Christus aus dem Alten Testament predigen

Artikel von Sinclair B. Ferguson
3. Mai 2021 — 34 Min Lesedauer

Biblische Theologie hat langsam aber sicher ihren Platz in der evangelikalen Predigt gefunden. Daraus folgt in der Predigtlehre die Betonung, dass Christus aus der gesamten Schrift gepredigt werden muss – und zwar unter Berücksichtigung des jeweiligen Kontexts in der Erlösungsgeschichte.

Wie also können wir angemessen über die Texte aus dem Alten Testament predigen, wenn die Pfingstereignisse hinter uns liegen? Welchen Unterschied macht es, 1. Mose oder die Psalmen als Christusgläubige zu untersuchen? Oder, um es anschaulicher zu formulieren: Wie können wir die Grundlinien, die Jesus in der Unterhaltung in Lukas 24,25–27.45 aufzeigt, nachzeichnen? Wie können wir seinem Beispiel folgen und zeigen, wie die ganze Schrift auf ihn hinweist, so dass Herzen erwärmt werden und anfangen, zu „brennen“? Und wie können wir das tun, ohne in das Allegorisieren der Kirchenväter oder das Vergeistlichen der Nach-Reformationszeit zurückzufallen? Ach, wenn wir doch nur auf dem Weg nach Emmaus, im Obersaal und während der 40 Tage nach seiner Auferstehung bis zur Himmelfahrt dabei gewesen wären! Vielleicht hätten wir die entsprechenden Grundsätze erlernen können, um die Texte des Alten Testaments als christliche Prediger zu verkündigen und nicht wie Rabbiner.

Gleichzeitig müssen wir die Schrift so predigen, dass die behandelten historische Ereignisse und die Realität der persönlichen Erfahrungen, die sie beschreiben bzw. an die sie ursprünglich adressiert waren, nicht außer Acht lassen. Wie also predigen wir Christus und den Gekreuzigten, ohne die historische Realität zu übergehen, als ob die alttestamentlichen Schriften keine wirkliche Bedeutung für ihren eigenen historischen Kontext hätten?

Das AT ist ein reich ausgestatteter, aber schwach beleuchteter Raum. Erst wenn das Licht angeschaltet wird, lässt sich der Inhalt klar erkennen. Dieses Licht ist in Christus eingeschaltet worden.
 

In seiner Diskussion der Offenbarung Gottes als Trinität in der Zeit vor Christi Kommen beschreibt B.B. Warfield das Alte Testament als einen reich ausgestatteten, aber schwach beleuchteten Raum. Erst wenn das Licht angeschaltet wird, lässt sich der Inhalt klar erkennen.

Dieses Licht ist in Christus und im neutestamentlichen Zeugnis über ihn eingeschaltet worden. Jetzt wird das dreieinige persönliche Wesen Gottes deutlich. Das Alte Testament mit ausgeschaltetem Licht zu lesen, würde bedeuten, die historische Realität unseres eigenen Kontextes zu leugnen. Andererseits würden wir die historische Realität des Textes und seines Kontextes verleugnen, wenn wir ihn so lesen und predigen würden, als ob dasselbe Licht bereits damals eingeschaltet wäre.

Unsere Aufgabe als christliche Prediger muss also sein, beides zu berücksichtigen. Die Erfüllung dieser Aufgabe führt uns zurück zu der hermeneutischen Grundfrage für den christlichen Exegeten: Wie setzen wir das Alte Testament mit dem Neuen Testament in Beziehung? Je länger wir im Dienst stehen, desto mehr stellen wir diese Frage. Je mehr wir über die Antwort wissen, desto mehr erkennen wir, dass es noch so viel mehr zu erforschen gibt. Es ist ein lebenslanges Bemühen.

Christus zu predigen muss instinktiv erfolgen, nicht formelhaft

Jungen Predigern wird oft gesagt: „Du musst Christus aus dem Alten Testament predigen“. Aber wenn wir z.B. gerade eine Predigt über Psalm 121 gehalten haben und feststellen, dass wir wenig oder gar nichts über Jesus gesagt haben (vielleicht sogar seinen Namen nicht ausdrücklich erwähnt haben!), sind wir vielleicht sehr aufgeregt und suchen verzweifelt nach einer magischen Formel, die uns helfen wird, Christus aus dem Alten Testament zu predigen.

Es ist natürlich möglich, eine derartige Formel, eine Art homiletische Version der „quinque viae“ (Thomas von Aquin stellte die Grundlage der Gottesbeweise durch fünf Beweise dar, die als sog. „quinque viae“, dt. fünf Wege, bekannt geworden sind, Anm. der Red.). Weisen Sie auf Christus hin, indem Sie zeigen:

  1. die Passage ist eine direkte Prophezeiung auf ihn; oder
  2. die Passage zeigt, warum wir Jesus brauchen; oder
  3. die Passage spricht über etwas, dass uns an Jesus erinnert; oder
  4. die Passage spricht über etwas, dass ohne Jesus nicht vollbracht werden könnte; oder
  5. die Passage zeigt uns eine Person/Gruppe, die Jesus nicht ähnlich ist.

Es geht hier nicht darum, zu kommentieren, ob diese fünf Wege hilfreich sind oder nicht. Es geht vielmehr um die inhärente Gefahr in diesem Ansatz. Er führt wahrscheinlich zu einer Predigt, die hölzern und unsensibel gegenüber den reichen Konturen der Biblischen Theologie ist. Es würde etwas „Künstliches“ entstehen. Wir würden – in unserem Bemühen, das Alte Testament auszulegen – den Text durchstreifen und versuchen, ihn auszulegen. Schließlich würden wir aber doch – sobald wir uns an die Formel erinnern – unsere Notizen in Ordnung bringen um sie mit dieser Formel in Einklang zu bringen. Über einen längeren Zeitraum wird das Endergebnis dem einer Kinderstundenlektion ähneln, bei der das pfiffige Kind schnell versteht, dass die Antwort auf die Fragen des Pastors immer lautet: „Gott“, „Jesus“, „Sünde“, „Bibel“ oder „Sei lieb“.

„Wir müssen unseren Weg zu Jesus auf natürliche und realistische Weise finden und nicht bloß über eine Formel.“
 

Natürlich arbeiten wir in unserer Entwicklung als Prediger immer wieder mit allgemeinen Grundsätzen. Aber das weitaus wichtigere Anliegen muss sein, dass wir einen gewissen Instinkt und eine Leidenschaft für Christus entwickeln und dafür, ihn zu verkündigen. Wir müssen unseren Weg zu ihm auf natürliche und realistische Weise finden und nicht bloß über eine Formel.

Für uns Prediger ist dieses ganze Thema letztlich viel wichtiger als die rein technische Frage, wie wir Christus aus dem Alten Testament predigen können. Ich möchte zwei Gründe anführen.

Erstens: Viele Predigten aus den Evangelien – in denen der Fokus ja explizit auf der Person Jesu Christi liegt – und erst recht aus dem Alten Testament, sind alles andere als christuszentriert.

Wie ist das möglich? Der Prediger hat den Text in erster Linie auf sich und seine Gemeinde hin untersucht, nicht auf Christus. In der Predigt geht es folglich um „Menschen in den Evangelien“ und nicht um Jesus Christus, der das Evangelium ist. Die eigentliche Frage, an deren Beantwortung der Prediger interessiert ist, lautet nicht „Wie finden wir Christus in diesem Evangelium?“, sondern „Wo tauche ich in dieser Geschichte auf? Was muss ich tun?“ Selbst wenn ganze Predigtserien aus einem Evangelium gepredigten werden (wie bei der sog. lectio continua), haben wir nicht unbedingt das grundlegende Leben Jesu vermittelt. Stattdessen haben wir eine Erkundung des menschlichen Zustands vorgenommen.

Hier liegt ein falsches Verständnis vor, das eine tiefere Frage als „Gibt es eine Formel, die uns hilft, Christus aus dem Alten Testament zu predigen?“ aufwirft. Das grundlegendere Problem ist die Frage: „Wonach suche ich wirklich, wenn ich predige, aus welchem Teil der Bibel auch immer?“. Will ich den Zuhörern wirklich sagen, wie sie sind und was sie tun müssen – das heißt, betone ich wirklich das Subjektive und den Imperativ – oder spreche ich über Jesus Christus selbst und das Evangelium? Betone ich das Objektive und den Indikativ des Evangeliums, in dessen Licht das Subjektive und der Imperativ zu betrachten sind? Schließlich sind es nicht das Subjektive (mein Zustand) oder der Imperativ (Antworte!), die das Leben der Menschen retten oder verwandeln, sondern das Objektive und der Indikativ der Gnade Gottes, die subjektiv im Licht der Imperative des Evangeliums angenommen werden.

Eine zweite erwähnenswerte Beobachtung: Viele (vielleicht die meisten) herausragende Prediger, die Christus aus der ganzen Schrift predigen, tun dies instinktiv. Frage sie nach ihrer Formel und und du wirst einen verständnislosen Blick ernten. Sie haben die Prinzipien, die sie verwenden, unbewusst entwickelt. Sie sind aus einer Kombination von angeborener Fähigkeit, Gabe und viel Erfahrung als Zuhörer und Prediger entstanden. Manche Prediger würden sich schwer tun, eine Vortragsreihe über ihre Herangehensweise zu halten. Warum? Weil sie einen Instinkt dafür entwickelt haben. Biblisch zu predigen ist zu ihrer „Muttersprache“ geworden. Sie sind in der Lage, die Grammatik der Biblischen Theologie zu gebrauchen, ohne darüber nachzudenken, welche Wortart sie gerade verwenden. Darum sind die besten Prediger häufig nicht die besten Ausbilder im Fach Homiletik, obwohl sie unsere größte Inspiration für gute Predigten sind.

Die meisten von uns entwickeln den Instinkt für Predigten, die von Biblischer Theologie durchtränkt sind und die Entwicklung der Erlösungsgeschichte berücksichtigen, am besten durch das Zuhören bei guten Predigern. Man sollte ihrer Verkündigung auf zweierlei Weise zuzuhören – indem wir uns vom verkündigten Wort nähren und indem wir uns bei der Reflexion, die parralel oder später erfolgen kann, fragen: „Warum hat mich die Auslegung auf diese Weise genährt? Welche Dynamik und welche Prinzipien führten dazu?“ Zu sehen, wie sich die verborgenen Prinzipien in der Praxis zeigen, ist der beste Weg, sie sich zu eigen zu machen, so dass sie zur „Grammatik“ unserer Verkündigung werden.

Christus ist das Prisma, in dem sich alles Licht bündelt

Angesichts der Tatsache, dass wir keine „Methoden-Prediger“ werden sollen, die eine programmatische Formel für biblisches Predigen anwenden, gibt es dennoch sehr wichtige Grundsätze, die uns helfen, Fertigkeiten für die christuszentrierte Auslegung zu entwickeln. Wenn wir sie anwenden und sie in unser Denken und unsere Herangehensweise an die Bibel einfließen, werden sie uns helfen, ein Gespür dafür zu entwickeln, Menschen aus den alttestamentlichen Schriften auf Christus hinzuweisen. Das allgemeinste Prinzip findet sich in dem Ausdruck „Erfüllung“: Christus „erfüllt“ das Alte Testament, er „füllt“ es „aus“. Er ist nicht gekommen, „um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen“ (Mt 5,17). Als Christen, die im Licht der neutestamentlichen Offenbarung stehen und auf das Alte Testament zurückblicken, wirkt Christus wie ein hermeneutisches Prisma. Wenn wir durch ihn zurückschauen, sehen wir das einheitliche Licht der Offenbarung Jesu Christi, das sich in den Seiten des Alten Testaments in seine einzelnen Farben aufspaltet. Wenn wir nach vorne schauen sehen wir, wie die vielfarbigen Stränge der alttestamentlichen Offenbarung in ihm zusammenlaufen. Wenn wir das erkennen, beginnen wir zu sehen, wie sich die einzelnen Farben in Christus vereinen und sowohl miteinander als auch mit ihm in Beziehung stehen. Auf diese Weise sehen wir, wie das Alte Testament auf ihn hinweist. Wir sehen, wie manchmal eine „Farbe“, manchmal eine andere, oder vielleicht eine Kombination von ihnen, auf Jesus Christus hinweist, auf Jesus Christus bezogen ist und von Jesus Christus erfüllt wird.

Wir wollen einen Instinkt dafür entwickeln, Christus zu predigen. Das ist der allgemeine Grundsatz. Aber er kann in mindestens vier Unterpunkte aufgeteilt werden:

1) Verheißung und Erfüllung

1. Mose 3,15 ist in gewisser Weise der grundlegendste Text in der ganzen Bibel: Gott setzt Feindschaft zwischen dem Samen der Schlange und dem Samen der Frau; der Same der Frau wird der Schlange den Kopf zertreten, und die Schlange wird dem Samen der Frau in die Ferse stechen. Römer 16,20 und Offenbarung 12,9 machen beide aus der Perspektive des vollendeten Werkes Christi deutlich, dass 1. Mose 3,15 den ultimativen kosmischen Konflikt zwischen unserem Herrn Jesus Christus und Satan und den Mächten der Finsternis verheißt.

„Der Krieg, von dem das Buch der Offenbarung spricht, ist lediglich der Höhepunkt einer Auseinandersetzung, die sich durch die ganze Heilige Schrift zieht.“
 

Natürlich wird Satan in 1. Mose 3 nicht namentlich erwähnt – ein Punkt, der an sich schon von gewissem hermeneutischem Interesse ist –, aber wenn Paulus schreibt, dass „der Gott des Friedens den Satan in Kürze unter euren Kopf zertreten wird“ (Röm 16,20), und Johannes in Offenbarung 12,9 sieht, dass die Schlange zu einem Drachen geworden ist, dann ist klar, dass die neutestamentlichen Schreiber 1. Mose 3,15 als Hinweis auf den kommenden Messias und seinen Konflikt mit Satan verstanden. Der Krieg, von dem das Buch der Offenbarung spricht, ist dann lediglich der Höhepunkt eines Gegensatzes und einer Auseinandersetzung, die sich durch die ganze Heilige Schrift zieht. Die Bibel ist eine Art Bibliothek der Militärgeschichte, mit 1. Mose 3,15 und Offenbarung 12,9–20,10 als Buchenden. Doch nicht nur das. Die gesamte alttestamentliche Schrift zeichnet die Verwirklichung dieser Verheißung Gottes nach, bis sie in Jesus Christus vollendet und schließlich in seiner triumphalen Wiederkunft im ganzen Universum bekannt gemacht wird. Die programmatische Aussage Jesu: „Ich werde meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16,18) spricht von diesem kosmischen Konflikt, stellt seinen Höhepunkt dar und verheißt den Sieg in ihm. Alles zwischen 1. Mose 3,15 und Matthäus 16,18 kann auf die eine oder andere Weise mit der Erfüllung dieser Verheißung in Verbindung gebracht werden; jede Wendung in der Erlösungsgeschichte, die auf Matthäus 16,18 folgt, drückt diesen Konflikt aus, läuft auf seine Auflösung zu und kann insofern auf der Landkarte der Erlösungsoffenbarung verortet werden.

Es ist die Geschichte vom Bau des Reiches Gottes in all seinen unterschiedlichen Etappen, im Gegenüber zum Reich dieser Welt. Die Verheißung, dass das Reich, die Herrschaft Gottes und der Himmel kommen werden bzw. nahe oder bereits da sind, ist daher ein struktureller Schlüssel zur Erlösungsgeschichte. Von 1. Mose 3,15 bis zum Schluss ist die Bibel die Geschichte von Gott, dem Krieger, der seinem Volk zu Hilfe kommt, um es aus dem Reich der Finsternis zu befreien und seine Herrschaft unter ihnen, in ihnen und durch sie zu errichten. Das ist es, was den Worten von Johannes dem Täufer Gewicht verleiht, dass „das Himmelreich nahe ist“ (Mt 3,2). Er durchbrach das prophetische Schweigen der Jahrhunderte und verkündete den bevorstehenden eschatologischen Kampf und Triumph Gottes. Der durch die Axt des Richters dargestellte Gerichtstod war für Johannes die unvermeidliche Konsequenz der dunklen Seite; Vergebung und die Herrschaft und der Segen des Reiches Gottes ist die frohe Botschaft für alle, die umkehren.

Dieser wiederkehrende Themenkomplex von Königreich, Konflikt, Kampf und Sieg findet sich in verschiedenen Texten der alttestamentlichen Offenbarung wieder. Entscheidend ist hier die Erkenntnis, dass das Alte Testament in der gesamten Heilsgeschichte ganz eng (wenngleich auch nicht ausschließlich) mit der Idee einer radikalen Antithese durchdrungen ist, nämlich dem Aufbau des Königreiches durch Gott als König und den Bemühungen der Macht der Finsternis, es zu zerstören. Mit dem Wissen um diese Art zentrales Nervensystem, das alles zusammenhält, können große Teile der alttestamentlichen Texte verstanden werden. Damit ist es möglich, von den vielen verschiedenen Ausgangspunkten zum Hauptstrang zu gelangen, zur Verheißung, die sich durch das ganze Alte Testament zieht und zu Jesus Christus führt.

„Eine Gefahr der Biblischen Theologie besteht darin, die Bedeutung des Textes in seinem historischen Kontext nicht ernst genug zu nehmen.“
 

Der erste Grundsatz ist ein wesentliches hermeneutisches Werkzeug, mit dem man historische Entwicklungen im Alten Testament zurück auf die Verheißung Gottes und hin auf das Kommen Christi beziehen kann. Gleichzeitig lassen sich die Ereignisse (und die Menschen, die dort involviert waren) jedoch auch eigenständig betrachten. Eine der Gefahren der biblisch-theologischen Predigt besteht darin, aus dem Bemühen um eine christuszentrierte Predigt die Bedeutung des Textes in seinem historischen Kontext nicht ernst genug zu nehmen. Das Ergebnis wirkt sich auf unseren Umgang mit dem Text ebenso schädlich aus wie die allegorische Auslegung bei den Kirchenvätern. Die Sensibilisierung für den Krieg in der himmlischen Welt, der sich in der Geschichte abspielt, ermöglicht es uns, konkrete historische und individuelle Erfahrungen des Volkes Gottes darzulegen, sie gleichzeitig aber in das große Bild einzuordnen, die Meta-Erzählung der ganzen Bibel. Auf diese Weise nehmen wir den historischen Kontext ernst, während wir ihn gleichzeitig als Teil der Geschichte des alles überwindenden Christus predigen.

Dies, und das muss hier betont werden, ist nicht der einzige Grundsatz. Aber es braucht nicht viel Fantasie, um zu sehen, wie Ereignisse in der Geschichte des Alten Testaments dies illustrieren: Die Erzählung von Adam und Eva gegen die Schlange, die Geschichten von Kain und Abel, von der Stadt Gottes und dem Turmbau zu Babel, Israel und Ägypten und David und Goliath. Auch das Buch Hiob ist ein dramatischer Mikrokosmos dieser Schlacht.

Die Konflikte und Wunder von Elia und Elisa müssen aus dieser Perspektive gelesen werden. Ein schwimmendes Eisen oder ein vergiftetes Essen wären einfache Probleme, in denen das Wunderbare zu einem Stück Magie à la Harry Potter reduziert würde, wenn wir diese Ereignisse nicht im Kontext tödlicher Auseinandersetzungen mit ewiger Bedeutung für das Königreich Gottes sehen würden. Daniels Lebensgeschichte und seine apokalyptischen Visionen lassen sich genauso verstehen. Tatsächlich deuten die ersten Worte im Buch Daniel darauf hin, dass wir in einen Konflikt eintauchen. Es herrscht Krieg zwischen zwei Königreichen. Wir sehen sowohl den Ansturm der Kräfte der Finsternis und dieser Welt („Im dritten Jahr der Regierung Jojakims, des Königs von Juda, kam Nebukadnezar, der König von Babel, nach Jerusalem und belagerte es“) als auch die gerechten Absichten Gottes, durch die sein Königreich fortbestehen und siegen würde („Und der Herr gab Jojakim, den König von Juda, in seine Hand“). Unter heftigem Beschuss bedarf es außergewöhnlicher Wunder, um das Königreich zu erhalten (nur ein Überrest von vier Freunden, zerstörerischem Feuer und hungrigen Löwen ausgesetzt, vgl. Dan 3 und 6). Selbst mitten im Kampf wird deutlich, dass das Königreich (und der König!) dieser Welt vergänglich ist. Er und wir als Leser werden darüber informiert, dass es der nicht von Menschenhand gemachte Fels ist, der wachsen und die ganze Erde füllen wird. Nur wer Geschichte auf diese Weise sieht (so wie Daniel und seine Freunde) ist in der Lage das „Lied des HERRN“ auf „fremdem Boden“ zu singen (Ps 137).

In ähnlicher Weise kann der Widerstand gegen den Mauerbau zur Zeit Esras und Nehemias als Teil der Auswirkungen von 1. Mose 3,5 gewertet werden. Beide Bücher bieten Konflikt-Narrative auf engstem Raum in Gottes erwählter Stadt und sie zeigen, dass die Ermahnungen aus Epheser 6,10–20 im fünften Jahrhundert vor Christus genauso relevant waren wie im ersten Jahrhundert nach Christus.

„Was im AT ‚noch nicht‘ war, ist für uns ‚schon jetzt‘. Es gibt aber auch ein ‚noch nicht‘ für uns.“
 

Heute leben wir zeitlich nach dem leeren Grab. Was für Esra und Nehemia „noch nicht“ war, ist für uns „schon jetzt“. Es gibt aber auch ein „noch nicht“ für uns. Die Auseinandersetzungen während der Nachwehen eines Krieges können genauso blutig und tödlich sein wie in der Entscheidungsschlacht selbst. Auch wir leben im Lichte dessen, was Christus vollbracht hat, immer noch im „noch nicht“-Zustand der Vollendung des endgültigen Jerusalem. Die Welt ist voll von Tobiah, Sanballat und Geshem aus der Zeit Nehemias, sowie von Herrn Redselig und dem Riesen Verzweiflung und dem Markt der Eitelkeiten aus John Bunyans Die Pilgerreise.

Das Verständnis des Grundsatzes von Verheißung und Erfüllung in dem andauernden kosmischen Konflikt zweier Reiche hilft dem Prediger, die Botschaft des Alten Testaments auf die heutige Zeit anzuwenden.

2) Typus und Antitypus

In der Entfaltung von Verheißung und Erfüllung (in Christus) lässt sich beobachten, wie der Rest der Heilsgeschichte als eine Art Fußnote zu 1. Mose 3,15 funktioniert, vielleicht ungefähr in der Weise, wie man manchmal davon spricht, dass die westliche Philosophie nur eine Fußnote zu Platon und Aristoteles sei.

Auffällig ist hierbei, dass sich die Verheißung entwickelt und verstärkt. Ihre verschiedenen Implikationen entfalten sich im Laufe der Heilsgeschichte. An gewissen Stellen gibt Gott Hinweise über das, was kommen wird – so wie die Skizzen eines großen Künstlers darauf hinweisen, wie das Kunstwerk einst aussehen wird. So sind Illustrationen des Wirkungsschemas Gottes in die Heilsgeschichte eingebettet, die Gott in seinem Meisterwerk verwenden wird – sogenannte Typen, die sich im Werk Christi, dem Antitypus, erfüllen werden. Paulus sieht in der Beziehung von Adam zu Christus die größte Veranschaulichung dieses Schemas. Adam, als reale historische Gestalt, ist der Typus des Kommenden (Röm 5,14, obwohl die Analogie sowohl positiv als auch negativ ist, Röm 5,12–21).

Das mosaische Zeremonial- und Opfersystem funktioniert ähnlich und ist in der Theologie des Hebräerbriefes ein herausstechendes Thema. Hier beschreibt der Autor Elemente wie das echte Priestertum, echte Opfer und echtes Blut. Diese deuten, obgleich sie zwar real sind, auf eine größere Wirklichkeit hin, die das vollbringt, was die Opfer nur andeuten können. Der Hebräerbrief legt nahe, dass ein aufrichtiger Gläubiger im Alten Testament, dem der ekelhafte Geruch des Opferbluts in die Nase stieg, aus der Tatsache, dass die Priester in dieser Weise Tag für Tag ihren Dienst verrichteten, ableiten konnte, dass dies nicht die Opfer sein können, die Vergebung bringen. Er musste (und konnte) darüber hinaus auf das schauen, wovon diese Opfer ein Typus waren – nämlich auf die noch zu erfüllenden Bundesverheißungen Gottes und damit auf Jesus Christus selbst, wie der Hebräerbrief so deutlich macht.

Das Prinzip von Typus und Antitypus zeigt sich in einem anderen, weniger technischen Sinne, darin, was wir das göttliche Schema der Heilsgeschichte nennen könnten. Wenn wir das „Christusereignis“ unter dem Mikroskop betrachten, erkennen wir, dass darin grundlegende Muster zum Ausdruck kommen, die bereits im Alten Testament zu sehen sind. Wenn wir nun das Alte Testament im Lichte dieser Entdeckung mit der Brille des Neuen Testaments neu lesen, erkennen wir dieses Christus-Schema noch klarer. Die göttlichen Fußabdrücke werden sichtbar.

In Matthäus 2,15 wird dieses Prinzip eindrücklich durch die Verwendung von Hosea 11,1 veranschaulicht: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“. Diese Worte sind laut Matthäus in Christus erfüllt. Aber ist das nicht ein esoterischer bzw. zumindest naiver Ansatz des Bibellesens? Hosea spricht von dem historischen Exodus des Volkes Gottes aus Ägypten und nicht über Jesus, der in seiner Kindheit nach Ägypten fliehen musste und von dort zurückkehrte. Was hat sich Matthäus hierbei gedacht? Möchte er damit sagen, dass Hosea 11,1 ähnlich wie Jesaja 53 in Christus erfüllt wurde? In gewisser Weise schon, wenn auch nicht ganz in diesem Sinne. Matthäus, der aus dem Blickwinkel der Menschwerdung, dem Tod und der Auferstehung Jesus Christi und unter der Führung des Heiligen Geistes schreibt, erkennt hier, dass das göttliche Muster im Buch Exodus (aus Ägypten befreit, durch die Wüste geführt, mit dem Bundesband und dem Königreichs-Kodex versehen) ein Schema konstituiert, das sich im Leben von Jesus zeigt, dem wahren Israel. So gibt uns Matthäus einen Schlüssel, um die gesamte Exodus-Erzählung und seinen eigenen Bericht in einer christozentrischen Weise zu verstehen. Er bereichert unser Verständnis von der Identität und dem Dienst Christi.

Ein weiteres Beispiel für dieses wiederkehrende Muster in der Heilsgeschichte ist die Begebenheit, in der Elisa den Sohn der schunamitischen Frau heilt (2Kön 4,8ff.). Das durch Elisa gewirkte Wunder demonstriert Gottes liebevolle Fürsorge für ganz gewöhnliche Menschen – die demütigen Armen, die Witwe und die unfruchtbare Frau. Die Heilung des schunamitischen Sohnes hallt später in der Stadt Nain wider, wo Jesus den Sohn einer Witwe heilt (Luk 7,11ff). Lukas arbeitet gezielt darauf hin, dass seine Leser die Gesinnung der Bevölkerung von Nain mitempfinden, denen sehr wohl bewusst war, dass in ihrem kleinen Dorf das von Elisa vollbrachte Wunder geschehen war (Elisa folgte auf Elia, dessen Rückkehr in Maleachi 4,5 angekündigt wurde und sich in Johannes dem Täufer erfüllte, vgl. Mt 11,14). Nain befand sich in der Nähe des alttestamentlichen Schunem. Sogar die Reaktion der Einwohner Nains auf Jesus sind voller Bezüge zum historisch weit entfernten Geschehen: „Ein großer Prophet ist unter uns aufgestanden“, und: „Gott hat sein Volk heimgesucht“. Es ist, als würden sie sagen: „So etwas ähnliches ist hier schon einmal geschehen. Seit den Tagen von Elisa haben wir auf einen noch Größeren gewartet, auf den Propheten. Könnte es sein, dass Jesus dieser Prophet ist?“

„Wenn wir uns intensiv mit den beiden Testamenten beschäftigen, werden wir zunehmend den Nachhall aus dem Alten Testament wahrnehmen.“
 

Wir sollen also die Wiederholung des Schemas erkennen, das sich in Jesus Christus erfüllt. Er ist der große Prophet, der nicht nur durch eine von Gott zugewiesene Autorität heilt, sondern in eigener Autorität, ganz ohne Ritual und Gebetsformeln – allein durch sein mächtiges Wort. Hier ist der große Gott und Retter Israels, in Fleisch und Blut, der Ursprung und die Vollendung all der Muster und Echos, die diese Gnade für sein Volk durch ihre gesamte Geschichte hindurch prophezeit haben. Gott ist seinem Volk endlich in der Person seines Sohnes begegnet. Aber das wirft nun ein klares Licht auf die Funktion von Elisa zurück. Jetzt sehen wir die Bedeutung seines Heilungswunders sowohl in der Mikro-Realität seines persönlichen Kontextes als auch in der Makro-Realität seiner Bedeutung in den Mustern der Heilsgeschichte.

Wenn wir uns intensiv mit den beiden Testamenten beschäftigen, werden wir zunehmend den Nachhall aus dem Alten Testament wahrnehmen. Und wenn wir für diese Muster und Anspielungen empfindsamer werden, werden die Linien vom Alten Testament zu Christus für uns klarer und leichter zu zeichnen sein.

3) Der Bund und Christus

Jesus Christus verkörpert im Neuen Testament all das, was das Bündnis im Alten Testament auszeichnete. Sein Blut ist das Blut des neuen Bundes (Lk 22,20). Er erfüllt all die Bundesverheißungen Gottes: „Denn so viele Verheißungen Gottes es gibt — in ihm ist das Ja“ (2Kor 1,20).

Die Bundesverheißungen Gottes bilden das Grundgerüst, das Gott aufgebaut hat, als er die Heilsgeschichte auf das Kommen Jesu Christi hinlenkte. Dieses Gerüst aus dem Alten Testament ist also um die Person und das Wirken unseres Herrn Jesus Christus gebaut und durch ihn gestaltet worden. Wir können das auf zwei Arten beobachten:

Erstens: In der Bundesbeziehung sind die Imperative Gottes (sein Gesetz und seine Befehle) immer in den Indikativen seiner Gnade verwurzelt.

Der Bund Gottes funktioniert wie folgt: „Ich will Euer Gott sein; ihr sollt mein Volk sein“. Das ist das Gerüst, das um Christus und das Evangelium aufgebaut ist, denn so „funktioniert“ das Evangelium: „Ich sterbe an deiner Stelle. Darum vertraue und gehorche mir“. Die Dynamik des alttestamentlichen Bundes wurde mit Blick auf das Kommen Jesu Christi geformt.

Wir können sogar noch einen Schritt weiter gehen: Das, was von Gott in seinem Bund am Sinai verheißen und in Bezug auf die Befehle auch gefordert wurde, hatte kein ausreichend starkes Fundament, um das zu bewirken, was es befahl. Eine geografische Umsiedlung ist keine ausreichende Stütze, um die Dynamik einer moralischen Heiligung im Stile des Dekalogs zu bewirken (vgl. Röm 8,3–4). Eine geografische Umsiedlung mag vielleicht motivieren, aber sie kann weder die Schuld der Sünde aufheben noch moralisch befähigen. In seiner Schwäche war der Sinai-Bund immer prophetisch und deutete eine größere und umfassendere Befreiung durch Gottes erlösende Gnade an. „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus dem Land Ägypten, aus dem Haus der Knechtschaft, herausgeführt habe. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ (2Mo 20,2–3) war immer eine Aussage, die sowohl voraus als auch zurück blickt.

In die Funktionsweise des alten Bundes ist eine implizite Erwartung, ja sogar die Notwendigkeit hineingeschrieben, dass die Indikative der Gnade Gottes eine bessere Vollendung und die Imperative ein besseres Fundament finden würden – in Jesus Christus.

Zweitens: Das Wesen des Werkes Christi findet seinen Ausdruck im Bundesgrundsatz von Segen und Fluch.

Unsere Wertschätzung für einen Großteil der biblischen Sprache ist heutzutage sehr fadenscheinig geworden. Die Tendenz geht dahin, dass Begriffe wie „Segen“ und „Fluch“ sehr trivial funktionieren. Sie gehen mit einer Moralvorstellung einher, die sie als göttlichen „Buh"- bzw. „Hurra“-Ruf versteht.

Im englischen Sprachgebrauch sagen wir, wenn jemand niest, „bless you!“ (dt. „[Gott] segne dich!“). Doch nur wenige Menschen stellen diese Aussage in den historischen Kontext der vormodernen Welt, als das Niesen ein Symptom der Pest war. Es wurde daher als mögliches Zeichen des Missfallens Gottes gesehen. Man bat also, dass die niesende Person den Segen Gottes erhalte und deshalb nicht umkommen würde. Das ist dem biblischen Verständnis von Segen und Fluch viel näher als unser heutiger Sprachgebrauch.

„Die Konsequenzen, die mit dem Segen und Fluch des Bundes verbunden sind, weisen uns auf die ewigen Konsequenzen der Annahme oder Ablehnung des Evangeliums hin.“
 

Segnen bedeutet weder „Hab einen schönen Tag!“ noch bedeutet Fluchen „Du bist eine Nervensäge“. Vielmehr geht es hier um den Bund Gottes. Wenn wir mit Glauben darauf reagieren, überschüttet er uns mit dem Segen, den er versprochen hat, als er den Bund mit uns schloss. Und wenn wir mit Unglauben darauf reagieren, lässt er Flüche auf uns niederprasseln (vgl. 5Mo 27–30). Die Botschaft des Evangeliums ist, dass Christus den Fluch des Bundes auf sich genommen hat, damit der Segen des Bundes (der Abraham versprochen wurde) zu uns kommt (Gal 3,13). Paulus’ argumentiert hier sowohl heilsgeschichtlich als auch theologisch. Er erkennt, dass all dieses auf den Bund bezogene Wirken von Segen und Fluch im Alten Testament untrennbar mit der Erfüllung von Gottes Bundesversprechen und -verheißung in Jesus Christus verbunden ist.

Dieses Prinzip von Christus als Herzstück der Bündnisse Gottes im Hinblick auf ihren Segen und Fluch hilft uns, das Alte Testament als eine auf den Bund ausgerichtete Botschaft der Erfüllung von Segen und Fluch in Christus zu erklären und anzuwenden. Die Konsequenzen, die mit dem Segen und Fluch des Bundes verbunden sind, weisen uns unerbittlich, wenn auch typologisch, auf die ewigen Konsequenzen der Annahme oder Ablehnung des Evangeliums hin. Die Inhalte der biblischen Geschichte und der Weisheitsliteratur, der Prophetie und der Psalmen offenbaren alle eine solche Bundesdynamik. Sofern dies der Fall ist, sind wir in der Lage, sie auf die endgültige Erfüllung dieser Dynamik in Christus und dem Evangelium zu beziehen.

4) Proleptische Teilhabe und nachträgliche Verwirklichung

Trotz des innerhalb des Evangelikalismus anhaltenden Einflusses verschiedener Denkströme des Dispensationalismus belegen die apostolischen Schriften deutlich, dass die Mehrheit der Anschauungsbeispiele der Erlösung im neuen Zeitalter der Heilsgeschichte tatsächlich aus dem alten Bund stammen. Hierbei geben die Apostel natürlich zu erkennen, dass es wesentliche Diskontinuitäten zwischen Alt und Neu gibt. Pfingsten kennzeichnet in der Tat einen Quantensprung. Dennoch erläutert Paulus die Funktionsweise des Evangeliums anhand von alttestamentlichen Figuren wie Abraham und David. Durch die seismische Verschiebung nach Pfingsten ist der Kleinste im Reich größer ist als der Größte der Propheten (Johannes der Täufer, Mt 11,11). Männer und Frauen im Glauben kommen nicht zur Vollkommenheit, außer wenn sie an den neuen Bund glauben und Besseres erfahren (Heb 11,40). Dennoch sind Abel, Henoch, Noah, Abraham, Isaak, Jakob, Joseph, Moses, Rahab, Gideon, Barak, Simson, Jephta, David, Samuel und die Propheten Zeugen des Glaubens (Hebr. 11). Wir empfangen das Heil auf eine „bessere“ Weise, aber wir empfangen kein besseres Heil. Wenn man wissen möchte, wie das christliche Leben auszusehen hat, gibt es aus dem Alten Testament eine ganze Menge zu lernen! Welcher Christ strebt nicht danach, den beseelten Glauben und die Anbetung der Psalmen zu erleben?

„Wir empfangen das Heil auf eine ‚bessere‘ Weise, aber wir empfangen kein besseres Heil.“
 

Wie aber konnten Glaubende aus dem Alten Testament die Gnade und die Frucht des Geistes erfahren? Sie erlebten eine proleptische (d.h. vorgreifende) Teilhabe an dem, was in Jesus Christus vollendet und dann in den nach-pfingstlichen christlichen Gläubigen in seiner ganzen Fülle verwirklicht werden würde.

Der Begriff proleptischen Teilhabe wird von Christen in Bezug auf die Rechtfertigung verwendet. Wurden Heilige des Alten Testaments durch Gnade gerechtfertigt. Und wenn ja, wie? Ja, natürlich: Durch den Glauben an die Verheißung des Erlösers. Wir, die wir zeitlich so weit entfernt von Christus sind wie einst Abraham, wurden durch unseren Glauben an den einst verheißenen und jetzt gekommenen Christus gerechtfertigt. Aber durch die Verheißungen Gottes erlebte Abraham auf proleptische Weise einst, was wir jetzt im Licht der Faktizität der Menschwerdung Christi erleben.

„Rechtfertigung und Heiligung können zwar unterschieden, aber weder in der Lebenswelt des Alten noch des Neuen Bundes von einander getrennt werden.“
 

Genau dasselbe Prinzip wirkt im Bereich der Heiligung, sowohl endgültig (die endgültige Trennung von der Herrschaft der Sünde, die durch die Wiedergeburt stattfindet) als auch fortschreitend (die fortlaufende Überwindung der Gegenwart und des Einflusses der Sünde, die während des ganzen christlichen Lebens stattfindet). Denn Rechtfertigung und Heiligung können zwar unterschieden, aber weder in der Lebenswelt des Alten noch des Neuen Bundes von einander getrennt werden. Heilige des Alten Testaments wurden im Lichte dessen gerechtfertigt, was Christus einst tun würde. Sie wurden auf dieselbe Weise geheiligt: Ihr Leben wurde im Lichte dessen, was Christus einst tun würde, geprägt und gestaltet. Ein Beispiel hierfür findet sich in Hebräer 10,39: „Wir aber gehören nicht zu denen, die feige zurückweichen zum Verderben, sondern zu denen, die glauben zur Errettung der Seele“. Aber wie verdeutlicht der Autor dieses Prinzip der Gnade des Ausharrens? Mit dem Alten Testament! Die Heiligen des Alten Testaments wurden für ihren Glauben gewürdigt, doch keiner von ihnen hatte das erhalten, was verheißen worden war. Gott hatte etwas besseres für uns geplant und nur mit uns gemeinsam wurden sie vollkommen gemacht. Was sie also damals erlebten war eine proleptische, vorwegnehmende Form der Wirklichkeit, die wir in ihrer Fülle besser erfahren, nämlich das Wirken aus der Einheit und Gemeinschaft mit Jesus Christus.

Aus dem Blickwinkel des Neuen Testaments wird das Leben eines Menschen von dem Moment an, wo er ein Gläubiger wird, von Gott in vorausschauender Weise geformt und in eine Form gegossen, die ihre Gestalt vom Sterben und Auferstehen Jesu nimmt und von seiner Kreuzigung und Auferstehung geprägt ist, wobei sein Tod neues Leben bringt. Im Prozess der Heiligung verwandelt Gott uns in das Ebenbild seines Sohnes, sodass Erinnerungen an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus in uns sichtbar werden und das Schema von Tod und Auferstehung unser Leben prägt. Das sind die biblischen Kennzeichen von Gläubigen.

Dieses Schema ist jedoch auch im Leben alttestamentlicher Heiliger sichtbar. Zugegebenermaßen kann die Faszination für Typologie ausarten. Dennoch erscheint eine Christus-Form und ein Christus-Schema deutlich in einer Vielzahl von alttestamentlichen Heiligen und muss letztlich als ein Schatten in ihrem Leben untersucht werden, der durch die Rückwärtsprojektion des Werkes Christi in die Geschichte entsteht.

Hierfür gibt es so viele Anschauungsbeispiele, dass man sogar zu dem Schluss kommen könnte, es gebe nicht einen alttestamentlichen historisch-biografischen Bericht, in dem es nicht um Sterben und Auferstehen, Erniedrigung und Erhöhung, um Niedergang und Auferweckung, um die Erfahrung von Widerstand und Befreiung, um das Erleiden von Not und die Erfahrung außergewöhnlicher Vorsorge geht. Das ist nicht nur eine Art des guten Geschichtenerzählens. Es ist die Verkörperung des Schemas des Evangeliums.

Ein klassischer Fall ist Josef: Die Geschichte seines Lebens ist unverkennbar vom Muster des Todes und der Auferstehung geprägt. Dabei tritt ein Schema deutlich ans Tageslicht:

  • Erniedrigung (verworfen und seines Ruhmesgewandes beraubt, ohne Ansehen der Person)
  • Erhöhung (hoch erhoben zur Rechten des Pharao)
  • Versorgung (der Nöte der ganzen Welt)
  • Sammlung seines Volkes

Letztlich ist dies das Christus-Schema in skizzenhafter Form. Das Schema, dass zur Rettung vieler aus Bösem Gutes entsteht (1Mo 50,20), erfüllt sich in dem durch die Hände böser Menschen Gekreuzigten, jedoch dem Plan Gottes entsprechend, der ihn zur Rettung der Völker von den Toten auferweckt hat (Apg 2,23). Genau dieses Muster, das bei Josef so offensichtlich ist, erscheint im ganzen Alten Testament. Es schafft die Beziehung der Heiligen des Alten Testaments zu Christus und unterstreicht, dass wir ihre Erfahrung ohne diese Schablone nicht vollständig verstehen werden.

Einen auf Christus zentrierten Spürsinn entwickeln

Wenn diese Grundsätze zutreffen, dann muss es auf verschiedenen Wegen möglich sein, mit einem oder mehreren Grundsätzen von jedem Text des Alten Testaments zum Hauptstrang der Heilsgeschichte zu gelangen, der schließlich zu Christus, seiner Erfüllung und Vollendung, führt. Auf diese Weise wird der Rahmen und das Ziel all unserer Verkündigung Jesus Christus selbst sein, der Retter und Herr.

„ Wir werden niemals ‚fertig sein‘ oder den Text ‚geknackt haben‘, wenn es darum geht, Christus zu predigen.“
 

Die hier angeführten Grundsätze sind allgemeine Prinzipien. Sie sind keine einfache Formel, kein Elixier, das man über unsere Predigten träufeln kann, um sie in die Predigt Christi zu verwandeln. Es gibt keine Formel, die so etwas tun könnte. Wir werden niemals „fertig sein“ oder den Text „geknackt haben“, wenn es darum geht, Christus zu predigen. Aber während wir die Heilige Schrift besser kennenlernen und während wir diese Muster tief in der Bibel verankert entdecken, und – was genau so wichtig ist – während wir Christus selbst immer besser kennen und lieben lernen, werden wir sicher einen Spürsinn dafür entwickeln, den Reichtum der Gnade, welcher in Jesus, dem Christus, dem Retter der Welt, verkündet wird, aus der ganzen Heiligen Schrift zu begründen, zu erklären und zu beweisen. Die Fähigkeit, dies zu tun, wird an sich schon eine angemessene Belohnung für die harte Arbeit sein, die damit verbunden ist, eine Art und Weise des Predigens zu erlernen, die das Alte Testament in seinem historischen Kontext ernst nimmt, aber auch anerkennt, dass dieser Kontext ohne Jesus Christus nicht vollständig ist.

Sinclair B. Ferguson ist Professor für Systematische Theologie am Reformierten Theologischen Seminar (USA). Er diente lange als Hauptpastor der ersten presbyterianischen Kirche in Columbia (South Carolina, USA).

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Monergism. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung von Monergism und Proclamation Trust.

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