Worte für den Wind

Podcast von John Piper – gelesen von Robin Dammer
16. Januar 2021
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„Gedenkt ihr, Worte zurechtzuweisen? Für den Wind sind ja die Reden eines Verzweifelnden!“ (Hi 6,26; ELB). 

In ihrem Kummer und ihrem Schmerz und ihrer Verzweiflung sagen Menschen oft Dinge, die sie sonst nicht sagen würden. Sie zeichnen die Wirklichkeit in dunkleren Farben, als sie es morgen tun werden, wenn die Sonne aufgeht. Sie singen in Moll und reden so, als ob das die einzigen Tonarten wären. Sie sehen nur Wolken und sprechen so, als ob es keinen Himmel gäbe. 

Sie sagen: „Wo ist Gott jetzt?“ Oder: „Es bringt nichts, weiterzumachen.“ Oder: „Nichts ergibt mehr Sinn.“ Oder: „Es gibt keine Hoffnung für mich.“ Oder: „Wenn Gott wirklich gut wäre, hätte er das nicht geschehen lassen.“ 

Was sollen wir mit diesen Worten tun? 

Hiob sagt, dass wir die Person dafür nicht zurechtweisen müssen. Diese Worte sind Wind, ja wortwörtlich „für den Wind“. Sie werden bald weggeweht. Die Umstände werden sich ändern und die verzweifelte Person wird aus der dunklen Nacht aufwachen und die übereilten Worte bereuen. 

Die Quintessenz ist daher: Lass uns nicht, unsere Zeit und Energie darauf verwenden, solche Worte zurechtzuweisen. Sie werden von selbst abfallen und vom Wind davongetragen werden. Man muss im Herbst keine Blätter abschneiden. Das wäre eine vergebliche Mühe. Sie fallen bald von selbst ab. 

Oh, wie schnell wollen wir oft Gottes Ehre verteidigen oder für die Wahrheit eintreten, wenn es eigentlich nur Worte für den Wind sind. Wenn wir die Einsicht hätten, würden wir den Unterschied zwischen Worten mit Wurzeln und Worten, die der Wind wegtragen wird, erkennen können. 

Ja, es sind Worte, die in einem tiefen Fehlverständnis und in einem tiefen Übel wurzeln. Doch nicht alle grauen Worte erhalten ihre Farbe aus einem schwarzen Herzen. Manche sind vor allem vom Schmerz und von der Verzweiflung eingefärbt. Was du hörst, kommt nicht aus dem tiefsten Inneren. Ja, dort, wo sie herkommen, ist etwas Echtes und Dunkles. Doch es ist vorübergehend – wie ein Infekt, der vorbeigeht – echt und schmerzhaft, aber nicht die wahre Person. 

Lasst uns daher lernen, zu unterscheiden, ob die Worte, die gegen uns oder gegen Gott oder gegen die Wahrheit gerichtet sind, in Wirklichkeit nur für den Wind sind – ob sie aus der Seele oder von der wunden Stelle herrühren. Wenn sie für den Wind sind, dann lasst uns schweigend abwarten und die Person nicht zurechtweisen. Dass die Seele gesund wird, nicht dass die Wunde zurechtgewiesen wird, muss das Ziel unserer Liebe sein.