Der private Stott

Artikel von Mark Meynell
5. März 2021 — 7 Min Lesedauer

Mit den Begriffen „Pflicht“ und „Disziplin“ verbindet mich im Alltag eine Art Hassliebe.

Womöglich ist das ein Problem meiner Generation; für die Generation, die den Zweiten Weltkrieg durchmachen musste (engl.: The Greatest Generation), wäre eine solche Aussage zumindest undenkbar gewesen: Die Menschen damals taten einfach, was sie tun mussten, egal wie ängstlich oder widerwillig sie sich gefühlt haben mochten. Bei mir ist es außerdem auch eine Frage der Persönlichkeit und des Temperaments. Pflicht wirkt für mich oft öde und trocken; Spontanität ist da wesentlich ansprechender. Mir persönlich fällt es trotz meiner Neigung zu Introvertiertheit und Einsamkeit schwer, mich auf anstehende Aufgaben zu konzentrieren.

„Die Predigten von John Stott reflektieren, wie geordnet seine private Welt war: sein Gebetsleben, seine Hingabe an lebenslanges Studium und sein akribisches, unerbittliches Streben nach Klarheit.“
 

Pflicht kann natürlich so trocken sein, wie ihr Ruf es vermuten lässt. Die Pflicht zu geistlicher Disziplin kann schnell oberflächliche Religiosität hervorrufen. Nichtsdestotrotz ist dies ein schlechter Grund, sich keine gesunden Gewohnheiten anzueignen. Disziplin und Pflicht haben ihren Platz, besonders für die vom Individualismus geprägten Generationen vor (und sicher auch nach) der Jahrtausendwende. Dies wurde mir eindringlich vor Augen geführt, als ich kurz nach dem Tod von John Stott im Jahr 2011 das Privileg bekam, an dessen umfangreicher Sammlung von Karteikarten zu arbeiten.

Stotts Disziplin

Stotts Predigten waren systematisch und rational, geprägt von scharfer Logik und meisterhaft im Erklären biblischer Wahrheiten. Die Predigten reflektierten aber nur, wie geordnet selbst seine private Welt war: sein Gebetsleben, seine Hingabe an lebenslanges Studium und sein akribisches, unerbittliches Streben nach Klarheit – vor allem um seiner selbst willen und weniger im Hinblick auf seine Zuhörer und Leser. So beschreibt Corey Widmer, einer seiner späteren Studienassistenten:

Das alltägliche Muster unseres gemeinsamen Lebens: Jeden Morgen um Punkt elf Uhr brachte ich ihm eine Tasse Kaffee. Ich fand ihn an seinem Schreibtisch über einen Brief oder ein Manuskript gebeugt, in die Arbeit vertieft, die vor ihm lag. Er war mit seiner unvergleichlichen Konzentrationsfähigkeit auf die anstehende Aufgabe fokussiert. Um ihn nicht zu stören, stellte ich Tasse und Untertasse leise neben seiner rechten Hand ab. Oft murmelte er dann ein kaum hörbares Wort des Dankes: „Ich bin es nicht wert.“

Obwohl ich ihn, nachdem ich 1989 Christ geworden war, nur gelegentlich traf, hatte ich in den letzten sechs Jahren seines Lebens als Mitarbeiter von All Souls Langham Place die Chance, ihn besser kennen zu lernen. Was vielleicht noch bedeutsamer war, ist, dass sich mir dadurch die Gelegenheit bot, Freundschaft mit seiner Sekretärin Frances Whitehead zu schließen, die mehr als 50 Jahre für ihn arbeitete. Sie kannte ihn besser als jeder andere.

„Es war Stotts lebenslange, tägliche Praxis, früh aufzustehen, um eine beträchtliche Zeit im Gebet zu verbringen und dann vom Frühstück bis zum Mittag zu arbeiten. Diese Studienzeit war unantastbar.“
 

Es war Stotts lebenslange, tägliche Praxis, früh aufzustehen, um eine beträchtliche Zeit im Gebet zu verbringen und dann vom Frühstück bis zum Mittag an seinem Schreibtisch zu arbeiten. Diese Studienzeit war unantastbar. Frances beschrieb mir einmal, wie beschämt sie sich gefühlt habe, als sie es bei einer Gelegenheit für nötig empfunden hatte, ihn zu unterbrechen, nachdem jemand mit einer dringenden Frage angerufen hatte (sie konnte sich nicht erinnern, was es war). Als sie die Tür öffnete, brütete Stott gerade über einem Buch, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt und den Kopf in den Händen. Ohne seine Position zu verändern drehte er den Kopf und murmelte etwas wie „Sie haben keine Ahnung, wie schwierig es ist, wenn mein Gedankengang unterbrochen wird“. Es blieb das einzige und letzte Mal, dass sie Stott in seiner Studienzeit unterbrach.

Dies war das Geheimnis seiner Klarheit in der Lehre. Sie kam selten in Form von Geistesblitzen, sondern war hart erkämpft und wurde durch ständiges geistliches Ringen geschärft. Nur durch mühsame Anstrengung entstand seine scheinbar mühelose Klarheit.

Stotts Karteikarten

Es gibt einen Aspekt von Stotts persönlicher Disziplin, der jetzt für uns zugänglich gemacht worden ist. Stott selbst hätte den Wert einer solchen Veröffentlichung sicher nicht verstanden – war er doch ständig mit fertigen Produkten beschäftigt, statt mit in Arbeit befindlichen Werken. Wir jedoch bekommen die Gelegenheit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und einige seiner Arbeitsabläufe zu betrachten. Von den 1950er Jahren an (er wurde im Jahr 1950 mit nur 29 Jahren Rektor von All Souls) entwickelte er ein System mit Karteikarten, um seine Notizen und Bemerkungen zu sortieren. Er setzte diese Praxis, mit großer Unterstützung von Frances, solange fort, bis sein Dienst ab der Jahrtausendwende langsam zurückging. Zu diesem Zeitpunkt gab es drei Kategorien von Karteikarten:

  • Notizen und Zitate: Diese bildeten den größten Stapel und reichten von dem ein oder anderen Einzeiler bis hin zu Zeitungsausschnitten und kopierten Absätzen, die alle nach einer langen Liste von Themen sortiert wurden. Daraus sind die Ressourcen für Logos und vor kurzem die gedruckte Ausgabe „The Preacher‘s Notebook“ entstanden. Obwohl die digitale Version an sich schon umfangreich ist, macht sie wohl nur zwischen 20 und 25 Prozent des Gesamtkorpus‘ aus. Frances tippte sie ab und Stott notierte gewissenhaft Datum und Ort der Verwendung. Es ist faszinierend zu sehen, dass manche offensichtlich „Favoriten“ waren, die im Laufe der Jahrzehnte immer wieder hervorgeholt wurden.
  • Vorträge/Predigten: Diese waren als Entwurf konzipiert und enthielten Überschriften, Verweise und Schlüsselgedanken, ggf. auch Querverweise auf die Zitatkarten. Diese konnte er dann für seine Vorträge verwenden.
  • Buchzusammenfassungen: Wenn es Bücher gab, von denen er besonders profitierte, notierte er die wichtigsten Punkte auf einer einzelnen Karte mit Seitenverweisen, um sie leicht wiederzufinden. Die Bandbreite seiner Lektüre war beeindruckend, zumal seine theologische Auseinandersetzung mit Kultur und Ethik ab den späten 1960er und frühen 1970er Jahren stetig zunahm.

All dies ist beispielhaft für eine Disziplin, die Stott „doppeltes Zuhören“ nannte. Doppeltes Zuhören ist die Praxis des Sprechens und Predigens mit „der Bibel in der einen Hand und der Zeitung in der anderen“. Diese Formulierung – ursprünglich aus der Feder von Karl Barth stammend – wurde von einigen missverstanden. Sie verdrehten die Aussage dahin, Stott wolle damit andeuten, Bibel und Zeitung hätten eine gleichwertige Autorität, was nicht im Entferntesten zutrifft. Stott war einfach von der Dringlichkeit angetrieben, Brücken von den alten Worten zu der gegenwärtigen Welt zu schlagen.

Dazu gehörte, dass er sich geduldig durch komplexe und gewichtige Wälzer durcharbeitete, gleichzeitig aber auch leichtere, eher populäre Lektüre lesen konnte. Wenn möglich, nahm er regelmäßig Kontakt zu Debattengegnern auf, um sicherzustellen, dass er ihren Argumenten gerecht wurde. Er wäre entsetzt über unsere heutige Neigung, in schnellen Tweets oder Blogbeiträgen „einen Elefanten aus einer Mücke zu machen“, und so nebenbei ein ganzes Buch trotz sorgfältiger Forschung zu verunglimpfen. Solche Praktiken waren für ihn ein Gräuel.

Gottesfürchtiges Vermächtnis

Diese Karten bilden ein beeindruckendes Vermächtnis. Die Durchsicht der digitalisierten Dokumente machte es möglich, den Fußspuren eines Mannes zu folgen, der fünf Jahrzehnte lang die Herausforderungen, Kontroversen und Sorgen seines Dienstes bewältigt hat. Viele der Karten sind nicht mehr relevant oder aktuell. Aber das ist nicht der Punkt, worin ihr wahrer Wert liegt. Für mich liegt ihr wahrer Wert darin, dass sie eine gottesfürchtige Hingabe im privaten Leben zeigen, die genauso unermüdlich und edel war wie in seinem öffentlichen Dienst.

„Niemand kann ein zweiter John Stott sein – und niemand muss ein zweiter John Stott werden. Aber es gibt viel von ihm zu lernen.“
 

Niemand kann ein zweiter John Stott sein – und niemand muss ein zweiter John Stott werden. Aber wie Tim Keller in seiner Predigt auf Stotts Gedenkgottesdienst in den USA erklärte: Es gibt so viel von ihm zu lernen, gerade in den Punkten, in denen wir uns von ihm unterscheiden – sei es aufgrund des Temperaments, des Umfelds oder der Berufung.

Als jemand, dem diese angeborene Selbstdisziplin fehlt, habe ich gelernt, zumindest einige der Abläufe aufzugreifen, die aus Stotts Routinen erwachsen sind. Sie werden vielleicht nie ändern, wer ich vom Charakter her bin, aber sie bieten Werkzeuge für die persönliche Lebensführung, die ich – und vielleicht auch du – so dringend nötig haben.

Mark Meynell ist der Autor von When Darkness Seems My Closest Friend: Reflection on Life and Ministry with Depression. Er war in der Studentenarbeit tätig, lehrte an einem ostafrikanischen Seminar, war neun Jahre lang Mitältester der All Souls Langham Place und ist jetzt Direktor für Langham Preaching (Europa und Karibik).