Mark Dever: Die Ortsgemeinde ist wichtig!

Artikel von Mark Dever
9. März 2021 — 11 Min Lesedauer

Seit meiner Bekehrung als Jugendlicher beschäftigt mich die Rolle der Ortsgemeinde. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in meinem ersten Sommer als Christ einige (seien wir ehrlich: viele) Stunden in der Gemeindebibliothek verbracht und an Statistiken über die steigenden Mitgliederzahlen und die abnehmenden Besucherzahlen unserer Gemeinde gebastelt habe. In den Tagen vor dem Digitalzeitalter war die dazugehörige Grafik ein einfaches Plakat, auf das ich sorgfältig zwei Linien eingezeichnet hatte, die die Entwicklung der Mitgliederzahlen und der Besucherzahlen abbilden sollten. Die Linien überschnitten sich irgendwo in den 1940ern oder 1950ern. Obwohl ich unzählige Stunden an diesem Plakat – und den zugrundeliegenden Zahlen – getüftelt hatte, hing es nicht lange an der Wand im Eingangsbereich der Gemeinde. Ich hatte es ohne Erlaubnis aufgehängt. (Auf die Idee, um Erlaubnis zu fragen, war ich gar nicht gekommen.) Dafür wurde es schnell und ordnungsgemäß wieder abgenommen.

In den Folgejahren durfte ich im Glauben wachsen und immer mehr von Gottes Gnade verstehen. Während meiner Zeit an der Universität und am theologischen Seminar wurde mir immer mehr das Problem von „Namenschristen“ im Kreis der Gemeinde bewusst. Viele sogenannte „Bekehrungen“ wirkten unecht auf mich. Ich stand den Evangelisationsstrategien, die zu diesem leeren, aufgeblasenen „Christentum“ geführt hatten und die diese „Christen“ gleichzeitig ihrer Errettung so gewiss und so untätig gemacht hatten, zunehmend kritisch gegenüber.

Gut zehn Jahre später beschäftigte ich mich während meiner Doktorarbeit noch eingehender mit dem Thema Gemeinde, insbesondere mit der zentralen Rolle der Ortsgemeinde. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Freund, der für ein christliches Werk arbeitete und zur gleichen Gemeinde ging wie ich. Unser Gespräch rüttelte mich auf. Wir waren zeitgleich in die Stadt gezogen. Ich war der Gemeinde gleich zu Beginn beigetreten; er hatte sich ein paar Jahre später entschieden, lediglich die Gottesdienste zu besuchen. Streng genommen kam er nur zum Vormittagsgottesdienst und ging typischerweise nach der Hälfte, kurz vor der Predigt. Irgendwann entschied ich mich, ihn darauf anzusprechen.

Auf meine Nachfrage antwortete er mir ehrlich und unverblümt: „Aus dem restlichen Gottesdienst kann ich nichts für mich mitnehmen.“ Daraufhin fragte ich ihn: „Hast du mal darüber nachgedacht, der Gemeinde beizutreten?“. Mit einem unschuldigen Schmunzeln und ehrlich überrascht antwortete er mir: „Der Gemeinde beitreten? Warum sollte ich denn das tun? Ich weiß, für welchen Teil ich komme, und die anderen Leute würden mich nur aufhalten.“ Die Worte klingen kalt, wenn ich sie jetzt lese, aber sie wurden mit der typischen ehrlichen und demütigen Wärme eines begabten Evangelisten gesprochen, der keine Stunde der Zeit, die ihm Gott geschenkt hatte, verschwenden wollte. Er wollte Gott mit seiner Zeit bestmöglich dienen und all die Fragen und die damit einhergehenden Mühen eines offiziellen Gemeindebeitritts schienen ihm zutiefst belanglos.

„Mich nur aufhalten“ – diese Worte klangen in mir wieder. „Sie würden mich nur aufhalten.“ Mir rasten alle möglichen Gedanken durch den Kopf, doch ich stellte ihm nur eine einfache Frage: „Aber überlege doch mal, wenn du dich mit diesen Menschen verbindest, dann kann es natürlich sein, dass sie dich verlangsamen. Aber könnte es nicht sein, dass du sie voranbringst? Könnte das nicht gerade Teil von Gottes Plan für sie und für dich sein?“ Unser Gespräch endete nicht an diesem Punkt, aber der entscheidende Punkt, der sich für mich herauskristallisiert hatte, war schon gefallen: Gott möchte uns im Leben unserer Geschwister gebrauchen – selbst, wenn wir manchmal den Eindruck haben, dass es geistlich auf unsere Kosten geht.

Zeitgleich hatte ich im Rahmen meiner Studien der Puritaner die Gelegenheit, mich in die theologischen Debatten über die Gemeindeordnung im elisabethanischen Zeitalter und in der darauffolgenden frühen Stuart-Regierungszeit einzulesen. Die große Debatte während der Westminstersynode weckte besonders mein Interesse. Denn was mich faszinierte, war, dass einige der „Independents“ (dt. „Unabhängige“) oder „Kongregationalisten“ argumentierten, dass die pastorale Autorität im Kern mit den pastoralen Beziehungen verbunden sein muss. Ihre Argumentation, warum die Ortsgemeinde in Fragen der Gemeindezucht und Lehre die letzte Instanz sein müsse, erschien mir biblisch überzeugend (siehe Mt 18,17; 1Kor 5; 2Kor 2; Gal; 2Tim 4). Die Rolle des Pastors und der Ortsgemeinde bekam einen neuen Stellenwert in meiner Sicht auf das normale Leben als Christ.

„Gott möchte uns im Leben unserer Geschwister gebrauchen – selbst, wenn wir manchmal den Eindruck haben, dass es geistlich auf unsere Kosten geht.“
 

Dann wurde ich 1994 Hauptpastor meiner Gemeinde. Ich hatte schon zuvor eine Hochachtung für das Ältestenamt und hatte bereits in zwei Gemeinden als Ältester dienen dürfen. Doch, als ich die Rolle als einziger von der Gemeinde eingesetzter Ältester antrat, begann ich noch eingehender und persönlicher über die Bedeutung des Amtes nachzudenken. Texte wie Jakobus 3,1 („ein strengeres Urteil empfangen“) und Hebräer 13,17 („Rechenschaft ablegen werden“) beschäftigten mich stark. Alle Umstände trugen dazu bei, dass mir die Bedeutung, die Gott der Ortsgemeinde gibt, deutlich vor Augen stand. Ich erinnere mich, wie ich damals ein Zitat von John Brown las, der in einem Brief einem seiner frisch ordinierten Schüler den väterlichen Rat für dessen Arbeit in einer kleinen Gemeinde gibt:

„Ich kenne die Eitelkeit deines Herzens und ich weiß, dass du dich schämst, weil deine Gemeinde im Vergleich zu den umliegenden Gemeinden deiner Brüder sehr klein ist; aber lass dir durch das Wort eines alten Mannes versichern, dass du an dem Tag, an dem du vor dem Herrn Christus vor seinem Richterstuhl Rechenschaft ablegen musst, denken wirst, dass dein Teil schwer genug war.“

Wenn ich auf die Gemeinde, für die ich Verantwortung trug, blickte, dann lastete das Wissen, dass ich Gott auf diese Weise Rechenschaft leisten musste, schwer auf mir.

Wie groß diese Verantwortung war, wurde mir durch meine allwöchentliche Arbeit nur noch bewusster: Als ich durch die Evangelien und dann die Briefe predigte, hatte ich immer wieder die Gelegenheit, unsere Vorstellung von der christlichen Liebe zu verfeinern, indem ich darauf hinwies, dass einige Texte zwar davon sprechen, dass wir als Christen alle Menschen lieben sollen (z. B. 1Thess 3,12), dass jedoch der Großteil der Texte, mit denen diese Aussage häufig belegt wird, bei näherem Hinsehen über die Liebe innerhalb der Gemeinde sprechen. Ich erinnere mich noch daran, wie ich in einer Predigt zu Matthäus 26 erklärte, dass die Anweisung, anderen Becher mit kaltem Wasser zu trinken zu geben (Mt 10,42), sich auf „einen dieser meiner geringsten Brüder“ (Mt 25,40) bezieht. Nach der Predigt kam eine Frau auf mich zu und sagte mir, dass ich den Vers, der ihr „Lebensmotto“ geworden war, für sie kaputt gemacht hätte.

„Die Gemeinde war offensichtlich zentraler Teil des ewigen Plans Gottes, seines Opfers und ist Teil seines bleibenden Anliegens.“
 

Für mich jedoch wurden all die „Einander“-Gebote der Bibel lebendig und machten die theologischen Wahrheiten über Gottes Liebe und Fürsorge für seine Gemeinde, die mir ja bekannt waren, konkret und greifbar. Als ich über Epheser 2-3 predigte, ging mir auf, dass die Gemeinde im Mittelpunkt von Gottes Plan steht, den himmlischen Wesen seine Weisheit zu offenbaren. Als Paulus sich von den Ältesten in Ephesus verabschiedete, spricht er von der Gemeinde als etwas, das „[Gott] durch sein eigenes Blut erworben hat“ (Apg 20,28). Und natürlich ist da Saulus' Begegnung mit dem auferstandenen Christus auf der Straße nach Damaskus: Als Christus Saulus aus seinem Toben gegen die Christen herausreißt, fragt er ihn nicht, warum er diese Christen verfolgt oder warum er die Gemeinde verfolgt; nein, Christus identifiziert sich so sehr mit seiner Gemeinde, dass er Saulus die anklagende Frage stellt: „Warum verfolgst du mich?“ (Apg 9,4). Die Gemeinde war offensichtlich zentraler Teil des ewigen Plans Gottes, seines Opfers und ist Teil seines bleibenden Anliegens.

All das mag manch einem eher als Erklärung für die zentrale Rolle der Ekklesiologie erscheinen als für die zentrale Rolle der Gemeinde. Doch nach den vielen Jahren, in denen ich Woche für Woche durch die Bibel predigen durfte, liegt für mich auf der Hand, wie gut Tyndales Entscheidung war, das Wort „ekklesia“ mit „congregation“, also der versammelten Ortsgemeinde, zu übersetzen. Das Beziehungsnetz, aus dem sich die Ortsgemeinde zusammensetzt, wird zum Ort, an dem Jüngerschaft gelebt wird. Liebe zeigt sich in erster Linie vor Ort. Und die Ortsgemeinde ist demnach der Ort, der für sich in Anspruch nimmt, dass hier diese Liebe für alle Welt sichtbar wird. Jesus lehrte seine Jünger folglich in Johannes 13,34–35: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander lieben sollt, damit, wie ich euch geliebt habe, auch ihr einander liebt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt.“ Ich habe erlebt, wie Bekannte und Verwandte sich von Christus abgestoßen gefühlt haben, weil sie die eine oder andere Ortsgemeinde, die sich besucht haben, als so schrecklich empfunden haben. Ich habe aber gleichermaßen erlebt, wie Bekannte und Verwandte zu Christus gefunden haben, weil sie eben diese Liebe, die Jesus gelehrt und gelebt hat, in einer Gemeinde in Aktion erlebt haben – die Liebe untereinander, die Art selbstlose Liebe, die Jesus an den Tag gelegt hat – und sich dazu ganz natürlich hingezogen gefühlt haben. Die Ortsgemeinde – die Ortsgemeinde als Resonanzboden von Gottes Wort – wurde für mich in Sachen Evangelisation immer zentraler: im Blick darauf, wie Evangelisation zu verstehen ist, wie wir dafür beten und wie wir Evangelisation planen sollen.

Auch hinsichtlich der Frage, woran wir eine echte Bekehrung erkennen und wie wir selbst Heilsgewissheit gewinnen können, rückte die Ortsgemeinde für mich immer mehr ins Zentrum. Ich erinnere mich daran, wie mich in meiner Predigtvorbereitung die Worte aus 1. Johannes 4,20–21 ins Herz trafen: „Wenn jemand sagt: ‚Ich liebe Gott‘, und hasst doch seinen Bruder, so ist er ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, wie kann der Gott lieben, den er nicht sieht? [...] [Wer] Gott liebt, [der soll] auch seinen Bruder lieben [...].“ Jakobus 1 und 2 vermitteln dieselbe Botschaft. Diese Liebe scheint nicht dem eigenen Ermessen überlassen. Sie ist unerlässlich.

In letzter Zeit hat dieses Nachdenken über die zentrale Rolle der Gemeinde in mir einen neuen Respekt für die Gemeindezucht innerhalb der Ortsgemeinde geweckt – formative wie korrektive Gemeindezucht. Wenn wir in unseren Gemeinden voneinander abhängen, dann liegt es auf der Hand, dass die Gemeindezucht Teil unserer Jüngerschaft sein muss. Und wenn die Art Gemeindezucht stattfinden soll, die wir im Neuen Testament sehen, dann müssen wir einander kennen, uns an einander binden und zulassen, vom anderen gekannt zu sein. Außerdem erfordert es ein gewisses Vertrauen, um sich unterordnen zu können. Alle Fragen im Blick darauf, wie Leitung und Unterordnung in der Ehe, in der Familie und in der Gemeinde praktisch aussehen, werden vor Ort erarbeitet. Wenn wir das missverstehen und deshalb Leitung und Unterordnung ablehnen und von uns weisen, dann ist das dem, was beim Sündenfall passiert ist, nicht fern. Das zu verstehen, ist folglich zentral für Gottes Gnadenwerk, seine Beziehung zu uns wiederherzustellen – eine Beziehung, die von seiner Leitung und seiner Liebe für uns geprägt ist.

Zusammenfassend kann ich verstehen, warum Christen das Fernbleiben vom Gottesdienst früher so ernst genommen haben. Und mir steht immer der Schaden vor Augen, der allmählich entstanden ist, als sich die Mitgliederzahlen und die Gottesdienstbesucherzahlen unserer Gemeinden immer weiter auseinanderentwickelt haben. Der Gottesdienstbesuch ist heute zu einer privaten Entscheidung geworden, die niemanden sonst etwas angeht. Diese Entwicklung, dass die Gemeindemitglieder in diesem Punkt nicht mehr ins Leben der anderen hineinsprechen und auf einander achtgegeben dürfen, hat in vielen unserer Gemeinden und im Leben vieler derer, die davor regelmäßig kamen, verheerenden Schaden angerichtet.

Aktuell habe ich neue Fragen, die mich beschäftigen: Fragen hinsichtlich der theologischen Ausbildungsstätten und der „christlichen Leiter“, die jedes Wochenende an einem anderen Ort sind, und der Pastoren, die nicht verstehen, wie wichtig die Ortsgemeinde ist, und der armen Schafe, die wie so viele frustrierte Verbraucher von einer Gemeinde zur anderen ziehen. So Gott will, wird das nächste Jahrzehnt so spannend wie das vergangene.

Mark Dever ist der leitende Pastor der Capitol Hill Baptist Church in Washington, D. C. und der Vorsitzende von 9Marks.