Prüfungsvorbereitung

Artikel von Philipp Bartholomä
5. Februar 2021 — 11 Min Lesedauer

Vor vielen Jahren erhielten meine Frau und ich folgende Nachricht von guten Freunden:

„Wir müssen uns darauf einstellen, dass unser Kind mit einer wesentlichen Behinderung auf die Welt kommen wird. Wie schwerwiegend diese sein wird, lässt sich derzeit nicht sagen. Viele Kinder mit dieser Erkrankung sind als Neugeborene nicht lebensfähig. Wir schreiben euch das nicht, um euch zu beschweren, sondern zu eurer Information und mit der Bitte, dass ihr uns und unser Baby im Gebet unterstützt. Wir nehmen die Situation aus Gottes Hand, der keine Fehler macht. Auf welche Weise Er seine Herrlichkeit zeigen möchte, wissen wir nicht.“

Beeindruckend. Herzzerreißend beeindruckend. Wir kannten die Absender gut, deshalb war klar: Das ist kein frommes Lippenbekenntnis.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie sehr mich diese Mail damals persönlich als Jesus-Nachfolger und als Pastor herausgefordert hat. Weil mir deutlich wurde: Um auf einen solch leidvollen Hammerschlag in dieser Weise reagieren zu können, muss man vorbereitet sein. Aber wie sieht so eine Prüfungsvorbereitung aus – für mich und für die Gemeinde, die Gott mir anvertraut hatte? Wie können wir lernen, mit Prüfungen auf diese Weise umzugehen? Was müssen Christen verinnerlicht haben, um derartige Bewährungsproben zu bestehen? In 1. Petrus 1,3–7 gibt Petrus uns dazu wichtige Perspektiven:

1. Die Unausweichlichkeit von Prüfungen (Was wir verstehen sollten, bevor Prüfungen kommen)

Prüfungen, Schwierigkeiten und Leid sind im Leben eines Christen unvermeidbar. In V. 6 schreibt Petrus: „Ihr habt also allen Grund, euch zu freuen und zu jubeln, auch wenn ihr jetzt nach Gottes Plan für eine kurze Zeit Prüfungen verschiedenster Art durchmachen müsst und manches Schwere erleidet.“ Dass das kein überraschender Zufall ist, verdeutlicht Petrus dann später in seinem Brief noch einmal: „Wundert euch nicht über Nöte ... denkt nicht, dass euch damit etwas Ungewöhnliches zustößt“ (1Petr 4,12).

Die speziellen Schwierigkeiten der Briefempfänger hatten offensichtlich damit zu tun, dass sie aufgrund ihres Glaubens zu Fremdkörpern in ihrer Gesellschaft geworden waren (vgl. 1Petr 1,1). Ihr Glaube an den gekreuzigten und auferstandenen Christus hatte ihr ganzes Leben einschließlich ihres Wertesystems transformiert und das brachte sie in Konflikt und Spannung mit der sie umgebenden Kultur. Das bedeutete Verfolgung – und die konnte ganz unterschiedlich aussehen: Verleumdung, Ausgrenzung, Diskriminierung, körperliche Angriffe bis hin zur Aussicht auf ein Martyrium. Auch für uns Christen im Westen nimmt der gesellschaftliche Druck an vielen Stellen spürbar zu. Dennoch unterscheiden sich unsere Bewährungsproben in der Regel gravierend von solchen Feindseligkeiten, die auch heute für Millionen von Christen zum Alltag gehören. Sich bewusster in ihre Lage zu versetzen, könnte ein wichtiger Teil unserer Prüfungsvorbereitung sein.

Die recht offene Formulierung hier bei Petrus lässt sich aber auch für eine etwas breitere Anwendung nutzen, die unserer Lebensrealität näher liegt: Wir reden von Prüfungen, Schwierigkeiten und Leiden verschiedenster Art – „mancherlei Anfechtungen“ übersetzt Luther. Das kann eine schwere Krankheit sein oder der Verlust eines lieben Menschen. Krisen in der Familie genauso wie die unvermittelt auftretende geistliche Depression. Die emotionalen und seelischen Grenzerfahrungen im Studium genauso wie die Konfrontation mit eigener Sünde, Schuld und Scham. Die Angriffe und Frustrationen im geistlichen Dienst genauso wie die finanziellen Sorgen eines christlichen Werkes. Und darüber hinaus natürlich auch jede Form der Einsamkeit, Unsicherheit und Anfechtung in unserer zerschundenen Corona-Welt.

Petrus setzt voraus, dass Prüfungen Teil des normalen Lebens sind. Und Christen sind nicht immun. Prüfungen sind auch für Christen unausweichlich. Sie gehören dazu. Gottes Wort verheißt uns an keiner Stelle ein schmerzfreies Leben. Und man muss lange suchen, um eine halbwegs prominente biblische Figur zu finden, die von Schwierigkeiten verschont geblieben wäre. Was Petrus hier schreibt, ist eingebettet in einen breiten Strom biblischer Theologie, wobei deutlich wird: Das christliche Leben läuft nach einem ganz bestimmten Fahrplan ab. Und dieser Fahrplan führt „durch Leiden zur Herrlichkeit“. Warum? Weil wir an einen Herrn glauben, der seinen Weg „durch Leiden zur Herrlichkeit“ gegangen ist. Das gehört zu unserer christlichen DNA. Und deshalb ist es zutiefst beunruhigend und unglaublich schädlich, wenn in manchen Kreisen die Meinung vertreten wird, in einem „siegreichen“ christlichen Leben dürften Krankheit, Schwierigkeiten oder Leiden „schon jetzt“ keine Rolle mehr spielen. Nichts in Gottes Wort deutet darauf hin, dass wir erwarten und erstreben sollten, in Wohlstand, Komfort und Dauergrinsen der ewigen Seligkeit entgegen zu cruisen. Wir sollten nicht überrascht sein, wenn Schwierigkeiten, Krisenzeiten und Prüfungen kommen – aber vorbereitet. Wenn wir gut mit diesen Prüfungen umgehen wollen, müssen wir unser Herz und unseren Verstand auf Prüfungen einstellen, bevor sie tatsächlich eintreten..

2. Die Hoffnung in Prüfungen (Was uns bewegen sollte, um in Prüfungen zu bestehen)

Prüfungen werden unter Umständen manche Wunden und Narben hinterlassen. Aber wir können in Prüfungen bestehen, wenn wir tief in schwerwiegenden theologischen Wahrheiten verwurzelt sind. Auf solche Wahrheiten weist Petrus uns hin (V. 3): Als die erwählten Kinder Gottes leben wir jetzt ein neues Leben. Wir haben eine neue Identität. Wir sind von neuem geboren. Und zwar hinein in eine neue, sichere (wörtlich: lebendige) Hoffnung.

Offensichtlich hat Petrus den Predigten von Jesus aufmerksam zugehört, denn er scheint hier im Ohr zu haben, was Jesus in der Bergpredigt gesagt hat: „Sammelt euch keine Reichtümer hier auf der Erde, wo Motten und Rost sie zerfressen und wo Diebe einbrechen und sie stehlen. Sammelt euch stattdessen Reichtümer im Himmel, wo weder Motten noch Rost sie zerfressen und wo auch keine Diebe einbrechen und sie stehlen“ (Mt 6,19–20).

Entsprechend macht Petrus deutlich: Unsere Hoffnung ist ein Erbe, das nicht von Motten oder Rost zerfressen wird, sondern sicher ist – unvergänglich, makellos, es wird nie seinen Wert verlieren (V. 4). Manchmal scherze ich mit meinen Eltern, wenn sie sich mal wieder etwas gegönnt haben (eine Reise oder ein Essen im Restaurant). Dann sage ich zu ihnen: „Leute, ihr verprasst mein Erbe! Ihr seid wie Motten und Rost – ihr knabbert davon ab, es verliert seinen Wert.“ Was hier nur Ausdruck meines fragwürdigen Humors ist, hat für Petrus theologisch umso mehr Gewicht: Jesus-Nachfolger werden mit Sicherheit ihr Erbe in vollem Umfang in Empfang nehmen. Weil Gott es garantiert bereithält. Er bewahrt das Erbe. Und während wir vertrauensvoll an ihm festhalten, bewahrt er uns, die wir glauben, für das Erbe! Während wir jetzt noch manche Prüfung und Schwierigkeit zu bestehen haben, bewahrt er uns, bis wir irgendwann endgültig zuhause sind, wenn – wie Petrus sagt – „wir das Ziel unseres Glaubens erreichen“ (V. 9), wenn „unser Heil, unsere Rettung, in ganzem Umfang sichtbar wird“ (V. 5).

„Die Hoffnung in der Gegenwart blickt voraus auf das sichere Erbe in der Zukunft, ist aber verankert in der Vergangenheit.“
 

Aber wie kann Petrus auch im Angesicht von Prüfungen so sicher sein, dass sich diese Hoffnung erfüllt? Die Antwort heißt: Aufgrund der Auferstehung Jesu Christi von den Toten (V. 3). Das bedeutet: Die Hoffnung in der Gegenwart blickt voraus auf das sichere Erbe in der Zukunft, ist aber verankert in der Vergangenheit. Greifbarer wird das, wenn wir uns vor Augen führen, wer diesen Brief schreibt. Denn gerade für Petrus war die Auferstehung die lebensverändernde Realität.

Das wurde mir neu deutlich, als ich im vergangenen Jahr einmal versucht habe, den sonst eher etwas profillosen Karsamstag bewusster zu erleben. Wie hat sich dieser Tag wohl angefühlt, zum Beispiel für Petrus? Was für uns eher ein Brückentag ist, muss für Petrus ein brutal schmerzhafter, dunkler Sackgassentag gewesen sein. Jesus war am Kreuz gestorben. Alle Hoffnung war verloren. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt,  aber offensichtlich verloren. Qualvolle Stunden lang wurde er mit der eigenen Rückgratlosigkeit konfrontiert, dem bitteren Schmerz der dreimaligen Verleugnung Jesu, das Krähen des Hahns wie ein nicht aufhören wollender Piepton im Ohr. Doch dann am Ostermorgen der Vollsprint zum Grab, der Blick hinein: Leer! Später folgen die Begegnung mit dem Auferstandenen, Vergebung und Wiederherstellung (Joh 21,15–19) – und auf einmal ist alles anders! Denn die Auferstehung Jesu macht aus dem verzweifelten Petrus einen mutigen Apostel. Die Auferstehung macht aus dem rückgratlosen, in der Prüfung durchgefallenen Petrus einen standhaft-leidensbereiten Bekenner. Und dieser Petrus sagt uns: Es gibt keine bessere Strategie der Prüfungsvorbereitung als die Augen unseres Herzens zu öffnen. Auf diese Weise können wir immer wieder das sehen, was Petrus „live“ gesehen hat: den lebendigen, auferstandenen Christus. Weil Jesus lebt, sagt Petrus, kann er und wird er fürsorglich an eurer Seite sein – in Prüfungen genauso wie  im Leiden.

3. Der Zweck der Prüfungen (Was wir verinnerlichen sollten, um Prüfungen richtig einzuordnen)

Damit sind wir noch mal bei V. 6: „Ihr habt also allen Grund, euch zu freuen und zu jubeln, auch wenn ihr jetzt nach Gottes Plan für eine kurze Zeit Prüfungen verschiedenster Art durchmachen müsst und manches Schwere erleidet.“ Dieser Satz irritiert unsere Ohren und Herzen. Wie können wir uns freuen und jubeln angesichts leidvoller Situationen? Das klingt radikal, beinahe unmenschlich. Wichtig ist zunächst, was Petrus hier nicht sagt. Prüfungen und Schwierigkeiten sind für ihn keine total freudigen Ereignisse. Aber er will uns das größere Bild vermitteln und verdeutlichen: Wer in Prüfungen lernt, seinem Vater im Himmel zu vertrauen, für den erfüllen diese Prüfungen einen guten Zweck. Warum Gott dabei konkrete Leiden und Schwierigkeiten in unserem Leben zulässt, können wir im Einzelfall meist nicht sagen. Zu viel Spekulation führt uns hier auch auf theologische und seelsorgerliche Abwege – davor sollten wir uns hüten. Aber eine Sache gilt ganz grundsätzlich: Leidvolle Prüfungen sollen aus Gottes Perspektive zu etwas Gutem führen. Und das hilft uns, Prüfungen besser einzuordnen.

Entsprechend formuliert Petrus in V. 7: „Denn diese Prüfungen geben euch Gelegenheit, euch in eurem Glauben zu bewähren. Genauso wie das vergängliche Gold im Feuer des Schmelzofens gereinigt wird, muss auch euer Glaube, der ja unvergleichlich viel wertvoller ist, auf seine Echtheit geprüft werden. Und wenn dann Jesus Christus in seiner Herrlichkeit erscheint, wird eure Standhaftigkeit euch Lob, Ruhm und Ehre einbringen.“ Mit anderen Worten: Das Feuer des Leidens kann (zumindest ist das Gottes Intention) in unserem Leben die Funktion eines Schmelzofens übernehmen. Und ein solcher Schmelzofen hat zwei Aufgaben, die miteinander zusammenhängen: Reinigen und Prüfen. Er reinigt das goldene Edelmetall, indem Verunreinigungen verbrannt bzw. abgeschöpft werden. Dabei wird gleichzeitig das echte Gold geprüft, kommt so deutlicher zum Vorschein und der Gesamtwert des Edelmetalls wird erhöht. Genau das ist es, was unser Glaube nötig hat: Reinigung und Prüfung. Unser Glaube ist verunreinigt durch fehlgeleitete Hoffnungen und wiederkehrenden Götzendienst, durch Selbstgerechtigkeit und Stolz. Doch das Feuer des Leidens entlarvt das und geht dagegen an. Außerdem prüft das Feuer des Leidens unser Glaubensbekenntnis. Viele von uns (auch ich) formulieren gerne mit dem Katechismus: „Was ist unser einziger Trost (also Sinn, Halt, Hilfe) im Leben und im Sterben? Antwort: Das wir nicht uns selbst gehören, sondern unserem Gott.“ [Link zum New City Katechismus] Aber wer kann sagen, ob das nicht nur ein Lippenbekenntnis ist? Wer kann – ohne die entsprechende Prüfung im Feuer des Schmelzofens – sagen, ob unser Glaube diesen Tiefgang, diese Echtheit, diese existenzielle Dimension hat?

Zur Prüfungsvorbereitung anhand des 1.Petrusbriefes gehört die Erinnerung, dass Gott auf geheimnisvolle Weise seine Absichten mit dir verfolgt – durch Bewährungsproben und schwere Situationen hindurch. Dein Glaube, der gereinigt und auf seine Echtheit geprüft wurde und dadurch Tiefgang gewonnen hat, ist in Gottes Augen extrem wertvoll, wertvoller als geläutertes Gold. Wer das verinnerlicht, gewinnt innere, seelische Ressourcen, um sich trotz schwieriger Umstände und sogar inmitten von schmerzhaften Prüfungen zu freuen.

Als unsere Freunde während der Schwangerschaft die Hiobsbotschaft einer wahrscheinlichen Behinderung ihres Kindes erreichte, waren sie inmitten von Klage, Schmerz und tiefer Traurigkeit doch vorbereitet auf diese Prüfung ihres Glaubens. Weil sie wussten, dass in einer von Sünde und Zerbruch gezeichneten Welt Prüfungen und Schwierigkeiten unvermeidbar sind. Sie konnten vertrauensvoll bestehen, weil sie eine lebendige Hoffnung hatten – durch ihren Glauben an den lebendigen Christus. „Auf welche Weise Er seine Herrlichkeit zeigen wird, wissen wir nicht“, haben sie geschrieben. Aber sie hielten daran fest, dass – um es mit Paulus zu sagen – „die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen, wenn wir an die Herrlichkeit denken, die Gott bald sichtbar machen und an der er uns teilhaben lassen wird“ (Röm 8,18). Wer das im Glauben erfasst, der kann standhaft bleiben. Und zitternd, aber immer wieder auch mit einer übernatürlichen Freude seinen Weg an der Hand seines Herrn gehen. Einen Weg, den Jesus für uns (für dich!) schon gegangen ist: durch Leiden zur Herrlichkeit.

Philipp Bartholomä war viele Jahre Pastor der freikirchlichen Er-lebt Gemeinde in Landau/Pfalz. Heute ist er Professor für Praktische Theologie (mit Schwerpunkt Gemeindeaufbau) an der Freien Theologischen Hochschule in Gießen. Gemeinsam mit seiner Frau Andrea hat er zwei Kinder.