Worauf es bei der Ausbildung zukünftiger Leiter ankommt

Buchauszug von Ron Kubsch
28. Mai 2021 — 5 Min Lesedauer

Schon vor Karl Barth hatte ein Deutscher durchschaut, dass die europäische Theologie seit der Neuzeit eine verhängnisvolle Richtung eingeschlagen hat. Erich Schaeder, Professor für Theologie in Breslau, schrieb vor ungefähr 90 Jahren:

„Man kann der durch Schleiermacher hervorgerufenen und beeinflussten Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts die Kritik nicht ersparen, dass sie in verkehrter Weise anthropozentrisch ist [Anm.: also auf den Menschen ausgerichtet ist]. Sie neigt in verschiedenen Formen und Graden dahin, die offenbare Herrlichkeit Gottes durch die Rücksicht auf den Menschen und auf das Menschliche zu verkürzen oder zu lädieren. In das Zentrum ihrer Betrachtung, in das Gott gehört, schiebt sich ihr mit größerer oder geringerer Energie der Mensch, oder er droht es zu tun.“[1]

Weder der theozentrische Ansatz von Erich Schaeder noch der Wort Gottes-Ansatz von Karl Barth hat den auf den Menschen ausgerichteten Zug in der Theologie auf angemessene Weise überwinden können. Trotzdem ist die Diagnose dieser beiden Gelehrten bemerkenswert klar und weist auf eine unbewältigte Aufgabe hin. Nehmen wir uns einige Minuten Zeit, um über dieses geistliche „Grundproblem“ nachzudenken.

„Der Humanismus war sehr innovativ, hat aber zugleich den Menschen überhöht. Wir können das überall in unserer Kultur herauslesen.“
 

Die Neuzeit oder, wie wir auch sagen, die Moderne, die im 15. und 16. Jahrhundert einsetzte, beginnt mit dem Menschen. Während die Reformatoren ihre Theologie und Ethik mit dem Verweis auf Gott zu legitimieren versuchten, steht im Mittelpunkt der Moderne der Mensch. Alles dreht sich um den Menschen und sein Selbstverständnis. Das Denken startet nicht bei Gott, der sich uns Menschen gnädigerweise offenbart hat, sondern beim „Ich“. Diese Dynamik, die wir auch als Humanismus bezeichnen können, hat in der westlichen Welt tiefe Spuren hinterlassen. Der Humanismus war sehr innovativ, hat aber zugleich den Menschen überhöht. Wir können das überall in unserer Kultur herauslesen.

Besonders schön lässt sich das an der Frage der Rechtfertigung Gottes veranschaulichen. Das große Thema der Reformatoren war die Rechtfertigung des Menschen. Gefragt wurde, wie wir als Sünder vor einem heiligen Gott bestehen können („Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“). Der moderne Mensch tritt dagegen als Richter auf, vor dem sich Gott zu verantworten hat. Gott sitzt auf der Anklagebank. Wir zweifeln nicht nur, wir „halten Rat über Gott“. Um es in der Sprache eines Bildes auszudrücken, das von Jesaja (vgl. Jes 64,8), Jeremia (Jer 18,6) und dem Apostel Paulus (Röm 9,21–22) gemalt wurde: Der Ton verklagt seinen Töpfer.

Diese hochmütige und „aufgeklärte“ Grundstimmung dominiert unsere Kultur und leider zunehmend den Duktus verbreiteter Literatur in den evangelikalen Kreisen. Wir wollen Gott vorschreiben, wie er zu sein hat, damit wir ihm vertrauen können. Gott hat sich nach uns zu richten.

Wie tief dieser Virus humanistischen Denkens bereits in die Theologie der bekenntnisorientierten Kreise eingedrungen ist, wurde mir schlagartig deutlich, als ich in einer TV-Sendung eines christlichen Werkes hörte, dass wir gelegentlich auch Gott zu vergeben hätten.[2] Überlegen wir einmal, was hier behauptet wird. Jesus lehrt uns, dass niemand gut ist außer Gott allein (vgl. Mk 10,18; par Lk 18,19). Hier wurde jedoch vorausgesetzt, dass Gott an uns schuldig wird und es uns gut tut, Gott zu vergeben.

Solange wir als Christen die stolze und narzisstische Haltung des neuzeitlichen Menschen verinnerlichen, fehlt uns die Perspektive der Propheten und Apostel. „O Mensch, wer bist du eigentlich, dass du mit Gott zu rechten wagst? Wird etwa das Werk zum Meister sagen: Warum hast du mich so gemacht?“ (Röm 9,20; ZÜ). „Es liegt also nicht an jemandes Wollen oder Mühen, sondern an Gott, der sein Erbarmen zeigt“ (Röm 9,16; ZÜ).

„Das ‚allein zur Ehre Gottes‘ muss unser Trachten und Ringen um die Zukunft der Gemeinde Jesu bestimmen.“
 

Es geht nicht um uns. Wir sind dafür da, Gott zu verherrlichen. Die Ehre Gottes ist der Sinn von Schöpfung, Errettung und Verwerfung. Wir sind die Gefäße, an denen Gott seine Barmherzigkeit erweist. Unsere Aufgabe ist es, die Güte Gottes zu loben und zu bezeugen, dass uns die Liebe Gottes in Jesus Christus erschienen ist. Es ist wichtig, sich über neue Methoden der Ausbildung und angemessene pädagogische Konzepte Gedanken zu machen. Wir sind aufgefordert, mit viel Mut und Kreativität für eine Verbesserung der Ausbildung zu sorgen. Wir werden aber unser Ziel verfehlen, wenn wir uns weiter im Fahrwasser der neuzeitlichen Theologie bewegen, die den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt gestellt hat. Unser Anliegen muss es sein, in Lehre und Ausbildung sowie in Praxis und Seelsorge, die durch Jesus Christus ermöglichte Gottesgemeinschaft als einzigen legitimen Erfüllungsraum unserer menschlichen Sehnsüchte zu proklamieren. Wir sind dafür da, Gott die Ehre zu geben. Die Christusgemeinschaft ist unsere Berufung und unser Glück. John Piper hat es einmal so gesagt: „Des Menschen Hauptziel ist es, Gott zu verherrlichen, indem er sich für immer an Ihm erfreut“.[3] Hier klingt nach, was wir im Westminster Katechismus[4] lesen: „Was ist das höchste Ziel des Menschen?: Das höchste Ziel des Menschen ist, Gott zu verherrlichen und sich für immer an ihm zu erfreuen“. Das Gebot der Stunde heißt also Umkehr. Das „allein zur Ehre Gottes“ muss unser Trachten und Ringen um die Zukunft der Gemeinde Jesu bestimmen.

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Die weiteren Aspekte beschreibt Ron Kubsch in dem Buch Das Evangelium für die nächste Generation. Das Buch steht hier kostenlos als PDF zur Verfügung.


[1] Erich Schaeder, Theozentrische Theologie, Bd. 1, 3. Aufl., Deicherische Verlagsbuchhandlung, Erlangen 1925, S. 3.

[2] Siehe dazu: „Jesus, ich vergebe dir“: URL: http://www.theoblog.de/jesus-ich-vergebe-dir/5875/ [Stand: 25.07.2011].

[3] John Piper, Sehnsucht nach Gott: Leben als christlicher Genießer, 3L Verlag, Waldems 2005, S. 26-27.

[4] Siehe URL: http://www.bucer.org/uploads/media/mbstexte061.pdf [Stand: 03.04.2012].

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.