Berufung

Rezension von Daniel Facius
19. Januar 2015 — 4 Min Lesedauer

Timothy Keller/Katherine Leary Alsdorf. Berufung – Eine neue Sicht für unsere Arbeit. Gießen: Brunnen-Verlag, 2014. 88 S. 22,00 €.

Der amerikanische Pastor und Gründer der Redeemer Presbyterian Church in Manhattan, Timothy Keller, hat in jüngster Zeit zahlreiche Bücher veröffentlicht, die durch den Brunnen-Verlag auch der deutschen Leserschaft zugänglich gemacht werden. Neben apologetischen Themen („Warum Gott?“ oder „Es ist nicht alles Gott was glänzt“) widmet er sich dabei auch ethischen Fragestellungen (zum Beispiel in „Warum Gerechtigkeit?“ oder seinem Ehe-Ratgeber), im vorliegenden Band etwa der christlichen Sicht auf die Arbeit. Co-Autorin ist Katherine Leary Alsdorf, eine frühere Wirtschaftsanalystin, die zurzeit das „Center for Faith & Work“ leitet und vor allem autobiographische Einblicke beisteuert. Das Buch ist gegliedert in drei größere Teile, mit der Keller Antworten auf drei Fragen geben will (S. 29): Warum brauchen wir Arbeit, um ein erfülltes Leben zu haben? Warum kommt es uns oft so fruchtlos, sinnlos und schwierig vor? Und wie können wir mit diesen Schwierigkeiten fertigwerden und durch das Evangelium Befriedigung in unserer Arbeit bekommen?

Im ersten Teil „Gottes Plan für unsere Arbeit“ wird anhand der Schöpfungsberichte aufgezeigt, dass die Bibel im Unterschied zu heidnischen Schöpfungsmythologien, in deren „goldenen“ Zeitaltern weder Menschen noch Götter arbeiten mussten, sowohl die Menschen als auch Gott selbst als „arbeitend“ beschreibt. Die Arbeit ist also nicht Folge des Sündenfalls, sondern „gehört zum Segen des Gartens Gottes“ und ist „ein menschliches Grundbedürfnis“ (S. 36). Weil sie das Bild des Schöpfers in uns spiegelt, ist sie „Zeichen unserer Würde als Menschen“ (S. 46).

Im vierten Kapitel erklärt Keller, wie Luther über seine Rechtfertigungslehre auch eine neue Arbeitsethik entfaltet: War „geistliche“ Arbeit nicht verdienstvoll, gab es keinen Grund mehr, sie für wichtiger zu halten als andere Formen der Arbeit. „So konnte Luther über die Gläubigen schreiben, dass auch ihre scheinbar weltlichen Werke ein Lobpreis und ein Gott wohlgefälliger Gehorsam sind“ (S. 70).

Im zweiten Teil schildert Keller „unsere Probleme mit der Arbeit“ als Folge des Sündenfalls, der „die ganze Welt aus dem Takt gebracht“ hat, angeblich „nirgends so gründlich wie bei unserer Arbeit“ (S. 81). Abgesehen von den Anstrengungen und Rückschlägen, die Arbeit mit sich bringt, scheint selbst erfolgreiche Arbeit nicht von Dauer zu sein. Selbst dann, wenn wir zu den wenigen gehören, die alle ihre Ziele erreichen, „gibt es keine Leistungen, die bleiben“ (S. 97). Damit wird die heute weit verbreitete Haltung hinterfragt, die Arbeit zum „Dreh- und Angelpunkt der Sinngebung und Identität“ (S. 109) zu machen. Wenn Arbeit nicht mehr Dienst am Nächsten ist, nicht mehr dankbare Verwaltung unserer Gaben, sondern nur dazu dient, sich von anderen abzusetzen, dann führt ein solcher „Egotrip“ immer in die Sackgasse – und enthüllt unsere „Götzen“. Auch hier greift Keller wieder auf Luther zurück, nach dem Götzendienst nicht notwendig ein äußerer Vorgang ist, sondern auch darin liegen kann, dass „ich von irgendetwas, das nicht Gott ist, die Geborgenheit, die Sicherheit, den Sinn, die Befriedigung und die Schönheit erwarte, die nur Gott geben kann“ (S. 126).

Im dritten Teil schließlich, „Das Evangelium und die Arbeit“, stellt Keller einen Kontext zwischen unserer Sicht von Arbeit und der Weltanschauung her, in der wir uns bewegen. Er beschreibt die christliche „Erzählung“, nach der der Dreiklang jeder Weltanschauung (Plan – Problem – Lösung) in Schöpfung, Sündenfall und Erlösung besteht (S. 156). Seinen Glauben auch am Arbeitsplatz zu leben bedeutet dann, „dass ich mir konkret überlege, was die Story des Evangeliums und Gottes Plan für mein Arbeitsleben bedeuten“ (S. 162). Diese Überlegung wird sodann an verschiedenen Beispielen (Geschäftsleben, Journalismus, Universitäten, Kunst und Medizin) durchdekliniert. „Als Weiterführung von Gottes Schöpfungswirken ist die Arbeit des Christen auf Gott hin ausgerichtet, und wir müssen fragen, wie wir sie zu Gottes Ehre so tun können, dass sie auf den Schöpfer weist. Und als Weiterführung von Gottes fürsorgendem Wirken ist unsere Arbeit auf unseren Nächsten ausgerichtet, und wir müssen fragen, wie wir unser Bestes und dem Besten unseres Nächsten dienen können“ (S. 177). Das Buch schließt mit einem Epilog, der darstellt, welche Maßnahmen die Redeemer Church unternommen hat, um die Integration von Glaube und Arbeit voranzubringen.

Keller legt mit „Berufung – Eine neue Sicht für unsere Arbeit“ eine theologisch solide Arbeitsethik vor. Er referiert die auf Luther zurückgehende protestantische Sicht auf die Arbeit als Teil der ursprünglichen Schöpfung und zeigt auf, wie die in Christus geschehene Erlösung die Sicht der Christen auf die Arbeit beeinflussen sollte. Dabei ist das Buch von zahlreichen praktischen Beispielen durchzogen und insgesamt sehr anwendungsorientiert. „Berufung“ ist also nicht nur deshalb zu empfehlen, weil es eines der wenigen aktuellen Werke ist, das sich überhaupt mit diesem Thema befasst, sondern auch, weil es dies biblisch gründlich und durchaus herausfordernd tut.