Gender Studies – Wissenschaft oder Ideologie?

Rezension von Philip Jackson
26. April 2021 — 17 Min Lesedauer

„Gender Studies“ - (k)eine Wissenschaft für sich?

Gender Studies – Wissenschaft oder Ideologie? So lautet der Titel des im September dieses Jahres in der dritten Auflage erschienen Buches. Harald Schulze-Eisentraut und Alexander Ulfig sind die Herausgeber. Der Titel beschreibt zugleich die zentrale Frage, welche dieses Buch beantworten will: Sind die als Studienfächer an den Universitäten aufgetauchten „Gender Studies“ eine ernst zu nehmende Wissenschaft oder nur eine Ideologie? Diese Frage wollen die Herausgeber zusammen mit zehn weiteren Autoren aus verschiedenen wissenschaftlichen Fachbereichen klären. Dafür legen sie den Maßstab der modernen Wissenschaft an die „Gender Studies“ an. Die Autoren kommen auf diese Weise zu dem einhelligen Schluss, dass die „Gender Studies“ das Ziel der Wissenschaftlichkeit weit verfehlen. Sie zeigen zudem, dass die Vertreter der „Gender Studies“ noch nicht einmal diesen Anspruch der Wissenschaft erfüllen wollen. Objektivität, Unparteilichkeit und ergebnisoffene Suche nach der Wahrheit als Ideale der Wissenschaft gelten für sie stattdessen als Ausdruck des männlichen Patriarchats. Dieses gilt es zu dekonstruieren und offen zu bekämpfen. Die Gender Studies wollen ausdrücklich parteilich sein. Sie beabsichtigen, Wissenschaft neu zu definieren. In den Rahmen des traditionellen Wissenschaftsbetriebs wollen sie sich dennoch eingliedern, um ihre bewusst partikuläre Ideologie voranzutreiben. Deshalb betrachten die Autoren die „Gender Studies“ nicht als legitimen Teil der Wissenschaft, sondern als einen Schaden für dieselbe.

Obwohl die spezifische Frage nach der Wissenschaftlichkeit der „Gender Studies“ das zentrale Thema des Buches darstellt, ist dieses Buch nicht nur für eine kleine spezielle Lesergruppe geeignet. Denn durch die Vielfalt der Autoren und Perspektiven lernt der Leser viel über die Gender Studies, ihre Hauptvertreter und den gesellschaftlichen Konflikt, der sich aus ihren Thesen ergibt. Auch sind die Beiträge bis auf einen der zwölf Artikel einfach zu lesen. Deshalb empfiehlt sich das Buch für jedermann, der am Thema Gender interessiert ist.

Inhalt

Gender-Kuriositäten: Neues von heldenhaften Spermien und wach geküssten Eizellen. Den ersten Artikel hat der Biologe Prof. Dr. Hans Peter Klein verfasst (lehrt Didaktik der Biowissenschaften an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main). Er beklagt

„Die Gender- und Diversity-Studies haben Fachbereiche und Schulfächer fest im Griff. Die entsprechenden Curricula halten wissenschaftlichen Ansprüchen aber keineswegs stand. Kritik ist unerwünscht. Wer dagegen aufbegehrt, wird als ‚reaktionär‘ oder gar ‚rassistisch‘ bezeichnet. … Dabei schaffen sie ein Umfeld, das selbst an Universitäten nicht mehr vom Diskurs, sondern von der Durchsetzung eigener Überzeugungen in einem künstlichen Klima der Verdächtigung und Verängstigung Andersdenkender geprägt ist. Wer dagegen aufbegehrt, muss mit der Diffamierung und Diskreditierung der eigenen Person oder der Zensur kritischer Beiträge rechnen.“

Im Bereich der Biologie wollen die Gender Studies das Fach umdefinieren zu einer weichen Wissenschaft mit zeitlich veränderlichen Erkenntnissen,

„als ein gesellschaftliches Unternehmen und das von ihm produzierte Wissen als gesellschaftliches, kulturell geprägtes Produkt“.

Dies steht im deutlichen Widerspruch zum Selbstverständnis der Biologie als experimentell-analytischer Wissenschaft, die sich auf überprüfbare Fakten stützt.

Alternative Geschlechter: Gender Studies sind mehr Ideologie als Wissenschaft. In dem vom Biologen Prof. Dr. Axel Meyer formulierten Artikel (lehrt Zoologie und Evolutionsbiologie an der Universität Konstanz) findet sich die Antwort auf die Frage des Buchtitels bereits im ersten Satz. Für ihn ist aus evolutionsbiologischer Sicht unübersehbar, dass die Evolution mit überwältigender Klarheit zwei Geschlechter favorisiert hat – bis heute. Diese beiden Geschlechter sind durch unsere Biologie vorgegeben und verschieden. Die Gender Studies hingegen reklamieren eine unüberschaubare Vielzahl an zusätzlichen Geschlechtern (bis zu 50), die nicht als objektive biologische Realität existieren. Diese Geschlechter sollen verstanden werden als von der Biologie unabhängige subjektive Selbstzuschreibungen.

„Evolutionskritische Erklärungen, abgestützt durch zahlreiche Befunde, Experimente, Studien und Erkenntnisse, werden von den Genderforscherinnen wohlfeil als ‚Biologismus‘ abgetan.“

Meyer begreift dieses subjektivierte gesellschaftliche Umerziehungsprogramm der Gender Studies als Angriff auf die Errungenschaften der Vernunft und Wissenschaft. Die streng normative, indoktrinative und diffamierende Rhetorik versteht er zudem als Angriff auf die westliche Toleranz.

Gendermedizin – eine Einordnung. Prof. Dr. Adorjan Kovacs ist Mediziner und Publizist und betrachtet in seinem Artikel die sog. Gendermedizin, welche die biologischen und soziokulturellen Unterschiede zwischen Mann und Frau beleuchtet. Die Gendermedizin beansprucht für sich, die Benachteiligung der Frauen in der Medizin zu beseitigen. Kovacs jedoch weist darauf hin, dass die Gendermedizin mit simplifizierten Feindbildern arbeitet. Außerdem behauptet er,

„dass es sich hier nicht um gänzlich neue Erkenntnisse der Medizin handelt, sondern eher um den Ausbau vereinzelt längst vorhandenen Wissens zu einem kohärenten Gebäude.“

Dem gegenüber übersteigt die moderne personalisierte Medizin, so Kovacs, das Anliegen der Gendermedizin sogar noch bei weitem. Und sie vermeidet die beobachtbare einseitige Fokussierung der Gendermedizin auf die Frau zum Nachteil der Männer. Zuletzt verweist Kovacs auf einen inhärenten Widerspruch zwischen der Gendermedizin und Teilen der Genderideologie. Die Gendermedizin differenziert nämlich sehr stark die Unterschiede zwischen Mann und Frau. Die Genderideologie hingegen versucht die Unterschiede zwischen den Geschlechtern massiv zu verwischen.

Wenn Genderforscherinnen zu #Metoo-Aktivistinnen werden. Sabine Beppler-Spahl ist Diplom-Volkswirtin, Autorin und Publizistin und kritisiert in ihrem Artikel die #Metoo-Bewegung als zu einseitig die Opferrolle der Frauen betonend. Sie deutet die Bewegung als Reaktion auf die Backlash-Theorie, welche besagt, dass die großen Erfolge der Feministinnen gefolgt wurden durch ein Zurückschlagen der Männer. Nach Beppler-Spahl haben sich die Feministinnen nach ihren großen Erfolgen deshalb neu erfinden müssen mit einem neu formulierten Opferfeminismus.

Gender – ein Rhizom? Zur Epistemologie der Genderstudien. Der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Markus D. Meier (Universidad Externado de Colombia) betrachtet die Kontroverse zwischen naturwissenschaftlicher Biologie und geisteswissenschaftlichen Gender Studies als falsche Dichotomie. Er schlägt als hybride Brücke zwischen diesen Polen „das sozial-biologische Konzept der Hypergamie“ vor. Er argumentiert konsequent evolutionsbiologisch, indem er postuliert, dass die biologisch evolutive Herausbildung von zwei Geschlechtern auch eine Herausbildung sozialer Rollen mit sich geführt hat. Dabei verstärken sich die biologischen und die soziologischen Differenzierungsprozesse gegenseitig. Selbst heute, da diese Unterscheidung der Geschlechter relativiert oder negiert wird, bleibt Reproduktion ein prägender Aspekt. Die neuen Definitionen sozialer Geschlechter „berühren lediglich ökonomische, politische und juristische Aspekte sozialer Ordnungsmodelle“. Da sie aber nichts zur Reproduktion beitragen können, bleiben sie nicht-reproduktive Randerscheinungen (Hypergamiefalle). Somit reduziert die Reproduktion die Geschlechterdiskussion ganz natürlich wieder auf die zwei biologischen Geschlechter.

Soziale Konstruktion – ein Grundbegriff der Gender Studies. Dr. Alexander Ulfig ist Philosoph, Soziologe, freier Autor und Mitherausgeber dieses Buches. Er beschreibt wie die Gender Studies Geschlecht als soziokulturelles Geschlecht (Gender), als soziale Konstruktion, definieren. Selbst das biologische Geschlecht soll sozial konstruiert sein und nicht etwas von der Natur Vorgegebenes. Die Protagonisten des Genderkonstruktivismus verstehen auch Erkenntnis und Wissenschaft als soziale Konstruktion, die vom jeweiligen Kontext abhängig ist – selbst die Naturgesetze. Deshalb lehnen Genderprotagonisten Wissenschaft als Suche nach objektiver Wahrheit kategorisch ab. Für sie gibt es keine allgemein gültigen Theorien, sondern nur eine Vertretung von feministischen, politischen Partikularinteressen. Ulfig hingegen argumentiert: „Die Grenze jeglichen Konstruierens bildet die empirische Realität“.

Gender aus Sicht eines Pädagogen. Jungenpädagogische Befunde und Überlegungen zum Problem der Geschlechtergerechtigkeit. Prof. Dr. Wolfgang Tischner lehrt Pädagogik und Sozialpädagogik an der Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg. Er widmet sich der These, dass die einseitige Fokussierung auf feministische Anliegen in den letzten Jahrzehnten Jungen schon von frühem Kindesalter an benachteiligt. Er belegt an Hand von Studien (u. a. diverse PISA-Studien) wie sich dieser Trend des Zurückbleibens der Jungen in schulischen Leistungen immer weiter fortsetzt. Dafür macht er drei Gründe verantwortlich: „die Delegitimierung von Männlichkeit und die Abwertung jungentypischen Verhaltens in der Schule“, „die Feminisierung der Schule“ und die „Koedukation“. Er fordert, dass die Unterschiedlichkeit der Geschlechter in der Pädagogik mehr Berücksichtigung finden soll.

Gender Studies in den Literaturwissenschaften. Die Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Publizistin Dr. Dagmar Lorenz macht in ihrem Beitrag darauf aufmerksam, dass durch die Gender Studies Literatur entstellt wird. Dies geschieht durch eine sehr einseitige auf Geschlechtergerechtigkeit ausgerichtete moralisierende Nachzensur der historischen Literatur. Deshalb fordert sie, Literatur in ihrer ursprünglichen Ästhetik zu belassen und aufzunehmen.

‚Gender‘, Grammatik und Rechtschreibung. Der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Heinz-Dieter Pohl (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt) gibt einen Überblick über die in den letzten Jahren entstandene Flut an Wortschöpfungen in der deutschen Sprache (z.B. StudentInnen, Student*innen, Studierxs). Diese sind getrieben durch den Feminismus und die Genderideologie. Dadurch soll die Geschlechterunterscheidung oder die Geschlechterneutralität bzw. -diversität als ständiges Mahnmal für Gendersensitivität in der deutschen Sprache verankert werden. Pohl verweist auf den fundamentalen Fehler der Gender Studies, den grammatikalischen Genus mit dem biologischen Geschlecht gleichzusetzen. Darüber hinaus zeigt er auf, dass viele der Neuschöpfungen zu nicht mehr lesbaren oder verstehbaren Texten führen. Sie verursachen grobe Verstöße gegen die deutsche Rechtschreibung. Pohl fordert, dass Sprache nicht zum Opfer einer Ideologie gemacht wird. Gleichbehandlung soll vielmehr im realen Leben praktiziert werden.

Wie Gendern unsere Sprache verhunzt. Der Germanist und Gymnasiallehrer Dr. Tomas Kubelik beschreibt die Bedrohung für die deutsche Sprache mit folgenden Worten:

„Die Forderung, Texte zu gendern, und die damit zusammenhängenden Vorschläge sind mehr ideologisch als wissenschaftlich motiviert, sind unnötig, da sie auf zweifelhaften theoretischen Grundlagen beruhen, sind nicht zufriedenstellend praktikabel, finden kaum Akzeptanz in der Öffentlichkeit, führen zu einer verfehlten Sexualisierung der Sprache, erschweren das Leseverständnis und in weiterer Folge die Klarheit der Kommunikation und zerstören das Gefühl für guten Stil.“

Strukturen und Netzwerke der Gender Studies. Dr. Harald Schulze-Eisentraut ist Klassischer Archäologe (Archäologische Staatssammlung München), Publizist und Mitherausgeber dieses Buches. Er legt ausführlich dar wie die Gender Studies nicht nur ein Studienfach und nicht nur eine Ideologie sind, sondern eine strukturell vernetzte Genderpolitik. Damit haben sie weitreichenden Einfluss auf alle Bereiche unserer Gesellschaft gewonnen. Genderthemen sind dabei aber nicht das Einzige im Programm. Unter dem Überbegriff der Diversität haben sie sich das Vertretungsrecht für alle nur erdenklichen unterdrückten Minderheiten zu eigen gemacht. Zur Propagierung dieser Agenda wird jedoch nicht ein gesellschaftlicher Diskurs angestrebt, sondern eine aggressive Lobbypolitik im top-down approach. Diffamierungen, öffentliche Angriffe und Druck kommen zur Anwendung (Veröffentlichung eines denunziatorischen Lexikons, das die Personen oder Institutionen öffentlich anprangert, die ihren Vorstellungen nicht entsprechen). Wer nicht auf die Gender- und Diversitätslinie mit einschwenkt wird auch gern als politisch rechts abqualifiziert. Dabei ist es gelungen, das Gender Mainstreaming in allen öffentlichen Bereichen, auf der politischen Ebene und auch in der Wissenschaft (z.B. bei der Vergabe von Forschungsmitteln) zum unumgänglichen Standard zu machen.

Kritische Würdigung

Die Autoren können glaubhaft belegen, dass die Gender Studies keine Wissenschaft sind. Stattdessen werden Partikularinteressen vertreten, die mit fragwürdigen Mitteln verfolgt werden. Dieser Beleg fällt leichter als erwartet, da Vertreter der Gender Studies offen das aktuell praktizierte Wissenschaftsverständnis als patriarchalisches Feindbild ausgemacht haben und bekämpfen. Die Buchautoren belegen und beklagen einhellig, dass die Gender Studies gegen Andersdenkende mit aggressiver Polemik vorgehen. Damit machen sich die Gender Studies immun gegen jede Form von Kritik. Im Zweifelsfall wird einfach der Wissenschaftsbegriff so umdefiniert, dass er ihr Handeln rechtfertigt. Eine saubere Wissenschaftstheorie etablieren sie aber nicht. Damit fällt den Autoren die Antwort auf die Frage nach der Wissenschaftlichkeit sozusagen in den Schoß. Die Gender Studies sind keine Wissenschaft, denn sie wollen keine Wissenschaft nach aktuellen Maßstäben betreiben. Sie bekämpfen sie vielmehr und fügen ihr damit Schaden zu.

Die Antwort auf die Frage nach der Wissenschaftlichkeit der Gender Studies beantworten die Autoren also einheitlich negativ. Dennoch unterscheiden sich die Argumente genau wie die unterschiedlichen Wissenschaftszweige, aus denen die Autoren heraus die Frage zu beantworten suchen.

Dort, wo die Perspektive der Autoren evolutionsbiologisch ausgerichtet ist, findet sich eine Stärke im Argument für die Zweigeschlechtlichkeit. Aber darin enthalten ist gleichzeitig eine fundamentale Schwäche. Die Stärke liegt darin, dass – innerhalb der Logik der Evolutionstheorie argumentiert – das Überleben der Tüchtigsten als Resultat eines langen Selektionsprozesses offensichtlich die Zweigeschlechtlichkeit als ideale Form für den Menschen herausgebildet hat. Diese gegenwärtige Realität lässt sich nicht wegdiskutieren. Die große Schwäche dieses Argumentes ist zunächst nicht so offensichtlich, aber dennoch schwerwiegend. Denn aus einem Evolutionsprozess ergibt sich rein logisch allerhöchstens eine starke Plausibilität für Zweigeschlechtlichkeit, aber keine unverrückbar normative Verbindlichkeit. Wenn eine moderne Gesellschaft Mittel und Wege findet, Reproduktion anders zu organisieren als in einer festen Bindung aus Mann, Frau und Kind, dann enthält die Evolutionstheorie keine verbindliche Moral, welche neue Organisationsformen verbieten könnte. Bindende Moral gibt es nur mit Gott. Nur ein Schöpfer, der bewusst zwei Geschlechter schafft, kann eine absolute moralische Norm diesbezüglich einfordern. Gott als Schöpfer hat jedoch keine Erwähnung gefunden in diesem Buch. Ob dies daher rührt, dass die Autoren nicht an Gott glauben oder bewusst Glaube und Wissenschaft voneinander trennen, wird nicht klar. Es zeigt zumindest, dass die Engführung des modernen materialistischen Wissenschaftsbegriffs fundamentale Schwächen in sich trägt. Denn Fragen über Ursprung, Absicht, Sinn, Ziel und bindende Moral kann der Wissenschaftler so nicht mehr stellen und auch nicht beantworten. Das ist aber nötig, um nicht ein ethisch hochproblematisches Gesellschaftsexperiment der Geschlechterverwirrung zuzulassen, bei dem am Ende unsere Kinder die Leidtragenden sind.

Die Gendermedizin wirft auch ein überraschend schlagkräftiges Argument in den Ring, das auf ein massives Problem der Gender Studies hinweist, nämlich auf einen inhärenten ideologischen Widerspruch. Denn die Gendermedizin (genau wie der klassische Feminismus) betont einerseits sehr stark die Andersartigkeit von Frauen. Andererseits arbeiten andere Vertreter der Genderideologie vehement darauf hin, alle Unterschiede zwischen Mann und Frau zu verwischen, zu relativieren oder als jederzeit veränderbar darzustellen. Dies führt zu einer großen Widersprüchlichkeit innerhalb der Genderideologie, die nicht so leicht aufzulösen ist.

Die #MeToo-Debatte ist ein Beispiel für die spezifische Verwundbarkeit und die Rechte der Frauen gegenüber Männern. Leider erscheint die Argumentation in dem Beitrag wenig überzeugend, da er schlicht zu kurz ausgefallen ist. Es fehlen ausreichend Belege und stichhaltige Argumente für die in den Raum gestellte opferfeministische Reaktion auf die Backlash-These. Das heißt, dass die #MeToo-Bewegung eine Reaktion in der Form eines Opferfeminismus auf das Aufbegehren der Männer gegen den Feminismus sei. Sicher ist es vorstellbar, dass es im Rahmen der Bewegung teilweise zu missbräuchlichen Anklagen (vielleicht sogar ideologisch motiviert) von unschuldigen Männern gekommen ist. Der pauschale Verweis darauf, „dass es zu vielen Anschuldigungen, aber nur wenigen Anzeigen kam“ überzeugt definitiv nicht. Denn die Überführung von Tätern ist im Falle von sexuellem Missbrauch immer schwierig, schon alleine wegen des Problems der juristischen Verjährung. Bei solch einem problematischen Thema hätte man sich als Leser mehr Gründlichkeit und mehr Sensibilität gewünscht.

Die Beiträge aus dem Fachbereich Soziologie wirken hingegen gut recherchiert und mit vielen Belegen bestückt. Sie sind deshalb sehr instruktiv in Bezug auf die Logik der Genderideologie, ihr Wissenschaftsverständnis oder ihren Mangel davon. Befremdlich mag dem modernen Leser einer der Beiträge über die Benachteiligung von Jungen im Kindes- und Jugendalter vorkommen. Denn solch eine einseitige Betrachtung geschlechtsspezifischer Merkmale wirkt vertraut, wenn es sich um Mädchen oder Frauen handelt, aber ungewohnt, wenn es sich um das männliche Geschlecht handelt. Logisch lässt sich solch eine Ausklammerung des männlichen Geschlechtes aber nicht rechtfertigen, weshalb es um so wichtiger ist, einer ungerechtfertigt seltenen Stimme das Ohr zu leihen.

Ein Ohr leihen kann man hingegen aus Sicht der Literatur- und Sprachwissenschaftler der von Genderismen durchbrochenen Sprache überhaupt nicht mehr. Sie zeigen fachlich überzeugend auf, wie Literatur und Sprache an den Ein-, ja sogar Übergriffen der Genderideologen leiden.

Der abschließende Beitrag zur Beschreibung der Strukturen und Netzwerke der Gender Studies erschreckt geradezu. Denn dort wird beispielsweise berichtet von dem „Wiki Agent*In“, einem denunziatorischen Online-Lexikon der Heinrich Böll Stiftung und des Gunda-Werner-Instituts, das aggressiv und diffamierend gegen Menschen und Einrichtungen vorging, die nicht dem Gender Mainstreaming entsprochen haben. Ob solch eine Methodik der Gender Studies irgendeinem wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Maßstab entspricht, stellt sich auf Grund der Unwürdigkeit solcher Mittel erst gar nicht.

Schlussfolgerungen

Wissenschaft oder Ideologie: Die Gender Studies werden in diesem Buch durch vielfache Belege klar als Ideologie und nicht als Wissenschaft identifiziert. Stattdessen zeigen die Autoren, dass sie eher wissenschaftsfeindliche Tendenzen aufweisen und sich dabei fragwürdiger aggressiver Methoden zur Verbreitung ihrer Ideologie bedienen.

Dieses Buch ist kein christliches Buch. Das heißt, dass die Argumente überwiegend wissenschaftlich sind im Sinne der aktuellen Definition dieses Begriffes, der religiöse Aspekte ausklammert. Deshalb findet man auch in keiner Zeile das normativste aller Argumente, nämlich den Verweis auf den Schöpfergott der Bibel, der den Menschen geschaffen hat als Mann und Frau. Damit stellt sich die Frage inwieweit Wissenschaft unter Ausklammerung der Religion ein guter Wissenschaftsbegriff ist, wenn man dadurch die schlagkräftigsten Argumente in Bezug auf fundamentalste Fragen unseres Daseins verliert. Anstatt eines Schöpfers und einer Schöpfungsabsicht findet man hingegen öfter den Verweis auf die Evolution und ihre Mechanismen. Dennoch eignet sich dieses Buch durchaus sehr gut für Christen, die sich ernsthaft mit dem Thema der Genderideologie auseinandersetzen wollen, da durch die Vielseitigkeit der wissenschaftlichen Perspektiven der Leser eine weite Sicht auf das Thema und die möglichen Argumente bekommt. Wissenschaftler muss man jedoch nicht sein, um dieses Buch zu lesen, da alle bis auf einen Beitrag in einem gut verständlichen Schreibstil verfasst worden sind.

Entarteter gesellschaftlicher Diskurs: Dieses Buch ist auf den zweiten Blick nicht nur ein Buch über Gender Studies. Denn dieses Buch berührt eine Angelegenheit, die weit über das Thema Gender hinausgeht. Es geht um die Frage nach dem Stil des wissenschaftlichen und des gesellschaftlichen Diskurses. Was man auf den Seiten dieses Buches über die denunziatorischen, diffamierenden und bewusst aggressiven Methoden der Genderideologen liest ist erschreckend. Es wirft kein gutes Licht auf die Gender Studies. Noch erschreckender ist jedoch zu sehen, wie erfolgreich sie damit sind, ohne darüber Rechenschaft ablegen zu müssen. Gleichzeitig können sich aber die klassischen Wissenschaften auch nicht immer ganz frei machen von ganz ähnlichen Reflexen, wenn es um die vermeintliche Überlegenheit manch wissenschaftlicher Theorien geht. So wird beispielsweise jeder Verweis auf einen göttlichen Ursprung des Universums und des Menschen nicht selten von vorneherein wissenschaftlich ausgeschlossen. Dies geschieht obwohl die Wissenschaft gemäß der eigenen Definition darüber gar nichts aussagen kann. Dennoch werden Andersdenkende schnell herablassend behandelt, ausgegrenzt und als unwissenschaftlich diffamiert.

In ähnlicher Weise werden auch in politischen Diskussionen zunehmend Meinungen, die nicht dem Mainstream entsprechen, gern als rechtsradikal oder idiotisch gebrandmarkt. Von oben herab wird eine Einheitsmeinung durchgesetzt. Andere Meinungen werden zu illegalen Meinungen erklärt. Wer heute zum Beispiel sagt, dass die klassische Familie als Ehe von Mann und Frau und den daraus entstehenden Kindern als Familie die normative Keimzelle der Gesellschaft bleiben sollte, homosexuelle Paare hingegen ungeeignet sind, um als Familienersatz für Kinder zu fungieren, der darf solch eine Meinung nicht mehr haben. Solch eine Meinung soll nun illegal sein, weil diskriminierend, obwohl die Ehe und Familie immer noch im Grundgesetz verankert dem besonderen Schutz des Staates unterstellt sind. Hier wird deutlich wie die Genderideologie bzw. ihre aggressiven Methoden, wenn sie erst einmal zum allgemeinen gesellschaftlichen Umgangston geworden sind, nicht nur eine Gefahr für die Wissenschaft sind, sondern auch für unsere Gesellschaft im Ganzen. Aus diesem Grund ist dieses Buch nicht nur für am Thema Gender Interessierte geeignet, sondern auch für Menschen, die ein ganz allgemeines Interesse an gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen haben.

Dieses oder vergleichbare Bücher zum Thema sind Pflichtlektüre für jeden Christen und mündigen Bürger.

Buch

Harald Schulze-Eisentraut, Alexander Ulfig (Hg.). Gender Studies – Wissenschaft oder Ideologie? Deutscher Wissenschafts-Verlag (DWV): Baden-Baden, 2019, 249 S., 24,95 Euro.

Philip Jackson ist verheiratet mit Renate, hat Physik an der Uni Tübingen studiert und ist seit 20 Jahren in der naturwissenschaftlichen Forschung tätig (die meiste Zeit an Solarzellen). Aktuell strebt er einen Berufswechsel in die Theologie an und studiert am Martin Bucer Seminar in München.