Kirche und Mission in Syrien im 19. und 20. Jahrhundert

Rezension von Wolfgang Häde
13. März 2021 — 4 Min Lesedauer

Früher als Ägyptenmissionar und Missionsleiter der Evangeliumsgemeinschaft Mittlerer Osten (EMO) sowie als Autor und Referent zu Islamfragen tätig, hat Eberhard Troeger nun in seinem „Ruhestand“ ein umfangreiches Werk über Syrien vorgelegt; über ein Land, das er persönlich durch zahlreiche Reisen und viele persönliche Begegnungen kennengelernt hat. Während seiner langjährigen Vorarbeiten für dieses Buch konnte Troeger nicht ahnen, wie sehr sich Syrien durch den schrecklichen Bürgerkrieg und die Einmischung ausländischer Mächte seit 2011 verändern würde. Etwas wehmütig klingend schreibt er im Vorwort (S. 19): „Dieses Buch will also etwas festhalten, was durch den Bürgerkrieg teilweise zur Vergangenheit geworden ist“. Christentum in Syrien wird nicht mehr so sein wie vor dem Krieg. Gleichzeitig ruft der Autor aber dann gerade „jüngere Leser“ auf, sich für Syrien über die gegenwärtige Krise hinaus zu interessieren und „einen Beitrag zu seiner künftigen Entwicklung zu leisten“ (Ebd.).

Vermutlich als ein Novum kirchengeschichtlicher Forschung zeichnet Troeger „Kirche und Mission in Syrien im 19. und 20. Jahrhundert“ nach. Je näher wir der Gegenwart kommen, desto ausschließlicher rückt der heutige Staat Syrien in den Fokus. Bis zur Staatsgründung im Jahr 1946 wird der Großraum Syrien im Osmanischen Reich, bzw. das französische Mandatsgebiet nach dem Ersten Weltkrieg betrachtet, zu dem jeweils mindestens die heutigen Länder Syrien und Libanon, aber auch die heute zur Türkei gehörende Provinz Antiochien („Hatay“) zählten.

„Im Großraum Syrien ist nicht nur in den frühen christlichen Jahrhunderten, sondern auch in der jüngsten Vergangenheit unter schwierigen Bedingungen Gemeinde Jesu gebaut und erhalten worden.“
 

Im Eingangskapitel „Gesellschaft und Politik“ wird der Leser zügig durch zwei Jahrhunderte der Geschichte des syrischen Großraums geführt. Es folgen „Die Religiösen Gemeinschaften“. Dieses Kapitel gibt einen kurzen Überblick über Juden, Christen, sunnitische Muslime und schiitische und synkretistische Gemeinschaften, zu denen die heute sehr wichtige Gruppe der Nussairier (Alawiten) gehört, die die Machtbasis für Präsident Assad bilden.

Das eigentliche Interesse des Werkes gilt aber den Christen, die im Folgenden sehr ausführlich, geordnet nach Denominationen, beschrieben werden: „Orthodoxe Kirchen“, „Die Katholischen Missionen und Kirchen“, „Die Evangelischen Missionen und Kirchen“ lauten die Überschriften dieser Kapitel. Dabei bildet das Kapitel über die evangelischen Glaubensgruppen (S. 167–504) eindeutig den Schwerpunkt der Studie. Es umfasst 27 (!) Unterkapitel, die jeweils eine Mission oder einen Kirchenbund darstellen. Im weit kürzeren Abschlusskapitel „Neuere Bewegungen, Hindernisse und Chancen“ nimmt Eberhard Troeger neueste gesellschaftliche und vor allem geistliche Entwicklungen in den Blick, von denen er durch persönliche Begegnungen erfahren hat. Nach der Bibliografie folgt ein in „Orte“, „Organisationen, Einrichtungen“ sowie „Namen“ unterteiltes Register, dass Troegers Buch zu einem wertvollen Nachschlagewerk für Interessierte macht.

Eberhard Troegers Syrienbuch ist eine ungeheure Fleißarbeit. Gerade die evangelischen Missionen und Kirchen werden in Entstehung, Entwicklungen und auch in ihren Beziehungen untereinander ausführlich dargestellt. Leser, für die die syrische kirchliche Landschaft Neuland ist, sind vermutlich erst einmal verwirrt von der Vielfalt von Denominationen in einem Land des Nahen Ostens. Und das gilt nicht nur für die evangelische Landschaft. Verblüffend ist sicher für manchen auch, dass sechs verschiedene katholische Kirchenfamilien beschrieben werden.

„Das Syrienbuch kann auch viele Christen, die Syrien als gescheiterten Staat oder als Bedrohung aufgrund der Flüchtlingsströme wahrnehmen, tiefer schauen lassen auf ein Land, in dem Gott seine Geschichte geschrieben hat und weiter schreibt.“
 

Es wird in den Ausführungen Troegers deutlich, dass die rückblickend oft kritisierte evangelische Missionsarbeit des 19. Jahrhunderts in Syrien mit viel Hingabe und Opferbereitschaft von meist hochgebildeten Menschen getan wurde. Bei seinen eigenen Studien zur Türkei ist der Rezensent auf diese Beobachtung auch im Blick auf Missionare des 19. Jahrhunderts in der Türkei gestoßen. Eine große Erfolgsgeschichte sind aus menschlicher Sicht die evangelische Mission und die Entwicklung der daraus entstandenen Kirchen in Syrien allerdings nicht gewesen. Oft waren dabei nicht die Muslime, sondern Christen anderer Konfessionen das größte Hindernis. Das Buch macht aber deutlich: Im Großraum Syrien ist nicht nur in den frühen christlichen Jahrhunderten, sondern auch in der jüngsten Vergangenheit unter schwierigen Bedingungen Gemeinde Jesu gebaut und erhalten worden. Eberhard Troeger hat in den letzten Jahren vor dem gerade auch für Christen verheerenden Bürgerkrieg Zeichen geistlicher Aufbrüche in Syrien festgestellt. Im Nachwort bringt er seine Hoffnung zum Ausdruck, dass diese Bewegung „gereift und gestärkt sich nach dem Krieg neu entfaltet“.

Das Syrienbuch ist nicht nur eine Fundgrube für kirchen- und missionsgeschichtlich am Nahen Osten Interessierte. Es kann, so hoffe ich, auch viele Christen, die Syrien in erster Linie als gescheiterten Staat oder als Bedrohung für uns aufgrund der Flüchtlingsströme wahrnehmen, tiefer schauen lassen auf ein Land, in dem Gott seine Geschichte geschrieben hat und weiter schreibt.

Buch

Eberhard Troeger, Kirche und Mission in Syrien im 19. und 20. Jahrhundert, Gießen: Brunnen, 2020, 540 Seiten, 45 EUR.

Wolfgang Häde ist mit seiner türkischen Frau Janet für das Martin-Bucer-Seminar in der Türkei und in Deutschland tätig. Außerdem ist er als Gemeindereferent für die „Hilfsaktion Märtyrerkirche“ unterwegs.

Die Rezension erschien zuerst in der Zeitschreift evangelische mission (em). Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

Bildrechte: Brunnen Verlag