Carpe diem

Von Heinrich Bullinger studieren lernen

Artikel von Ron Kubsch
9. April 2021 — 10 Min Lesedauer

Heinrich Bullinger (1504–1575) führte als Nachfolger Huldrych Zwinglis (1484–1531) die Züricher Reformation in zweiter Generation und prägte den Protestantismus in ganz Europa. Er, der wie Zwingli oder Calvin (1509–1564) nie Theologie studiert hatte, war unfassbar strebsam und hat so viel geschrieben, dass jemand über ihn sagte: „Was dieser Mann im Druck geschrieben hat, erfordert nur zum einfachen Lesen fast ein ganzes Menschenleben. Das, was er geschrieben hat und nicht gedruckt wurde, ist nicht weniger.“[1]

Die Forschung zu Heinrich Bullinger (1504–1575) hat bisher rund 12.000 Briefe entdeckt. Ungefähr 10.000 Briefe sind aus verschiedensten Winkeln Europas an den Züricher Reformator gesandt worden; 2000 hat er selbst verfasst. Das erinnert an den Vielschreiber Johannes Calvin: Der erhaltene Calvin-Briefwechsel umfasst 4.300 Briefe; wovon 1.369 vom Genfer Reformator stammen. Wenn man bedenkt, dass Calvin nur 54 Jahre alt geworden ist (Bullinger 71 Jahre), bewegen sich beide vermutlich in den gleichen Sphären.

Bullingers theologische Hauptschrift, die sogenannten Dekaden, lassen ebenfalls erkennen, wie hart der Reformator gearbeitet hat. Die Dekaden enthalten 50 zwischen 1549 und 1551 entstandene Lehrpredigten zu zentralen katechetischen Themen. Mit ungefähr 800 Seiten ist das Werk allein vom Umfang her denkwürdig. Freilich besticht auch der Inhalt und so fand die kleine „Dogmatik“ aufgrund ihrer Lesbarkeit und Klarheit großes Interesse. Bereits zu Bullingers Lebzeiten wurden die Dekaden in einer Gesamtausgabe publiziert und bald ins Deutsche, Niederländische, Englische und Französische übersetzt. Die Dekaden zählen zu den wirkungsreichsten Werken im Protestantismus des 16. und 17. Jahrhunderts.[2]

Dabei hat Zwinglis Schüler kein stilles Schriftstellerleben geführt. Familie und Pastorat verlangten von ihm Außergewöhnliches ab. Bullinger wollte seine Familie immer in seiner Nähe haben. Er sorgte deshalb dafür, dass seine Frau Anna und die elf Kinder beim Großmünster, seinem Arbeitsplatz, lebten. Den akribischen Aufzeichnungen im Diarium, eine Art Tagebuch, ist zu entnehmen, dass er nach seiner Berufung zum Antistes[3] der Züricher Kirche von der Predigtlast fast erdrückt worden ist. Bullinger predigte wöchentlich bis 1538 sechs bis acht Mal. Er setzte sich gründlich mit der ganzen Schrift auseinander und legte das gesamte Neue Testament und weite Teile des Alten Testaments aus.[4]

Das Geheimnis seiner Tatkraft

Wie gelang es Heinrich Bullinger, trotz dieser enormen Belastungen so viel zu schreiben?

Ein Schlüssel zum Verständnis dieser Produktivität ist seine Abneigung gegenüber allem Müßiggang. In seiner 1527 verfassten Anweisung zum Studium (Studiorum ratio) hat er, damals noch ein junger Mann, auf Anfrage eines älteren Freundes beschrieben, wie im humanistisch-reformatorischen Geiste studiert wird. Er erklärte:

„Der berühmte Plinius Secundus aus Como, der seine Zeit aufs begierigste auskostete, hielt nichts für schlimmer als Zeitverlust, und er sagte, all diejenige Zeit, die nicht für wissenschaftliche Betätigung aufgewendet werde, sei verlorene Zeit.“[5]

Höchstwahrscheinlich kannte Bullinger den Spruch des Plinius (61/62–113/115 n. Chr.) von dem Humanisten Erasmus (1466/67/69–1536). Dieser hat sich gern auf jenen berufen, um seine Schüler zum Fleiß anzustiften. Das Bedauern über verschwendete Zeit ist unter den Gelehrten und Reformatoren des 16. Jahrhunderts ein Gemeinplatz. Der Straßburger Reformator Martin Bucer (1491–1551) sagte über ihre Strebsamkeit: „Sie hassten den Müßiggang und die Kleinigkeiten; vor dem Zeitverlust hatten sie Angst.“[6]

Bullingers Schreiben an seinen Sohn Heinrich ist dazu aufschlussreich. Bullinger empfiehlt das frühe Aufstehen, um die Morgenstunden für die anstrengenden geistigen Arbeiten zu nutzen. In der Anweisung 9 schreibt er: „Wähle dir als deine Gebetsstunden die Morgenstunde aus, sobald du aufgestanden bist; die Mittagstunde, sobald du gegessen hast und ehe du spazieren gehst; die Abendstunde, wenn du zu Bette gehst.“ Zum fleißigen Studium ist zu lesen:

„29. Denke, dass alle Zeit verloren ist, die du nicht zum fleißigen Studieren verwendet hast. 30. Morgenstund hat Gold im Mund. Wenn du die Morgenstunden mit Schnarchen zubringst, so hast du den besten Teil des Tages verloren. Denke an das bekannte Sprüchlein: ‚Wache doch allezeit lieber, als dass du dich dem Schlaf ergebest.‘ 31. Nimm dir für dein Studieren eine zuverlässige Methode vor. Widme dich sowohl der hebräischen, griechischen als auch lateinischen Sprache. Lerne diese Sprachen eifrig. Besuche die Vorlesungen fleißig, höre den Professoren aufmerksam zu. Schreibe mit Freude das Nützlichste auf, was geredet wird. Daheim wiederhole es und schreibe es sauber ab. 32. Wie aber die Erfahrung bezeugt und Cicero selbst sagt, ist die Übung im Schreiben der beste Lehrer der Beredsamkeit. So sieh zu, dass du dich fleißig übst im Niederschreiben von Reden aller Art und in der Übersetzung aus dem Griechischen ins Lateinische. Gewöhne dich auch daran, lateinisch zu reden.“[7]

Eine dritte Beobachtung ist mit der „goldenen Morgenstunde“ verwandt: Bullinger gab seinen Tagesabläufen eine feste Ordnung. Diese Struktur half ihm, die ihm anvertraute Zeit diszipliniert auszukaufen. Er stand gegen 3 oder 4 Uhr auf, um Gott zu danken und um Weisheit, Verstand und ein gutes Erinnerungsvermögen zu bitten. Danach studierte er Philosophie und Theologie, da diese Fächer höchste Konzentration erfordern. Ab 8 Uhr kümmerte sich Bullinger um die Hausverwaltung. Nachmittags beschäftigte er sich mit eingängigen Lerninhalten. Nach dem Abendessen arbeitete er Werke der Grammatiker, Rhetoriker und Dialektiker durch. Schließlich schloss er den Tag mit einem Dankgebet ab, um sich um die 9. Stunde schlafen zu legen.

„Er war fleißig, da die Frage nach dem ‚Warum?‘ für ihn beantwortet war.“
 

Eine letzte Beobachtung hängt mit der Tagesstruktur zusammen: Bullinger erkannte die Wichtigkeit von Erholungszeiten.So empfahl er, „dass man jeden Tag vor dem Mittagessen einen Appetit anregenden Spaziergang machen sollte, um den Magen zu erwärmen“.[8] „Nach dem Mittagessen gab es einen zweiten Spaziergang, da diese Zeit, die Zeit der Verdauung, für die Studien und das Lesen nicht günstig ist.“[9] Das Abendessen nahm er gegen 5 Uhr ein, um genug Zeit für einen dritten Spaziergang zu haben. Erholungspausen waren ihm wichtig. Deshalb plante er sie so fest ein wie die Arbeitszeiten. Denn: Entspannung und Bewegung steigern die Leistungsfähigkeit.

„Geh hin zur Ameise“

Die Gelehrten der Reformation bewegten sich mit ihrer Betonung des Fleißes im Raum der biblischen Weisheit. Denken wir an Sprüche 20,13: „Liebe den Schlaf nicht, dass du nicht arm wirst; lass deine Augen offen sein, so wirst du Brot genug haben“. Oder erinnern wir uns an den salomonischen Vergleich mit der Ameise: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh an ihr Tun und lerne von ihr! Wenn sie auch keinen Fürsten noch Hauptmann noch Herrn hat, so bereitet sie doch ihr Brot im Sommer und sammelt ihre Speise in der Ernte“ (Spr 6,6–8). Heinrich Bullinger stellte sich mit seinen Gaben effizient in den Dienst der Kirche. Die zahlreichen Herausforderungen des gemeindlichen Lebens verlangten ihm alles ab. Seine Disziplin war jedoch nicht allein diesem Druck geschuldet. Er war fleißig, da die Frage nach dem „Warum?“ für ihn beantwortet war. Bullinger lebte für seinen König Jesus, liebte ihn und diente ihm und seiner Kirche gern.

Tagesstrukturen helfen

Vergleiche mit „Kirchenvätern“ können entmutigen. Kaum jemand von uns wird so viel leisten wie ein Augustinus, Bullinger oder Luther. Und doch dürfen wir im 21. Jahrhundert trotzdem von diesen „Riesen“ lernen.

Eine Tagesordnung hilft beim Studieren. Wenn wir planlos vorgehen, verlieren wir die Orientierung und spüren nicht, wie kostbare Zeit zerrinnt. Das gilt besonders für Menschen, denen die Schule oder der Arbeitgeber keine Abläufe vorschreibt. Für Studenten, die ihre Zeit selbst einteilen, ist es beispielsweise vorteilhaft, Zeitfenster mit konkreten Tätigkeiten zu füllen und sich daran zu halten.

Strukturen sind typbedingt. Sie werden heute meist anders aussehen als zu Lebzeiten Bullingers. Im 16. Jahrhundert war das Lesen in der Nacht zum Beispiel mühsam. Mit einer freundlichen Beleuchtung fällt das Lesen heute auch im Dunkeln leicht. Eulen-Typen nutzen die Abende oder sogar Nächte, um sich mit schwierigen Lerninhalten zu beschäftigen oder eine Hausarbeit zu schreiben. Lerchen-Typen stehen hingegen früh auf, weil sie morgens besonders gut lernen. In der Morgenstunde ist das Herz noch nicht mit sinnlichen Eindrücken überfrachtet und aufnahmefähiger als in den hektischen Tageszeiten.

Bemerkenswert ist der Empfehlung Bullingers, durch Übung im Schreiben zu lernen. Wir wissen aus der modernen Lernforschung, dass, wenn wir etwas aufschreiben, sich unser Kopf intensiver damit beschäftigt, als wenn wir nur lesen. Das gilt vornehmlich für die Handschrift. „Die Erinnerungsleistung derer, die mit der Hand schreiben, ist erheblich besser. Das liegt daran, dass das Schreiben das Gehirn ganzheitlich aktiviert.“[10]

Auch wir brauchen Erholung und Entspannung. Körperliche Betätigungen und die Einhaltung des Ruhetags schützen vor geistiger Überlastung. Regelmäßige Pausen steigern so die Aufnahme- und Leistungsfähigkeit in den Zeiten, in denen wir „im Dienst sind“.

Wie für Bullinger sollte auch für uns die Arbeit ein Gottesdienst sein. „Bitte vor allen Dingen Gott um einen festen und wahren Glauben. Bist du damit ausgerüstet, so hänge ihm in Hoffnung und Liebe unzertrennlich an und diene ihm alle Tage deines Lebens aufrichtig“ schrieb er seinem Sohn Heinrich. Und weiter: „Darnach bitte Gott um einen gelehrigen Geist und starke Kräfte des Verstandes, Gemütes und Sinnes, um eine schöne Aussprache, damit du die Dinge, die dir nützlich sind, lernen und behalten und dereinst zu Gottes Ehre und des Nächsten Wohlergehen brauchen könnest.“

Nutzen wir, so wie der Züricher Reformator, unsere Zeit und Gaben zu Gottes Ehre und des Nächsten Wohl!


[1] Wörtlich: „Was dieser Mann geschriben in offnem Truck / erfordert nur zum Einfalten Lesen Bey nahmen eines Menschen ganzes Leben. Dessen / was er geschriben / und in Truck nit kommen / ist nit weniger.“ Breitinger im Synodalsermon vom 19. Oktober 1641: Miscellanea Tigurina III. Theil, V. und VI. Ausgabe, Zürich 1724, S. 758. Zitiert aus: Peter Opitz. Heinrich Bullinger als Theologe: Eine Studie zu den „Dekaden“. Zürich: TVZ, 2004, S. 15.

[2] Zur Entstehen und Wirkung im Kontext siehe: Peter Opitz. Heinrich Bullinger als Theologe, 2004, S. 17–26. Ob Bullinger die lateinischen Loci-Predigten je gehalten hat, ist unklar. In seinem Tagebuch finden sich lediglich Einträge über die schriftlichen Dekaden. Siehe dazu die Anmerkungen in der Einleitung von: Heinrich Bullinger. Schriften. 6 Bände und Registerband: Schriften 3. Dekade 1: Bd. 3. Zürich: TVZ, 2006, S. 6.

[3] Antistes (lt. für Vorsteher) bezeichnete in den Schweizer Kantonen Zürich, Basel und Schaffhausen vom 16. bis 19. Jahrhundert das höchste Amt in den reformierten Kirchen. Der Begriff bezeichnete schon früher Bischöfe oder Äbte.

[4] Peter Walser. Die Prädestination bei Heinrich Bullinger im Zusammenhang mit seiner Gotteslehre. Zürich: Zwingli Verlag, 1957, S. 31.

[5] Zitiert aus: Max Engammare, „Tägliche Zeit und recapitulatio bei Heinrich Bullinger“, in: Emidio Campi u. Peter Opitz. Heinrich Bullinger – Life, Thougth, Influence, Zurich, Aug. 25–29, 2004, International Congress Heinrich Bullinger (1504–1575). Zürich: TVZ, 2007. S. 57–68, hier S. 57–58.

[6] Zitiert aus: M. Engammare, „Tägliche Zeit und recapitulatio bei Heinrich Bullinger“, 2007, S. 59. Dort sind genaue Angaben zur Quelle zu finden.

[7] Heinrich Bullinger. Väterliche Anweisungen von Heinrich Bullinger für seinen Sohn, 1553 [2018], in: Glauben und Denken heute, 2/2018.

[8] M. Engammare, „Tägliche Zeit und recapitulatio bei Heinrich Bullinger“, 2007, S. 61.

[9] M. Engammare, „Tägliche Zeit und recapitulatio bei Heinrich Bullinger“, 2007, S. 61.

[10] So die Graphologin Rosemarie Gosemärker, siehe URL: https://www1.wdr.de/wissen/mensch/handschrift-104.html(Stand: 30.05.2018). Das Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung zum Lerneffekt der Handschrift ist einsehbar in: Marieke Longcamp, Céline Boucard et. al. „Remembering the orientation of newly learned characters depends on the associated writing knowledge: A comparison between handwriting and typing.“ Human Movement Science Advances in Graphonomics: Studies on Fine Motor Control, Its Development and Disorders 25, Nr. 4 (2006): S. 646–656.

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.