Character matters

Rezension von Thomas Hochstetter
4. Januar 2021 — 5 Min Lesedauer

Der Anlass des Buches

Weshalb fallen selbst starke und fähige Gemeindeleiter im Dienst? Warum brennen manche aus und verlieren andere in aller Öffentlichkeit durch große (und kleine) Skandale ihren Ruf? Aaron Menikoff meint, dass das Problem, die falsche Gewichtung von Erfolg und Charakter ist.

„Der Charakter eines Dieners am Leib Christi macht den Unterschied, mehr als seine Gaben und Fähigkeiten.“
 

„Werdet nicht in großer Zahl Lehrer, meine Brüder, da ihr wisst, dass wir ein strengeres Urteil empfangen werden“ (Jakobus 3,1). Der Autor schreibt das Buch mit dem Gewicht dieses Verses auf seinen Schultern. Der eigene Weg der Läuterung im pastoralen Dienst bildet hierbei seinen Ausgangspunkt: Menikoff selbst musste erkennen, dass der Dienst, zu dem Gott ihn berufen hatte, nicht annähernd so wichtig ist, wie derjenige, der ihn dazu berufen hatte. Diese Erfahrung prägt den Charakter des Buches.

Character matters ist eine wichtige Erinnerung daran, dass ohne die ständig wachsende Frucht des Geistes, niemand zum Dienst in der Gemeinde fähig ist. Der Charakter eines Dieners am Leib Christi macht den Unterschied, mehr als seine Gaben und Fähigkeiten.

Die Notwendigkeit der Heiligung

Das Buch betont die Notwendigkeit der Heiligung eines Pastors und Gemeindedieners. Sie bilden auch die Hauptzielgruppe dieses Buches (wenngleich jeder einzelne Gläubige auch von seiner Lektüre profitieren dürfte).

Mit vielen persönlichen Beispielen bestückt arbeitet Menikoff sich durch die einzelnen Aspekte der Frucht des Geistes. Dabei erklärt er jeweils die Bedeutung des einzelnen Aspektes der geistlichen Frucht und wendet diese dann auf das Leben eines Pastors und Gemeindedieners an.

Allein die Einleitung ist für sich genommen schon lesenswert (das gilt ebenso für Kapitel 10 und die Schlussfolgerung des Buches). Dabei spricht er mit dem Leser über Heiligung und darüber, weshalb der Charakter eines Pastoren so wichtig ist.

Die Kapitel über die einzelnen Aspekte der Frucht des Geistes sind hervorragend und herausfordernd. Auch wenn der Autor in seiner Besprechung immer nah an der Schrift bleibt, ist es doch kein exegetischer Kommentar. Sein Anliegen ist es vielmehr den Leser dazu zu ermutigen sich, anhand der Schrift, selbst zu hinterfragen.

Eine Stärke des Buches ist sicherlich der persönliche Blickwinkel, den der Autor in jedem Kapitel verfolgt. So ruft er zum Beispiel am Ende eines jeden Kapitels den Leser durch praktische und treffende Fragen dazu auf, sich mit dem jeweiligen Aspekt persönlich weiter zu beschäftigen. Die Wahrheiten der einzelnen Kapiteln werden häufig mit Beispielen aus dem Leben (und den Fehlern) des Autors illustriert. Dabei verliert Menikoff aber niemals das Evangelium aus den Augen, zu dem er immer wieder zurückkehrt.

Die Frage nach dem Charakter

In den letzten Jahren musste ich mit Bedauern und Schmerz zusehen, wie einige (teils auch prominente) Gemeindeleiter im Dienst stolperten. So etwas hinterlässt immer einen faden Beigeschmack für die eigene Berufung. Die Frage nach dem „Warum“ und „Wie“ beginnt dann auch immer am eigenen Leben und Dienst zu bohren.

Gerade aus diesem Grund hatte ich mich besonders auf das Buch gefreut. Und es hat nicht enttäuscht. Besonders die persönliche Note war für mich erfrischend. Dabei hat es auch nicht gestört, dass der Inhalt keine tiefgreifende Exegese von Galater 5,22 war. Im Nachgang wird es so einige Kapitel geben, die ich nochmals lesen werde.

„In unserer erfolgsorientierten evangelikalen Welt ist man schnell damit beschäftigt seinen Dienst und sein Leben nach Leistung auszurichten.“
 

Das Buch ist so geschrieben, dass man die einzelnen Aspekte der Frucht auch separat betrachten kann. Das wird besonders dann sinnvoll, wenn man damit beginnt, mit offenen Augen einmal durch die Aufzählung von Galater 5,22 zu gehen, um eigene Mängel zu erkennen.

Der Schreibstil ist leicht und flüssig. Die vielen persönlichen Beispiele machen die Kapitel (meist) einfach zu lesen. Die Abschnitte sind auch sinnvoll gewählt, so dass man das Buch fast nicht wieder zur Seite legen möchte. Wenn man etwas bemängeln könnte, dann sind es die erwähnten, manchmal zu vielen persönlichen Erzählungen. An manchen Stellen hätte man hier eher zum Punkt kommen können, ohne dabei inhaltliche Abstriche machen zu müssen.

Dieser einzige kleine Mängel trübt aber keineswegs das Gesamtbild des Buches: Die Frage nach dem Charakter eines Dieners in der Gemeinde wird erbauend und herausfordernd beantwortet. Gerade in unserer von „Rockstar-Pastoren“ übersäten Zeit ist dieser Denkzettel wirklich willkommen. Die Relevanz dieses Buches könnte nicht treffender sein.

In unserer erfolgsorientierten evangelikalen Welt ist man schnell damit beschäftigt, seinen Dienst und sein Leben nach Leistung auszurichten. Auch wenn Leistung an sich nicht das Problem ist, so wird es schnell zum Bewertungsinstrument, dass wir an andere (und an uns selbst) anlegen. Dabei schaffen wir aber eben noch mehr Fokus auf Leistung, ohne auf das viel Wichtigere dahinter zu schauen: den Charakter (oder das Herz) eines Gläubigen.

„Mein Wert als Leiter und Gemeindediener ist nicht in erster Linie an meiner Leistung und öffentlichen Erfolgen zu bemessen, sondern an meinem Charakter.“
 

Es ist in der Tat wichtiger, dass ich in der Frucht des Geistes wachse, als Erfolge zu erzielen. Mein Wert als Leiter und Gemeindediener ist nicht in erster Linie an meiner Leistung und öffentlichen Erfolgen zu bemessen, sondern an meinem Charakter. Diese Balance haben wir oft verloren. Wir nehmen unbewusst an, dass alle ihre Prioritäten bereits richtig gesetzt hätten (Liebe zu Gott, Liebe zu dem Nächsten, Geistesfrucht und dann der Dienst). Aber dem ist oft nicht so. Ich befürchte, dass Leistung oftmals mehr zählt als Charakter.

Und doch ist es auch Tatsache, dass noch niemand wegen mangelnder Erfolge im Dienst gestolpert ist. Jeder der Männer, die in den letzten Jahren gefallen sind, ist aufgrund seiner verkümmerten Geistesfrucht (oder gar Unglauben) gefallen. Das sollte uns aufhorchen lassen!

Eindeutige Empfehlung

Das Buch ist, insbesondere Leitern innerhalb der Gemeinde, wärmstens zu empfehlen. Es ist absolut relevant und bedeutsam. Als Diener und Leiter in der Gemeinde habe ich auf diesen Seiten genügend Herausforderung und Erbauung gefunden, auf das richtige Ziel hin zu schauen. Auch „einfache“ Gemeindemitglieder sollen ermutigt sein, dieses Buch zur Hand zu nehmen, um sich ganz persönlich mit den Aspekten der Geistesfrucht im eigenen Leben zu beschäftigen. Möge das Buch dazu beitragen, dass wir alle unsere Erwartungen an uns korrigieren und lernen, dass unsere Beziehung zu Gott vor unserem Dienst steht.

Thomas Hochstetter dient in der Eckstein Gemeinde Berlin, arbeitet am Europäischen Bibel Trainings Centrum (EBTC) und unterrichtet dort sowohl Hermeneutik als auch Fächer in der Musikdienstausbildung. Thomas betreut beim EBTC die Softwareentwicklung, leitet den Musikdienst und ist für die Entwicklung der Musik beim EBTC verantwortlich.