Reformed Ethics

Rezension von Hanniel Strebel
6. Mai 2021 — 22 Min Lesedauer

Wer war Herman Bavinck?

Herman Bavinck (1854–1921)[1] wurde in eine Theologenfamilie hineingeboren, und zwar in einer Zeit des Umbruchs innerhalb der Reformierten Kirche durch die sich ausbreitende liberale Theologie des 19. Jahrhunderts. Er gehörte zur gesellschaftlich geächteten „Afscheiding“ (Abspaltung von der offiziellen Reformierten Kirche im Jahr 1834). Seinem gebildeten, zögerlichen Vater, der an der Ausbildungsstätte der Denomination in Kampen unterrichtete, stand eine bodenständige, handlungsorientierte Mutter zur Seite.

Bavinck genoss eine erstklassige Bildung. Wie viele andere Denker erhielt er seinen ersten Unterricht in der Familie. Später bekam er am Gymnasium eine klassische Bildung. Er lernte nicht nur Griechisch und Latein, sondern auch Deutsch, Englisch und Französisch. Wer die Fußnoten seines Hauptwerks Reformierte Dogmatik[2] liest, erkennt die Spannbreite seiner Lektüre.

Das Theologiestudium absolvierte er (eigenwillig) nicht an der eigenen Ausbildungsstätte in Kampen, sondern an der staatlichen Universität in Leiden. Dort machte er Bekanntschaft mit den beiden Hauptrichtungen der liberalen Theologie in den Niederlanden.[3] Aus dem Briefwechsel mit seinem Freund, dem späteren Islamwissenschaftler Christiaan Snouck Hurgronje (1857–1936), kann der Schluss gezogen werden, dass er bisweilen mit Zweifeln zu kämpfen hatte.

Die erste Hälfte seines beruflichen Lebens verbrachte Herman Bavinck am theologischen Seminar in Kampen. Seine Antrittsrede von 1884 zeigt, wie Bavinck bereits im Alter von 30 Jahren einen klaren Standpunkt gegenüber den philosophischen und theologischen Hauptströmungen seiner Zeit einnahm[4]. Durch seine aktive Mitarbeit in der Leitung der Ausbildungsstätte und in Kommissionen der nationalen Synode gelangte er zu einem umfassenden Einblick in die politischen und kirchlichen Verhältnisse seiner Zeit.

Ab 1902 lehrte Bavinck in der zweiten Hälfte seiner akademischen Laufbahn als Professor der Dogmatik an der Freien Universität Amsterdam. Aus der Provinz war er in die Weltstadt gekommen. Bavinck übernahm von seinem Weggefährten Abraham Kuyper, der für vier Jahre (1901–1905) Ministerpräsident der Niederlande war, kurzzeitig den Vorsitz der Anti-Revolutionären Partei (ARP). Bavinck war zudem ab 1911 Mitglied der ersten Kammer des Parlaments.

Ein Archiv-Fund wird rekonstruiert

Im Jahr 2010 berichtete Dirk von Keulen über seinen Fund im Bavinck-Archiv der Freien Universität Amsterdam.[5] Dieser beinhaltete ein ausführliches, über 1100 Seiten umfassendes Manuskript einer Reformierten Ethik. Zu diesen schwer beschädigten Vorlesungsheften kamen ein weiteres Notizheft von Bavinck sowie zwei Manuskripte von Studenten (327 bzw. 406 Seiten) zum Vorschein. In einer aufwändigen Rekonstruktionsarbeit, die über 10 Jahre dauerte, wurde das Manuskript Bavincks nun erstmals herausgegeben. Vom inhaltlichen Gesichtspunkt ist es unzweideutig eine Schrift Bavincks. Nicht nur beginnt er – analog zur Vorrede seiner Reformierten Dogmatik, wo er zuerst Wissenschaftlichkeit, Methode sowie Struktur der Dogmatik ausführlich abhandelt – mit Geschichte, Terminologie, Aufbau und Methode der Reformierten Ethik. Auffällig sind auch die zahlreichen Stellen, in denen Bavinck „Prooftexting“ betreibt, d. h. bestimmte Begriffe und Aspekte anhand der Auflistung zahlreicher Stellen aus dem Alten und Neuen Testament begründet. Zudem finden sich zahlreiche Verweise auf Denker aus der Reformierten Orthodoxie bzw. der Nadere Reformatie, einer Erneuerungsbewegung innerhalb der Reformierten Kirche der Niederlande im 17. und 18. Jahrhundert. Ein Beispiel: Im Zusammenhang mit dem Aufbau der Ethik erwähnt Bavinck (S. 15) u. a. Antonius Driessen (1684–1748), Willem Teellinck (1579–1629), Campegius Vitringa (1659–1722), Benedict Pictet (1655–1724) und Petrus van Mastricht (1630–1706).

Die Herausgeber beschäftigte die Frage, weshalb die als Begleiter der Reformierten Dogmatik geplante Herausgabe der Reformierten Ethik nicht stattfand. Das Manuskript, das möglicherweise aus den Jahren 1884/85, also den Anfangsjahren in Kampen stammt, wurde nie veröffentlicht. Gleichzeitig kann man infolge der Funde[6] annehmen, dass Bavinck bis ins Jahr 1902 regelmäßig Ethik-Vorlesungen gehalten hat. Die fehlende Veröffentlichung ist umso erstaunlicher, als es an einer aktuellen Reformierten Ethik fehlte. Die von Bavinck oft zitierte Theologische Moral von August Friedrich Christian Vilmar (1800–1868) war 1871 erschienen. Noch weiter lag die Publikation von Richard Rothes dreibändiger Theologischer Ethik (1845–1848) zurück. Adolf Schlatter brachte erst 1914 sein Werk Die christliche Ethik heraus, nachdem er lange an einer vollständigen Integration der Ethik in der Dogmatik festgehalten hatte. Emil Brunner, der 1932 einen zusammenhängenden Entwurf Das Gebot und die Ordnungen veröffentlichte, vermerkte, dass er Grundlagenarbeit auf weitgehend vernachlässigtem Terrain habe erbringen müssen.

Das sogenannte De Jong-Manuskript, das Notizen eines Studenten aus dem Vorlesungszyklus 1901/02 enthält, eröffnete den Herausgebern den Schlüssel für eine Erklärung. In jenen Aufzeichnungen hatte eine auffällige inhaltliche Neupositionierung stattgefunden. Ein eigener erster Teil war der philosophischen Ethik gewidmet, erst der (ebenfalls neu strukturierte, jedoch stark an das frühere Manuskript angelehnte) zweite Teil wandte sich dann der theologischen Ethik zu. Bavinck musste sich in der Zwischenzeit verstärkt der philosophischen Ethik zugewandt haben. „Es ist möglich, dass Bavinck seine Vorlesungen 1901–1902 über Ethik im September 1901 mit philosophischer Ethik begann“ (S. xxxviii). Die inhaltliche Ähnlichkeit im zweiten Teil „lässt sich mit Bavinck erklären, der realisiert haben musste, dass seine bevorstehende Versetzung nach Amsterdam mehr Zeit in Anspruch nahm, so dass er sein Manuskript der Reformierten Ethik im Herbst 1902 wieder verwendete“ (S. xli). Dies würde den Schluss zulassen, dass Bavinck um die Gesamtkomposition seiner Ethik rang. Die Anordnung, wie er sie in den Anfangsjahren in Kampen benutzte, dürfte ihn nicht mehr befriedigt haben. Die Herausgeber sehen sich in dieser Annahme bestätigt, wenn sie mit späteren ethischen Schriften von Bavinck vergleichen; auch dort ist eine stärkere Anbindung an die philosophische Ethik erkennbar (Heutige Moral[7], 19027; Ethik und Politik[8], 19158).

Fundamentalethik

Heutzutage wird Ethik vorrangig mit der Materialethik in Zusammenhang gebracht. Es geht um die Anwendung von Prinzipien auf einzelne Bereiche bzw. Fragestellungen. Bavinck wählt – geprägt durch die reformierten Väter – ein anderes Vorgehen. Ich habe mich beim Lesen zuerst gefragt: Handelt es sich hier nicht um eine theologische Anthropologie? Dies wiederum führte mich zur Frage, wie Bavinck diesen Entwurf zur Dogmatik abgrenzt. Nehmen wir dies am Beispiel seiner Lehre über die Sünde kurz in Augenschein (siehe S. 79). Er grenzt sich vom Entwurf Vilmars in dessen Theologischer Moral ab, der die gesamte Lehre über die Sünde innerhalb der Ethik abhandelte. Zugleich stellt Bavinck klar, dass die Sünde innerhalb der Ethik behandelt werden muss – und dies nicht nur im Vorbeigehen, wie es bei vielen Ethikern seiner Tage geschehe.

Innerhalb seiner Reformierten Dogmatik hatte Bavinck die Lehre der Sünde im dritten Band über die Soteriologie ausführlich aufgegriffen.[9] Er unterteilte diese Abhandlung in vier Kapitel, wobei er Ursprung, Verbreitung, Natur (Charakter) und Folgen der Sünde thematisiert. Es lohnt sich, diese Kapitel innerhalb der Dogmatik nachzuschlagen. Besonders eindrücklich bleibt mir in Erinnerung, wie Bavinck intensiv mit dem Schriftbeweis arbeitet.

Bei der Ethik liege, so Bavinck, die Aufgabe darin, aufzuzeigen, was die Auswirkung der Sünde auf den Menschen sei. Die Grundlage für diese Betrachtung sei wiederum die göttliche Offenbarung in der Heiligen Schrift. Dann gelte es die Auswirkungen der Sünde in sämtlichen Lebensbereichen aufzuzeigen und die Tatsünden zu identifizieren, zu klassifizieren und zu diskutieren. Bavinck erstellt eine, wie er es nennt, „Taxonomie der Sünden“.

Es lohnt sich, auf einige weitere grundsätzliche Überlegungen Bavincks bezüglich Ethik zu blicken:

Wie hängen Dogmatik und Ethik zusammen?

In einer für Bavinck typischen Weise umreißt er in Form einer Aufzählung die enge Verzahnung der beiden Disziplinen. So beschreibt er diese bereits in der Reformierten Dogmatik:

Die Dogmatik geht der Ethik voraus, und die Ethik ist völlig abhängig von der Dogmatik. Die Dogmatik beschreibt die Taten Gottes, die für, im Hinblick auf und in den Menschen getan wurden; die Ethik beschreibt, was erneuerte Menschen jetzt auf der Grundlage und in der Kraft dieser göttlichen Taten tun. In der Dogmatik sind Menschen passiv; sie empfangen und glauben; in der Ethik sind sie selbst aktiv. In der Dogmatik werden die Glaubensartikel behandelt, in der Ethik die Gebote des Dekalogs. In ersterem wird sich mit dem befasst, was den Glauben betrifft; in letzterem mit dem, was Liebe, Gehorsam und gute Werke betrifft. Die Dogmatik legt dar, was Gott ist und für den Menschen tut und veranlasst ihn, Gott als seinen Schöpfer, Erlöser und Heiliger zu erkennen; die Ethik legt dar, was der Mensch ist und jetzt für Gott tut; wie er sich mit allem, was er ist und hat, mit Verstand und Willen und all seiner Kraft aus Dankbarkeit und Liebe Gott hingibt. Die Dogmatik ist das System der Erkenntnis Gottes; die Ethik ist die des Dienstes an Gott.[10]

Ganz ähnlich wiederholt Bavinck in der Reformierten Ethik (S. 22):

Dogmatik ist Wort Gottes an uns, das von außerhalb kommt und über uns steht; wir sind passiv, hören zu und öffnen uns für die Führung Gottes. In der Ethik interessieren wir uns für die Frage, was Gott jetzt von uns erwartet, wenn er sein Werk in uns tut. Was können wir für ihn tun? Hier sind wir aktiv, gerade wegen und auf Grund der Taten Gottes in uns; wir singen Psalmen in Dankbarkeit und preisen Gott. In der Dogmatik steigt Gott zu uns herab; in der Ethik steigen wir zu Gott auf. In der Dogmatik gehört er uns, in der Ethik sind wir sein. In der Dogmatik wissen wir, dass wir sein Angesicht sehen werden; in der Ethik wird sein Name auf unsere Stirn geschrieben werden (Offb. 22,4). Die Dogmatik geht von Gott aus, die Ethik kehrt zu Gott zurück. In der Dogmatik liebt uns Gott; in der Ethik lieben wir ihn.

Bavinck legt also Wert (a) auf eine Reihenfolge (Dogmatik vor Ethik) und (b) auf die unterschiedlichen Aufgaben (Taten Gottes bzw. Antwort des Menschen). Ethik muss zwar von der Dogmatik unterschieden, kann jedoch nicht von ihr abgelöst werden. Diese Grundlegung ist in einer Zeit, in welcher Ethik längst von der normativen Offenbarung losgelöst wird, umso wichtiger.

Was ist das Fundament der Ethik?

Bavinck verstand seine Aufgabe als systematischer Theologe vorrangig darin, das Primat der göttlichen Offenbarung wieder in den Vordergrund zu rücken. Dies beschreibt er vor allem im ersten Band seiner Reformierten Dogmatik. Gleichermaßen deutlich bekennt er sich zum Fundament bzw. zur Quelle für die Ethik (S. 25–26):

Die Theologie geht von Gott aus, die Philosophie kommt von außen her zu Gott. … Wir verstehen diese Grundlage anders als die der philosophischen Ethik, wo das Grundprinzip beispielsweise als intuitive oder utilitaristische Moral verstanden werden kann. Wir verstehen es im Sinne einer Erkenntnisquelle, wie wir es auch in der Dogmatik tun. Da wir von theologischer Ethik sprechen, kann es nur eine Erkenntnisquelle geben, die uns den Standpunkt Gottes offenbart. Nachdem wir dann auch die natürliche Theologie aufgegeben haben, haben wir nur die Heilige Schrift als Quelle. Die Schrift ist die Regel für Lehre und Leben.

Hierzu ist eine Präzisierung notwendig. Bavinck erkennt sehr wohl eine natürliche, das heißt dem Sünder auch in seiner Gefallenheit verbleibende Moral an. Er widmet diesem den kompletten § 16.

Wenn Menschen zum Bewusstsein des Selbst erwachen, werden sie sich sofort bewusst, dass sie nicht der sind, der sie sein sollten. In ihrem Herzen ist ein Gesetz, ein Gesetz, das über ihnen steht und sich dem Gesetz in ihren Gliedern widersetzt. Dieses ehemalige Gesetz untermauert ihr Gewissen und führt sie dazu, sich zwischen dem (relativ) Guten und dem Bösen zu entscheiden. Dies führt zu einem Kampf. Das natürliche moralische Leben ist ein Leben im Konflikt zwischen Gut und Böse. Das ist der Charakter der Moral. Die Menschen fühlen sich zu diesem Kampf berufen. Sie fühlen, dass dies ihre moralische Aufgabe ist und dass sie die Freiheit haben müssen, sie im Einklang mit der Vernunft zu führen (S. 228).

Gibt es eine christliche Ethik?

Ethik bildet im Gegensatz zur Moral, die auf die kollektiven bzw. gesellschaftlichen Gebräuche zielt, die normative Beschreibung dessen, was sein sollte. Bavinck hält fest, dass es deshalb eine „christliche Ethik“ gebe. „Es gibt also eine christliche Ethik, weil (a) das Leben Christi in uns auf moralische Weise eingepflanzt und entwickelt wird und (b) sich das Leben Christi nach außen zeigt“ (S. 19).

Theologische Ethik beinhaltet – so die schöne Definition von Benedict Pictet – „die Kunst, fruchtbar und gottesfürchtig zu leben und gut zu sterben“ (S. 22).

Später nimmt Bavinck nochmals eine Unterteilung vor, in welcher er Religion und Ethik unterscheidet. Beim ersteren geht es um das Verhalten gegenüber Gott (erste Tafel der Zehn Gebote), beim letzteren um das Verhalten gegenüber dem Mitmenschen (zweite Tafel).

Methode für die Erarbeitung

Analog zu seiner Reformierten Dogmatik erarbeitet Bavinck die Inhalte in drei klaren methodischen Schritten. „Die Methode ist identisch … mit der für die dogmatische Theologie“, stellt er bereits am Anfang klar (S. 29). Zuerst wird das Material aus der Heiligen Schrift gesammelt und angeordnet. Besonders eindrücklich wird diese Sammlung etwa bei der Lehre der Sünde (Sünden gegen sich selbst, andere und Gott, § 9–12) oder beim Wachstum des erneuerten Menschen zur geistlichen Reife (S. 341–349).

Ebenso sorgfältig und ausgeprägt ist der zweite Schritt mit dem Blick über die eigene Zeit und Denominationsgrenze hinaus: Wie hat die christliche Kirche in früheren Zeiten dieses biblische Material interpretiert? Bavinck greift hier nicht nur auf Denker der protestantischen Orthodoxie zurück, sondern entwirft wiederholt einen kurzen Abriss der gesamten Dogmengeschichte. Man sehe sich zum Beispiel das Kapitel über das Gewissen an (Kapitel 5). Etwas weniger häufig, aber doch präsent, ist der Rückgriff auf die kirchlichen Bekenntnisse.

Nicht fehlen darf der dritte Schritt, der Anwendung auf die eigene Zeit. Hier scheint mir Bavinck etwas weniger stringent zu sein als in der Reformierten Dogmatik. Das mag daran liegen, dass er diese für die Veröffentlichung der Dogmatik gründlich überarbeitete. Bavincks Hinweise auf die verschiedenen Schulen seit der Aufklärung sind vor allem deshalb hilfreich, weil sie die gedanklichen Verirrungen von der Wurzel an thematisieren. Hier ist besonders das 9. Kapitel hervorzuheben, in dem Bavinck (was er sonst weniger tut) auf drei innerkirchliche Strömungen, den Mystizismus, den Pietismus und den Methodismus zu sprechen kommt.

Aufbau

Nachdem ich absichtlich ausführlich auf die Grundlegung einer christlichen Ethik einging, wende ich mich jetzt in geraffter Form dem inhaltlichen Verlauf des ersten Bands zu.

Der erste Teil ist der Menschheit vor der Bekehrung gewidmet. Ganz bewusst beginnt Bavinck mit der Erschaffung des Menschen in Gottes Bild. Diese ist konstitutiv für das Menschsein. Imago Dei sieht er – in Anlehnung an Petrus van Mastricht – umfassend (S. 35): Wesenhaft (mit Geist und Körper); bezüglich Fähigkeiten (erkennen, wollen, fühlen, handeln); in den Eigenschaften und Gaben, in Wesen und Fähigkeiten (Heiligkeit, Erkenntnis, Gerechtigkeit). Es lohnt sich, die parallelen Abschnitte in der Reformierten Dogmatik nachzuschlagen (Reformed Dogmatics, Bd. 2, Kapitel 11–13). Interessant ist die an die personalistische Philosophie erinnernde Aussage von Bavinck, dass das Ich das Zentrum der Person sei. „Die Einheit des Menschen liegt in seinem Ich. Das ist die Wurzel, das Zentrum, der Keim, der Kern eines jeden Menschen. Alles andere liegt darum herum, ist in seiner Nähe und verbindet sich mit ihm“ (S. 46). Hilfreich für das Verständnis ist dazu die neulich publizierte englische Übersetzung von Bavincks Grundlagen der Psychologie, die wie die Reformierte Ethik als Begleiter seiner Dogmatik gedacht waren.[11] Ebenso interessant ist die durch die gesamte Ethik immer wieder auftauchende Kategorisierung von Verstand, Wille und Gefühlen. Als weiteres Metamodell ist die dreifache Beziehung zu Gott, anderen Menschen und der übrigen Natur (§ 7–9) anzutreffen. Dieses begleitet mich sowohl in meiner lehrenden Tätigkeit als Theologe als auch in meinem Brotberuf als Personalentwickler.

Weitaus mehr Raum nimmt Bavincks Beschreibung des Menschen im Zustand der Sünde ein. Bavinck beschreibt die Auswirkungen der Sünde nicht pauschal, sondern detailliert. Er unterscheidet egozentrische Sünden, Sünden gegen Gott und gegen die Mitmenschen, wobei er sich da an den Dekalog anlehnt. Die Klassifizierung der Sünden dient ihm in ihrer didaktischen Gliederung bei der Bearbeitung. Bavinck unterscheidet (S. 106):

  • Original-/Ursünde vs. Tatsünde
  • Unterlassungssünden vs. bewusste Sünde
  • Ausdrücklich untersagt vs. in bestimmten Situationen untersagt
  • Fundament (Glaube), Absicht (Ehre Gottes), Art und Weise (Umstände)
  • Ursprung: Gedanken, Worte, Taten
  • Sünden des Geistes / Sünden des Fleisches
  • Sünden unter göttlichem Gericht / unter äußerem, zivilem Gesetz
  • Verübt in Schwachheit, Ignoranz, Zorn, Überheblichkeit
  • Richten sich gegen: Gott, andere, gegen sich selbst

Die Kapitel 4–6 wenden sich dem Zustand des sündigen Menschen zu, dem das Gewissen bleibt, ebenso das Gesetz sowie eine natürliche Moral. „Gott bindet nun diejenigen, die vor ihm fliehen, in ihrem Gewissen, an das Gesetz, das noch in ihren Herzen steht“ (S. 216). Ich meine, dass diese Kapitel zum Pflichtstoff für Seelsorger, aber auch Lehrende erklärt werden müssten.

Das zweite Buch wendet sich dem Menschen nach seiner Bekehrung zu. Während Bavinck den ersten Teil der Naturethik zuordnet, greift dieser zweite Hauptteil in das Gebiet der praktischen Theologie ein. Ein Verständnis des geistlichen Lebens „sei notwendig, besonders für Hirten, die das geistliche Leben erkennen (diagnostizieren), es pflegen und, wenn es krank ist, wiederherstellen müssen; sie sind Ärzte der Seele“ (S. 240). Die Wiedergeburt ist der Ursprung des geistlichen Lebens (§ 18), der Glaube seine grundlegende Aktivität (§ 19). Christus selbst ist das Modell des neuen Lebens. „Sein Leben ist die Form, das Modell, das unser geistliches Leben annehmen und zu dem es wachsen muss“ (S. 317).

In der Geschichte der christlichen Kirche erkennt Bavinck drei Übertreibungen/Verirrungen (§ 20). Den Prozess des Mystizismus beschreibt er wie folgt: „Der mystische Prozess ist dann wie folgt: Das ‚Ich‘ (Ich selbst) tritt in die Gemeinschaft mit Gott ein, aber hier ist das Ich passiv und Gott aktiv; die Seele ergibt sich Gott; das Ich gibt nach und zieht sich von seiner zentralen Position im Organismus zurück. Gott nimmt seinen Platz ein und sieht, hört und will durch unsere Organe; die Seele ist zu einem Affekt Gottes geworden“ (S. 283).

Der Pietismus strebt hingegen nach Vollkommenheit. „Pietisten wollen das Göttliche in ihrem Leben immer und überall zum Ausdruck bringen; der Pietismus versinkt im Selbst und ruht nicht in Gott, sondern achtet auf das Subjekt, das sich das Göttliche aneignen und dies in seinem täglichen Leben zeigen muss“ (S. 288).

Bei beiden Bewegungen sieht Bavinck eine Überbetonung der Gefühle, mit dem Resultat, dass die Objektivität des Glaubens herabgewürdigt wird (siehe seine zusammengefasste Kritik auf S. 309). Der Methodismus dagegen verlagert das Zentrum des Glaubenslebens in die Aktivität aufgrund von Willensakten (vgl. S. 314).

Ein Beispiel für die Ausgewogenheit Bavincks ist die Betonung, dass die Ausprägung und Entwicklung des geistlichen Lebens unterschiedlich ausfällt. „Es gibt einen Unterschied, wie es individuell abläuft. Jedem wird in seinem eigenen Maß gegeben“ (S. 356). Sehr ausführlich und mit Feingefühl geht Bavinck auf eine Not ein, die er in seinem kurzen Pastorat vor seiner Berufung als Professor der Dogmatik angetroffen haben dürfte: Der Unsicherheit vieler Reformierter, ob ihre Bekehrung echt sei (S. 361–414). Erfahrungen sind Folge des Glaubens und nicht konstitutiv. „Dieser Glaube besteht insbesondere aus (i) einer Übereinstimmung im Verstand und gleichzeitig einem Vertrauen im Herzen, wobei man die Verheißungen Gottes in seinem Wort annimmt, sie auf sich selbst anwendet und sich fest auf sie stützt; und (ii) einer erfahrungsmäßigen Erkenntnis, einem Gefühl, einem Bewusstsein der Realität, an die man glaubt; dieses Bewusstsein wird aus dem Glauben, aus dem Heiligen Geist als Siegel und aus guten Werken geboren“ (S. 381).

Gegen Ende des Buches wendet sich Bavinck den Krankheiten des geistlichen Lebens zu. Erneut wendet er die Dreiteilung Verstand, Gefühle und Wille an und sieht eine Überbetonung einer Seite des Menschseins als Hauptkategorie für die Krankheit (Intellektualismus; Mystizismus/Quietismus; Pietismus/Methodismus). Als Quellen dieser Krankheiten behandelt Bavinck den Kampf zwischen Fleisch und Geist, die Versuchungen und das Gefühl der anscheinenden Verborgenheit Gottes. Immer wieder kommt Bavinck auf die Imitatio Christi zurück: „Wir sind also in dem Maße gesund, wie wir Jesus nachahmen. Er ist das Vorbild für unser geistliches Leben“ (S. 419).

Es bleibt nicht bei der Diagnose von Krankheiten, Bavinck behandelt im letzten Kapitel des ersten Bandes acht verschiedene Gnadenmittel: Gebet, Meditation, das Lesen von Gottes Wort, Singen, Einsamkeit, Fasten, Wachen und Gelübde. Was auf den ersten Blick nicht als evangelisch anmutet, führt Bavinck auf einzelne Denker aus dieser Tradition zurück. Er nennt u. a. Gisbert Voetius (1589–1676), Campegius Vitringa (1659–1722) oder auch den pietistisch-lutherischen Theologen Johann Franz Buddeus (1667–1729). Es geht nicht um eine Form der Selbsterlösung, sondern um die bewusste Pflege des geistlichen Lebens, allen voran durch das Gebet. „Das Gebet ist die beste Schule der Demut, Geduld und des Gehorsams, der ständige Ausdruck und die Erfüllung des christlichen Lebens und Lehrer in der Selbstverleugnung“ (S. 463).

Lernertrag

Ich habe mich mehrere Wochen in dieses Buch vertieft. Dank der Logos-Ausgabe, die ich auf der Logos-App auf meinem Smartphone lesen konnte, begleitete sie mich durch meinen Alltag. Aus meiner Darstellung wird deutlich, dass es sich keineswegs um leichtverdauliche Kost handelt. Bavinck lehrt uns in seinem Werk, wie der Dreischritt Exegese – Dogmengeschichte – Konfrontation aktueller Weltanschauungen auch in der Frage, wie wir wohlgefällig für Gott leben und sterben können (um nochmals die eingangs verwendete Definition der Ethik aufzunehmen), eine zentrale Rolle spielt. Nur wenigen Denkern ist diese Breite des Blicks durch die Jahrhunderte so gelungen wie Bavinck. Besonders anschlussfähig an die Diskussionen des 21. Jahrhunderts ist der anthropologische Schwerpunkt Bavincks. Er beschäftigt sich eingehend mit der Lehre des Menschen, eine wahrlich notwendige Rückbesinnung angesichts der unzähligen und widersprüchlichen Konzepte und Therapien des Westens.

Eine unverzichtbare Hilfe ist die ausführliche Einleitung der Herausgeber, die auch einen Überblick über die einzelnen Bücher beinhaltet. Ebenso geschätzt habe ich – wie schon in der Reformierten Dogmatik – die Kapiteleinführungen mit Zusammenfassungen vom Editor.

John Bolt, Leiter des Bavinck-Instituts und Editor der Dogmatik und Ethik Bavincks, überschlägt sich im Lob für dieses Werk.[12] Gewissermaßen komplementär dazu lese ich Wayne Grudems Christian Ethics (Crossway, 2018), das stark materialethisch orientiert ist. Ich selbst habe nachhaltig von Bavincks Lebenswerk für meine berufliche und theologische Tätigkeit profitiert. Ich wünsche mir, dass manche Theologen und Lehrkräfte bei Bavinck schöpfen, um den Hintergründen ihrer eigenen Fragen und Spannungsfelder auf die Spur zu kommen. Die Spannung zwischen einer konsequent an der Schrift ausgerichteten Weltanschauung und dem modernen Leben prägte sein eigenes Leben bis zum Schluss.

Man darf auf die beiden angekündigten Folgebände gespannt sein. Das dritte Buch enthält vier Kapitel zum Thema der Heiligung sowie eine Ausformulierung der Pflichten gegen Gott, sich selbst und anderen Menschen gegenüber aufgrund der Zehn Gebote. Das (unvollendete) vierte Buch wendet sich dann der Materialethik zu, nämlich wie sich das christliche Leben in verschiedenen Bereichen, insbesondere der Familie, auswirken sollte.

Buch

Herman Bavinck. Reformed Ethics: Created, Fallen, and Converted Humanity. Grand Rapids: Baker, 2019. 608 S., 36,00 Euro.


[1]  Mehr siehe Hanniel Strebel, Herman Bavinck: Eine Einführung in sein Leben, seine Zeit und sein Werk, MBS Texte (182), 2014. URL: https://www.bucer.de/fileadmin/_migrated/tx_org/mbstexte182_c.pdf (Stand: 20.04.2021). Siehe auch James Eglinton, Bavinck: A Critical Biography, Grand Rapids, MI: Baker Academic, 2020.

[2] Eine deutsche Übersetzung ist in Vorbereitung. Ansonsten beziehe ich mich auf die englische Ausgabe. Das niederländische Original (2. Auflage) ist online abrufbar. URL: https://sources.neocalvinism.org/bavinck/?tp=books(Stand: 20.04.2021).

[3] Ausführlich in James Eglinton, Trinity and Organism, London/New York: T & T Clark, 2012.

[4] Herman Bavinck, „De wetenschap der H. Godgeleerdheid“. URL: https://sources.neocalvinism.org/6-Herman+Bavinck.+De+wetenschap+der+H.+Godgeleerdheid (Stand: 20.04.2021).

[5] Dirk van Keulen, „Herman Bavinck’s Reformed Ethics: Some Remarks about Unpublished Manuscripts in the Libraries of Amsterdam and Kampen“, in: The Bavinck Review 1, 2010, S. 25–56. Online einzusehen: URL: https://bavinckinstitute.org/wp-content/uploads/2010/04/Article-2-Van-Keulen.pdf (Stand: 20.04.2021).

[6] Es fand sich ein weiteres Studentenmanuskript mit einer Länge von 331 Seiten, das aus dem Jahr 1901, also kurz vor dem Wechsel nach Amsterdam, stammt.

[7] Herman Bavinck, Hedendaagsche moraal, Kampen: J. H. Kok, 1902.

[8] Herman Bavinck, „Ethics and Politics“, in: Ders., Essays on Religion. Science and Society (hrsg. von John Bolt*),* Grand Rapids: Baker, 2008, S. 261–278.

[9] Herman Bavinck, Reformed Dogmatics, Bd. 3, S. 23–190.

[10] Herman Bavinck, Reformed Ethics, Bd. 1, Prolegomena. S. 58.

[11] Der Text ist online verfügbar. Herman Bavinck, „Foundations of Psychology“, in: The Bavinck Review 9, 2018. URL: https://bavinckinstitute.org/wp-content/uploads/2019/08/BR9.pdf (Stand: 20.04.2021).

[12] John Bolt, „Herman Bavinck Translation Ethics, and Herman Bavinck and the Puritans“, URL: https://www.youtube.com/watch?v=dXoJMpjYHJM (Stand: 20.04.2021).

Hanniel Strebel hat an der Fachhochschule Betriebswirtschaft studiert und arbeitet in der betrieblichen Erwachsenenbildung. Nebenberuflich studierte er Theologie (MTh, USA) und promovierte über die Theologie des Lernens bei Herman Bavinck (PhD, USA). Er und seine Frau haben fünf Söhne. Hanniel bloggt unter www.hanniel.ch.