Was sich Gott dabei gedacht hat

Rezension von Boris Giesbrecht
29. März 2021 — 7 Min Lesedauer

Und wieder erscheint ein Buch zum Thema Sexualität. Ist das wirklich notwendig? „Ja“, meint Joel White. Seit 20 Jahren unterrichtet er an der Freien Theologischen Hochschule Gießen im Bereich Neues Testament. Darüber hinaus ist er seit 30 Jahren verheiratet und hat drei erwachsene Kinder sowie einen Enkelsohn. Auslöser seines neuen Buches mit dem Titel Was sich Gott dabei gedacht hat ist die Not, die er in vielen deutschen Gemeinden feststellt. Die Gemeinden sind von gesellschaftlichen Veränderungen überrannt worden. Sexualethische Positionen, die seit Jahrhunderten unangefochten waren, werden heute von den eigenen Mitgliedern hinterfragt. Das Ergebnis: Die Verantwortlichen in den Gemeinden wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. Dieses Buch soll ihnen ihre Stimme wieder zurückgeben und Christen eine Orientierung in unserer übersexualisierten Gesellschaft bieten. Um diese Ziele zu erreichen, geht White zwei wesentliche Schritte in seinem Buch.

Teil 1: Schöpfung, Liebe, Ewigkeit - und Sex

Im ersten Teil stellt er in groben Zügen die biblische Sexualethik dar. Seine drei Grundsätze dabei sind die Schöpfungsordnung, das Liebesgebot und die Ewigkeitsperspektive. Die Ergebnisse lassen sich mit den folgenden Aussagen zusammenfassen:

  • Biblische Sexualethik betont das Gegenüber von Mann und Frau. Verständlich zeigt White auf, dass Unterschiedlichkeit und Ergänzung der Geschlechter im Wesen Gottes als Einheit in Vielfalt begründet liegen.
  • Biblische Sexualethik betont Gottes guten Plan für den Menschen. Immer wieder wird deutlich, dass die biblische Sexualethik für White keine Einschränkung für den Menschen darstellt, sondern vielmehr Gottes guter Plan für den Menschen ist. Für ihn ist klar: Die Bibel feiert die menschliche Sexualität.
  • Biblische Sexualethik betont das Ausleben der Sexualität innerhalb der Ehe. Anhand des Neuen Testaments zeigt er auf, dass die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau als Schutzzone zur Entfaltung der Sexualität dient und die Bibel deshalb vor- und außerhalb der Ehe Enthaltsamkeit fordert. Der Leser erhält Antworten auf die Frage, warum Enthaltsamkeit vor der Ehe nicht nur richtig, sondern auch gut ist. White unterscheidet dabei zwischen „Jungfräulichkeit“ und „Reinheit“: Während Jungfräulichkeit sich lediglich auf die Frage beschränkt „Warst du bereits sexuell aktiv?“, betont Reinheit den gegenwärtigen verantwortungsvollen Umgang mit der Sexualität. White steckt aber nicht nur die Grenzen der Sexualität ab, sondern betont auch ihre Wichtigkeit in der Ehe, denn liebevoll gelebte Sexualität ist eine „Verkörperung“ der Botschaft des Evangeliums.
  • Biblische Sexualethik betont die Verantwortung der Gemeinde. White begründet zutreffend mit dem Neuen Testament, dass sich eine Gemeinde den sexualethischen Fragen nicht entziehen oder sie dem Einzelnen überlassen kann. Er zählt die Sexualethik zu Recht nicht zu jenen Lehrmeinungen, bei denen man sich „einigen kann, uneinig zu bleiben“.

Teil 2: Vier heiße Themen

Der zweite Teil des Buches befasst sich mit drei Bereichen, die in den letzten Jahrhunderten zur Herausforderung in den Gemeinden geworden sind: Singlesein, Scheidung und Wiederheirat sowie Homosexualität. Dabei untersucht White den jeweiligen biblischen Befund und bietet erste Impulse für die Praxis an.

  • Singlesein. Mit den Aussagen von Jesus, der selbst Single war, erinnert White daran, dass die Ehe nur eine vorübergehende Einrichtung ist, die keinen ewigen Bestand hat. Das erfüllte Single-Dasein ist also die eigentliche Bestimmung des Menschen. Die Ausführungen des Apostels Paulus, der Ehelosigkeit als eine Gabe bezeichnet, versteht er als Aufforderung, sich mit seinem aktuellen Status – sei es als Single oder Verheiratete/r – zufriedenzugeben, auch wenn damit ein Wechsel nicht ausgeschlossen ist. White ermutigt daher zu einer Gemeindekultur, welche die Ehe nicht idealisiert und Singles natürlich in die Gemeinde einbezieht.
  • Scheidung und Wiederheirat. Auch hier nimmt White eine Interpretation der wichtigsten Bibelstellen des Alten und Neuen Testaments vor. Er hält fest, dass die Ehe als lebenslange Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau gedacht ist. Bei groben Verstößen gegen den Ehebund besteht seiner Meinung die Möglichkeit (aber nicht die Verpflichtung!) zu einer Scheidung. Er ermutigt Christen, sich hier am Vorbild Gottes zu orientieren und sich um Vergebung zu bemühen. Kommt es zu einer berechtigten Scheidung, so steht für ihn einer Wiederheirat nichts im Wege.
  • Homosexualität. Auch wenn die Bibel homosexuelle Beziehungen eher selten thematisiert, wird für White bereits in der Schöpfungsordnung deutlich, dass diese nicht Gottes Absichten widerspiegeln. Dies sieht er dann auch in den relevanten Textstellen des Neuen und Alten Testaments bestätigt. Er zeigt auf, dass Homosexualität nicht die schlimmste von allen Sünden ist und dass Paulus in seinen Texten nicht einzelne Menschen anklagt, sondern die Menschheit insgesamt zur Verantwortung zieht. Dennoch nimmt die Bibel eine eindeutig ablehnende Haltung zu homosexuellen Beziehungen ein. Anschließend setzt sich White mit den Gegenargumenten auseinander. Anschließend setzt sich White mit den Gegenargumenten auseinander und bietet erste Impulse für die Praxis. Sein Ziel ist nicht, die sexuellen Empfindungen von Menschen zu therapieren. Vielmehr fragt er, welche Möglichkeiten homoerotisch empfindende Menschen haben, wenn sie sich an biblischen Maßstäben orientieren wollen. Hier sieht er zwei Möglichkeiten: ein zölibatäres Leben zu leben oder eine heterosexuelle Ehe einzugehen. Allerdings ist im auch klar, dass beide Wege mit unerfüllten sexuellen Sehnsüchten verbunden sind. Den Gemeinden empfiehlt er, alle Sünden ernst zu nehmen und nicht zu vermitteln, dass diese Sünde schlimmer wäre als andere. Gleichzeitig sollte homoerotisch empfindenden Menschen Wertschätzung entgegengebracht werden.

Fazit

Mit dem Buch gelingt es dem Autor, zum Gespräch über sexualethische Themen in christlichen Kreisen anzuregen. Das Buch ist verständlich und mit einer seelsorgerlichen Note geschrieben. Überzeugend macht White klar, dass die biblische Sicht der Sexualität der bessere Weg ist, als jener, den die sexuelle Revolution vorschlägt. Man muss sich also mit der biblischen Sexualethik in der heutigen Gesellschaft nicht verstecken.

„Man muss sich mit der biblischen Sexualethik in der heutigen Gesellschaft nicht verstecken.“
 

Ob der von ihm gewählte Ansatz, die biblische Sexualethik von den drei oben genannten Grundsätzen abzuleiten, der Bibel am besten gerecht wird, kann hinterfragt werden. Eine Einordnung aller biblischen Texte zum Thema in die literarische Erzählstruktur der Bibel von Schöpfung über Sündenfall zur Errettung und Wiederherstellung, scheint meines Erachtens eine bessere Alternative zu sein. So wäre etwa die in der Bibel beschriebene Realität der entstellen Sexualität (z.B. die gelebte Polygamie und ihre Regelung im mosaischen Gesetz) besser einzuordnen.

Inhaltlich wird der kritische Leser an der einen oder anderen Stelle anderer Meinung sein bzw. mit offenen Fragen zurückgelassen. Einige sollen beispielhaft genannt werden: So versteht White unter Ehebruch nicht nur den außerehelichen Geschlechtsverkehr, sondern auch die grobe Vernachlässigung ehelicher Pflichten. Was in der Praxis alles darunter zu verstehen ist und wie bei diesem Verständnis vor einem Missbrauch des Scheidungsrechts geschützt werden kann, bleibt leider unbeantwortet. Wenn White auf einige Gefahren der Selbstbefriedung hinweist und ihr keinen grundsätzlichen Freibrief erteilt, lässt doch die Aussage, dass aus biblischer Sicht nichts gegen die Technik der Selbstbefriedigung einzuwenden sei, den Leser im übertragenen Sinn unbefriedigt zurück. Auch sein Werben für ein Gemeindemodell, das keine klare Grenze zwischen innen und außen zieht (also nicht deutlich zwischen Mitglieder und Nichtmitgliedern unterscheidet), scheint zwar in der heutigen nachchristlichen Gesellschaft tragfähig zu sein. Ob es mit der biblischen Lehre über die Gemeinde zusammenpasst, ist eine andere Frage.

Was bietet also das Buch? Der Leser erhält einen wertvollen ersten Überblick über sexualethische Fragen. White selbst stellt aber klar: Das Buch bietet weder eine umfassende christliche Sexualethik, noch ist es ein Handbuch für die Praxis. Einige wichtige Themen wie z.B. Pornografie werden daher leider nur am Rand behandelt. Auch wer sich mit Fragen der Umsetzung im persönlichen Leben und der Gemeinde beschäftigt, sollte auf zusätzliche Literatur zurückgreifen. Dafür stellt White am Ende des Buches eine hilfreiche Literaturempfehlung zusammen.

Buch

Joel White, Was sich Gott dabei gedacht hat. Die biblische Basis einer christlichen Sexualethik, SCM R. Brockhaus: Holzgerlingen 2020, 224 Seiten, 17,99 €.

Boris Giesbrecht ist Studienleiter und Dozent an der Akademie für Reformatorische Theologie (Gießen). Gemeinsam mit seiner Frau Maria haben sie drei Kinder und sind Teil der Bekennenden Evangelisch-reformierten Gemeinden Gießen.