Warum verlässt du die Gemeinde?

Artikel von Jonathan Leeman
26. März 2021 — 5 Min Lesedauer

Es gibt gute und schlechte Gründe, eine Gemeinde zu verlassen. Du ziehst in eine andere Stadt? Das ist ein guter Grund. Du bist hegst Groll gegen jemanden, der dich verletzt hat? Das ist ein schlechter Grund. Es gibt keine wöchentlichen, biblisch fundierten Predigten? Ein guter Grund. Dich spricht der Stil der Gemeinde nicht an? Vermutlich ein schlechter Grund.

Die Frage ist: Wie gehe ich gut mit einem anderen Gemeindemitglied um, das die Gemeinde anscheinend aus einem schlechten Grund verlassen möchte?

Unsere Frage wirft einige schwierige theologische Fragen auf, wie z. B.: Wie weit geht die Vollmacht der Gemeinde? Welche Bedeutung sollen wir unseren kulturell bedingten Vorlieben einräumen? Außerdem wirft sie ähnlich komplizierte, pastorale Fragen auf, wie z. B.: Woher weiß ich, ob ich vor mir ein „geknicktes Rohr“ oder einen Narren habe?

Ich will versuchen, diese theologischen Fragen in Form praktischer Ratschläge herunterzubrechen. Hier sind einige Beispiele, was du besser nicht sagen solltest, gepaart mit Vorschlägen, wie du es besser machen kannst:

Eine schlechte Antwort: „Oh.“ Das ist keine Antwort. Es heißt so viel wie: „Das ist mir egal.“ oder „Ich brauche deine Anerkennung, deshalb sage ich lieber nichts.“ Ja, es ist manchmal besser, nichts zu sagen. Aber nein, Menschenfurcht oder ein Mangel an Liebe dürfen nicht der Grund sein, warum du nichts sagst.

Eine bessere Antwort: „Warum verlässt du die Gemeinde? Können wir darüber reden?“ Echte Liebe interessiert sich für den anderen und stellt ihm Fragen. Sie erkennt, dass wir eine Verantwortung für die Jüngerschaft der anderen Gemeindemitglieder tragen, und geht deshalb der Sache auf den Grund. Sie hat keine Angst davor, anderen nicht zu gefallen. Sie ist bereit, persönliche Fragen zu stellen; auch auf die Gefahr hin, dem anderen „zu nahe zu treten“. Sie riskiert es, dem anderen Rat zu geben, weil sie sein Bestes sucht.

Eine schlechte Antwort: „Du darfst die Gemeinde nicht verlassen.“ Jesus hat den Gemeinden nicht die Vollmacht gegeben, ihre Mitglieder davon abzuhalten, die Gemeinde zu verlassen und einer anderen beizutreten. Er hat ihnen die Vollmacht gegeben, einen bekennenden Christen zu korrigieren, wenn er nicht bereit ist, von seiner Sünde umzukehren. Doch wenn die Gemeinde nicht prinzipiell bereit ist, Gemeindezucht zu üben, dann hat sie (würde ich sagen) auch nicht die Vollmacht, jemanden zum Bleiben anzuhalten. Dennoch ist die Gemeinde berechtigt, einen Gemeindeaustritt abzulehnen, wenn die Person keine Absicht hat, einer anderen Gemeinde beizutreten. Damit würde die Person geradewegs in die Sünde hineinlaufen.

Eine bessere Antwort: „Wenn die Gemeinde keinen Grund zur Gemeindezucht sieht, dann steht es dir frei, zu gehen.“ Du musst einer Person, die aus einem schlechten Grund die Gemeinde verlässt, nicht sagen, dass es weise ist, was sie tut. Aber wir dürfen nicht so tun, als wäre es verboten.

Eine schlechte Antwort: „Das ist unreif von dir.“ Ich würde auch hier sagen: Es kann Situationen geben, wo genau dieser Satz angemessen ist. Aber in der Regel ist es besser, mit dem anderen darauf einzugehen, welche Faktoren bei der Gemeindewahl wichtig sind, statt ihn dafür auszuschimpfen, dass er auf die falschen Dinge Wert legt.

„Gemeinden sind keine exklusiven Clubs, wo man ein- und ausgeht, wie es einem passt.“
 

Eine bessere Antwort: „Was sagt Gottes Wort, welche Kriterien wir an eine Gemeinde legen sollten?“ Erinnere die Person daran, dass Gottes Wort die Priorität auf Faktoren legt, wie z.B.: die treue Verkündigung des Wortes, die zentrale Stellung des Evangeliums von Christus und eine weise und liebevolle Gemeindeleitung. Erinnere die Person außerdem daran, dass unsere Gemeinden Familien sind, in denen wir gegenseitig für die Jüngerschaft der anderen Verantwortung übernehmen. Gemeinden sind keine exklusiven Clubs, wo man ein- und ausgeht, wie es einem passt.

Eine schlechte Antwort: „Man kann nicht mit jedem befreundet sein.“ Wenn du mitbekommst, dass die Person mit jemandem im Streit liegt oder Groll gegen einen anderen hegt, dann solltest du diese Dinge nicht unter den Teppich kehren. Diese Dinge sind wirklich wichtig und sollten nicht übergangen werden. Es ist gut, wenn sie angesprochen werden. Das bedeutet nicht, dass sich jede kaputte Beziehung hier auf Erden kitten lässt. Es kann sein, dass die Person die Lage weise abgewogen hat und zu dem Schluss gekommen ist, dass sich die Beziehung nicht mehr reparieren lässt. Dennoch sollten wir nicht vor Schwierigkeiten weglaufen.

Eine bessere Antwort: „Bitte versuche erst, dich mit den Betreffenden zu versöhnen, bevor du entscheidest, ob du weggehst oder nicht.“

Eine schlechte Antwort: „Was kann die Gemeinde ändern, um besser auf deine Bedürfnisse einzugehen?“ Es kann passieren, dass jemand deine Gemeinde einfach nicht mag. Es kann sein, dass er sich an kleinen Sachen aufhängt und sogar wütend darüber wird. Und es ist nicht die Aufgabe der Gemeinde oder der Pastoren, auf jede Beschwerde einzugehen. Es geht uns nicht in erster Linie darum, gemocht zu werden. So funktioniert biblische Leiterschaft nicht. Als Pastor musst du verstehen, dass es in Ordnung ist, wenn eine Person deine Gemeinde verlässt, und dich nicht davor fürchten. Wenn du dich persönlich angegriffen fühlst, wenn jemand die Gemeinde wechseln möchte, dann solltest du dringend dein eigenes Herz prüfen.

Eine bessere Antwort: „Vielleicht tut dir eine andere Gemeinde gut und du kannst dort noch besser im Glauben wachsen.“ Und das kann wirklich so sein. Du kannst Gott dafür loben, dass es in deiner Stadt mehr Gemeinden gibt als nur deine! Wenn eine Person aus unreifen Gründen die Gemeinde verlässt, dann kannst du sie eventuell zum Umdenken bewegen. Doch du kannst der Person auch versichern, dass du sie liebhast, ihr sagen, dass sie jederzeit in der Gemeinde willkommen ist und sie beim Abschied segnen.

Jonathan Leeman ist der Redaktionsleiter von 9Marks. Er ist Herausgeber der 9Marks Buchreihe sowie des 9Marks Journal. Jonathan lebt mit seiner Frau und seinen vier Töchtern in einem Vorort von Washington DC (USA) und ist Ältester der Cheverly Baptist Church.