen fast allem kämpften. Im Laufe der Jahre ist bei vielen dieser Menschen ans Licht gekommen, dass sie tiefe Wunden und oftmals skandalöse Sünden verbargen. Ein älterer Pastor sagte mir: „Nichts macht Menschen wütender auf andere als die Scham über sich selbst“. Das hat sich unzählige Male bewahrheitet.

Aber das Leben von Percys Kinogeher ist genauso lehrreich. Ohne den Geist, der Leben gibt, wird man oft das Gefühl des Lebens in der Sensation suchen. Das ist die Art von Leben, die ein ungläubiger Romanautor mit dem Stromschlag verglich, der das Bein eines toten Frosches zum Springen bringt. Oft ist Streitsucht genau das – ein verzweifelter Versuch, einen Sinn zu finden; oder einen Ort, an dem man sich wichtig fühlt; oder eine Antwort auf die nagende Langeweile des alltäglichen Lebens.

„Oft ist Streitsucht genau das – ein verzweifelter Versuch, einen Sinn zu finden; oder einen Ort, an dem man sich wichtig fühlt.“
 

Ein anderer, inzwischen verstorbener Pastor erzählte mir vor Jahren, wie frustrierend es war, wenn Leute zu ihm kamen, um zu sagen: „Es ist so furchtbar, was so-und-so über Sie sagt …“, oder: „Bezüglich Ihrer Predigt von letzter Woche …“, oder was auch immer. Er sagte mir:

„Es ist nicht so, dass mich das stört. Es geht darum, dass ich mich zu sehr darum kümmere. Und ich versuche, das nicht zu tun. Es ist irrelevant für meinen Lebensplan, aber es verleitet mich dazu, mein Selbstwertgefühl in der Zustimmung anderer Leute zu finden anstatt im Gehorsam gegenüber Christus. Und es lenkt mich davon ab die Leute, die diese Dinge sagen, so zu lieben wie ich sie lieben möchte. Ich könnte sie viel leichter lieben, wenn ich nicht wüsste, was sie sagen."

Ich fragte ihn, warum die Leute ihm immer wieder erzählten, was die anderen sagten. „Nun, einige von ihnen denken einfach, ich würde es wissen wollen. Wissen wollen, dass sie zu mir halten und für mich beten“, sagte er. „Und oft ist es einfach die menschliche Natur. Tratsch macht Spaß – und Tratsch über Tratsch macht sogar noch mehr Spaß, weil man so tratschen kann, während man vorgibt, es nicht zu tun.“

Er hielt eine Minute inne und sagte: „Aber hauptsächlich ist es Unterhaltung. Für viele Leute sind diese Dramen – ob am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft oder in der Kirche – einfach eine Art Seifenoper.“ Und dann zuckte er mit den Schultern, lächelte und machte weiter mit dem, was er gerade tat – er fuhr ins Krankenhaus, um Kranke zu besuchen.

Ich denke oft an ihn und frage mich, was er von den sozialen Medien halten würde.

Nochmal: manchmal kommt es zu Streitigkeiten und manchmal sind diese Streitigkeiten das, was es braucht, um dem Geist gehorsam zu sein. Aber genauso wie jemand, der in sexuelle Unmoral verwickelt ist, sich immer davon überzeugen kann, dass dies ein besonderer Fall von „Liebe“, „Seelenverwandtschaft“ oder „Schicksal“ ist, kann derjenige mit einem ungesunden Verlangen nach Streitigkeiten sich immer davon überzeugen, dass er ein Kämpfer für Christus ist – statt ein Gefangener seiner Leidenschaften.

Mitgefühl für die in Sünde Verstrickten

Dies zu wissen, erfordert Mitgefühl für diejenigen, die zu ständigem Streit neigen. Eine solche Neigung deutet nicht auf Stärke hin, sondern das Gegenteil ist der Fall. Mitgefühl bedeutet nicht, diesen Menschen Führungspositionen zu geben oder ihnen zu erlauben, den Verlauf eines Gesprächs zu diktieren – das wäre genauso lieblos und selbstzerstörerisch wie einem Alkoholiker die Verantwortung für das Verteilen von evangelistischen Traktaten im Nachtclub der Nachbarschaft zu übertragen. Aber die Barmherzigkeit sollte uns veranlassen, sie zu lieben und für sie zu beten, auch wenn wir uns weigern, ihrem ungesunden Verlangen nach Kontroverse um der Kontroverse willen nachzugeben.

Man kann das Endergebnis dieser Lebensweise in der verbitterten, wütenden Person sehen, die – wie ein Reenactment-Darsteller des Bürgerkriegs, der sich bemüht, eine Erinnerung an die Vergangenheit lebendig zu halten – versucht, die Ketzerjagden, bei denen sie sich einst lebendig und wertvoll fühlte, wieder aufleben zu lassen. Die ganze Zeit über überzeugt sie sich selbst und versucht, andere davon zu überzeugen, dass sie „für die Wahrheit steht“, wo sie doch nur für sich selbst steht. Sie hat versucht, andere durch Einschüchterung und Angst zu kontrollieren, aber das funktioniert nicht mehr – und was sie nie geben oder empfangen konnte, war Liebe.

Der Geist macht uns Christus ähnlich, verbindet uns mit ihm und formt uns in sein Leben. Jesus war umstritten, gewiss, aber seine Kontroversen brachen nicht wegen seines Lagerdenkens aus, sondern aufgrund seiner Weigerung, dem Lagerdenken nachzugeben (vgl. Mt 21,45–22,22; Lk 4,26–28; 19,7). Und wenn man sich die Kontroversen anschaut, die Jesus auslöste, ist es merkwürdig, wie wenige davon sich mit dem befassten, worüber die Menschen um ihn herum bereits stritten – und es gab eine Menge Streitereien.

Die Zeloten waren gegen die Herodianer, die Sadduzäer gegen die Pharisäer, und so weiter und so fort. Manchmal beantwortete Jesus ihre kontroversen Fragen, manchmal nicht. Er wusste, dass sie nur streiten und sich nicht wirklich mit der Wahrheit beschäftigen wollten. Er provozierte jedoch Kontroversen über Fragen, die zu jener Zeit nicht gestellt wurden – ob der Tempel tatsächlich ein Haus des Gebets für alle Völker war; ob sich die Absichten Gottes auf die Heiden erstreckten; ob der Menschensohn gekreuzigt werden würde.

In den seltenen Momenten, in denen wir Zorn bei Jesus sehen, geht es nie darum, sein eigenes Selbstwertgefühl zu schützen, nie um performative Empörung, um von einer Gruppierung akzeptiert zu werden, und schon gar nicht darum, Macht zu erlangen. Sein Zorn war nie streitsüchtig, nie rasend, nie aus den Werken des Fleisches. Es ist der Teufel, der „einen großen Zorn [hat], da er weiß, dass er nur wenig Zeit hat“ (Offb 12,12). Der Teufel ist ein gefangenes Tier, kein Hirte und auch kein Lamm.

Die Art von Langeweile und Leblosigkeit, die das Streiten um des Streitens willen hervorbringt, kann dazu führen, dass du am Ende nur noch Kontroversen interessant findest – selbst wenn du „in der Sache“ am Ende richtig liegst. Das führt zu nichts Gutem, nur zu einer Haltung, aus der heraus du ängstlich auf Gelegenheiten wartest, deine „Gegner“ in ihren Worten zu fangen. Jesus ertrug eine solche gegen ihn gerichtete Mentalität (vgl. Mt 22,15), aber er lebte sie nie selbst vor.

In Zeiten wie diesen besteht der Sog darin, den verwundeten Seelen, die immer auf Streit aus sind, das Bestimmen der Tagesordnung zu überlassen, auf die man dann reagieren muss. Es wird immer Leute geben, die zu Leitern sagen: „Jemand sagt dies; du musst darauf reagieren.“ Das bedeutet, dass die Antwort auf jedes Feuer Benzin ist. In der Bibel jedoch geht Jesus häufig sowohl der Bewunderung der Menge (vgl. Joh 15) als auch den streitlustigen Agenden, die von anderen gesetzt werden, aus dem Weg (vgl. Mt 26,51–56).

Törichten Kontroversen aus dem Weg gehen

Der Apostel Paulus rief zu einer bestimmten Art auf mit denen umzugehen, die „törichte“ Streitigkeiten anfachen: „Einen sektiererischen Menschen weise nach ein- und zweimaliger Zurechtweisung ab“ (Tit 3,10). Das ist eine ganz andere Art von Streit – sie beginnt mit Sanftmut und Vernunft und endet damit, dass man sich entfernt, statt sich auf die Streitlust der anderen Seite einzulassen.

„Manchmal müssen wir bereit sein, in einer Kontroverse das Wort zu ergreifen. Aber oft ist es notwendiger den anderen vorzuleben, dass uns ihre Seele mehr wert ist als ein Beitrag zum Wortgefecht.“
 

In gewisser Weise ist das ein Nachteil für diejenigen, die versuchen christusähnlich zu sein. Aber es ist die gleiche Art von „Nachteil“, den Leute bei einem typischen Weihnachtsstreit haben, die keine Schusswaffen schwingen und Möbel umwerfen, um zu gewinnen. Ja, diejenigen, die durch die Rigipsplatten schießen und Obszönitäten schreien, werden wahrscheinlich „das letzte Wort haben“, aber willst du mit ihnen tauschen? Nein. Würde deine Schlussfolgerung lauten: „Nächstes Jahr brauchen wir definitiv mehr Kokain und eigene Waffen, wenn wir gehört werden wollen“? Nein. Du würdest sagen: „Das ist gestört. Nächstes Jahr sind wir Weihnachten woanders – und übrigens: wir fahren schon jetzt“.

Vor Jahren schrieb der Historiker Mark Noll in dem bekannt gewordenen Buch The Scandal of the Evangelical Mind über den Skandal, dass der Verstand bei Evangelikalen keine große Rolle spielte. Vielleicht ist der jetzige Skandal der des evangelikalen limbischen Systems, wobei der Skandal darin besteht, dass das limbische System alles ist, was noch übrig ist.

Manchmal müssen wir bereit sein, in einer Kontroverse das Wort zu ergreifen. Aber oft ist es notwendiger den anderen vorzuleben, dass uns ihre Seele mehr wert ist als ein Beitrag zum Wortgefecht. Streit bedeutet für manche das Leben. Der Weg zum Sieg besteht nicht darin, in ihrem Spiel zu gewinnen, sondern ein ganz anderes Spiel zu spielen.

Russell Moore arbeitet für Christianity Today und war Präsident der Ethics & Religious Liberty Commission der Southern Baptist Convention und Vorstandsmitglied bei The Gospel Coalition. Er hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht. Er und seine Frau Maria haben fünf Söhne.