Sing mit!

Rezension von Samuel Wiebe
17. März 2021 — 6 Min Lesedauer

In einer Zeit, in der jeglicher Gesang unter dem Generalverdacht steht, „Virusspreader“ zu sein, mutet es fast schon ironisch an, ein Buch über das gemeinsame Singen zu rezensieren. Gleichzeitig ist es gerade die monatelange Abstinenz vom Gemeindegesang, die der christlichen Gemeinschaft die Wichtigkeit des gemeinsamen Singens schmerzlich bewusst macht. Und so gibt es wohl keinen besseren Zeitpunkt, um auf ein Buch aufmerksam zu machen, das die theologische und praktische Bedeutsamkeit des Singens zum Thema hat. Sing mit! Wie Lobpreis Leben, Familie, Gemeinde erneuert ist das erste (und hoffentlich nicht letzte) gemeinsame Buch von dem bekannten Singer-Songwriter-Ehepaar Keith und Kristyn Getty. Erschienen in englischer Originalausgabe im Jahr 2017 wurde es im historischen Jahr 2020 vom 3L-Verlag ins Deutsche übersetzt und herausgegeben.

Eine Einladung

Der Titel des Buches fasst treffend zusammen, worum es geht: Sing mit! ist eine Aufforderung, die zweierlei einschließt: das Singen als solches und das Miteinstimmen in den Gesang anderer, nämlich der Gemeinde. Das zentrale Thema des Buches ist der Gemeindegesang. Zugleich zeigen die Autoren aber auf, dass das Singen nicht nur den Sonntagsgesang in der Gemeinde ausmacht, sondern das ganze Leben umschließen sollte. Zu Beginn skizzieren Keith und Kristyn Getty fünf Ziele, die das Buch verfolgt. Diese sind: (1) die Freude und das Vorrecht des Singens zu entdecken, (2) dessen Auswirkungen auf Herz und Denken aufzuzeigen, (3) das Singen in der Familie zu kultivieren, (4) die Einmütigkeit und Freude im Gemeindegesang zu stärken und (5) dessen Zeugnischarakter aufzuzeigen: Das einmütige Singen der Gemeinde ist ein mächtiges Zeugnis für die Welt.

Worum es geht

Diesen Zielen ordnet sich auch die Struktur des Buches unter: Die ersten drei Kapitel verfolgen das Ziel, beim Leser die Freude am Singen zu stärken. Dadurch legen die Gettys den Grundstein für alle weiteren Kapitel. Denn wer das Singen der Gemeinde nicht als Freude und Vorrecht zu verstehen vermag, wird für alle weiteren Appelle zur Stärkung des Gemeindegesangs kein Gehör haben, zumindest keines, das mit der richtigen Motivation hört.

„Wenn wir singen, kommen wir unserer Berufung als Geschöpfe Gottes nach.“
 

Wenn wir singen, kommen wir unserer Berufung als Geschöpfe Gottes nach. Denn die gesamte Schöpfung ist darauf hin angelegt, ihren Schöpfer zu loben. Die singende Gemeinde stimmt in den Lobpreis des Kosmos zu Ehren des Herrschers ein (Kapitel 1).

Wenn wir singen, kommen wir dem Befehl Gottes nach. Als die erlöste Gemeinde sind wir verpflichtet, dem Herrn ein neues Lied zu singen (vgl. Ps 149,1; Kapitel 2).

Wenn wir singen, so folgen wir dem Drängen unseres Herzens, denn ein erlöstes Kind Gottes möchte niemals nur aus Pflicht singen. Vielmehr wird es von seinem Herzen dazu gedrängt, der Freude über die Rettung in Christus Ausdruck zu verleihen. Singen macht Freude (Kapitel 3)!

Die Kapitel 4 bis 7 widmen sich jeweils einem weiteren Ziel des Buches, indem sie zum Singen mit „Herz und Verstand“ (Kapitel 4), mit der Familie (Kapitel 5) und mit der Gemeinde zum Zeugnis für die Welt (Kapitel 6 und 7) auffordern. Hier bleiben die Gettys jedoch nicht nur bei der Aufforderung stehen, sondern unterfüttern diese biblisch überzeugend und geben praktische Hilfestellung z.B. dafür, wie das Singen in der Familie etabliert werden kann und wie das wiederum der Stärkung und Aufwertung des Gemeindegesangs dient. Den Abschluss des Buches bildet dann eine Reihe von „Bonustracks“, die wertvolle Impulse für die Verantwortlichen des Gemeindegesangs geben.

Eine Einladung zur rechten Zeit

Sing mit! füllt mit seinem dezidierten Fokus auf den Gemeindegesang eine Lücke in der Menge christlicher Musikbücher. In einer evangelikalen Welt westlicher Provenienz, in der ausgefeilte Solo- und Bandauftritte – die hier in keinem Fall per se verurteilt werden – das Herz insbesondere junger Christen leicht zu gewinnen vermögen und in der das gemeinsame Singen der Gemeinde droht, an Bedeutung zu verlieren, leisten die Gettys der Kirche Jesu einen wertvollen Dienst. Sie geben dem Gemeindegesang den Platz zurück, den er verdient. Dabei geht es ihnen gar nicht darum, den Gesang in ein so schlichtes Gewand wie möglich zu kleiden (wie es vielleicht Luther oder Bonhoeffer fordern würden) – nein, Professionalität und Fleiß vonseiten der Musikverantwortlichen wird gefordert, muss sich aber immer in den Dienst der Gemeinde stellen und soll zum Segen für diese werden. Vielmehr rückt die Relevanz des Singens für das persönliche geistliche Leben und für die Einheit der Gemeinde in den Fokus. Eine der Wahrheiten, die mir beim Lesen neu bewusst wurden, ist diese: Das gemeinsame Singen bringt die Einheit der Gemeinde auf eine Weise zum Ausdruck und macht sie erlebbar, wie es kaum eine andere Handlung oder Form zu tun vermag. Insbesondere das vierte Kapitel macht Appetit darauf, gute, evangeliumszentrierte Lieder stärker in den Alltag zu integrieren und seinen Kindern (sofern man welche hat), von Anfang an solche Lieder als Schatz für das Leben mitzugeben.

„Das gemeinsame Singen bringt die Einheit der Gemeinde auf eine Weise zum Ausdruck und macht sie erlebbar, wie es kaum eine andere Handlung oder Form zu tun vermag.“
 

Unbewusst – das Buch wurde bereits 2017 geschrieben – sensibilisiert Sing mit! dafür, dass auch in Corona-Zeiten das Singen der Gemeinde nicht leichtfertig über Bord geworfen werden darf, und fordert uns dazu auf, darüber nachzudenken, wie auch heute gemeinsames Singen realisiert werden kann.

Der Aufbau des Buches ist eingängig und überzeugt durch eine gute Struktur, die sich an den gleich zu Beginn formulierten fünf Hauptzielen orientiert. Ein besonderes Bonbon bilden dabei die Überschriften, die sich vom „Präludium“ über den Hauptteil zum „Postludium“ und den „Bonustracks“ an musikalischen Strukturen orientieren.

Das Buch liest sich leicht und flüssig, was nicht zuletzt von dem sehr vertrauten und persönlichen Schreibstil der Gettys herrührt; immer wieder streuen sie Erlebnisse und Stationen ihres persönlichen Musikerlebens ein, teilen Erfahrungen, geben auf unaufdringliche Weise praktische Hinweise, ohne dabei die theologische Grundlage aufzuweichen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, in einem persönlichen Austausch im Gettyschen Wohnzimmer zu sitzen und den beiden zuzuhören.

Nimm die Einladung an!

Jeder, der innerhalb der Gemeinde in den Musikdienst involviert ist, sollte ermutigt sein, dieses Buch zu lesen. Die Bonustracks am Ende richten sich gerade an solche Mitarbeiter: Pastoren und Älteste, Lobpreisleiter, Musiker, Chor und Technikteam, Songwriter und Kreativ-Mitarbeiter. Der eine oder andere wird allein schon durch dieses Zusatzmaterial wertvolle Impulse erhalten, sollte aber der Versuchung widerstehen, den Hauptteil unberührt zu lassen.

Das Buch eignet sich auch, um es gemeinschaftlich als Kleingruppe, z.B. als Mitarbeiter in der Musikarbeit, zu lesen und die Diskussionsfragen am Ende eines jeden Kapitels als Gruppe zu besprechen. Hierfür geben die Gettys auf der Seite „Zum Gebrauch dieses Buches“ Anregungen.

Definitiv ist Sing mit! aber auch ein Buch für jeden Gläubigen, denn jeder Christ ist dazu aufgerufen, in das Lob der Kirche einzustimmen und dieses Lob in seinem Alltag weiter zu singen. Das Lesen macht Lust darauf, gerade diesem Auftrag nachzukommen. Wer Sing mit! gelesen hat, kann nicht mehr ohne Grund oder ohne schlechtes Gewissen stumm bleiben, während die Gemeinde um ihn herum in das Lob des allmächtigen Gottes einstimmt.

Buch

Keith u. Kristyn Getty, Sing mit! Wie Lobpreis Leben, Familie, Gemeinde erneuert, Waldems: 3L Verlag, 2020.

Samuel Wiebe ist Referendar für die Fächer Geschichte und Mathematik am Freien Evangelischen Gymnasium in Minden. In seiner Freizeit schaut er gerne Sport oder liest ein gutes Buch, mit Vorliebe zur frühen Kirchengeschichte.