Das Kino im Herzen

Artikel von Ron Kubsch
16. April 2021 — 9 Min Lesedauer

Wunderst du dich manchmal darüber, dass Christen die Dinge heute ganz anders sehen als vor 10 Jahren? Mir geht das hin und wieder so. Vor einiger Zeit traf ich einen jungen Mann, der ein Theologiestudium an einer bibeltreuen Ausbildungsstätte absolviert hatte und sich mit seiner jungen Familie auf den außenmissionarischen Dienst bei einer bekannten evangelikalen Missionsgesellschaft vorbereitete. Als er mich davon überzeugen wollte, dass praktizierte Homosexualität aus christlicher Sicht nicht als Sünde bezeichnet werden dürfe, kam mein innerer Kompass ziemlich durcheinander. Ich dachte: „Wieso geht jemand in die Mission, der einen 2000 Jahre alten Konsens im Blick auf die christliche Sexualethik nicht mitträgt?“ Und: „Wenn aus seiner Sicht die Bibel schon in dieser Frage schwammig bleibt, wie wird das wohl bei anderen Fragen sein?“

Ähnliche Erfahrungen habe ich auf einem anderen Gebiet gemacht. Ein überzeugter Christ erklärte mir, dass er einer aktiven Sterbehilfe im Namen Jesu durchaus etwas abgewinnen könne. Schließlich wüssten wir Christen ja, wohin die Reise geht. Warum sollten wir Menschen nicht dabei helfen, ihren Todeswunsch in die Tat umzusetzen? Ganz ehrlich. Da musste ich mich erst einmal hinsetzen.

Um diese Frage geht es also: Wie kann es sein, dass „progressive Christen“ heute die Dinge völlig anders sehen als Kirchgänger noch vor 10 Jahren?

Nun gibt es darauf keine eindimensionalen Antworten. Selbstverständlich werden solche Umbrüche von allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen mitbestimmt. Transformationen dieser Art müssen wir uns als vielschichtige Prozesse vorstellen. Hier fließt beispielsweise ein, dass in vielen Kirchgemeinden über diese Themen wenig gesprochen wird. Weiter glaube ich, dass unser Umgang mit der Bibel (auch Hermeneutik genannt) eine wichtige Rolle spielt. Wenn wir – wie Rob Bell – meinen, „Gott hat zwar gesprochen; aber wir können diese Anrede so deuten, wie es uns gefällt“, dann werden wir der Heiligen Schrift keine verbindlichen Weisungen für unser Handeln entnehmen.[1]

Ich will in diesem kurzen Artikel gar keine erschöpfenden Antworten geben, sondern lediglich auf einen Aspekt hinweisen, der meiner Meinung nach weithin unterschätzt wird. Und zwar scheint es mir, als ob die Unterhaltungskultur, mit der wir aufwachsen, einen beträchtlichen Anteil an dem oben skizzierten Wandel hat. Am Beispiel „Film“ soll das verdeutlicht werden.

Filme bieten ein emotionales Erlebnis

Spielfilme rütteln auf, entertainen, inspirieren. Meist gehen wir ins Kino, weil wir ein emotionales Erlebnis suchen. Das narrative Potential eines großen Spielfilms ist ähnlich ausgeprägt wie das eines Romans. Es werden lange Geschichten erzählt. Anders als ein Roman kann der Film mit Musik, Bildern, Spezialeffekten und sonstigen Stilmitteln arbeiten und sich sehr tief in den Geist des Betrachters „eingraben“. Wir dürfen davon ausgehen, dass Filme besonders bei jungen Menschen sogar eine identitätsstiftende Wirkung entfalten. Natürlich beeinflussen auch Romane die Persönlichkeit eines Menschen. Ich glaube jedoch, dass heutzutage von Filmen eine stärkere Wirkung ausgeht. Nicht zuletzt deshalb, weil mehr Filme geschaut als Romane gelesen werden.

Filme erfüllen eine Mission

Manche Jugendliche lassen sich von Filmen zeigen, wer sie sind und was ihnen wichtig ist. Diese Beobachtung ist erst einmal neutral gemeint. Es gibt Filme, die pädagogisch wertvoll sind, etwa indem sie die Liebe zu Tieren fördern oder dabei helfen, mit Konflikten konstruktiv umzugehen. Filme werden genau wegen ihrer intensiven Wirkung dafür eingesetzt, bestimmte Vorstellungen über Religion, Familie, Gerechtigkeit, Lebenssinn oder Sexualität zu verstetigen. Sie transportieren gezielte Botschaften, häufig auf fast unmerkliche Weise (manchmal als „Subtexte“ bezeichnet). So nehmen sie Einfluss auf die Art und Weise, wie wir denken, fühlen und handeln. Sie stoßen quasi Verinnerlichungsprozesse an, bei denen die Haltungen filmischer Vorbilder von den Betrachtern übernommen werden.

Genau deshalb lassen sich Spielfilme wunderbar verzwecken. Tatsächlich orientieren sich immer mehr Einrichtungen der Unterhaltungsindustrie an Vorgaben, die von politischen oder kulturellen Institutionen eingefordert werden. So hat kürzlich die Oscar-Akademie bekannt gegeben, dass Filme ohne bestimmte inhaltliche Standards gar nicht mehr für die Kategorie „bester Film“ nominiert werden dürfen. Filmbeiträge sollen Themen behandeln, die sich um Frauen, Minderheiten, Menschen mit Behinderungen oder LGBT-Inhalte – also Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans-Menschen drehen.[2]

Die UFA hat sich als erstes deutsches Unternehmen kürzlich explizit zu mehr Diversität vor und hinter der Kamera verpflichtet. Als Orientierung dient dabei der Zensus der Bundesregierung: Ziel sei es, „den Anspruch von Diverstität, Inklusion, Chancengleichheit und Toleranz als Selbstverständlichkeit zu leben“. Die UFA fokussiert sich deshalb vorrangig auf Frauen, LGBTIQ*, People of Color sowie Menschen mit Beeinträchtigungen. Sie will Diversität als Normalität zeigen, statt stereotypische Narrative durch Geschichten und Besetzung zu verstärken. Um die Zielsetzung der Selbstverpflichtung zu erreichen und alle Aktivitäten zu bündeln und voranzutreiben, „haben Mitarbeiterinnen einen internen Diversity-Circle gegründet. Dieser besteht aus Patinnen und Paten zu den vier Fokusthemen Gender, LGBTIQ, People of Color sowie Menschen mit Beeinträchtigungen“.[3]

Gerechtfertigt werden diese Maßnahmen gern mit dem Hinweis, dass Unterhaltungsunternehmen ja die Verpflichtung hätten, die gesellschaftliche Wirklichkeit abzubilden. Da sich die Wirklichkeit verändere, müssten die Filmemacher mit dieser Entwicklung schritthalten.

Filme schaffen Wirklichkeiten

Genau diese Argumentation halte ich für unehrlich. Es geht der Filmindustrie nämlich nicht nur darum, Gesellschaft abzubilden. Gerade der postmoderne Film hat sich von dem Anspruch, Wirklichkeit zu spiegeln, weit entfernt.[4] Der Film will nicht repräsentieren, sondern Realitäten konstruieren: Das, was ein Film als Realität produziert, lebt intensiv von der Wahrheit des Machers sowie von politischen oder ökonomischen „Determinanten“ (so werden in der Filmtheorie wichtige Einflussfaktoren bezeichnet). Kaum ein Medium eignet sich so gut wie der Film dafür, bestimmte Wirklichkeiten zu generieren. Es geht nicht nur um das Spiegeln dessen, was sowieso zu sehen ist, sondern um Versuche, bestimmte Sichtweisen zu entfesseln. Filme greifen aktiv in gesellschaftliche Gestaltungsprozesse ein. Oft sind sie nicht einfache Wagons, die im Kulturbetrieb mitgezogen werden, sondern Lokomotiven.

„Filme greifen aktiv in gesellschaftliche Gestaltungsprozesse ein.“
 

Damit kommen wir zur Eingangsfrage zurück. Wie kann es sein, dass Christen manche Dinge heute betont anders beurteilen wie noch vor einigen Jahren?

Filme formatieren Herzen

Überlegen wir mal kurz, wie viel Zeit Menschen mit dem Konsum von Serien und Spielfilmen verbringen. Der durchschnittliche Amerikaner sieht in den USA derzeit 1800 Stunden im Jahr fern. Die deutschen Fernsehzuschauer glotzen im Schnitt 1484 Stunden jährlich in die Röhre. Nehmen wir außerdem an, dass jemand pro Tag 15 Minuten in seiner Bibel liest, was im Jahr ca. 90 Stunden ergibt. Es stünden dann also rund 1600 Stunden Fernsehkonsum auf der einen Seite und 90 Stunden Bibellektüre auf der anderen. Liegt es da nicht auf der Hand, dass die Film- und Unterhaltungsindustrie unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit in starkem Maße imprägniert? Wundert es da, wenn sie im Leben vieler Menschen die Deutungshoheit gerade in ethischen Fragen erlangt? Die Filmindustrie, die sich – wie sie offen eingesteht – glasklaren Erziehungszielen verschrieben hat, kann auf diese Weise unsere Herzen formatieren.

Der säkulare Missionsbefehl

Tim Keller hat kürzlich darüber gesprochen, dass die Gegenwartskultur inzwischen Christen für den Säkularismus evangelisiert: „Die moderne säkulare Kultur“, so der Pastor, „sei jetzt an dem Punkt angelangt, an dem die Menschen glauben, dass sie von der Vorstellung gerettet werden müssten, Erlösung durch Gott zu benötigen“.[5]

Ich meine, dass die Filmindustrie bei der Umsetzung dieses weltlichen Missionsauftrags eine bedeutende Rolle spielt. Manche progressive Fromme sprechen im Namen genau dieser Kultur, obwohl sie davon überzeugt sind, im Dienst des Evangeliums unterwegs zu sein. Meine Erfahrung ist, dass radikale Umschwünge in der christlichen Ethik selten mit authentischen Bibelentdeckungen begründet werden. Oft sind vielmehr zeitgeistige Impulse in die Bibel hineingelesen worden. Die vermeintlich biblischen Rechtfertigungsgründe für die neuen Sichtweisen wirken dann eher wie ein Alibi.

Das Evangelium im Herzen

Wenn du nun besorgt denkst, dass ich dich davon abhalten möchte, ins Kino zu gehen oder Serien anzuschauen, dann kann ich dich beruhigen. Ich selbst bin ein Filmliebhaber. Ich möchte lediglich dafür sensibilisieren, dass die Unterhaltungsindustrie, die sich einer gewissen Agenda verschrieben hat, unsere Herzen nachhaltiger prägen kann als das Evangelium. In dem Fall geschieht etwas, was der Apostel Paulus als Herausforderung beschrieben hat. Wir urteilen dann nämlich „nach den Maßstäben dieser Welt“. Wir sollen aber kein Schema mit der Welt eingehen. Christen lernen mehr und mehr, „in einer neuen Weise zu denken“, damit wir verändert werden und beurteilen können, „ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob Gott Freude daran hat und ob es vollkommen ist“ (Röm 12,2).

„Die biblische Offenbarung ist unsere Folie für die Beurteilung dessen, was in uns und um uns herum geschieht.“
 

Das bedeutet: Nicht die Kultur, in der wir leben, steuert unseren inneren Kompass. Es ist andersherum: Die Gute Nachricht setzt Prozesse in Gang, die uns befähigen, innerhalb der Gegenwartskultur auf eine Weise zu leben, an der Gott Freude hat und die den Menschen dient. Die biblische Offenbarung ist unsere Folie für die Beurteilung dessen, was in uns und um uns herum geschieht. Wir prüfen alles am Evangelium und lernen so, das selbstherrliche Denken gefangen zu nehmen, damit es Christus gehorsam wird (vgl. 2 Kor 10,5).

Gern schaue ich Filme zusammen mit anderen. Meistens mit meiner Frau. Wir unterhalten uns über das, was wir gesehen haben und versuchen, es im Lichte der biblischen Botschaft zu deuten. Manchmal staunen wir darüber, dass säkulare Filme wunderbare, lebensbejahende Botschaften vermitteln. Ich liebe zum Beispiel den Film Please Stand By, der mit viel Humor und Zuneigung Einblicke in das Leben von Wendy vermittelt, die trotz ihres Autismus versucht, sich in unserer komplizierten Welt zurechtzufinden und viel zu erreichen. Zuweilen staunen wir, wie durchschaubar Spielfilme versuchen, uns in eine bestimmte Richtung zu erziehen. Hin und wieder schalten wir einfach ab.


[1] Vgl. z. B. Rob Bell, Die Bibel - faszinierend, einzigartig und voller Geheimnisse, 2018.

[2] Siehe: Sarah Pines, „Die Oscar-Academy will Hollywood erziehen – und Gleichberechtigung erzwingen“, NZZ online, 11.09.2020 URL: https://www.nzz.ch/feuilleton/die-oscar-academy-verpflichtet-hollywood-zu-diversity-quoten-ld.1575984?reduced=true (Stand: 03.12.2020).

[3]  Siehe URL: https://www.ufa.de/karriere/arbeiten-bei-der-ufa/ufa-erstes-deutsches-unterhaltungsunternehmen-mit-diversitaets-selbstverpflichtung (Stand: 02.12.2020).

[4] Zum postmodernen Filme siehe: Ron Kubsch, Die Postmoderne, 2007, S. 49–53.

[5] Siehe URL: https://theoblog.de/der-saekulare-missionsbefehl/35674 (Stand: 03.12.2020).

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.