Das Wort Gottes als Mittel der Gnade

Artikel von Keith Mathison
20. Mai 2021 — 8 Min Lesedauer

Manchmal hört man von talentierten Sportlern, Künstlern oder Autoren, die jedoch unterschätzt werden. Ihr Werk wird trotz ihrer Fähigkeiten kaum beachtet und sie erhalten nicht die ihnen gebührende Ehre. Man staunt manchmal, wie beliebt und erfolgreich weniger talentierte Leute sind und wundert sich, warum unsere Kultur so oberflächlich auf einen hohlen Starkult fokussiert ist. Wir sollten dabei aber bedenken, dass sich in unserer Welt ein ähnliches Muster in einer viel schlimmeren Entwicklung beobachten lässt: das wahrhaftige Wort Gottes wird unterschätzt. Als Christen sollten wir standhaft daran festhalten, das Wort Gottes wertzuschätzen. Denn Gott gebraucht es als sein hauptsächliches Mittel, um seine Gemeinde zu bauen.

Die Kraft des Wortes Gottes

Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass Gottes Wort kraftvoll ist. Es war Gottes Wort, das die ganze Schöpfung ins Leben rief (Ps 33,6; Joh 1,3). Selbst in diesem Moment ist es das Wort Gottes, das alle Dinge aufrechterhält (Heb 1,3). Während der großartigste Mensch und sein bestes Werk verwelken und verschwinden, bleibt das Wort Gottes für immer bestehen (Jes 40,8). Während wir das Herz und den Verstand von anderen nur schwer beeinflussen können, gilt für das Wort Gottes

„Das Wort Gottes ist lebendig und wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwer und durchdringend bis zur Scheidung von Seele und Geist, sowohl der Gelenke als auch des Marks, und ein Richter der Gedanken und Gesinnung des Herzens“ (Heb 4,12).

Das Wort Gottes ist das Werkzeug zur Veränderung der Gläubigen, „denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem Samen, sondern aus unvergänglichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes“ (1Pet 1,23).

Wir müssen uns daran erinnern, dass das lebendige Wort Gottes großes Wachstumspotenzial besitzt. In der Apostelgeschichte finden wir einen faszinierenden Bericht von der Ausbreitung des Wortes Gottes. Die Apostel konzentrierten sich unbeirrbar auf das Gebet und den „Dienst des Wortes“. Sie verstanden, dass dies das Zentrum ihres Dienstes bildete (Apg 6,1–4). Infolgedessen lesen wir unglaubliche Bericht darüber, wie die Gemeinde in der Apostelgeschichte wächst. Tausende Menschen werden „hinzugefügt“. Doch es gibt in der Apostelgeschichte vermutlich noch einer stärkere Betonung darauf, dass das Wort sich ausbreitet, wächst, sich vermehrt und überwindet (Apg 6,7; 12,24; 13,49; 19,20). Wenn man die Apostelgeschichte im Gesamten betrachtet, entpuppt sie sich wie ein Bericht über das Wachstum der Gemeinde auch als ein Bericht über das Wachstum des Wortes. Anstatt zuerst den Fokus auf die Auswirkungen des Wortes zu legen (die Gemeinde wächst), sollten wir deshalb zunächst eine gesunde Wertschätzung für die Präsenz und das Wachstum des Wortes selbst haben.

Das Zeugnis der Schrift sollte uns zu folgendem Bekenntnis führen: Das Wort Gottes ist von höchster Bedeutung für das Leben der Gemeinde. Es sollte niemals vernachlässigt werden. Der Kürzere Westminster Katechismus (89) lehrt:

„Der Geist macht das Lesen, aber im Besonderes das Predigen des Wortes zu einem wirksamen Mittel zur Überführung und Bekehrung von Sündern, und um sie aufzubauen in Heiligkeit und Trost, durch Glauben zum Heil“.[1]

Wenn der Kürzere Katechismus hier vom Lesen und Predigen des Wortes Gottes als einem „Mittel“ spricht, so meint er damit ein Instrument oder ein Werkzeug. In gewissem Sinne ist ist es wie ein Lehrplan, den wir gebrauchen, um das Denken des Schülers zu prägen; oder ein bestimmter Prozess, um ein Stück Holz zu formen. Obwohl die Bibel also von Menschenhand produziert und von Menschen verkündigt wird ist es doch Gott selbst, der das Wort als ein Werkzeug nutzt, um in uns zu wirken. Der Apostel Paulus schrieb den Thessalonicherm, dass „als ihr von uns das Wort der Kunde von Gott empfingt, ihr es nicht als Menschenwort aufnahmt, sondern, wie es wahrhaftig ist, als Gottes Wort, das in euch, den Glaubenden, auch wirkt“ (1Thess 2,13).

Fokus auf Verkündigung

Beim Gebrauch der Bibel besteht die Hauptverantwortung der Gemeinde darin, sicherzustellen, dass das Wort sorgsam, gehaltvoll, wahrhaftig und im Vertrauen darauf, dass der Herr es gebrauchen wird, verkündigt wird. Der Sohn Gottes selbst war ein Prediger des Evangeliums (Luk 4,18). Seine Apostel wurden ausgesandt, um das Wort zu predigen. Männer wie Timotheus und Titus wurden berufen, in Vollmacht zu predigen und zu lehren (1Tim 4,13–14; Tit 2,13). Wir wären verloren ohne Prediger, die Gott sandte, um die gute Botschaft zu verkündigen, da „der Glaube aus der Verkündigung [kommt], die Verkündigung aber durch das Wort Christi“ (Röm 10,14–17). In Titus 1,3 lehrt Paulus, dass Gott „sein Wort offenbart [hat] durch die Predigt“. Das bedeutet, dass Gott sein Wort durch die Predigt „erweist“ oder „enthüllt“. Was dem natürlichen Menschen fremd ist, wird dadurch offenbar.

Wir müssen akzeptieren, dass nicht zu erwarten ist, dass Menschen losgelöst von der Predigt des Wortes Gottes die Realität der Sünde begreifen, zum Glauben an Christus gelangen oder die Breite und Tiefe der Schrift verstehen werden. Wie sorgsame Eltern den Charakter eines Kindes in erster Linie durch ihre Worte formen und prägen, so sammelt und formt der Herr seine Kinder in der Regel durch die Predigt seines Wortes.

Große Segnungen

Eine der großen Segnungen, die aus der treuen Verkündigung entsteht, besteht darin, dass sie uns unerwarteten Wahrheiten, Korrekturen und Ermutigungen aussetzt. Wenn wir mit uns selbst und unseren eigenen Gedanken beschäftigen, tendieren wir dazu, nach unseren eigenen Vorstellungen zu leben und zu lernen. In manchen Fällen endet dies darin, dass einzelne Teile der Schrift missbraucht werden. Wenn unsere regelmäßige Kost jedoch aus Auslegungspredigten besteht, die langfristig den „ganzen Ratschluss“ abdecken und alte und neue Dinge zeigen, kann man von einer gesunden geistlichen Ernährung sprechen. Ein Prediger, der die grundsätzliche Not der Gemeinde kennt, wird ihnen eine vielleicht herausfordernde, aber am Ende erfrischende Wegweisung hin zu „Pfaden der Gerechtigkeit“ geben (Ps 23,3). Fünfzehn mal sagt das Neue Testament: „Wer Ohren hat zu hören, höre!“

Die Schrift zeigt uns auch, wie der persönlichen Gebrauchs von Gottes Wort als Gnadenmittel uns zum Segen wird. Die Notwendigkeit der Verkündigung bedeutet nicht, dass Gläubige das Wort Gottes nicht auch für sich selbst studieren müssen. Der Psalmist erwachte früh und las das Wort (Ps 119,147–48). Die „edlen“ Beröer untersuchten die Schriften täglich (Apg 17,11). Sorgsames und fleißiges Lesen der Schrift wird dich zurüsten, der Predigt mit Unterscheidungsvermögen zuzuhören. Eine stetige und konsequente Ernährung durch persönliche Schriftlesung wird dich korrigieren und ausrüsten „für jedes gute Werk“ (2Tim 3,17). Es wird dich beständig zurechtweisen (V. 16), was vielleicht schwer, jedoch notwendig ist. Es wird dich häufig darauf hinweisen, dass du Christus brauchst. Es wird dich „weise machen zur Rettung“ und dir ein lehrmäßiges Fundament für deine Nachfolge geben (V. 15–16).

Wenn du die Bibel liest oder ihrer Verkündigung zuhörst geschieht mehr als dass nur bestimmte Ideen vermittelt werden. Das Wort Gottes ist nicht nur der geschriebene Text. Die Predigt ist mehr als nur eine Rede. Das Wort Gottes ist lebendig, da Gott durch seinen Heiligen Geist wirksam dadurch handelt. Hierfür gibt es viele Bilder in der Schrift. Der Herr sät durch sein Wort unvergänglichen Samen (1Pet 1,23), erzeugt dadurch Buße und Glauben (Röm 10), nährt unsere Seelen darin mit dem Brot des Lebens (Mat 4,4; Joh 6,35), erschafft dadurch eine Quelle lebendigen Wassers in unseren Herzen (Joh 7,28) und reinigt dadurch seine Gemeinde (Eph 5,26). Das Wort in uns wohnen zu lassen bedeutet, in Gemeinschaft mit Christus zu bleiben und seinem Willen Raum zu geben damit wir lernen, das göttliche und heilige zu begehren (Joh 15,7). Das Wort Gottes ist demnach ein unvergleichlich kostbares und kraftvolles Geschenk Gottes an uns, weil er dadurch wirkt. Im Wort begegnen wir Christus, und in der Begegnung mit Christus haben wir Gemeinschaft mit ihm.

Schließlich liegt für Christen eine große Zuversicht in der Tatsache, dass das Wort Gottes sich nicht verändert. Wir leben in einer Welt, in der der Wandel um seiner selbst willen als erstrebenswert erachtet wird. Dies führt zu vielen unklugen Veränderungen in Moral, Ethik und Lebensstil. Trends kommen und gehen. Doch wir können dankbar sein, dass wir als wortzentrierte Gemeinde (engl. „people of the Book“) dasselbe Wort mit der Gemeinde aller Zeiten gemeinsam bekennen. Das Wort Gottes als Mittel der Gnade hat nicht an Bedeutung oder Kraft verloren. Es wächst weiter und verbreitet sich in vielen Teilen der Welt. „Das Gras ist verdorrt, die Blume ist verwelkt. Aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit“ (Jes 40,8).


[1] Der kürzere Westminster Katechismus von 1647, MBS-Texte 61, S. 11. URL: https://www.bucer.org/fileadmin/_migrated/tx_org/mbstexte061.pdf [aufgerufen am 18.05.21].