Rejoice and Tremble

Rezension von Larry Norman
22. April 2021 — 7 Min Lesedauer

„Was waren das noch für Zeiten, als wir Deutsche Gott fürchteten, aber sonst nichts auf der Welt! Die Angst vor dem Herrn haben wir ja inzwischen weitgehend überwunden, doch jetzt fürchten wir uns vor ziemlich allem anderen.“ So schrieb Berthold Kohler 2014 in der F.A.Z. Man muss allerdings nicht besonders zynisch sein, um seine Diagnose auch auf die Kirche anzuwenden. Die Furcht des Herrn scheint oft zu fehlen und an ihrer Stelle wächst eine bunte Vielfalt an Ängsten.

Es passt deshalb wie Butter aufs Brot (um die „Faust aufs Auge“ einmal nicht zu bemühen), dass Michael Reeves – einer der Hauptredner der anstehenden E21-Hauptkonferenz und Leiter der theologischen Ausbildungsstätte Union – gerade jetzt ein Buch zum Thema Furcht des Herrn schreibt. Rejoice and Tremble: The Surprising Good News of the Fear of the Lord ist ein hervorragendes Werk mit zwei kleinen Mängeln: Erstens ist es noch nicht ins Deutsche übersetzt worden. Zweitens ist das Buch vollgepackt mit Zitaten von Puritanern, deren Englisch an einigen Stellen sehr altmodisch ist. Das Buch eignet sich also leider nur für jene, die relativ gute Englischkenntnisse haben. Vielleicht ist das ein guter Anlass dafür, zu beten, dass der Herr mehr schriftstellerische Arbeiter in seine deutschsprachige Ernte sendet?

Die Umdeutung der Furcht

Nun zum Buch: Reeves liegt es am Herzen, uns zu zeigen, wie wir die Furcht des Herrn in den letzten 200 Jahren umgedeutet haben. Der Begriff bedeutet nicht mehr das, was Gläubige früher darunter verstanden. Der erste Absatz dieser Rezension war ein Beispiel dafür. Dort habe ich Kohlers „Angst vor dem Herrn“ mit der „Furcht des Herrn” gleichgesetzt. Genau dieser Wechsel ist unser Problem, argumentiert Reeves. Wir denken, die Gottesfurcht habe etwas mit Angst zu tun.

Reeves weist drauf hin, dass es zwei theologische Lager gibt. Im ersten spricht man viel von Gottes Liebe, Freundlichkeit und Güte und nie davon, dass man Gott fürchten solle. Dem scheinbar entgegengesetzt betont das zweite Lager, dass wir Angst vor Gott haben sollen. Reeves meint dazu: „Wir bekommen den Eindruck, dass die Furcht Gottes das trostlose theologische Pendant, zum Gemüse-Aufessen ist. Damit stopfen sich die theologischen Gesundheitsfanatiker voll, während die anderen etwas viel leckereres genießen.” So nimmt sich Reeves vor, „den oft abschreckenden Begriff der ‚Furcht des Herrn‘“ biblisch klar zu erläutern, denn in der Bibel „bedeutet [dieser Begriff] keineswegs, dass Christen Angst vor Gott haben sollen“ (S. 16).

Die falsche Art der Furcht

Im zweiten Kapitel geht Reeves auf „sündige Furcht” ein. Es ist richtig, dass unbekehrte Menschen Gott fürchten, denn sie sind noch nicht mit ihm versöhnt und daher schuldig und verurteilt. Diese Furcht ist nicht falsch, aber ohne das Werk des Heiligen Geistes führt sie nicht zur Buße und zum Glauben, sondern zu größerem Abstand von Gott. Daher der Name „sündige Furcht”. Reeves nennt dafür den Atheisten Christopher Hitchens und den jungen Mönch Martin Luther als Beispiele. Dabei zeigt er auf, dass diese sündige Furcht von einer falschen Gotteserkenntnis kommt, bei welcher Gott nur als strenger Meister gesehen wird (vgl. Lk 19,21).

Die wahre Gottesfurcht

„Die Furcht des Herrn ist dasselbe wie die Liebe zum Herrn. Sie ist kein Zurückrudern weg von Gott. Sie ist nichts, was einen Sicherheitsabstand von Gott fordert, als ob Gott eine tickende Zeitbombe wäre.“
 

Wie sieht aber die richtige Furcht des Herrn aus? Jetzt packt Reeves das Beste aus - auch anhand etlicher Zitate der Reformatoren und Puritaner. Eine gesunde Furcht des Herrn ist ein Geschenk des neuen Bundes (Jer 32,38–40). Der Grund für diese Furcht? Gottes Güte und Gnade (Hos 3,5; vgl. 1Mose 28,10–17). So kann der Puritaner William Gouge schreiben, dass die Gottesfurcht „aus dem Glauben an Gottes Güte und Barmherzigkeit kommt; denn das Herz wird mit innerer Furcht und Ehrerbietung erfüllt, wenn es den süßen Geschmack von Gottes Güte geschmeckt und gesehen hat, dass alle Freude nur in seiner Gunst allein zu finden ist” (S. 48). Reeves lässt hierzu auch John Bunyan zu Wort kommen: „[Die Hoffnung auf Barmherzigkeit] schafft ein wirklich zärtliches Herz, einen tatsächlich frommen, weichen Geist. [Diese Hoffnung] führt die Neigungen des Herzens[1] zu Gott; und in dieser Zärtlichkeit, Weichheit und hingegebenen Zuneigung[1] liegt der wahre Kern dieser Furcht des Herrn” (S. 50).

Zusammengefasst: die Furcht des Herrn ist dasselbe wie die Liebe zum Herrn. Sie ist kein Zurückrudern weg von Gott. Sie ist nichts, was einen Sicherheitsabstand von Gott fordert, als ob Gott eine tickende Zeitbombe wäre.

Die Furcht des Schöpfers und Vaters

Reeves führt seine Argumentation fort, indem er aufzeigt, dass die Bibel von einer Furcht des Herrn als Schöpfer spricht (z.B. Ps 8). Doch hier hört die Bibel nicht auf. Die höchste Stufe der Gottesfurcht schaut auf Gott nicht primär als Schöpfer, sondern als Vater. Prediger werden dieses Kapitel besonders wertschätzen, denn neben einer klischeehaften Veranschaulichung aus Narnia liefert Reeves auch einige neuere Beispiele.

Die Furcht als Staunen

Diese kindliche Furcht hat nichts mit der Angst zu tun, dass man sein Heil verlieren oder dass Gott im Wutausbruch explodieren könnte. Es ist die Furcht, die Jesus selbst hat (Jes 11,1–3). Diese heilige und herrliche Furcht ist eine „evangelikale Furcht”. Sie kommt von der Erkenntnis, dass Gott – der Vater – alles in Christus vollbracht hat, sodass wir gerettet werden (S. 96–97). „Indem Gott seinen Sohn gesandt hat, um uns zurück zu ihm zu bringen, hat er sich als unaussprechlich lieblich und durch und durch väterlich offenbart. […] Durch seine Rettung wird unsere Furcht aus einer zitternden, sklavischen Angst in ein ehrfürchtiges, kindliches Staunen verwandelt” (S. 98–99).

Das ist das Wunder des Evangeliums und unserer Einheit mit Jesus. Um es mit Spurgeon zu sagen: Jetzt in Christus stimmt es dass, „in dieser kindlichen Furcht nicht mal ein Atom jener Furcht steckt, die Angst bedeutet. Wir, die wir an Jesus glauben, haben keine Angst vor unserem Vater. Gott verbiete, dass wir sowas je haben. Je näher wir ihm kommen, desto glücklicher sind wir” (S. 100).

Die Furcht als Respekt?

So wird klar, dass „Ehrerbietung” oder „Respekt” nicht immer die besten Begriffe für die Gottesfurcht sind. Nicht nur weil sie jene falsche Art der Furcht nahelegen, sondern weil sie zu schwach sind. Sie kommen der zitternden, überwältigenden Liebe und Bewunderung der „Furcht des Herrn” nicht nah genug. An und für sich sind sie keine „falschen Wörter“, sondern „schlichtweg keine wirklichen Synonyme“ für die Furcht des Herrn (S. 58).

Die Furcht auf das Leben angewandt

„Unsere ewige Freude wird aus der reinen Gottesfurcht bestehen.“
 

Es folgen drei weitere Kapitel, vollgepackt mit Anwendungen für unser tägliches Christsein, unserem Gemeindeleben und unserem Nachdenken über die Ewigkeit. Zum Beispiel: Wie kann man in der Furcht des Herrn wachsen? Wie Sonne die Haut bräunt und aufwärmt, verändert Gott uns durch sein Evangelium. Es ist vor allem das Hören und Beherzigen der Frohen Botschaft von Jesus, das uns verändert und uns die Gottesfurcht lehrt. Nochmals Bunyan: „Es gibt nichts im Himmel oder auf Erden, das das Herz besser staunen lehrt, als die Gnade Gottes” (S. 123). Wie sollen wir uns die Ewigkeit vorstellen? „Unsere ewige Freude wird aus der reinen Gottesfurcht bestehen” (S. 163).

Fazit

Rejoice and Tremble ist ein wunderbares Buch, das jedem Leser gut tut. In einer Welt voller Angst und mit ängstlichen Herzen, haben wir es dringend nötig, unseren heiligen Gott wieder zu fürchten. Das Buch hilft uns, ihm näher zu kommen. Weil wir an Christi Beziehung zu seinem Vater teilhaben, können wir den Vater fürchten, genau wie Jesus es tut. Möge Gott seine Gemeinde erneut lehren, wie die wahre Furcht des Herrn aussieht, sodass sein Volk ihn tiefer lieben lernt.

Buch

Michael Reeves, Rejoice and Tremble: The Surprising Good News of the Fear of the Lord, WheatonCrossway, 2021. 192 S. ca. 15,62 Euro.


1 Im englischen Original wird an diesen Stellen das schwer zu übersetzende Wort „Affections“ benutzt.

Larry Norman wohnt zusammen mit seiner Frau und ihrer kleinen Tochter in Leipzig, wo er für die Leipzig English Church arbeiten darf. Er hasst Marzipan.