Sorgt füreinander!

Rezension von Samuel Wiebe
11. Mai 2021 — 5 Min Lesedauer

Die Gemeinde Jesu ist eine Gemeinschaft, die sich fundamental von anderen Vereinen und menschlichen Zusammenschlüssen unterscheidet. In dieser Gemeinschaft versammeln sich die Gläubigen um jemanden, der ihre Beziehung untereinander gestiftet hat und um den sich das Leben eines jeden Einzelnen dreht. Gleichzeitig ist es nicht das Kollektiv, das allein zählt, sondern jeder Einzelne. Deswegen ist die gegenseitige Fürsorge Kennzeichen dieser Gemeinschaft. Hier geht es um den Bruder und die Schwester, um Sorgen und Nöte, Freude und Leid, Sünde und Vergebung.

Allzu oft findet sich diese echte Fürsorge in christlichen Gemeinden leider nicht wieder. Das Mitteilen und Mittragen der Dinge des Herzens wird gerne dem Aufgabenbereich irgendwelcher professionellen Seelsorger zugeschrieben. Hier setzt Edward T. Welch mit seinem Buch Sorgt füreinander! 8 Lektionen, wie wir gute Beziehungen in der Gemeinde pflegen an.

Mutig und demütig Beziehungen aufbauen

Der Untertitel gibt Wegweisung in Ziel und Aufbau des Buches: Es möchte die persönlichen Beziehungen in der Gemeinde stärken, damit gegenseitige Fürsorge und alltägliche Seelsorge das Zusammenleben des Leibes Christi prägen. Welch gibt in acht kurzen Kapiteln sieben Lektionen (hier ist der Untertitel etwas irreführend), die helfen sollen, auf die Stärkung der Beziehungen innerhalb der Gemeinde hinzuarbeiten. Das letzte Kapitel „Erinnern und Reflektieren“ fasst die vorherigen Abschnitte zusammen und weist den Leser abschließend auf die Kraft Gottes hin, die den Gläubigen zur Verfügung steht und ohne die wirklich bedeutende Beziehungen in der Gemeinde nicht möglich sind. Die beiden ersten Kapitel – „In Demut“ und „Aufeinander zugehen“ – legen gewissermaßen die Grundlage für die weiteren Lektionen. Ihre Botschaften durchziehen das gesamte Buch: Beide Aufforderungen – demütig zu sein und einfach anzufangen, auf den Bruder oder die Schwester zuzugehen – ergänzen sich und ziehen die anderen Lektionen nach sich. Welch zeigt überzeugend, dass in jeder Phase einer Beziehung innerhalb der Gemeinde eine gehörige Portion Demut unverzichtbar ist. Wir alle sind Bedürftige und Sünder, die auf die Hilfe Gottes und unseres Bruders angewiesen sind. Das menschliche Herz ist überaus komplex, ebenso das untrennbare Zusammenspiel von Körper und Geist. Diese Komplexität verbietet ein vorschnelles Urteilen oder pauschalierende Ratschläge. Von Liebe und Demut geprägte Beziehungen sind vielmehr durch Mitgefühl, Zuhören und den Versuch, das Gegenüber zu verstehen, geprägt. Deswegen müssen wir zunächst „Das Herz erkennen“ (Lektion 3) und „Die entscheidenden Einflüsse kennen“ (Lektion 4) um in einer zunehmend vertrauten Beziehung „Persönlich sein und beten“ (Lektion 5), „Über Leiden sprechen“ (Lektion 6) und „Über Sünde sprechen“ (Lektion 7) zu können.

„In jeder Phase einer Beziehung innerhalb der Gemeinde ist eine gehörige Portion Demut unverzichtbar.“
 

Die einzelnen Kapitel beginnen in der Regel mit einer kurzen und prägnanten theologischen Grundlage, in der wir das Vorbild Gottes, des Vaters, und unseres Herrn Jesus anschauen: Er ist voller Demut, Mitgefühl und Liebe und wir versuchen, ihn nachzuahmen. Darauf aufbauend gibt der Autor immer wieder praktische Hinweise, wie wir anfangen können, diese Lektionen in unseren Beziehungen umzusetzen. Den Abschluss bilden zu jedem Kapitel einige Diskussionsfragen, die das Gelesene zu vertiefen und anzuwenden helfen.

Voll Weisheit und gleichzeitig praktisch

Das Buch ist trotz seines programmatischen Titels kein Selbsthilferatgeber, wie wir in sieben (oder acht) Schritten zu einer blühenden Beziehung gelangen. Die einzelnen Lektionen sind stattdessen von einem durchdringenden Sinn für die Verworrenheit des menschlichen Herzens und zwischenmenschlicher Beziehungen geprägt. Die jahrelange Erfahrung des Autors im Umgang mit Depressionen, Ängsten und Süchten spiegeln sich hier auf wohltuende Weise wider: Er rechnet mit unserer Angst und unserem Versagen, er rechnet aber auch mit Gottes Vorbild und Kraft. Wenn wir uns dafür entscheiden in Demut aufeinander zuzugehen, wird Gott unsere Beziehungen verändern und zum Guten gebrauchen. Hier gibt Welch ganz praktische Hilfestellungen, die jedoch keineswegs die Differenziertheit und gebotene Vorsicht im Umgang mit anderen konterkarieren. So gibt das Buch konkrete Tipps, die zu ersten Schritten anleiten, ohne dabei Checklisten-Charakter anzunehmen.

„Wenn wir uns dafür entscheiden in Demut aufeinander zuzugehen, wird Gott unsere Beziehungen verändern und zum Guten gebrauchen.“
 

Auch wenn vieles nach dem Lesen wieder vergessen werden sollte, so dürfte die Lektüre doch eines bei jedem aufrichtigen Leser bewirken: eine gesunde Achtung und Demut gegenüber dem Bruder und der Schwester. Welch schult unseren Blick seelsorgerlich für das Gute im Bruder, für den Christus trotz seiner Nöte und Sünde gestorben ist. Er warnt uns vor vorschnellem Urteilen und lässt uns mitfühlend miteinander umgehen. Das ist eine der größten Stärken dieses Buches.

Das Buch eignet sich hervorragend dafür, in Kleingruppen gelesen zu werden. Die kurzen Lektionen können innerhalb einer halben Stunde gemeinsam gelesen und anhand der Diskussionsfragen besprochen werden (natürlich ließe sich die Diskussion noch deutlich länger ausdehnen). Das gemeinsame Lesen würde außerdem die Verbindlichkeit der vertieften Auseinandersetzung mit dem Gelesenen und der Anwendung erhöhen, neigt man doch schnell dazu, die Fragen zum Schluss nur zu überfliegen. Hauskreise, Kurse in der Gemeinde, aber auch die Lektüre im Freundeskreis bieten sich hier als Rahmen an.

Wer das Buch allein liest, kann es aufgrund seiner kompakten Form und guten Leserlichkeit innerhalb von wenigen Stunden durchlesen.

Eine Empfehlung

Sorgt füreinander! ist nicht nur ein Buch für Seelsorger und Älteste, es ist nicht einmal primär für diese gedacht. Es ist für jeden „normalen“ Gläubigen geschrieben. Denn – wie Welch deutlich macht – in der Gemeinde Jesu ist jeder gefragt und braucht jeder den Anderen. Jeder ist Seelsorger des Anderen und darf dem Bruder oder der Schwester in aller Demut und Schwachheit, aber in der Kraft Gottes zur Seite stehen (Dort, wo unsere Weisheit an Grenzen stößt, holen wir besonders begabte oder ausgebildete Seelsorger hinzu). Deshalb sei die Lektüre jedem Gläubigen wärmstens empfohlen. Das Buch sollte auf jedem Gemeindebüchertisch präsent sein: Es gehört zu den Büchern, die das Gemeindeleben unmittelbar betreffen und durch Gottes Gnade positiv beeinflussen werden – durch persönliche Beziehungen, in denen die Herzen hin zu Gnade und Wahrheit, hin zu Christus gezogen werden.

Buch

Edward Welch, Sorgt füreinander! 8 Lektionen, wie wir gute Beziehungen in der Gemeinde pflegen, EBTC: Berlin 2020, 108 Seiten, 5,90 €.

Samuel Wiebe ist Referendar für die Fächer Geschichte und Mathematik am Freien Evangelischen Gymnasium in Minden. In seiner Freizeit schaut er gerne Sport oder liest ein gutes Buch, mit Vorliebe zur frühen Kirchengeschichte.