Die Mitteldinge

Prägend, aber nicht heilsentscheidend (Teil 7)

Artikel von Hanniel Strebel
11. Juni 2021 — 8 Min Lesedauer
Dieser Artikel ist Teil der Artikelreihe „Was ist denn, bitteschön, reformatorische Theologie?“, in der Hanniel Strebel in Kürze die wichtigsten Themenfelder der Dogmatik aus reformatorischer Perspektive beleuchtet.

Kein abschließendes Regelwerk

Der Begriff „Mitteldinge“ umfasst Angelegenheiten, die innerhalb der biblischen Lehre gemessen an ihrer Bedeutung im Mittelfeld anzusiedeln sind. Sie sind zwar nicht heilsentscheidend, in ihrer Auswirkung jedoch für das christliche Leben prägend. Die Bibel enthält kein umfassendes systematisches Verzeichnis von Ansichten, Verhaltensweisen und Richtlinien für das gesamte Leben. In der Vielfalt von Stilen und Genres zwischen Lehrtext, Dichtung und Erzählung stellt sie uns jedoch alles zur Verfügung, „was zum Leben und [zum Wandel in] Gottesfurcht dient“ (2Petr 1,3). Nun geht es darum, unser Grundwissen durch sorgfältiges Studium der Bibel ständig zu erweitern und mit ihr als unserem Bezugspunkt bestehende Denkvoraussetzungen zu hinterfragen. Manche Fragen werden darum von Christen unterschiedlich beantwortet.

Ich greife fünf Bereiche heraus, in denen innerhalb des reformatorischen Spektrums eine Bandbreite von Überzeugungen existiert: Apologetik, Taufe, Zeichen- und Wundergaben, Gemeindeorganisation und Kulturtheologie.

Vorannahmen vs. Beweise

Apologetik ist der Fachbegriff für die Verteidigung des christlichen Glaubens. Sie geschieht defensiv in der Klarstellung der Unterschiede zu anderen Religionen und Weltanschauungen. Und sie geschieht offensiv in der Entwicklung ihrer Sichtweise auf Welt und Leben und der Beantwortung zentraler Fragen. Nun gibt es für beide Bereiche der Apologetik zwei verschiedene Ansätze: Ich selbst neige derr präsuppositionalen (dt. voraussetzungs-bedingten) Apologetik zu. Sie geht davon aus, dass kein Mensch ohne grundsätzliche Vorannahmen zum Leben auskommt, auch wenn er sich ihrer nicht bewusst ist. Der Religionsphilosoph Alvin Plantinga spricht von sogenannten grundlegenden Überzeugungen („basic beliefs“), die auf keinen anderen Überzeugungen bzw. Denkvoraussetzungen beruhen. Von der Existenz eines persönlich-unendlichen Gottes auszugehen, ist eine solche Überzeugung. Eine andere Schule der christlichen Apologetik versucht jedoch, mittels Beweisen (also auf Basis der Vernunft) für zentrale Tatsachen des christlichen Glaubens (wie z.B. die Auferstehung) zu argumentieren.

„Beide Schulen sind sich darüber einig, dass kein Mensch ohne die Hilfe des Heiligen Geistes zum Glauben durchdringen kann.“
 

Wer das vergleichende Buch „Five Views on Apologetics“ studiert, wird merken, dass beide Schulen sich jedoch darüber einig sind, dass kein Mensch ohne die Hilfe des Heiligen Geistes zum Glauben durchdringen kann.

Bundes- vs. Glaubenstaufe

Die zweite Frage wurde und wird viel heftiger diskutiert. Es geht um die Frage der Taufe. Die Reformatoren praktizierten die Bundestaufe. Die Taufe wird dabei als neutestamentliches Gegenstück zur Beschneidung verstanden, die Gottes Bundestreue ausdrückt und deshalb auch an Kindern vollzogen wird. Manchmal wird auch von der Säuglingstaufe gesprochen. Das ist nicht ganz korrekt, denn eigentlich ist diese Sichtweise stark verbunden mit dem heilsgeschichtlichen Denken eines Bundes in zwei Administrationen, wie ich es im Artikel „Christus = Mitte der Schrift“ dargelegt habe. Die Glaubenstaufe wurde später im Verlauf des 17. Jahrhunderts mit einer reformierten Heilslehre kombiniert. Ihre Vertreter verstehen die Taufe als sichtbares Zeichen und Symbol der Wiedergeburt, des Einsseins mit Christus und damit der Rettung, die nur auf die Gläubigen zutrifft und darum auf den Glauben folgt. Diese Sicht wird im Baptistischen Bekenntnis von 1689, einer veränderten Version des Westminster Bekenntnisses von 1647, dargelegt.

Cessationismus vs. Kontinuismus

Ebenfalls zu intensiven Debatten hat die Frage nach dem Weiterbestehen der Zeichen- und Wundergaben geführt. Der Cessationismus vertritt die Position, dass diese Gaben im Übergang zum neuen Zeitalter der Gemeinde in Apostelgeschichte 2 gegeben worden seien, dann aber nach einiger Zeit verschwanden. Dies wird meist damit begründet, dass Christus und die Apostel einen Grund gelegt haben, den Gott mit Zeichen und Wundern bestätigte (vgl. Heb 2,4). Dieser muss nicht ständig neu gelegt und bestätigt (sondern vielmehr bewahrt, vgl. Jud 1,3) werden und auf diesem wird die Gemeinde nun gebaut (vgl. Eph 2,19). Der Kontinuismus besteht hingegen darauf, dass die Zeichen- und Wundergaben bis zum heutigen Zeitpunkt Bestand haben. Begründet wird diese Position damit, dass keine Bibelstelle explizit aussagt, dass jene Gaben aufgehört hätten, die Gaben auch von Nicht-Aposteln praktiziert wurden und heute noch dieselbe Wirkung haben, wie damals. Es gilt sorgfältig zu berücksichtigen, von welchen exegetischen Entscheidungen beide Seiten ausgehen.

Presbyterianismus vs. Kongregationalismus

Wie sollen sich die Ortsgemeinden organisieren? Hier gibt es die Modelle des Kongregationalismus und des Presbyterianismus. Presbyterianische Kirchen werden von einer Mehrzahl von Ältesten, einem so genannten „Ältestenrat“ geleitet. Jede einzelne Kirchgemeinde ist einem solchen Rat unterstellt. Die Ältesten der verschiedenen Gemeinden treffen sich übergeordnet zu einer Synode. An solchen Synoden werden Entscheidungen über die Lehre, den Pfarrerdienst oder Disziplinarfälle getroffen. Die Ältesten werden in zwei Kategorien aufgeteilt, nämlich in lehrende und regierende Älteste. Die einen lehren vor allem das Wort Gottes; den anderen obliegen stärker die verwaltenden Aufgaben. Daneben besteht das zweite Amt des Diakons, der sich stärker um die praktischen Belange der Kirchgemeinde kümmert. Im Kongregationalismus gibt es ebenso Älteste und Diakone, jedoch behält die Einzelgemeinde die bindende Autorität (ohne einem übergeordneten Konzil). Nach diesem Prinzip sind manche Freikirchenverbände wie beispielsweise Baptisten oder die Freien Evangelischen Gemeinden strukturiert.

Absonderung vs. Veränderung

Oft vergessen und für den Alltag einer Gemeinde und von Einzelnen von prägender Bedeutung ist das gelebte Verständnis zur umgebenden Kultur. Diese scheint mir übrigens hinter manchen Streitigkeiten und Unstimmigkeiten innerhalb des konservativen Lagers – konservativ hier im Sinne der Anerkennung der Schriftautorität – zu stehen. Grob gesagt kann hier zwischen einer sogenannten „tertullianischen“ und einer „augustinischen“ Position unterschieden werden. Tertullian (150–220 n. Chr.) hob die Gegenweltlichkeit und Absonderung stark hervor. Jerusalem (das Volk Gottes) hat nichts mit Athen (der Welt) zu tun. Augustinus (365–430) ging einen eher synthetischen Weg. Er integrierte durch die „Linse“ des Wortes Gottes Elemente der umgebenden Kultur. Ich persönlich sehe beide Ansätze als gegenseitige Ergänzung. Auf der einen Seite ist die Unterscheidung zwischen diesem und dem kommenden Zeitalter wesentlich (vgl. Lk 18,30; Eph 1,21). Ebenso bedeutsam ist jedoch, dass wir sehen, dass im jetzigen Zeitalter die Kirche als Erstlingsfrucht (2Kor 5,18) einer neuen Schöpfung bereits eine teilweise Wiederherstellung durch die Erlösung erfährt. Der Evangelist und Apologet Francis Schaeffer spricht von der „substanziellen“, aber nicht vollständigen Heilung durch die Wiedergeburt. Geistlich erfährt der wiedergeborene Mensch eine grundsätzliche Wiederherstellung; manche körperlichen und psychischen Aspekte werden jedoch erst in der zukünftigen Welt geheilt sein.

Die Auswirkungen dieser Wiederherstellung können entweder unter- oder überschätzt werden. Dies betrifft in erster Linie einmal die Ehe und Familie als Kernzellen der Gesellschaft, wie Paulus in den Haustafeln (Epheser 5; Kolosser 3) deutlich macht. Sie greift jedoch darüber hinaus und erstreckt sich auch auf Initiativen von Christen im gesellschaftlichen Bereich, etwa wenn Schulen gegründet oder Spitäler gebaut werden. Über die letzten 2000 Jahre hat das Christentum große Spuren auf allen gesellschaftlichen Ebenen hinterlassen. Einerseits gilt es, die Unterscheidung in zwei Reiche (wie sie Martin Luther vorgetragen hat) zu beachten. Es gibt ein geistliches und ein weltliches Regiment. Der Christ ist in beiden Reichen tätig. Ergänzend dazu muss jedoch festgehalten werden, dass es nur eine Wirklichkeit und ein Leben gibt, das wir vor Gott leben. Es droht die doppelte Gefahr der Vermischung oder der Trennung der beiden Reiche.

Rückblick und Fazit

Worum ist es mir in dieser Artikelreihe gegangen? Ich habe versucht die reformatorische Theologie in ihren Grundzügen verständlich darzustellen. Die Frage eines Bloglesers bildete den Anlass, darüber nachzudenken und eine aktuelle Antwort zu verfassen. Daraufhin habe ich Kritik von zweierlei Seiten bekommen: Die einen stören sich daran, dass über eine „evangelikale“ Position hinaus für eine reformatorische Sichtweise weitere Präzisierungen vorgenommen werden. Die anderen hielten sich daran auf, dass ich nicht exklusiv von einem reformierten Bekenntnis aus argumentiert habe. Es war mir jedoch ein Anliegen, eine eigenständige Antwort zu formulieren und dabei die Schwerpunkte zu betonen, die eine explizit reformatorische Sichtweise angesichts der Fragen der Gegenwart setzt.

Nach der Frage über den Ursprung (Kirchenväter und Reformatoren im Rückbezug auf das Wort Gottes) ging es mir vor allem darum, die Autorität des Wortes Gottes in den Vordergrund zu stellen. Die Frage nach dem Dreieinigen Gott steht am Anfang der systematischen Überlegungen. Es geht um seine Souveränität, seine Dreieinigkeit und die Spannung zwischen dem Überschreiten der Schöpfung (Transzendenz) bei gleichzeitigem Eingreifen in sie hinein (Immanenz). Die Christologie ist geprägt von der Lehre des Bundes zwischen Gott und dem ersten bzw. zweiten Adam. Die ganze Schrift soll auf Christus hin gelesen werden. Die Lehre über den Menschen gründet auf der Gottesebenbildlichkeit und hält die Beeinträchtigung des Menschen durch den Sündenfall dazu im Gleichgewicht. Ursprungs- und nicht nur Tatsünde und die volle Verantwortung des Menschen dafür sind ebenso integriert wie die vollständig von Gott ausgehende Erlösung. Die Rechtfertigung durch Glauben als Geschenk, die Identifikation mit Christus und der fortdauernde Heiligungsprozess als gleichzeitig Gerechtfertigter und noch Sünder gehören zu den neutestamentlichen Grundlehren, wie sie besonders Paulus hervorhebt. Die christliche Kirche lebt von der kontinuierlichen Auslegungspredigt, woraus hingegebene Evangelisation und die Integration leidvoller Erfahrungen als Teil des Heiligungsprozesses folgt. Ich rundete die Reihe durch die beispielhafte Auszählung von fünf Bereichen der sogenannten „Mitteldinge“ ab, bei welchen unterschiedliche, biblisch begründete Sichtweisen bestehen.

Hanniel Strebel hat an der Fachhochschule Betriebswirtschaft studiert und arbeitet in der betrieblichen Erwachsenenbildung. Nebenberuflich studierte er Theologie (MTh, USA) und promovierte über die Theologie des Lernens bei Herman Bavinck (PhD, USA). Er und seine Frau haben fünf Söhne. Hanniel bloggt unter www.hanniel.ch.