Warum es sich lohnt, 1. Petrus zu studieren

Artikel von Matthias Lohmann
25. Mai 2021 — 8 Min Lesedauer

Hast Du ein Ziel, dem du alles andere unterordnest? Ich habe Freunde, die sich das Ziel gesetzt haben, einen Marathon in einer bestimmten Zeit zu absolvieren. Dieses Ziel motiviert sie, extra früh aufzustehen, um vor dem Arbeitstag eine Laufeinheit zu absolvieren. Dabei lassen sie sich auch nicht von beißender Kälte und strömendem Regen aufhalten. Und selbst ihre Ernährung haben sie umgestellt. So manche vorher scheinbar unverzichtbare Leckerei wird konsequent gemieden. Für andere sind es ganz andere Ziele, auf die sie zielstrebig hinarbeiten und für die sie Anderes zurückstellen. Was auch immer unsere Ziele sind, sie geben unserem Leben Fokus.

Leider scheinen viele Christen für ihren Glaubens- und Lebensweg keine großen Ziele zu haben. Das führt dann dazu, dass sich manche Christen in dieser Welt zu bequem einrichten, während andere an den Herausforderungen, die ihnen auf ihrem Weg begegnen, zu verzweifeln drohen. Das vor allem deshalb, weil ihnen sowohl die notwendigen Kategorien fehlen, um Schwierigkeiten und Leid einordnen zu können, wie auch die klare Hoffnung, die sie befähigen würde, schwere Zeiten getrost durchzustehen. Deswegen tun Christen gut daran, den 1. Petrusbrief zu lesen.

Denn durch diesen Brief erinnert der Apostel Petrus Christen daran, dass sie als auserwählte Fremdlinge hier auf Erden auf einer Pilgerreise sind. Und er ruft sie dazu auf, während dieser Pilgerreise drei wesentliche Beziehungen klar im Blick zu haben. Hierzu gehören 1) die Beziehung zu Gott, der sie auserwählt hat, 2) die Beziehung zu der Welt, in der sie als Fremdlinge leben und 3) die Beziehung zu ihren Glaubensgeschwistern, mit denen sie diese Pilgerreise bestreiten.

Wir gehen durch diese Welt als auserwählte Fremdlinge

Gleich zu Beginn nennt Petrus seine Leser „auserwählte Fremdlinge“ (1,1). Das verlieren Christen gerade in der westlichen Welt leicht aus dem Blick. Wir richten uns in dieser Welt bequem ein, so als wäre sie unsere ewige Heimat. Doch das ist sie nicht. Wir sind hier nur auf der Durchreise. Wir wurden durch Gott wiedergeboren „zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das aufbewahrt wird im Himmel“ (1,3f). Petrus hilft uns dabei, unseren Blick auf das zu richten, was erst noch offenbar werden wird, so dass wir im Wissen um die zukünftige Herrlichkeit, in dieser Zeit Trauer und Anfechtungen durchstehen können (1,5f).

Somit können uns schon die ersten neun Verse des Briefs dabei helfen, den Verlockungen dieser Welt zu widerstehen, die uns dazu bringen könnten, unsere Pilgerreise abzubrechen – und sie geben uns die Ermutigung, die wir brauchen, um gerade auch in besonders schweren Zeiten die Hoffnung nicht zu verlieren. Diese Ausrichtung geschieht durch drei wesentliche Beziehungen:

1. Die Beziehung zu Gott, der uns erwählt hat

Die ganze Bibel lehrt uns, dass unsere Beziehung zu Gott von größter Bedeutung ist. Doch viele Christen haben falsche Vorstellungen von dieser Beziehung. Manche denken, dass unsere Beziehung zu Gott dadurch beginnt, dass wir uns für Gott entscheiden. Petrus lehrt uns hingegen, dass es Gott allein war, der in seiner großen Barmherzigkeit und Liebe die Beziehung mit uns begonnen hat (1,1f). Diese große Wahrheit greift Petrus im Laufe des Briefs immer wieder auf (1,3; 1,15; 2,9; 3,9; 5,10).

Petrus zeigt uns, wie alle drei Personen des dreieinen Gottes dabei zusammenwirken. Unsere Erwählung beruht darauf, dass uns „Gott, der Vater, ausersehen hat“ (1,2). Gott, dem Vater gebührt unser Lob für unsere Errettung, die durch seinen Sohn Jesus Christus vollbracht wurde (1,3; 1,18–21; 2,21–24). Die Erlösung wurde uns zuteil „durch die Heiligung des Geistes“ (1,2). Der 1. Petrusbrief erinnert uns daran, dass unsere Beziehung zu Gott bei ihm ihren Ursprung hat. In seiner souveränen Gnade wirken alle drei Personen des einen Gottes zu unserem ewigen Wohl zusammen. Das sollte uns dazu bringen, unseren Gott mit dankbaren Herzen anzubeten.

Außerdem erinnert uns Petrus daran, dass Gott uns in allen Nöten und Anfechtungen nie alleine lässt. Wir werden „aus Gottes Macht durch den Glauben bewahrt“ (1,5). Der Gott aller Gnade wird euch, „die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen“ (5,10). Gerade in Zeiten großer Schwachheit ist dieser Zuspruch eine dringend notwendige Ermutigung.

Und schließlich sollten wir bedenken, dass Gott uns zu einem Ziel erwählt und wiedergeboren hat, nämlich

„zu einer lebendigen Hoffnung (…) zu einem unvergänglichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbe (…) zur Seligkeit, die bereit ist, dass sie offenbar werde zu der letzten Zeit“ (1,3–5).

Der Weg hin zu diesem Ziel ist der Weg der Heiligung, auf den uns Gott durch sein Wort ruft. Dabei ist der Ruf zur Heiligung gegründet in dem, was Gott für uns getan hat, was er gegenwärtig in uns tut und was er noch tun wird, damit wir dieses Ziel erreichen. Der 1. Petrusbrief kann uns eine große Hilfe dabei sein, die Balance zwischen dem Vertrauen auf Gottes Bewahrung und dem Auftrag, selbst aktiv zu werden, zu halten. Denn Petrus lehrt in aller Klarheit, dass der souveräne Gott seine Erwählten sicher an ihr Ziel bringen wird. Doch das hindert den Apostel nicht daran, die Gläubigen daran zu erinnern, dass Gott uns ohne Wenn und Aber zur Heiligung ruft.

2. Die Beziehung zu der Welt, in der wir leben

Petrus adressiert Christen als Fremdlinge. Einst waren sie in dieser Welt zuhause. Aber dann hat Gott in seiner großen Barmherzigkeit und Liebe eingegriffen und sie aus dieser Welt herausgerufen und als seine Kinder angenommen. Unsere Aufnahme in die Familie Gottes sollte sich nun auch in unserem Leben zeigen. Petrus schreibt dazu:

„Als gehorsame Kinder gebt euch nicht den Begierden hin, denen ihr früher in der Zeit eurer Unwissenheit dientet; sondern wie der, der euch berufen hat, heilig ist, sollt auch ihr heilig sein in eurem ganzen Wandel“ (1,14f).

Diesen Ruf müssen wir dringend hören, denn die Versuchung, uns dieser Welt anzupassen, ist allgegenwärtig.

In 1 Petr 4,3f ermahnt Petrus die „auserwählten Fremdlinge“ nicht wieder in frühere Verhaltensmuster zurückzufallen und sich damit dieser Welt anzupassen. Christen sollten damit rechnen, in dieser Welt auf Widerstand zu stoßen (3,14; 3,17; 4,4; 4,13f; 5,10). Schließlich folgen sie dem Christus nach, der viel Leid und Widerstand erfahren hat (1,11; 2,2ff; 3,18; 4,1; 4,13).

„Wenngleich also das Leben als Christ in dieser Welt von Widerstand und Bedrängnis geprägt sein kann, so ist all das nicht sinnlos.“
 

Wenngleich also das Leben als Christ in dieser Welt von Widerstand und Bedrängnis geprägt sein kann, so ist all das nicht sinnlos. Denn gerade dadurch, dass wir anders leben als die gottlose Welt um uns herum, können wir den Menschen ein Zeugnis von unserem Herrn geben. So schreibt Petrus:

„Liebe Brüder, ich ermahne euch als Fremdlinge und Pilger: Enthaltet euch von fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten, und führt ein rechtschaffenes Leben unter den Heiden, damit die, die euch verleumden als Übeltäter, eure guten Werke sehen und Gott preisen am Tag der Heimsuchung“ (2,11–12).

Ein gottgefälliges Leben wird in dieser Welt Fragen aufwerfen und Christen sollten allezeit bereit sein, „zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist“ (3,15).

Natürlich ist es nicht leicht, so zu leben. Aber der Herr hilft den Seinen, so dass sie erfolgreich ihre Pilgerreise beenden können. Ein Mittel, das der Herr gebraucht, um seine Erwählten sicher ans Ziel zu bringen, sind andere Pilger, die er ihnen zur Seite stellt.

3. Die Beziehung zu Glaubensgeschwistern, die mit uns auf dem Weg sind

Wenngleich Petrus seinen ersten Brief nicht unmittelbar an eine Gemeinde adressiert, so schreibt er doch an die auserwählten Fremdlinge im Plural und ruft sie dazu auf, gemeinsam den Weg des Glaubens durch diese Welt zu gehen. Gerade in dieser sehr individualistisch ausgerichteten Zeit und Gesellschaft ist das ein Ruf, den wir dringend hören müssen.

Immer wieder ruft Petrus die Gläubigen zu tätiger Bruderliebe auf (1,22; 3,8; 4,8). Christen sollen sich als „lebendige Steine“ zu einem „geistlichen Haus“ vereinen lassen und so Gott die Ehre geben (2,5). Inmitten einer ihnen feindlich gesinnten Welt sollten Christen füreinander da sein und einander mit denen ihnen von Gott gegebenen Gaben dienen (4,10). Der himmlische Vater hat seinen Kindern alles gegeben, was sie für ihre Pilgerreise brauchen. Allerdings hat er nicht jedem Einzelnen alles gegeben, was er persönlich braucht. Vielmehr gibt der Herr so, dass Gemeinden gemeinsam alles haben, was sie gemeinsam brauchen, um den Weg zum herrlichen Ziel gemeinsam zu gehen. Deswegen ist es unabdingbar, dass Christen ihre Pilgerreise zusammen mit anderen gehen, so dass sie einander auf dem Weg unterstützen können, bis das Ziel erreicht ist.

In Gottes Weisheit ruft er Christen nicht nur in die Gemeinschaft von Gemeinden zusammen, sondern er gibt ihnen auch Unterhirten, die diese Gemeinden in hingebungsvoller Liebe leiten sollen (5,1ff). Dabei wird denen, die diese dienende Leiterschaft in Gottes Sinne ausüben und die Herde Gottes auf ihrer Pilgerreise treu führen, ein besonderer Lohn versprochen, wenn sie ihre Aufgabe vollendet haben (5,4). Sowohl ein solcher Leitungsstil, wie auch die Bereitschaft, sich in eine Gemeinde einzufügen und sich Leitern unterzuordnen, steht in einem grundlegenden Spannungsverhältnis zum Zeitgeist. Doch genau das will Gott gebrauchen, um seine Auserwählten zum herrlichen Ziel zu bringen.

Fazit

Ob es sich lohnt, für das Ziel, einen Marathon in einer bestimmten Zeit zu absolvieren, besondere Anstrengungen auf sich zu nehmen und auf manches zu verzichten, mag jeder für sich selbst beurteilen. Das Ziel, auf das uns der 1. Petrusbrief verweist, ist das auf jeden Fall wert. Durch diesen Brief gibt Gott seinen Kindern Ermutigung, Motivation und Wegweisung, so dass sie ihren Lauf vollenden und das Ziel erreichen werden.

Deswegen lohnt es sich, den 1. Petrusbrief sorgfältig zu lesen.

Buchempfehlung

Der Artikel findet sich ausführlicher in dem Buch Die Botschaft des Neuen Testamentes.

Matthias Lohmann ist Pastor der FEG München-Mitte, erster Vorsitzender von Evangelium21 und gehört dem Leitungs- und Dozententeam des Münchener Studienzentrums des Martin Bucer Seminars an. Er studierte Politikwissenschaften, VWL und Neuere Geschichte und war danach in Managementpositionen in Deutschland und den USA tätig. In dieser Zeit erwarb er am Reformed Theological Seminary in Washington DC einen Masterabschluss. Er und seine Frau Sarah haben zwei Töchter.