Was du über das Buch Daniel wissen solltest

Artikel von Andreas Münch
18. März 2021 — 7 Min Lesedauer

Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Daniel in der Löwengrube? Einerseits ist das alttestamentliche Buch Daniel uns sehr vertraut, andererseits fordern die apokalyptischen Visionen jeden Ausleger heraus. Hier sind zehn Dinge, die du über das Buch Daniel wissen solltest:

  1. Der Name Daniel steht programmatisch für das ganze Buch, denn er bedeutet „Gott ist mein Richter“ oder „Es richtet Gott“. Das Jahwe, der Gott Israels, die Geschicke dieser Welt lenkt, indem er richtend eingreift wird im Laufe des Buches immer wieder deutlich. Gott
    „Der Zweck des Buches Daniel: Gottes Volk soll sich vor Augen halten, dass Jahwe der Herrscher der Welt ist und mit den Nationen verfährt, wie er es für richtig hält.“
     
    richtete sein Volk Israel (vgl. Dan 1,1–2), König Nebukadnezar (vgl. Dan 4,28–30), König Belsazar (vgl. Dan 5,26–30) und letztendlich alle Nationen der Erde (vgl. Dan 2,44). Die Hauptaussage des Buches lässt sich gut mit Daniel 7,27 zusammenfassen: „Und das Reich und die Herrschaft und die Größe der Reiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben werden. Sein Reich ist ein ewiges Reich, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen.“ Zweck des Buches: Gottes Volk soll sich vor Augen halten, dass Jahwe der Herrscher der Welt ist und mit den Nationen verfährt, wie er es für richtig hält.
  2. Das Buch Daniel umfasst ungefähr 70 Jahre Geschichte, beginnend mit dem Jahr 605 v.Chr. als Daniel nach Babylon kommt (vgl. Dan 1,1). Das letzte angegebene Datum, das 3. Jahr von Kyrus, fällt in die Mitte der 530er Jahre (vgl. Dan 10,1). Als Daniel nach Babylon deportiert wurde, war er vermutlich um die 15 Jahre alt, als er in die Löwengrube musste, dürfte er um die 80 Jahre alt gewesen sein. Daniel erlebte sowohl die Blütezeit des babylonischen Reiches unter Nebukadnezar als auch den Untergang dieser Weltmacht (vgl. Dan 5).
  3. Anders als in unseren deutschen Bibeln steht das Buch Daniel in der hebräischen Bibel nicht bei den sogenannten Großen Propheten (Jesaja-Daniel), sondern wird zu den sogenannten Schriften (Ketubim) gezählt und steht dort zwischen dem Buch Esther und Esra. Die Gründe dafür sind nicht ganz klar. Obwohl Daniel eindeutig Offenbarungsworte von Jahwe erhielt und diese als solche weitergab, tritt er eher als Staatsmann als ein predigender Prophet auf, wie etwa sein Zeitgenosse Hesekiel. Auch fehlt bei Daniel eine klassische Berufung zum Propheten, wie wir sie etwa bei Jesaja, Jeremia und Hesekiel lesen. Allerdings bezeichnete Jesus Daniel als einen Propheten (vgl. Mt 24,15).
  4. Über die Abfassung des Buches wurde viel diskutiert. Die historische Bibelkritik datiert das Buch auf das 2. Jahrhundert vor Christus, hauptsächlich deshalb, weil Daniel akkurat historische Ereignisse beschreibt, die erst Jahrhunderte später eintrafen, von denen man meint, das Daniel sie niemals hätte wissen können. Die tatsächlichen innerbiblischen Fakten sprechen allerdings eine andere Sprache. Daniel beschreibt die Umstände am babylonischen Königshof so detailliert, wie es vermutlich kaum ein Autor vierhundert Jahre später gekonnt hätte. Die ersten sechs Kapitel reden von Daniel (und den anderen Personen) in der dritten Person. Erst ab Kapitel 7 berichtet Daniel aus der Ich-Perspektive. Daniel schrieb einiges selbst auf (vgl. Dan 7,1 und 12,4). Ob er das ganze Buch in seiner heutigen Form verfasste ist nicht sicher. Möglicherweise haben Schriftgelehrte wie beispielsweise Esra Daniels Lebenszeugnis für die Glaubensgemeinschaft schriftlich festgehalten und zu einem ganzen verfasst.
  5. Das Buch Daniel ist sehr kreativ aufgebaut und lässt sich unterschiedlich gliedern. Klassisch unterteilt man das Buch in zwei Hauptteile: die historischen Berichte (Dan 1–6) und die apokalyptischen Visionen (Dan 7–12). Der ursprüngliche Verfasser gliederte das Buch jedoch sprachlich: Daniel 1,2–2,4 ist auf Hebräisch, Daniel 2,5–7,28 auf Aramäisch und Daniel 8–12 wieder auf Hebräisch abgefasst. Der Alttestamentler Helmuth Egelkraut sieht darin unterschiedliche Ausdrucksformen der Gottesherrschaft. Der erste hebräische Teil des Buches schildert die Herrschaft Gottes in der Vergangenheit, offenbart am Fall Judas und Jerusalems (vgl. Dan 1,1ff); der aramäische Teil des Buches behandelt die Gottesherrschaft in der Gegenwart, dass Jahwes souveränes Handeln an den Babyloniern und Persern zeigt; der letzte in hebräisch verfasste Teil offenbart die Herrschaft Gottes in Bezug auf die Zukunft, was sich daran zeigt, dass Jahwe Daniel die Zukunft über die kommenden Weltmächte offenbart.[1]
  6. In den Kapiteln 7–12 lesen wir von verschiedenen Visionen, die Daniel erhielt. Diese Visionen sind in apokalyptische Sprache gekleidet und dementsprechend schwer auszulegen – selbst Daniel gab zu, dass er sie nicht verstand (vgl. Dan 8,27 und 12,8). Die Visionen folgen auch keiner strengen Chronologie, sondern sind rekapitulierend und wiederholend, mit jeweils neuen Aspekten. Wie auch bei die Offenbarung im Neuen Testament möchte das Buch Daniel weniger eine Endzeitschau sondern ein Trostbuch für die Gläubigen inmitten einer schweren Zeit sein. Dennoch ist dem modernen Bibelleser nicht alles so fremd wie Daniel. Das eindrücklichste Beispiel ist Daniel 11,2–12,45, wo wir von dem Königreich des Nordens und des Südens lesen. Ausleger sind sich weitestgehend einig, dass es sich hierbei um den jahrhundertelangen Krieg zwischen den Ptolemäern und den Seleukiden handelt, den Daniel so detailliert beschreibt, dass man entweder von göttlicher Offenbarung oder späterer Hinzufügung ausgehen muss – anders ist die Genauigkeit nicht zu erklären.
  7. Offenbar war einigen antiken Schreibern das Buch Daniel nicht unterhaltsam genug, weshalb einige „Zusätze“ entstanden. Diese apokryphen Zusätze und Anhänge finden sich (zurecht) nicht in den protestantischen Bibeln, haben jedoch Einzug in katholische Bibelausgaben erhalten. Darunter befinden sich ein Lobgesang der Männer im Feuerofen (vgl. Dan 3), sowie einige legendenhaften Geschichten über Daniel, beispielsweise wie er durch eine List den Drachen von Babylon tötet. Mal von dem fantastischen Inhalt abgesehen dürfte der andersartige Sprachstil dem aufmerksamen Leser in Bezug auf diese Zusätze skeptisch werden lassen.
  8. Obwohl Daniel als deportierter Jude nach Babylon verschleppt wird, zeichnet das Buch ein eher positives Bild vom säkularen Staat. Zwar
    „Daniel veranschaulicht, wie es aussehen kann, der Aufforderung des Propheten Jeremias gehorsam zu sein: ‚Und sucht den Frieden der Stadt, in die ich euch gefangen weggeführt habe, und betet für sie zum HERRN!‘“
     
    werden die Machthaber an mehreren Stellen für ihre Überheblichkeit gerügt (vgl. Dan 4,24), doch kann Daniel bei aller Treue zu Gott und seinem geistlichen Erbe ein vorbildlicher und loyaler Staatsdiener in Babylon sein. Daniel veranschaulicht, wie es aussehen kann, der Aufforderung des Propheten Jeremias gehorsam zu sein: „Und sucht den Frieden der Stadt, in die ich euch gefangen weggeführt habe, und betet für sie zum HERRN! Denn in ihrem Frieden werdet ihr Frieden haben“ (Jer 29,7).
  9. Daniel gibt für das Alte Testament erstaunliche Einblicke in die Auferstehung und lehrt, dass es eine Auferstehung der Gerechten wie der Ungerechten geben wird, eine Auferstehung zum ewigen Leben und zur ewigen Schande (vgl. Dan 12,2 und 13).
  10. Jesus bezeichnete sich im Neuen Testament am liebsten als „den Menschensohn“, eine Bezeichnung, die er aus Daniel 7,13–14 haben dürfte. Dort sieht Daniel in einer Vision: „Und siehe, mit den Wolken des Himmels kam einer wie der Sohn eines Menschen. Und er kam zu dem Alten an Tagen, und man brachte ihn vor ihn. Und ihm wurde Herrschaft und Ehre und Königtum gegeben, und alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige Herrschaft, die nicht vergeht, und sein Königtum so, dass es nicht zerstört wird.“ Als Jesus von den Hohe Priester gefragt wurde, ob er der Christus sei, verwies Jesus auf Daniel 7,13–14 als er sagte: „Von nun an werdet ihr den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels“ (Mt 26,64). Daraufhin wurde Jesus der Gotteslästerung beschuldigt und verurteilt. Doch bei seiner Himmelfahrt erfüllte sich die Weissagung aus Daniel 7, denn „eine Wolke nahm ihn auf vor ihren Augen weg“ (vgl. Apg 1,9). Nun ist ihm, dem Menschensohn gegeben, alle Macht im Himmel und auf Erden (vgl. Mt 28,18).

    [1] Helmuth Egelkraut et al., Das Alte Testament: Entstehung – Geschichte – Botschaft, TVG/Brunnen, Gießen, 2017, S. 1012.

Andreas Münch ist mit Mirjam verheiratet. Sie haben drei Söhne. Seit dem er sein Theologiestudium beendet hat, ist Andreas Mitarbeiter bei der Herold-Mission und verantwortlich für den Herold-Blog.