Jüngerschaft ist auch ohne Kurse möglich“

Artikel von Barry Cooper
18. Juni 2021 — 5 Min Lesedauer
Dieser Artikel ist Teil einer Artikelreihe zum Thema „Jüngerschaft“ und beleuchtet verschiedene Gründe, warum in unseren Gemeinden keine Jüngerschaft stattfindet.

In meinen letzten zwei Beiträgen habe ich drei mögliche Gründe genannt, warum die Jüngerschaft von Christen und Gemeinden so mangelhaft ist. Wenn man sich vor Augen hält, dass ich hauptberuflich Kurse entwickle, mag mein nächster Grund etwas merkwürdig klingen: Unsere Gemeinden sind in großen Teilen zu abhängig von Kursen.

Ich veranschauliche das anhand eines modernen Gleichnisses, das mir ein Freund während eines Seminars erzählt hatte. Und der es gesehen hat, der hat es bezeugt, und sein Zeugnis ist (wahrscheinlich) wahr (eine ironische Anspielung auf Joh 19,35, Anm. d. Üs.).

Ein junger Mann kam in einen Bücherladen in Chicago und fragte, wo die Aufkleber für Autos seien. Darauf der Mitarbeiter: „Wonach genau suchen Sie?“ Der Mann antwortete: „Ich würde gerne einen Fisch-Aufkleber kaufen.“ Der Mitarbeiter entgegnete: „Oh, davon haben wir zurzeit leider keine mehr.“ Worauf der Mann antwortete: „Wie soll ich denn ohne Fisch-Aufkleber evangelisieren?“

„Als westliche Evangelikale haben wir uns im Bereich Evangelisation und Jüngerschaft zunehmend von Kursen, Programmen, Techniken und Methoden abhängig gemacht.“
 

Als westliche Evangelikale haben wir uns im Bereich Evangelisation und Jüngerschaft zunehmend von Kursen, Programmen, Techniken und Methoden abhängig gemacht. Wie gesagt, ich schreibe diesen Beitrag als jemand, der selbst sogar beruflich Kurse entwickelt. Seit dreizehn Jahren arbeite ich erfolgreich mit Christianity Explored Ministries zusammen, um bibeltreue und leicht zugängliche Kurse anzubieten. Ich glaube an ihren Wert und bin Gott dankbar, dass sie in den richtigen Händen sehr hilfreich sein können.

In den falschen Händen jedoch können Kurse schnell zu einem oberflächlichen Ersatz für echte Jüngerschaft werden. Und was noch schlimmer ist: Das programmatische Durchführen dieser Kurse kann uns fälschlicherweise zu der Überzeugung führen, wir würden wirklich evangelisieren und Jüngerschaft betreiben, obwohl wir in Wirklichkeit nur die einzelnen Punkte abarbeiten, während Gebet und Leidenschaft fehlen. Wir fangen an, zu glauben, dass die Magie in der Methodik liegt. Wir kaufen ein Produkt und erwarten, dass es für uns funktioniert, ohne dass wir weitere geistliche Investitionen tätigen müssen.

Das erste Mal fiel es mir vor einigen Jahren auf. Wir tüftelten 18 Monate lang ununterbrochen an der Entwicklung eines neuen Kurses – wir erstellten Fragen zum Bibelstudium, schrieben und überarbeiteten Vorträge und Skripte, testeten das Material, überarbeiteten es erneut, drehten eine Video-Serie und gaben das Ganze schließlich heraus. Wir wollten uns gerade alle zurücklehnen oder in den Urlaub gehen, als am Tag der Veröffentlichung folgende E-Mail in meinem Posteingang auftauchte: „Danke für den neuen Kurs – wann kommt der nächste?“ Übersetzt heißt das: „Wie soll ich ohne einen neuen Kurs Jüngerschaft betreiben?“

„Jüngerschaft ist auch ohne Kurse möglich. Jesus hat ein richtig gutes Buch dazu geschrieben.“
 

Jüngerschaft ist auch ohne Kurse möglich. Jesus hat ein richtig gutes Buch dazu geschrieben. Ein Kurs – so bibeltreu er auch sein mag – ist kein Ersatz für fortlaufende, persönliche Jüngerschaft. Zumindest nicht für die Art von fortlaufender, persönlicher Jüngerschaft, die Jesus in Matthäus 28 im Sinn hat: „[…] so geht nun hin und macht zu Jüngern alle Völker, und tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie alles halten, was ich euch befohlen habe“ (Mt 28,19–20).

Zunächst einmal sind Kurse notwendigerweise eine „Einheitslösung“. So gut sie auch auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe zugeschnitten sein mögen (gebildet/ weniger gebildet/ Analphabeten/ Erwachsene/ Jugendliche/ Kinder usw.), so sind sie doch nicht von uns selbst geschrieben, und daher auch nicht maßgeschneidert für die Situation, in die Gott uns gerade gestellt hat. Wenn wir für jeden, den wir in der Jüngerschaft leiten möchten, exakt dieselbe Herangehensweise verwenden, machen wir wahrscheinlich keine gute Arbeit. Ebenso kann ein Moderator in einem Video-Kurs niemals so persönlich mit jemandem in Kontakt treten, wie du es könntest. Er kann die individuellen Rufe eines Herzens nicht hören und sie dementsprechend auch nicht direkt und bibeltreu ansprechen.

Zweitens können Kurse den Eindruck vermitteln, dass es bei Jüngerschaft mehr darum geht, dem richtigen „Ablauf“ zu folgen, anstatt den richtigen Charakter zu entwickeln.

Wir wissen, dass der Charakter eines Kindes am entscheidendsten vom Charakter seiner Eltern geprägt wird. Anstatt das zu tun, was wir sagen, neigen Kinder von Natur aus eher dazu, das zu tun, was wir tun. Im Gegensatz dazu können Programme und Methoden den Anschein erwecken, dass das, was wir sagen, wichtig ist, aber dass unser Wandel nicht so wichtig sei. Wir können dazu verleitet werden zu glauben, dass der Kurs, den wir in unseren Gemeinden verwenden, wichtiger ist als der Charakter der Menschen, die ihn unterrichten.

Drittens tendieren wir dazu, Programme manchmal so zu verwenden wie eine Familie die Bildschirme für Kinder in ihrem Auto: als Ersatzeltern. Ja, es ist eine angenehme Möglichkeit, die Kinder zu beschäftigen. Ja, es bedeutet, dass wir sie während der Reise nicht ständig selbst unterhalten müssen. Aber es kann die Qualität unserer Erziehung nachhaltig beeinträchtigen. Es kann ein Versäumnis unserer persönlichen Verantwortung gegenüber denjenigen sein, die in unserer Obhut sind.

Meine Frage lautet also: Waren wir zu schnell damit, die Babysitter zu holen? Waren wir zu eifrig im Auslagern der Jüngerschaft und haben dabei vergessen, wie wir es selbst machen können? Jüngerschaftskurse tragen im besten Fall zur Stärkung unseres Vertrauens in Gott und sein Wort bei. Aber im schlimmsten Fall erhöhen Kurse einfach unsere Abhängigkeit von Kursen. Und wenn das der Fall ist, dann wird unsere Fähigkeit zur Jüngerschaft darunter leiden.

Barry Cooper ist Ältester der Christ Community Church in Daytona Beach, Florida (USA), und arbeitet als Supervising Producer bei Ligonier Ministries. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Drehbücher, einschließlich Can I Really Trust The Bible? und Puritan.