Das „Lied der Lieder

10 Hinweise zum Hohelied

Artikel von Andreas Münch
12. Mai 2021 — 6 Min Lesedauer

Das alttestamentliche Buch Hohelied ist eines der schönsten und zugleich eines der am schwierigsten auszulegenden Bücher des Alten Testaments. Hier sind zehn Dinge, die du über das Hohelied wissen solltest:

  1. Das schönste aller Lieder: Die beste deutsche Entsprechung des hebräischen Titels lautet „Lied der Lieder“, gewissermaßen ein Superlativ. Demnach ist es das schönste oder beste aller Lieder. Zweifellos gehört das Hohelied zu den herausragendsten Dichtungen der Antike und nimmt innerhalb des biblischen Kanons eine Sonderstellung ein.
  2. Die Frage der Kanonizität: Um 85 n.Chr. diskutierten einige Rabbiner in der Synode von Jamnia darüber, ob das Hohelied zurecht kanonisch sei, also ob dem Buch ein Platz unter den inspirierten Schriften des Alten Testaments gebührt. Grund dafür mag die erotische Sprache gewesen sein. Da man aber von Salomo als Verfasser ausging, bestätigte man die Kanonizität des Hoheliedes.
  3. Salomo der Verfasser? Allerdings ist es nicht ganz sicher, wer der Verfasser des Hoheliedes ist. Zwar lesen wir in Hohelied 1,1: „Das Lied der Lieder, von Salomo“, doch kann die hebräische Entsprechung mehreres bedeuten: Das Hohelied wurde von Salomo verfasst; das Hohelied wurde für Salomo verfasst, im Sinne einer Widmung; das Hohelied wird im weitesten Sinn zu den salomonischen Schriften gezählt, weil es ihnen in Stil und Inhalt ähnelt. Die traditionelle jüdische und christliche Sichtweise ist die, dass Salomo der Verfasser des Hoheliedes ist. Demnach wäre es das herausragendste der 1005 Lieder, die Salomo verfasst hat (vgl. 1Kön 5,12). Allerdings tendieren heute einige bibeltreue Ausleger zur zweiten oder dritten Möglichkeit, insbesondere deshalb, weil Salomo im Hohelied eher distanziert und negativ auftritt (vgl. Hld 8,11-12) und weil sich das biblische Bild von Salomos Liebesleben nur schwer mit der romantischen und monogamen Liebe im Hohelied in Einklang bringen lässt (vgl. 1Kön 11,1-8).
  4. Vielfältige Auslegungsvarianten: Das Hohelied weist wahrscheinlich die faszinierendsten Auslegungsvarianten aller biblischen Bücher auf. Kein anderes biblisches Buch wurde so unterschiedlich ausgelegt wie das Hohelied. Dies dürfte der poetischen und insbesondere der erotischen Sprache geschuldet sein. Antike Ausleger, sowohl jüdische wie christliche, scheuten die wortwörtliche Auslegung (unter Berücksichtigung des poetischen Charakters) und legten das Hohelied allegorisch aus. Die jüdische Sichtweise sah in dem Liebespaar des Hoheliedes eine Allegorie auf die Beziehung zwischen Jahwe und seinem Volk Israel, während die christliche Auslegung den Mann mit Christus und die Braut mit der christlichen Gemeinde bzw. dem einzelnen Gläubigen deutete. Durch die allegorische Auslegung bot das mit seinen acht Kapiteln recht kurze Hohelied reichlich Predigtstoff. So legte beispielsweise der Kirchenvater Origenes (185-254) das Hohelied in 12 Bänden aus und sollte im Laufe der Kirchengeschichte viele Nachahmer finden. Heute hat die Mehrheit der jüdischen und christlichen Ausleger die allegorische Deutung zugunsten einer historisch-theologischen Auslegung abgelegt. Während man jedoch in der Antike und im Mittelalter bemüht war, jedes erotische Element zu vergeistlichen, fallen einige moderne Ausleger auf der anderen Seite vom Pferd, indem sie das Hohelied als eine Art „Handbuch fürs Schlafzimmer“ propagieren.
  5. Die Frau kommt zu Wort: Neben der erotischen Sprache ist das herausragendste Beispiel im Hohelied der Aspekt, dass von dem Liebespaar die Frau am häufigsten zu Wort kommt. Tatsächlich beginnt und endet das Hohelied mit der Sehnsucht der Frau, körperlich mit ihrem Geliebten intim zu werden (vgl. Hld 1,1 und 8,14).
  6. Gelebte Liebe, wie Gott sie sich vorstellt: Das Hohelied propagiert keine „freie Liebe“. Die Liebenden wissen, dass gelebte Liebe einen Schutzrahmen braucht. Dies wird durch die wiederholte Formulierung „Weckt nicht, stört nicht auf die Liebe, bevor es ihr selber gefällt!“ deutlich (vgl. Hld 1,7; 3,5; 5,8; 8,4). Auch wenn sich im gesamten Buch keinerlei Bezüge zum alttestamentlichen Gesetz finden, so wird Gott als der Ursprung der Liebe betrachtet (vgl. Hld 8,6), dessen Maßstab (stillschweigend) vorausgesetzt wird. Während das alttestamentliche Gesetz und die Propheten den Menschen mit klaren Worten vor Unmoral und Ehebruch warnen, richtet das Hohelied den Blick des Lesers auf die Segnungen und Freuden der menschlichen Sexualität, wenn sie im Sinne Gottes genossen werden: „Esst, Freunde, trinkt und berauscht euch an der Liebe!“ (Hld 5,1).
  7. „Das Hohelied feiert die emotionale, romantische und sexuelle Liebe innerhalb der Ehe, dessen Schöpfer Gott ist.“
     
    Sexualität als Hochzeitsgeschenk Gottes: Zwar ist die Sprache im Hohelied zweifellos erotischer Natur, doch sollte man dessen Inhalt nicht auf diesen Aspekt der Liebe beschränken. Insgesamt betrachtet, feiert das Hohelied die emotionale, romantische und sexuelle Liebe innerhalb der Ehe, dessen Schöpfer Gott ist (vgl. Hld 8,6). Oder, um es mit den Worten des Alttestamentlers Helmuth Egelkraut zu sagen: „Das ganze Buch will nichts anderes, als den Reichtum und die Tiefe der Liebe zwischen Mann und Frau darstellen, die eine Gabe der Liebe Gottes ist.“[1]
  8. Eine erfüllende Ehe in einer gefallenen Welt: Das Hohelied zeigt uns ein „erlöstes“ Bild von der Ehe. In 1Mose 3,16 lesen wir, wie sich der Sündenfall negativ auf die Ehe auswirkt: „Nach deinem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen!“ Das hebräische Wort für „Verlangen“ kommt nur noch zweimal im Alten Testament vor. Einmal in 1Mose 4,7, wo Kain vor der Sünde gewarnt wird und in Hohelied 7,11. Dort bekennt die Geliebte: „Ich gehöre meinem Geliebten, und nach mir ist sein Verlangen.“ Hier wird der Fluch aus 1Mose 3,16 buchstäblich umgekehrt und in Segen verwandelt. Somit lehrt uns das Hohelied, dass durch die heilsame Gnade Gottes trotz des Sündenfalls eine freudige und erfüllende Ehe möglich ist.
  9. Keine Erwähnung im Neuen Testament: Das Hohelied ist eines der wenigen alttestamentlichen Bücher, die kein einziges Mal im Neuen Testament erwähnt oder zitiert werden.
  10. „Selbst die harmonischste Ehe wird unsere Sehnsucht nach Liebe nicht vollkommen ausfüllen können.“
     
    Die Ehe - Abbild und Vorgeschmack: Weil das ganze Alte Testament auf Christus hinweist (vgl. Lk 24,27.44; Röm 15,4), gilt dies auch für das Hohelied. Gott gab uns die Ehe mit all ihren Facetten, damit wir dadurch seine Güte und Freundlichkeit sehen und ihn dafür preisen können. Doch die Stiftung der Ehe ist mehr als ein Geschenk Gottes an uns Menschen. Sie ist ein Abbild für die Beziehung, die Gott selbst zu uns Menschen durch Jesus Christus haben möchte (vgl. Eph 5,25-32; Offb 19,6-9). Denn wir Menschen sind nicht nur zur Gemeinschaft untereinander geschaffen, sondern vor allem zur Gemeinschaft mit unserem Schöpfer, die durch das Erlösungswerk Jesu wieder ermöglicht wird (vgl. Röm 5,10; 2Kor 5,18). Selbst die harmonischste Ehe wird unsere Sehnsucht nach Liebe nicht vollkommen ausfüllen können. Das kann nur Gott allein. Doch mit der Ehe hat er uns einen irdischen Vorgeschmack auf die Freude gegeben, die wir in der ungetrübten Gemeinschaft mit unserem Schöpfer erleben werden.

1  Helmuth Egelkraut, Das Alte Testament: Entstehung – Geschichte – Botschaft, Brunnen, 2017, S.786.

Andreas Münch ist mit Mirjam verheiratet. Sie haben drei Söhne. Seit dem er sein Theologiestudium beendet hat, ist Andreas Mitarbeiter bei der Herold-Mission und verantwortlich für den Herold-Blog.