Gemeinde der Zukunft

Rezension von Florian Gostner
25. Juni 2021 — 8 Min Lesedauer

Reinhard Spincke wünscht sich einen geistlichen Aufbruch wie jenen, der in den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte rund um Pfingsten beschrieben wird. Daher hat er zehn „Koordinaten“ formuliert und zu fünf Begriffspaaren (z.B. „kreativ und konservativ“) zusammengefügt. Sie sollen dabei helfen, vier große gesellschaftliche Herausforderungen der heutigen Gemeinde zu überwinden: Säkularisierung, Polarisierung, Digitalisierung sowie die andauernde Krisenstimmung. Der Autor ist überzeugt, dass die Gemeinde diesen Challenges nicht nur standhalten wird, sondern in ihnen sogar neue Gelegenheiten für die Evangeliumsverbreitung liegen. Das macht Mut! Jener freudige Optimismus ist im gesamten Buch zu finden und erreicht im Epilog in folgenden Worten seinen Höhepunkt: „Die Zukunft der Gemeinde Jesu wird schöner und besser sein als die Vergangenheit“ (S. 156).

Reinhard Spincke hat Erfahrung. 28 Jahre war er im gemeindlichen und übergemeindlichen Dienst tätig. Er schaut aber über den eigenen Horizont hinaus, blickt in die Kirchengeschichte und entfaltet biblisch theologische Gedanken. Jedes der zehn Kapitel beginnt er mit einem kurzen „Biblischen Befund“, bevor er in die Geschichte schaut und schließlich die gegenwärtige Situation analysiert, ihre Besonderheiten benennt und mit „Inspiration für Leiterinnen und Leiter“, sowie mit Fragen für Gruppengespräche abschließt.

Die Herangehensweise klingt vielversprechend. Werfen wir einen Blick auf die fünf Begriffspaare.

Kreativ und konservativ

Nach einer kurzen Betrachtung einiger Bibelstellen zur Kreativität erklärt der Autor, dass die Kirche in ihrer Geschichte große Kreativität bewiesen und die Welt nachhaltig verändert hat. Doch im „20. Jahrhundert ist die Christenheit insgesamt weniger als innovativ, sondern mehr als restaurativ wahrgenommen worden“ (S. 19). Die sexuelle Revolution etwa, sei nicht von der Kirche mitgetragen, sondern „eher gegen ihren Willen vorangetrieben“ worden. Deshalb und weil sich bei den meisten Gemeinden der Gottesdienstraum, die Musik, die Kommunikation oder das Programm grundsätzlich nicht geändert haben, sei es nicht verwunderlich, dass jene Gemeinden „wenig Einfluss auf ihre Umgebung haben und missionarisch höchst ineffizient sind“ (S. 20). Was schlägt der Autor vor? Er wünscht sich, dass einer Innovations- und veränderungsfreudige Gemeindekultur stärker gefördert wird. Er empfiehlt auch das Lesen von John. P. Kotter (Professor für Führungsmanagement an der Harvard Business School) und das Ansehen von TED-Talks.

Über den Begriff „konservativ“ verrät der Autor, dass dieser von den zehn gewählten Adjektiven der wohl Umstrittenste sei. Er habe bereits zu „durchaus emotionalen Rückmeldungen“ geführt. Spincke definiert den Begriff, indem er ihn sowohl von einer politischen Richtung als auch von einer theologischen Engführung (z.B. etwas, was er „gesetzliche Ethik“ nennt) abgrenzt. Mit Adolf Schlatter steht er dafür ein, nicht die Bibel zu beurteilen, sondern sich von der Bibel beurteilen zu lassen. Es geht dem Autor „nicht um das Bewahren traditioneller Formen oder eines bestimmten Liedguts – sondern um die zentralen Glaubensinhalte, die den persönlichen Glauben und die Gemeinde Jesu gesund und lebendig halten“ (S. 29–30).

Nach dem Schwenk in die Bibel und die Geschichte formuliert er anspornend, dass die „Bewahrung und Neuentdeckung biblischer Lehre kein langweiliges Hobby alternder Prediger sind“, sondern ein aufregendes Abendteuer ist, „das das Leben vieler Menschen und die ganze Welt verändert“ (S. 33). Inmitten dieses wichtigen Kapitels über den konservativen (d.h. bewahrenden) Umgang mit der Bibel, indem auch Jonathan Edwards’ fünf Kennzeichen von Erweckung sowie die Kritik an der liberalen Theologie vorkommen, überrascht es freilich, dass die Diskussionen über ein neues Verhältnis von Mann und Frau in Gemeinde und Familie, sowie die eingeführte Ordination von Pastorinnen im Bund Freier evangelischer Gemeinden als Positivbeispiele genannt werden. Nichtsdestotrotz liefert das Kapitel gute Anregungen dafür, eine postchristliche Gesellschaft mit dem Evangelium zu erreichen.

Kundenorientiert und kommunitär

Das dritte Kapitel dreht sich um die „Kundenorientiertheit“. Dabei wird der Fokus nach außen gerichtet und untersucht, was mit Mission gemeint ist. Wenngleich niemand behaupten würde, Mission und Evangelisation sollten in der Gemeinde keinen großen Stellenwert bekommen, sieht die Realität oft anders aus. Nur selten kommen Menschen zum Glauben und es gibt nur selten ein formuliertes Missionsverständnis oder -konzept. Die Gemeinde der Zukunft muss den Absolutheitsanspruch Jesu deshalb verständlich weitergeben. Sie muss wissen, was die Menschen denken und konkrete Handlungsanweisungen für eine missionarische Ausstrahlung entwickeln. Evangelistisch begabte Menschen sollen gefördert werden. Die missionarische Ausrichtung der Gemeinde sollte außerdem regelmäßig ausgewertet werden.

„Gemeinschaft“ wächst innerhalb der Gemeinde, wobei die Voraussetzung für beides das Trachten nach Gottes Reich ist. Wo Individualismus und Selbstverwirklichung herrschen, blühen weder Mission und Evangelisation oder christliche Gemeinschaft. Spincke führt sehr treffend aus, dass die Zugehörigkeit zur Gemeinde den persönlichen Glauben voraussetzt und dass die Gemeinde nicht als Verein, Event, Firma oder Kuschelklub missverstanden werden darf. Mit Zitaten von Dietrich Bonhoeffer und John Stott stellt er ein attraktives Verständnis von Gemeinde vor, in welcher Liebe zu Jesus und der Gemeinde lebendig bleiben. Jeder trägt dazu bei, das Menschen geistlich wachsen und eine klare Ausrichtung auf Gottes Ziele beibehalten.

Kämpferisch und klug

Da die Gemeinde anstrengenden Zeiten entgegengeht, muss sie – wie schon die Kirche der Vergangenheit – kämpferisch sein. Christen kämpfen jedoch nicht gegen Menschen, „sondern im Auftrag Gottes für Gerechtigkeit, Liebe und die Errettung der Menschen durch Jesus Christus“ (S. 79). Wegen der Vielzahl der im Kapitel genannten Kampffelder werden die Punkte dann allerdings nur grob ausgeführt.

Für eine kluge Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und den meist skeptischen Menschen spricht sich der Autor im nächsten Kapitel aus. Auch der Begründer der Urknalltheorie kommt darin zu Wort, um zu unterstreichen, dass Religion und Wissenschaft sich gegenseitig nicht ausschließen. Die praktischen Anregungen über die Fragen und Zweifel unserer Zeitgenossen im Kapitel stoßen wirklich sehr zum Nachdenken an.

Kontemplativ und karitativ

Unter anderem mit Berufung auf Psalm 1 und der Geschichte von Maria und Martha plädiert Spincke für eine kontemplative Gemeinde, in der die Gottesbeziehung jedes Einzelnen höchste Priorität hat. Auch deshalb, damit Christen nicht ausbrennen. Eher undifferenziert wird hier auf die Mystiker des Mittelalters oder charismatisch-pfingstlerische Gruppierungen der Gegenwart verwiesen, von welchen man lernen könne. Ein praktischer Tipp lautet: Menschen mal in Form eines Wochenendes, eines guten Buches oder eines Restaurantgutscheins eine Auszeit schenken.

Um Diakonie und Nächstenliebe dreht sich das Kapitel, das den karitativen Eigenschaften der Zukunftsgemeinde gewidmet ist. Anhand des Alten und Neuen Testaments sowie der Kirchengeschichte argumentiert der Autor, dass die Verkündigung des Evangeliums und die praktische Hilfe zusammengehören. Er verweist auf die Ansätze der Transformationstheologie oder auch Willow Creek. Einprägsam ist die angeführte Kurzgeschichte einer Rettungsstation, aus der sich allmählich ein Clubhaus entwickelte, weil niemand mehr für die Rettung Schiffbrüchiger zu gewinnen war. Interessant dabei ist, dass Spincke diese Geschichte am Ende des Kapitels über Diakonie (also der Linderung zeitlichen Leids) anführt und nicht etwa in einem Kapitel zur Evangelisation (und damit der Linderung ewigen Leids).

Klein und königlich

„Klein“ ist das Eigenschaftswort, mit welchem Spincke die Stellung der Gemeinde in der Welt beschreibt. Sie hat ihren „Zenit an gesellschaftlicher Macht und Einfluss“ überschritten. Dass Gott jedoch auch aus dem Kleinen und scheinbar Unbedeutenden etwas Großes machen kann, ist die erfreuliche Quintessenz dieses Kapitels.

Zuletzt soll die Gemeinde der Zukunft „königlich“ sein, womit der Autor meint, dass sie ihren Wert nicht anhand der Anerkennung der Welt misst, sondern ihre Identität auf Christus gründet und Kraft aus der „Liebesbeziehung zu ihrem Herrn schöpft“ (S. 154). Das Kapitel endet mit einer Lectio divina[1] für 2 bis 4 Personen zum 21. Kapitel der Johannesoffenbarung.

Fazit

Werden die zehn Koordinaten aus dem Buch Gemeinde der Zukunft geistliche Aufbrüche fördern? Das Buch enthält zweifelsohne viele hilfreiche Anregungen und Denkanstöße für die Gemeindepraxis. Gerade was die Auseinandersetzung mit der Kultur und das Erreichen skeptischer Menschen mit dem Evangelium anbetrifft, habe ich einiges gelernt.

Insgesamt fürchte ich jedoch, dass viele Gedanken zu vage formuliert sind. An einigen Stellen hatte ich das Gefühl, dass noch mehr gesagt werden müsste. Wenn ich die Bibel lese oder die Erweckungsgeschichte betrachte, komme ich auch nicht unbedingt auf jene zehn Charakteristika. Mir hat sich nicht wirklich erschlossen, warum der Autor genau jene zehn Eigenschaften behandelt, werden dabei doch Dinge von größter Wichtigkeit (wie z.B. die Zentralität der Heiligen Schrift, die Besinnung auf den Missionsauftrag oder das eigene Verwurzeltsein in Christus) mit weniger Wichtigem auf eine Ebene gezogen.

Trotzdem kann ich Etliches mitnehmen, vor allem die Zuversicht, dass Gott sich um seine Gemeinde kümmern wird. Ich wünsche den Lesern des Buches, dass sie die guten Impulse aufnehmen.

Buch

Reinhard Spincke, Gemeinde der Zukunft. Zehn Koordinaten für einen geistlichen Aufbruch, Holzgerlingen: SCM 2020, 160 Seiten, 12,99 €.


[1] Die Lectio Divina (lat. „göttliche Lesung“) ist eine Form der Bibellese, der bereits die alte Kirche und das mittelalterliche Mönchtum viel Aufmerksamkeit geschenkt hat. Ihre Stufen oder Schritte (Lesen – Bedenken – Beten – in Stille vor Gott da sein – anders leben) werden mehrfach wiederholt und eingeübt. Das Ziel dieser Technik ist es, die Bibel so zu lesen, dass sie zur lebendigen Quelle der Gottesbeziehung wird. Die Reformation hat die Lectio Divina weitgehend durch die sogenannte „Katechese“ verdrängt, bei der es um das Verstehen und sich Aneignen biblischer Glaubensinhalte geht.

 

Florian Gostner hat Gott in Neuseeland kennen, fürchten und lieben gelernt. Seither liest, liebt und verkündigt er Gottes Wort. Deshalb absolvierte er eine dreijährige Prediger-Ausbildung in Zürich und ein Theologiestudium am Martin Bucer Seminar in München. Er lebt mit seiner Frau und vier Töchtern im österreichischen Vorarlberg und arbeitet hauptberuflich für die Freie Evangelikale Gemeinde Feldkirch sowie nebenher für Langham Österreich.