Herman Bavinck: On Theology

Rezension von Ron Kubsch
24. Juni 2021 — 2 Min Lesedauer

Das Interesse an Hermann Bavinck ist seit der Herausgabe der Reformierten Dogmatik in englischer Sprache deutlich gewachsen, und zwar nicht nur in der angloamerikanischen Welt. In den letzten Jahren erschienen vielerlei Promotionen und historische Studien sowie zwei Biographien zu Bavinck. Viele Abhandlungen konzentrieren sich auf das große vierbändige Werk. Zugleich ist freilich deutlich geworden, dass seinen akademischen Reden ebenfalls eine erhebliche Bedeutung zukommt. Drei dieser Reden sind der englischsprachigen Welt bereits zugänglich gemacht worden (Christian Worldview, The Catholicity of Christianity and the Church, Common Grace). Bruce R. Pass hat nun im Rahmen seiner Promotion an der Universität von Edinburgh (The Heart of Dogmatics: Christology and Christocentrism in Herman Bavinck, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2020) weitere vier Reden übersetzt, und zwar The Science of Holy Theology (1883), The Teaching Office (1899), Religion and Theology (1902) sowie Modernism and Orthodoxy (1911).

Die Vorträge zeigen, wie gut Bavinck mit den Kirchenvätern, den großen Theologen des Mittelalters, der Reformation und der reformierten Orthodoxie vertraut war. Sie offenbaren obendrein, wie sehr er unter dem Einfluss Schleiermachers stand. Bavinck sagte einmal, dass jede Theologie nach Schleiermacher von diesem Gelehrten abhängig sei (vgl. Reformed Dogmatics, Bd. 1, S. 166). Folglich steht auch er selbst unter dem „unkalkulierbaren Einfluss“ des deutschen Theologen.

Bavinck hatte große Bedenken gegenüber den zersetzenden Auswirkungen von Schleiermachers pantheistisch gefärbter Frömmigkeit. Er würdigte aber Schleiermachers Verteidigung der Heiligkeit und Freiheit der christlichen Religion gegenüber Kants Vision des Christentums innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. In dieser Hinsicht erkannte Bavinck in Schleiermacher einen Verbündeten, von dem man im Kampf gegen die Verächter der christlichen Religion viel lernen könne (vgl. S. 3–4).

Die erste Rede mit dem Titel „Die Wissenschaft der Heiligen Theologie“ hielt Bavinck am 10. Januar 1883 zum Antritt seiner Lehrtätigkeit an der Theologischen Hochschule von Kampen. Abram Kuyper kommentierte diese Rede tosend: „Fast nie ist uns ein Werk in die Hände gefallen, das wir von Anfang bis Ende mit nahezu uneingeschränkter Zustimmung gelesen haben, wie die Antrittsrede von Dr. Bavinck über die Wissenschaft der Heiligen Theologie. Nun, dies ist richtig reformierte, gelehrte Theologie. Hier werden erste Prinzipien durchdacht und noch einmal richtig gestellt“ (Abraham Kuyper, „De wetenschap der heilige godgeleerdheid“, De Heraut 265, 21.01.1883, zitiert bei Bruce R. Pass, S. 5–6). Kuyper schien freilich auch zu sehen, wie heikel eine Überhöhung Schleichermachers sein kann. Er ergänzte nämlich: Bavinck „erwähnt den Namen eines Mannes wie Schleiermacher mit zu wenig Gespür für den unsäglichen Schaden, den dieser Philosoph der Kirche Christi zugefügt hat, während seine unverkennbaren Verdienste mit einer auffälligen Präferenz dargelegt, vielleicht überschätzt werden“ (S. 6).

Ich bin mir sicher, dass die Herausgabe dieser vier Reden in englischer Sprache weitere Studien zum Einfluss Schleiermachers auf Bavinck anregen wird.

Buch

Herman Bavinck. On Theology: Herman Bavinck’s Academic Orations. Übers. u. hrsg. von Bruce R. Pass. Leiden; Boston: Brill, 2021, 186 S., ca. 100,00 Euro.

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.