Hebrew for Life

Rezension von Kai Soltau
27. Mai 2021 — 7 Min Lesedauer

Muskelschwund

Verwenden wir unsere Muskeln nicht, dann bringt der Körper auch nicht die Energie auf, das Muskelgewebe zu erhalten, sondern wird es stattdessen loswerden. Die Autoren von Hebrew for Life benutzen diese Analogie des „Muskelschwunds” für den Verlust des mühsam erlernten Bibelhebräisch und -griechisch: Werden die Originalsprachen nicht aktiv geübt, wiederholt und gefördert, dann gehen sie mehr und mehr verloren. Die meisten Theologiestudenten und Pastoren haben das wohl bereits bitter erleben müssen. Nach intensiven Semestern des Lernens der Sprachen kommt man schnell aus der Übung und unser Hebräisch und Griechisch „verrostet”.

Die Autoren des 2020 erschienenen Buches Hebrew for Life: Strategies for Learning, Retaining, and Reviving Biblical Hebrew (dt. „Hebräisch fürs Leben: Strategien fürs Erlernen, Aufrechterhalten und Wiederbeleben des Bibelhebräisch”) wollen ihren Lesern deshalb Strategien nahelegen, wie sie den Muskelschwund ihrer Hebräischfertigkeiten aufhalten bzw. vermeiden können.

Bereits 2017 hatten zwei der drei Autoren gemeinsam das Buch Greek for Life (dt. „Griechisch fürs Leben”) herausgebracht. Der Vergleich der einzelnen Kapitelüberschriften deutet die Ähnlichkeit und Überschneidung der beiden Bücher an. Wie im Vorwort vermerkt, hat Adam Howell nun drei Jahre später die acht Kapitel von Merkle und Plummers Greek for Life grundlegend überarbeitet und auf das Bibelhebräisch adaptiert. Ergänzend verfasste er dann noch ein eigenes Kapitel zum Bibelaramäisch. Einige Unterüberschriften des letzten Kapitels fassen viele Aspekte dieses Buches zusammen:

  1. Entdecke, warum du Hebräisch lernen und aufrechterhalten solltest;
  2. Sei ehrlich über die Zeit, die du zur Verfügungen hast, und über deine Hebräischkompetenz;
  3. Nutze die Zeit, die dir zur Verfügung steht;
  4. Sei offen und demütig, indem du dir von anderen helfen lässt, die vielleicht schon weiter fortgeschritten sind;
  5. Setze dir keine zu hohen und unrealistischen Ziele;
  6. Nutze die Kraft der Routine, indem du das Lesen und Wiederholen des Hebräischen zum festen Bestandteil deines Tagesablaufs machst.

Ein empfehlenswertes Buch

Das Buch ist in vieler Hinsicht sehr empfehlenswert, denn es gelingt den Autoren wirklich, zum lebenslangen Lesen und Lernen von Hebräisch zu animieren, weil sie ihren Lesern die dafür nötigen Strategien vor Augen führen.

Motivierend

Dieses Buch hat sicherlich in erster Linie diese Wirkung, weil es anspornend und ermutigend geschrieben **ist. Die Autoren betonen, dass das Lernen und Einsetzen von Hebräisch „als sein Ziel die allerwichtigste Sache im ganzen Leben hat: die Erkenntnis Gottes, wie sie in der Schrift offenbart wird” (S. 2). Sie nennen es die „robuste Freude, Gottes Wesen zu erblicken, wie es im AT offenbart wird”, die es „jede Minute wert machen, die du in das Erlernen und Aufrechterhalten deines Hebräisch investierst” (S. 3).

„Ist es nicht das Wort Gottes, das wir über alles schätzen und lieben? Sollte diese Tatsache uns nicht motivieren, es im Original zu lesen?“
 

Die Autoren betonen am Ende des ersten Kapitels („Das Ziel der Ernte”), welch ein Privileg es ist, überhaupt Hebräisch (und Griechisch) gelernt zu haben. Und dieses Privileg bringt auch eine gewisse Verpflichtung mit sich, das Meiste aus dieser Gabe zu machen – zum persönlichen geistlichen Wohl, wie auch zum Wohl (und Schutz) derjenigen, denen wir am Wort dienen (S. 19).

Auch reden die Autoren ihre Lesern ins Gewissen und fordern sie heraus, zu überdenken, wie viel Zeit sie z.B. im Internet, in den Sozialen Medien oder mit unnötigem Netflix- und Fernsehkonsum vergeuden. Könnte und sollte diese Zeit nicht viel besser mit dem Erlernen und Pflegen von Hebräschkenntnissen genutzt werden (vgl. S. 36 ff.)?

Das zweite Kapitel („In der Waage gewogen und für mangelhaft befunden”) schließt mit der Frage, was wir wirklich wertschätzen und lieben (S. 41)? Ist es nicht das Wort Gottes, das wir über alles schätzen und lieben? Sollte diese Tatsache uns nicht motivieren, keine Mühe zu scheuen, in die Fähigkeit (und Freude) zu investieren, das Wort Gottes immer besser und gründlicher in seinem Original zu lesen und Gott auf diesem Wege immer besser kennenzulernen?

Interessant

Das Buch animiert auch deshalb zum fortlaufenden Hebräischlernen, weil es interessante Erkenntnisse und Studien aus ganz unterschiedlichen Bereichen zusammenbringt: Von Studien darüber, wie Menschen im heutigen Computer-Zeitalter ihre Zeit nutzen oder auch vergeuden, bis hin zu Studien zu den effektivsten Lernmethoden. Das Buch bietet u.a. Einblicke aus der Pädagogik, unterschiedlichen Lerntechniken und der Psychologie.

Für das Lernen und Wiederholen von Vokabeln oder Paradigmen empfehlen die Autoren etwa, häufiger (z.B. täglich) in kurzen Abschnitten zu lernen, anstatt ab und zu in längeren Zeitblöcken (S. 50). Das fünfte Kapitel („Nutze deine Ferien strategisch”) beschäftigt sich damit, wie man sein Hebräisch frisch halten kann – insbesondere auch als Student über die Semesterferien. Dieses Kapitel wendet die Ergebnisse einer Studie darüber, wie Grundschulkinder über die Sommerferien ihre Lesefähigkeiten aufrechterhalten und verbessern, auf das Aufrechterhalten von Hebräisch an. Ein Aspekt wird dabei deutlich: Das Lernen in Gemeinschaft bringt unzählige Vorteile mit sich – sei es durch die Rechenschaft oder den Druck, den das Lernen mit anderen aufbaut (möglicherweise sogar eine Art Wettbewerb), oder einfach durch die Freude, gemeinsam Gott in seinem Wort in den Originalsprachen besser kennenzulernen.

Praktisch und konkret

Das Buch ist nicht nur motivierend und interessant geschrieben, sondern gibt auch ganz praktische und konkrete Tipps und Strategien, wie ein anhaltendes Lernen und Einsetzen von Hebräisch aussehen kann und soll. So empfehlen die Autoren z.B., dass man beim Hebräischwiederholen durch leises und lautes Lesen, Schreiben, Hören, Singen und Auswendiglernen so viele Sinne wie möglich einsetzen sollte (S. 56 ff.). Das ganze vierte Kapitel beschäftigt sich dabei mit Strategien, wie man sein eigenes Gedächtnis und seine Fähigkeiten für das Auswendiglernen von Hebräischvokabeln trainieren und ausbauen kann. Das Buch enthält sogar Tipps, wie man im geschäftigen Pastorendienst Zeit schaffen kann, sein Hebräisch zu pflegen.

Ein Aspekt, der dieses Buch sicherlich sehr wertvoll und praktisch macht, ist die sehr reichhaltige und ausführlich kommentierte Bibliographie (Stand 2020!) von Ressourcen für Hebräisch – jedoch natürlich leider nur von englischsprachigen Werken. Neben den unterschiedlichsten Ausgaben von hebräischen und interlinearen Bibeln und „Readers” (Bibeln, die hilfreiche Vokabel- und Grammatikhilfen zum flüssigeren Lesen des Textes enthalten), die im sechsten Kapitel vorgestellt werden, enthält das siebte Kapitel eine ausführliche Liste von Bibeln, Lehrbüchern, Grammatiken, Lexika, Computer-Software, Vokabelhilfen, hebräischen Handbüchern und Smartphone-Apps, die es sich lohnt zu lesen.

Klein anfangen

Die Autoren von Hebrew for Life malen ihren Lesern vor Augen, dass sie vieles schaffen können, wenn sie sich nur die richtigen (und realistischen) Ziele setzen und bereit sind, regelmäßig Zeit für diese Ziele einzusetzen (vgl. S. 103). Am Anfang vom sechsten Kapitel beschreibt einer der Autoren, einen übergewichtigen Mann, dem er über einen längeren Zeitraum täglich im Fitnesscenter begegnet ist. In kleinen Schritten hat er Tag für Tag ein wenig mehr geschafft und geleistet – bis er am Ende ziemlich fit war.

Was für ein ermutigendes und hilfreiches Bild dafür, ein lebenslanges Hebräischlesen und -lernen anzugehen! Anfangs sind es vielleicht nur kleine Schritte (z.B. täglich einen einzigen Vers in einer interlinearen Bibel, ein paar Seiten aus einem Hebräischlehrbuch zu lesen oder einige Vokabeln zu wiederholen), aber jede regelmäßige Übung und Vertiefung trägt dazu bei, das „Bibelhebräisch-Muskelgewebe” langsam wieder aufzubauen und seine „Hebräischmuskeln” immer erfolgreicher zu nutzen. Und der Lohn, Gott und sein kostbares Wort auf diese Art und Weise in besonderer Hinsicht kennenzulernen, ist unvergleichbar!

Buch

Adam J. Howell, Benjamin L. Merkle, Robert L. Plummer, Hebrew for Life: Strategies for Learning, Retaining, and Reviving Biblical Hebrew, Baker Academic 2020, 240 Seiten, ca. 19 Euro.

Kai Soltau ist Dozent für Biblische Studien und unterrichtet an verschiedenen theologischen Ausbildungsstätten. Er ist Pastor und Gemeindegründer in Wien, einer der Leiter von Langham Österreich und Vorstandsmitglied von Evangelium21. Kai und seine Frau Missy haben zwei Kinder.