Der Mensch muss den rechten Platz wieder finden

Teil 5

Artikel von Hanniel Strebel
20. März 2021 — 6 Min Lesedauer
Dieser Artikel ist Teil der Artikelreihe „Was ist denn, bitteschön, reformatorische Theologie?“, in der Hanniel Strebel in Kürze wichtige Themenfelder der Dogmatik aus reformatorischer Perspektive beleuchtet.

In der westlichen Welt besteht ein ungebrochenes Interesse am Menschen und an dem, was ein gutes Leben ausmacht (Ethik). Dieser Trend, der seit über 100 Jahren ablesbar ist, hat gewissermaßen zu einer Psychologisierung des gesamten Lebens geführt. Da kann es sehr hilfreich sein, über das in der Bibel vermittelte Menschenbild nachzudenken. Die Bibel kennt nämlich die Größe des Menschen. Sie kennt aber auch seine Not. Der berühmte Denker Blaise Pascal (1623–1662) war es, der diese beiden wesentlichen Aspekte als Größe und Elend bezeichnete. Bewusst beginne ich mit der Größe des Menschen – nämlich seinem Zustand, als er von Gott geschaffen wurde.

„Die Bibel kennt die Größe des Menschen. Sie kennt aber auch seine Not.“
 

Die ursprüngliche Größe des Menschen

Die viel diskutierte Beschreibung der Erschaffung des Menschen als Gottes Ebenbild (Gen 1,26–31) wird in der Regel in vier unterschiedlichen Konzepten gefasst: (1) Substanzielles Verständnis (z. B. Rationalität), (2) Funktion (Repräsentant Gottes), (3) Beziehung und Moral und (4) alle Aspekte zusammen. Neuere Ausleger tendieren eher zu (2) auf dem Hintergrund des direkten Zusammenhanges (dem Auftrag, die Erde zu beherrschen und sie untertan zu machen), verknüpft mit dem orientalischen Verständnis, dass Könige als Repräsentanten der Götter fungierten. Dies kann man als eine Perversion der ursprünglichen Schöpfungsordnung ansehen.

Hierzu muss ergänzt werden: Auch der gefallene Mensch bleibt in seiner Struktur Ebenbild Gottes (vgl. 1Mose 5,3 u. 9,6). Er hat nach wie vor Verstand, Gefühle und einen Willen. Ebenso bleibt er in seiner Funktion als Verwalter von Gottes Schöpfung.

Das selbst verschuldete Elend des Menschen

Alle Aspekte des Menschseins – das betont die reformatorische Theologie – sind vom Sündenfall betroffen. Wir sind geistlich tot (Eph 2,1–3; 4,17–19). Dabei geht es nicht in erster Linie um sündige Taten, sondern um einen sündigen Zustand. Ich spreche darum lieber von Ursprungssünde (Erbsünde ist ein etwas unglücklicher Ausdruck). Es gibt keinen Gerechten, der Gutes tut, auch nicht einen (Ps 14,1–3). Wir sind in Sünde geboren (Ps 51,7), beklagte David in seinem Bußgebet. Es gibt keinen Menschen, der nur Gutes täte und nicht sündigte (Kön 8,46; Pred 7,20). Hiob rief deshalb aus: „Kann denn ein Reiner von einem Unreinen kommen?“ (Hi 14,4) Das ist eine rhetorische Frage, denn die Antwort lautet: Nein, das ist nicht möglich. Schon von Anfang an finden wir uns in diesem Zustand vor. Durch Adam, unseren Stammvater, ist die Sünde zu allen Menschen durchgedrungen (Röm 5,12–21).

Dass das gesamte Sein des Menschen von der Sünde durchdrungen ist, hat manchmal zu einer Fehlüberlegung geführt. Der Ausdruck der „totalen Verdorbenheit“ (engl. total depravity) führte zu der Vorstellung, dass der Mensch alles verloren habe. Das „total“ bezieht sich jedoch darauf, dass sich die Sünde auf alle Aspekte erstreckt. In diesem Zusammenhang kommt in der reformatorischen Theologie die allgemeine Offenbarung zum Zug. Das beste Beispiel ist Kain in Genesis 4. Nachdem er sich vom Angesicht des Herrn weggewendet hatte, betrieben seine Nachkommen Kulturentwicklung. Sie züchteten Tiere, stellten Musikinstrumente und Werkzeuge aus Eisen her, bauten Städte und nähten Zelte. Die Entwicklung der Schöpfung hat auch nach dem Sündenfall ihren Verlauf genommen. Das ist sehr wichtig für die reformatorische Theologie. Möglich wird dies durch die erhaltende Gunst Gottes (vgl. Paulus in Apg 14,16–17). Das Aufschieben von Gottes Gericht, so Paulus in Römer 2, soll den Menschen zur Buße führen. Dass dieser nicht auf den Bußruf antwortet, ist seine Verantwortung. Er häuft sich dadurch den Zorn Gottes auf (Röm 2,5–6).

Die wiederhergestellte Größe des Menschen

Wer die Briefe von Paulus liest, stößt immer wieder auf die Ausdrucksweise „in Christus“ (man lese beispielsweise das Gebet von Paulus in Eph 1,3–14). Die Identifikation des wiedergeborenen Menschen mit Christus ist ein zentraler Gedanke der paulinischen Theologie. Er spitzt es zu unter das Motto „nicht mehr ich, sondern Christus in mir“ (Gal 2,20). Er ist mit Christus gestorben, begraben worden, auferstanden und lebt ein neues Leben (vgl. Röm 6,4). Die reformatorische Theologie betont – zu Recht – diese geheimnisvolle Einheit mit Christus. Der in Gottes Bild geschaffene Mensch wird in sein Bild zurückverwandelt (vgl. Eph 4,23f; Kol 3,9f). Dies drückt sich in einem erneuerten Leben der Jüngerschaft aus. Wodurch ist dieses Leben gekennzeichnet? Es ist von fortdauerndem Abtöten des alten Menschen und dem Anziehen des neuen begleitet (vgl. Kol 3,5 siehe a. 3,10). Nach außen gewinnt es eine liebliche Gestalt, die derjenigen von Christus gleicht: „So zieht nun an als Gottes Auserwählte, Heilige und Geliebte herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Langmut; ertragt einander und vergebt einander, wenn einer gegen den anderen zu klagen hat; gleichwie Christus euch vergeben hat, so auch ihr“ (Kol 3,12–13).

Der gerechtfertigte Mensch im Prozess der Heiligung

Hier mag ein Zusatz angebracht sein. In der reformatorischen Theologie wird Rechtfertigung und Heiligung klar voneinander unterschieden. Die Rechtfertigung schafft allein der dreieine Gott (Monergismus). Die Heiligung geschieht durch das Zusammenwirken zwischen Gott und dem durch den Heiligen Geist erneuerten Menschen.

„Wir müssen nicht mehr sündigen, wir können aber noch sündigen und wir tun es auch.“
 

Manche sind überrascht, dass die reformatorische Theologie eine sehr ausgeprägte Pneumatologie – also Lehre des Heiligen Geistes – umfasst. Diese kommt gerade im gesamten Heiligungsprozess zum Tragen. Wir wenden uns stark gegen ein sogenanntes perfektionistisches Heiligungsverständnis. Es gibt zwar einen Wachstumsprozess (siehe z.B. Hebr 5,13–14, wo von Unmündigen und Reifen/Geschulten gesprochen wird), jedoch nicht in einem mystischen Sinne. Dort steigt der Mensch selbst sukzessive näher zu Gott auf. Das bekannte Werk des Puritaners John Bunyan, „Pilgerreise“, widerspiegelt diese Sichtweise treffend und sucht sie auf das Leben als Strauchelnde und Zweifelnde anzuwenden. Wir sind, wie es Luther ausgedrückt hat, zugleich gerechtfertigt und noch Sünder. Wir müssen nicht mehr sündigen, wir können aber noch sündigen und wir tun es auch. Dies bringt Johannes eindrücklich zum Ausdruck (vgl. 1Joh 1,8–9 mit 3,6). Wir dürfen darum, wie es wiederum Luther treffend zum Ausdruck gebracht hat, Buße als fortdauernden Akt verstehen.

Zusammengefasst: Die reformatorische Theologie betont die Ebenbildlichkeit Gottes und stellt sie in den Zusammenhang mit der Rückverwandlung in das Bild von Christus, der das wahre Ebenbild Gottes ist. Der Sündenfall, der alle Aspekte des Menschseins betrifft, stellt die Bedeutung der Ursprungssünde sowie die volle Verantwortlichkeit eines jeden Menschen heraus. Die geheimnisvolle Einheit mit Christus, gekoppelt mit einem fortschreitenden, jedoch nicht perfektionistischen Heiligungsverständnis, gründen auf der Einsicht, dass dieser „simul iustus et pecator“, also gleichzeitig gerechtfertigt und Sünder ist. Diese ausgewogene Sicht hilft mir übrigens ungemein in meinem eigenen Beruf, wenn es um Lernprozesse von Erwachsenen geht.

Hanniel Strebel hat an der Fachhochschule Betriebswirtschaft studiert und arbeitet in der betrieblichen Erwachsenenbildung. Nebenberuflich studierte er Theologie (MTh, USA) und promovierte über die Theologie des Lernens bei Herman Bavinck (PhD, USA). Er und seine Frau haben fünf Söhne. Hanniel bloggt unter www.hanniel.ch.