„Alle Nationen“ und die Gründung neuer Gemeinden

Artikel von Ed Stetzer
2. Januar 2021 — 5 Min Lesedauer

Der „große Missionsbefehl“: Die Worte „groß“ und „Befehl“ stehen zwar nicht explizit im Bibeltext, beschreiben jedoch genau, worum es geht. Diese „autoritative Anweisung, Beauftragung oder Richtlinie“ ist „ungewöhnlich groß, extrem und bemerkenswert“ gemäß entlehnten Ausdrücken aus Lehrbuchdefinitionen beider Begriffe. Aber warum?

Das ganze Ausmaß dieser Aufgabe wird durch die zwei kleinen Worte alle Nationen deutlich. Der Ausdruck wurde aus dem Griechischen panta ta ethnē übersetzt und ist häufig Gegenstand großer Diskussionen. Bei ethnē oder „Nationen“ denken Viele dabei an Länder. Aber als Jesus diese Worte benutzte, gab es noch keine Länder, wie wir sie heute kennen. Der Nationalstaat ist eine Erfindung der Neuzeit. Zu Zeiten Jesu gab es nur Menschengruppen und Imperien. Jesus sprach also von Völkern – allen Völkern.

Als Jesus „zu allen Nationen“ sagte, meinte er nicht das, was Missionswissenschaftler wie ich in den Text hineinlesen wollen, so als spräche er von den elftausend ethnolinguistischen Volksgruppen in der heutigen Welt. Er meinte damit mehr als nur Nichtjuden oder Heiden. Er sprach zu einem jüdischen Volk, das wusste, dass Gott die Nationen in Babel schuf (Gen 11,9), die Nationen „hinauf nach Jerusalem“ rief (Jes 2), an Pfingsten die Sprachen der Nationen erklingen ließ (Apg 2) und von Männern und Frauen aus allen Sprachen, Stämmen und Nationen in Ewigkeit angebetet werden wird (Offb 7).

„Als Jesus von den Nationen sprach, gab er der Mission eine komplett andere Richtung.“
 

Mit anderen Worten: Als Jesus davon sprach, zu den Nationen zu gehen, wussten seine Zuhörer, wie unermesslich groß diese bemerkenswerte Aufgabe sein würde. Die Vorstellung „der Nationen“ war ihnen nicht neu – nur die Art und Weise, in der das Volk Gottes den Auftrag Jesu ausführen sollte.

Als Jesus von den Nationen sprach, gab er der Mission eine komplett andere Richtung. Nicht mehr die Nationen sollten hinauf nach Jerusalem ziehen (Jes 2), sondern jetzt sollten die Jünger heraus aus Jerusalem gehen (Apg 1,8).

Als die Jünger diese Worte hörten, handelten sie. Was sie taten, zeigt, wie sie Jesus verstanden, als er ihnen sagte, sie sollten zu allen Nationen gehen. Sie taten genau das und gründeten Gemeinden. Und das Gleiche sollten auch wir tun.

Wenn im Zentrum des Missionsbefehls nicht die Nationen stehen, geht das am biblischen Kontext vorbei und missversteht das Handeln der Jünger und die Bedeutung, die dieser für die Mission Gottes hat. Wenn sich Mission nicht mehr auf Gemeindegründung konzentriert, entspricht sie nicht mehr dem, was die Jünger taten, als sie den Missionsbefehl empfingen.

Als Jesus „alle Nationen“ sagte, drehte er die Richtung der Mission um und sandte Sein Volk zu den Nationen. Je nachdem, wer und wie gezählt wird, kommt man heute auf über sechstausend unerreichte Volksgruppen. Etwas weniger als dreitausend von ihnen sind „unengaged“, was bedeutet, dass kaum ein Nachfolger Jesu anwesend ist.

Die Nationen spielen eine wichtige Rolle bei der Erfüllung des Missionsbefehls, und Gott ruft uns dazu auf, unter diesen (und anderen) Nationen Gemeinden zu gründen. Sie brauchen neue Gemeindegründungen.

Die Nation, zu der du gehörst, ist eine davon. Wo immer du diese Worte liest, sie gelten auch dir. Auch in deiner Nation müssen Gemeinden gegründet werden, wie in allen anderen. Manchmal ist es so, dass Angehörige dieser Nationen in unserem Land leben. Allein in den Vereinigten Staaten gibt es mehr als fünfhundert „unengaged“ und unerreichte Volksgruppen.

In einer 2013 vom Gordon-Conwell Theological Seminary veröffentlichten Untersuchung fand der Missionswissenschaftler Todd M. Johnson mit seinem Team heraus, dass fast zwanzig Prozent aller Nichtchristen in Nordamerika keinen einzigen Christen persönlich kennen. Mehr als fünfundsiebzig Prozent der in den USA lebenden Sikhs, Hindus und Jains kennen ebenfalls keine Christen. Dasselbe gilt für mehr als fünfundsechzig Prozent der Buddhisten, Shintoisten, Taoisten, Zoroastrier und Anhänger der chinesischen Volksreligion. Sogar zweiundvierzig Prozent der Muslime geben an, keine engen christlichen Kontakte zu haben. Neue Gemeinden braucht es auch hier.

Aber auch Menschen aus der Mehrheitskultur benötigen neue Gemeinden. Die Gemeinde ist von zentraler Bedeutung für Gottes Mission, um jedem Mann, jeder Frau und jedem Kind die Geschichte Jesu zu verkünden. Wenn wir in das Neue Testament schauen, dann sehen wir, dass gezielte Gemeindegründungen unter der Leitung des Heiligen Geistes die wesentliche Methode der frühen Gemeinden waren, dem Befehl Jesu zu gehorchen. Das sollte auch heute noch der Fall sein. Dazu gehört die Gründung von Gemeinden in städtischen Zentren, wachsenden Vorstädten, ländlichen Gemeinden und anderswo. Es werden neue Gemeinden benötigt.

„Der Missionsbefehl kann ohne Gemeindegründungen nicht erfüllt werden.“
 

Der Missionsbefehl kann ohne Gemeindegründungen nicht erfüllt werden. Jesus befahl uns, Jünger zu machen, zu taufen und zu lehren. Dazu braucht es eine Ortsgemeinde. Wenn du erleben willst, wie Menschen zu Jüngern werden, sich taufen lassen und im Wort Gottes unterrichtet werden – sei es in einer amerikanischen Großstadt oder in einem ländlichen asiatischen Dorf –, gehört die Gründung einer neuen Gemeinde unbedingt dazu.

Jemand hat die Gemeinde gegründet, die du besuchst. Jemand hat die Gemeinde gegründet, aus der jemand gekommen ist, um dir das Evangelium zu verkünden. Jemand hat die Gemeinde gegründet, in der du anfingst, Jesus als Jünger nachzufolgen, getauft und im Glauben unterrichtet wurdest.

Lass deine Gemeinde nicht zu einer Sackgasse auf der Autobahn des Missionsbefehls werden. Die Nationen – und die Verlorenen deiner Nation – brauchen mehr. Sie brauchen neue Gemeinden.

Ed Stetzer ist Geschäftsführer des Billy Graham Center for Evangelism und Inhaber des „Billy Graham-Stiftungslehrstuhls“ für Gemeinde, Mission und Evangelisation am Wheaton College in Wheaton, Illinois (USA). Er ist Autor und Co-Autor verschiedener Bücher, darunter Subversive Kingdom: Living as Agents of Gospel Transformation.