The Need for Creeds Today

Rezension von Ben Graber
20. April 2021 — 6 Min Lesedauer

Einer von Tausenden

Kurz nach Beginn seiner langen und gefährlichen Reise von der „Stadt des Verderbens“ in die „Himmelsstadt“ darf der Pilger Christian, der Protagonist von John Bunyans beliebter Allegorie Die Pilgerreise, im Haus eines Mannes namens Ausleger einkehren. Dort findet er Ruhe und Erholung und vor allem auch Weisung für den Weg, der noch vor ihm liegt. Als Erstes zeigt ihm Ausleger ein großes Bild von einem beeindruckenden Menschen: „Der hielt das Beste aller Bücher in der Hand. Auf seinen Lippen stand das Gesetz der Wahrheit geschrieben, seine Augen waren zum Himmel gerichtet. Die Welt lag hinter ihm. Über seinem Kopf schwebte eine Krone aus Gold.“[1]

Christian möchte natürlich die Bedeutung des Bildes verstehen. Ausleger erklärt ihm: „Der Mann ist einer von Tausenden“ – d.h. einer von den „zehntausend Lehrmeistern in Christus“ (1Kor 4,15), die Christen haben, nämlich echte und treue Pastoren. „Der Herr des Ortes, an den du gehst, hat dir den Mann, den das Bild darstellt, überall dort zum Führer bestimmt, wo dich Schwierigkeiten erwarten. Halte dich also an das, was ich dir gezeigt habe, und vergiss es nicht! Und denke besonders daran, wenn dir unterwegs Menschen begegnen, die vorgeben, dich auf den richtigen Weg zu leiten, der aber mit Sicherheit nur zum Tod führt.“[2]

Diesen wichtigen Dienst üben Pastoren – wie J.V. Fesko, Professor für systematische und historische Theologie am Reformed Theological Seminary (USA), argumentiert – nicht nur als einzelne Prediger, Lehrer und Seelsorger aus, sondern auch durch das gemeinsame Verfassen von Glaubensbekenntnissen. Durch diese stellen sie Zusammenfassungen zentraler christlicher Lehren sowie ihre Antworten auf die Herausforderungen von Gegnern der Gemeinde zukünftigen Generationen zur Verfügung. Feskos neuestes Buch, The Need for Creeds Today (dt. „Warum man auch heute noch Glaubensbekenntnisse braucht“), plädiert dafür, dass Gemeinden des 21. Jahrhunderts die historischen christlichen Bekenntnisse wertschätzen und von ihnen Gebrauch machen.

Was das Buch ist und was nicht

Deutschsprachigen Lesern wird gleich beim ersten Satz der Einleitung auffallen, dass es sich hier um ein US-amerikanisches Buch handelt: „In der amerikanischen religiösen Psyche gibt es eine gewisse Abneigung und Misstrauen gegenüber der Tradition“ (S. xiii).[3] Feskos Anliegen ist es, angesichts dieser Abneigung sowohl biblische Argumente (Kap. 1) als auch historische Argumente (Kap. 2) für den Gebrauch von außerbiblischen Bekenntnissen zu liefern. Danach betrachtet er die geschichtlichen Wurzeln des Antikonfessionalismus (Kap. 3) und reflektiert in den letzten beiden Kapiteln darüber, welchen Vorteil Gemeinden von Glaubensbekenntnissen haben (Kap. 4), aber auch – anhand einer faszinierenden Episode der Dordrechter Synode (1618–19) – mit welchen Gefahren der Konfessionalismus verbunden sein kann (Kap. 5).

„Bekenntnisschriften sind geradezu unentbehrlich für Gemeinden, die Bibeltreue nicht nur im Hier und Jetzt, sondern auch über die Generationen hinweg praktizieren wollen.“
 

Fesko spricht zwar vom allgemeinen amerikanischen Misstrauen gegen Bekenntnisse, allerdings bildet The Need for Creeds Today keine ausführliche, an Bekenntnis-Skeptiker gerichtete Rechtfertigung des Gebrauchs von Glaubensbekenntnissen. Wer sich mit der Frage beschäftigt, ob seine Gemeinde bzw. Denomination zum ersten Mal eine Bekenntnisschrift verfassen oder übernehmen sollte, wird hier kein entscheidendes Argument finden, zumal die fünf Kapitel nicht wirklich aufeinander aufbauen, sondern jeweils einen relativ kurzen Überblick über einen Aspekt von Feskos Sichtweise auf das Thema geben. Am wertvollsten dürfte das Buch als Ermutigung für Theologiestudenten sein, die aus (vor allem reformierten) konfessionellen Gemeinden kommen, aber mit einer der Tradition skeptisch gegenüberstehenden Kultur außer- sowie innerhalb der eigenen kirchlichen Szene zu kämpfen haben.

Warum Glaubensbekenntnisse?

Obwohl Fesko primär als Insider für Insider schreibt, kann The Need for Creeds Today für deutschsprachige Studierende und Gemeindeleiter durchaus von Nutzen sein. Dem, der sich generell für Kirchengeschichte interessiert, bieten das zweite und dritte Kapitel eine exzellente Einführung in die Entwicklung protestantischer Orthodoxie in Europa sowie der Gegenströmungen, die zu ihrem Niedergang beitrugen. Nicht nur die amerikanische, sondern auch die europäische „religiöse Psyche“ wurde entscheidend von den Folgen der Religionskriege des 17. Jahrhunderts (S. 49–57) oder der Umgestaltung des Theologiestudiums an deutschen Universitäten im Laufe des 19. Jahrhunderts (S. 63–66) geprägt.

Vielleicht noch wichtiger für deutschsprachige Evangelikale sind einige von Feskos Äußerungen über die Entstehung und den Gebrauch von Bekenntnisschriften, die in verschiedenen Kapiteln vorkommen. Die biblische Basis für schriftliche Bekenntnisse, die der Autor im ersten Kapitel vorstellt, wird zwar anhand von einigen alt- sowie neutestamentlichen Texten nur skizziert, dennoch gelingt es Fesko zu zeigen, dass solche Bekenntnisse zur Erfüllung biblischer Gebote dienen (S. 3–6) und sogar, dass Beispiele christlicher Bekenntnistexte in der Bibel selbst erscheinen (S. 6–10). Besonders erhellend ist seine Bemerkung, dass die christliche Kirche durch Glaubensbekenntnisse (ebenso wie durch Gebete und Predigten) einen biblischen Auftrag erfüllt, nämlich „sich die Lehre der Bibel anzueignen und sie zu studieren, zu verstehen und in eigenen Worten in der Katechese sowie zur Verteidigung des Glaubens weiter zu verkündigen“ (S. 14). Bekenntnisschriften sind demnach geradezu unentbehrlich für Gemeinden, die Bibeltreue nicht nur im Hier und Jetzt, sondern auch über die Generationen hinweg praktizieren wollen.

„Gerade durch das Unterscheiden zwischen Orthodoxie (rechter Lehre) und Heterodoxie (falscher Lehre) können Glaubensbekenntnisse ihren Anhängern echte Freiheit gewähren.“
 

Schriftliche Glaubensbekenntnisse schützen die Bibeltreue auf eine in mancher Hinsicht überraschende Art und Weise. Gut nachvollziehbar ist, dass die Grenzen für orthodoxe Bibelauslegung, die solche Dokumente festlegen, diesem Zweck dienen (S. 78–82). Weniger offensichtlich ist, wie gute Bekenntnisschriften für theologische Vielfalt Raum lassen, und zwar durch die Fragen, die bewusst unentschieden bleiben (S. 82–89). Gerade durch das Unterscheiden zwischen Orthodoxie (rechter Lehre) und Heterodoxie (falscher Lehre) können Glaubensbekenntnisse ihren Anhängern echte Freiheit gewähren. Ebenso überraschend dürfte die Behauptung sein, dass protestantische Bekenntnisse ursprünglich als Ausdruck der Katholizität (engl. catholicity) gedacht waren (S. 91). Reformatoren wie Luther und Calvin hielten sich nicht für theologische Innovatoren, sondern für Vertreter des tatsächlichen katholischen Glaubens – also des Glaubens der Apostel und Kirchenväter – den sie im Gegensatz zu den Lehren der römisch-katholischen Kirche sahen. Ihre Glaubensbekenntnisse sowie die der späteren Protestanten sollten genau dies beweisen. So widersinnig es auch erscheinen mag, die historischen reformatorischen Bekenntnisschriften verbinden Protestanten aus verschiedenen Traditionen und ihre Glaubensgeschwister aus allen 20 Jahrhunderten der Kirchengeschichte miteinander.

Hilfe für Pilger auf dem Weg

Sicherlich wird der kulturelle und kirchliche Hintergrund von The Need for Creeds Today bei wenigen deutschsprachigen Evangelikalen Widerhall finden. Dennoch macht J.V. Feskos Plädoyer für die Relevanz und den Wert von Glaubensbekenntnissen sein Buch empfehlenswert, nicht nur für Studenten der Kirchengeschichte, sondern auch für Pastoren und Gemeindeleiter, die gesunde und standhafte Gemeinden bauen wollen. Egal, ob sie eine (oder einige) der historischen reformatorischen Bekenntnisschriften übernehmen oder auf deren Grundlage ein neues Bekenntnis verfassen, sie werden entdecken, dass sie ihre Herde nicht alleine führen müssen, sondern dass sie ein Bild – wie das im Haus des Auslegers – bekommen, um wahre von falscher Lehre unterscheiden zu können. Und noch besser: Durch die hinterlassenen Bekenntnisse stehen ihnen noch heute tausende Lehrmeister bei, die der Herr des Himmels seinem Volk zu Führern auf dessen Pilgerreise bestimmt hat.

Buch

V. Fesko, The Need for Creeds Today: Confessional Faith in a Faithless Age, Grand Rapids, Michigan: Baker Academic 2020, 142 Seiten, ca. 14 EUR.


[1] John Bunyan, Die Pilgerreise, Witten: SCM R. Brockhaus, Kindle Edition.

[2] Ebd.

[3] Alle Zitate sind aus dem Englischen übersetzt.

Ben Graber ist Dozent für Biblische Theologie und Altes Testament am Martin Bucer Seminar in München, wo er auch als pastoraler Mitarbeiter der FeG München-Ost tätig ist. Ben und seine Frau Anna, beide gebürtige Amerikaner, lernten sich in Berlin kennen und dienten dort als Gemeindegründungsmissionare, bevor sie 2018 nach München kamen. Sie haben vier Kinder.