Vier Fehler, denen kein Neujahrsvorsatz standhält

Artikel von Drew Dyck
31. Dezember 2020 — 7 Min Lesedauer

Ich liebe Vorsätze für das neue Jahr. Jedenfalls liebe ich es, Neujahrsvorsätze zu fassen. Wenn sich der Dezember seinem Ende zuneigt, krame ich mein Moleskine-Notizbuch hervor, um ambitioniert meine Absichten für das neue Jahr zu planen:

Fünf Mal in der Woche trainieren

An das Budget halten

Jeden Tag in der Bibel lesen

Wenn ich mit dem Aufschreiben aller Ziele fertig bin, beneide ich mein zukünftiges Ich beinahe. Es wird so geistlich sein. Und schlank!

Dann kommt der Januar und ich merke, dass es wesentlich leichter ist, Vorsätze zu fassen, als sie zu halten. Was in mit euphorischer Begeisterung begonnen hatte, endet in leiser Enttäuschung, in einer traurigen Aneinanderreihung von Niederlagen, die sich jedes Jahr wiederholt.

Wenigstens bin ich nicht der Einzige. Bis Februar haben 80 Prozent von uns aufgehört zu joggen, angefangen auszuschlafen oder sind kopfüber wieder in schlechten Gewohnheiten gelandet, die wir doch unbedingt ablegen wollten.

Aber warum? Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, das herauszufinden. Im vergangenen Jahr habe ich alles über Selbstbeherrschung gelesen, was ich in die Finger bekommen konnte, und eine Reihe von Experten zu diesem Thema interviewt. Ich habe mich sowohl wissenschaftlich als auch geistlich mit der Frage auseinandergesetzt, warum wir unseren hohen Erwartungen nicht gerecht werden. Warum fällt es uns so schwer, unsere Vorsätze einzuhalten? Ich bin überzeugt, dass es zum Teil auf strategische Fehler zurückzuführen ist.

1. Überschätzung deiner Willenskraft

Vor etwa 20 Jahren entdeckten Forscher etwas Faszinierendes über die Willenskraft. In einer bahnbrechenden Studie erhielten Teilnehmer ein Geometriepuzzle. Es war unmöglich, das Puzzle zu lösen. Die Forscher wollten damit testen, wie lange die Teilnehmer sich mit der Aufgabe abmühen, bevor sie aufgeben. Vor Beginn des Tests wurde der einen Gruppe erlaubt, während des Wartens Schokokekse zu essen, während die andere Gruppe keine davon nehmen durfte. Als die Zeit für das Puzzle gekommen war, arbeiteten die Keksesser 20 Minuten lang am Puzzle, während die anderen bereits nach acht Minuten aufgaben.

Warum dieser dramatische Unterschied?

Die Forscher kamen zu dem Schluss, dass ihre Willenskraft schon erschöpft wurde, als sie sich zurückhalten mussten, keine Kekse zu essen. Als sie das Rätsel lösen sollten, waren ihre Reserven bereits niedrig. Diese Studie – und hundert weitere nach ihr – bezeugte, dass Willenskraft eine endliche, schnell aufgebrauchte Ressource ist.

Natürlich veranschaulichen derartige Erkenntnisse lediglich, was die Bibel uns über unser Wesen lehrt – dass wir gefallene, endliche Geschöpfe sind. Hierbei denke ich an die Worte Jesu, die er zu seinen Jüngern spricht, als er sie am Abend vor seiner Kreuzigung schlafend vorfindet: „Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach“ (Mt 26,41).

Nur irgendwie vergesse ich diese Wahrheit. Wenn ich meine Vorsätze festlege, fühle ich mich wie ein Superheld. Versuchungen werden an mir abprallen wie Kugeln an Supermans Brust und meine Entschlossenheit wird nicht weichen.Doch gerade dieses wahnhafte Denken bahnt dem Scheitern den Weg. Es treibt mich dazu, hohe und viele Ziele zu stecken. Wenn das Jahr dann beginnt, erschöpfen sich meine erbärmlichen Ressourcen an Willenskraft schnell. Es ist eine grausame Ironie, aber wenn ich versuche, mehrere Verhaltensweisen auf einmal zu ändern, werde ich garantiert keine ändern. Ein Teil dieses Problems mit den Neujahrsvorsätzen ist, dass es Vorsätze sind, Plural.

Der weisere Ansatz: Bestimme eine bescheidene Veränderung und konzentriere dich darauf, bis sie zur Gewohnheit wird. Deine Willenskraft ist begrenzt – plane entsprechend.

2. Du versuchst es alleine

Letztens kam ich am Flughafen mit einem älteren Mann ins Gespräch, während wir auf unseren Flug warteten. Ich erfuhr, dass er ein ehemaliger Alkoholiker war, der seit Jahren trocken war. Als ich seine Selbstbeherrschung lobte, zögerte er. „Selbstbeherrschung ist wichtig“, sagte er. „Aber wenn man sich nur auf Selbstbeherrschung verlässt, ist man tot. Man braucht eine Gemeinschaft um sich herum. Ich kenne Alkoholiker, die seit 40 Jahren keinen Tropfen getrunken haben und immer noch zu AA-Treffen (anonyme Alkoholiker) gehen.“

„Du brauchst Unterstützung und Ermutigung. Die Idee des einsamen Heiligen mag ansprechend sein, aber sie ist nicht biblisch.“
 

„Man braucht eine Gemeinschaft um sich herum.“ Ich glaube, das ist wahr, nicht nur für Alkoholiker.

Es ist vollkommen irrelevant, ob dein Ziel ist, nüchtern zu bleiben oder eine neue geistliche Gewohnheit zu beginnen. Du bist nicht darauf ausgelegt, es alleine zu schaffen. Du brauchst Unterstützung und Ermutigung. Die Idee des einsamen Heiligen mag ansprechend sein, aber sie ist nicht biblisch. Stattdessen spricht die Bibel davon, dass Menschen einander ergänzen – „Eisen schärft Eisen“ (Spr 27,17) – und sich „gegenseitig anspornen zur Liebe und zu guten Werken“ (Hebr 10,24).

Die meisten Vorsätze (zumindest die lohnenswerten) fordern uns heraus, schlechte Gewohnheiten zu durchbrechen und neue Routinen zu bilden. Das passiert nicht ohne Hilfe. Also teile deine Ziele Freunden mit, die dich zur Rechenschaft ziehen. Wir brauchen einander. Wenn es um Vorsätze geht, ist man alleine verloren.

3. Du lässt Gott außen vor

Wenn ich früher Neujahrsvorsätze gefasst habe, war Gott nicht immer Teil der Gleichung. Es ist mir peinlich, das zuzugeben, aber es ist wahr. Ich kann mich nicht daran erinnern, für meine Ziele gebetet (nicht mal die geistlichen!) oder um göttliche Befähigung gebeten zu haben. Ich habe versäumt, darüber nachzudenken, wie die Vorsätze mit meiner Identität als Christ zusammenhängen. Ich habe sie mir einfach irgendwie überlegt und dann versucht, mir einen Weg zum Erfolg zu bahnen.

„Auch wenn wir denken, Selbstbeherrschung läge ganz bei uns (es ist schließlich Selbstbeherrschung), beschreibt die Bibel sie als eine Frucht des Geistes.“
 

Das ist ein massiver Fehler. Vorsätze durchzuhalten erfordert eine Menge Selbstbeherrschung. Auch wenn wir denken, Selbstbeherrschung läge ganz bei uns (es ist schließlich Selbstbeherrschung), beschreibt die Bibel sie als eine Frucht des Geistes, die in unserem Leben wächst, wenn wir mit Gott verbunden sind (Gal 5,22f.). Wenn wir unsere Beziehung zu Gott vernachlässigen und es nicht schaffen, unsere Ziele mit seinem Willen in Einklang zu bringen, verdorrt diese lebenswichtige Frucht.

Selbst Sozialwissenschaftler wissen, dass es klug ist, Ziele geistlich zu verfolgen. Forscher sagen, dass „geheiligte Ziele“ (Ziele, denen Menschen geistliche Bedeutung zumessen) gewaltige Kraft haben. Michael McCullough, ein auf Religion und Selbstbeherrschung spezialisierter Psychologe, sagt:

„Der Glaube, dass Gott Präferenzen im Hinblick auf unser Verhalten und unsere Zielsetzungen hat, muss die Grundlage aller psychologischen Maßnahmen sein, wenn man Menschen ermutigen will, ihre Ziele durchzusetzen.“

Dieses Phänomen gilt nicht nur für geistliche Bestrebungen. Sarah Schnitker, Psychologin an der Baylor University, erklärte es mir so: Die Heiligung selbst banaler Ziele verändert die Art und Weise, wie Menschen sich dafür einsetzen, das Ziel zu verfolgen. Nehmen wir z.B. das Ziel, ein guter Vater zu sein. Es ist nicht unbedingt ein geistliches Ziel, aber wenn man ihm eine heilige Bedeutung verleiht und sagt, dass Gott diese Berufung wichtig ist, verfolgt man Ziele, die mit dieser Rolle zusammenhängen, mit mehr Anstrengung.

Wenn du deine Vorsätze im Licht geistlicher Realität siehst, ist es wesentlich wahrscheinlicher, dass du sie einhältst.

4. Du suhlst dich in Schuldgefühlen

Wenn du wie ich bist, hast du das auch schon erlebt. Es ist Februar, und deine einst glänzenden Vorsätze sind wieder einmal zur Quelle anhaltender Schande geworden. Man kann dazu tendieren, sich in Schuldgefühlen und Selbstverachtung zu suhlen, besonders wenn die gebrochenen Vorsätze das Unterlassen bestimmter Sünden beinhalteten. Vielleicht denkst du, dieses Schuldgefühl könnte zu besserem Verhalten führen, aber natürlich tut es genau das Gegenteil. Ich habe es schon vermasselt, argumentierst du, also warum soll ich es jetzt überhaupt noch versuchen?

Forscher haben tatsächlich einen Begriff für diese Tendenz geprägt. Sie nennen sie den „What-the-Hell“-Effekt. Im Grunde genommen bedeutet es, dass wir dazu tendieren, nachdem wir gescheitert sind, noch mehr versagen. Unsere Schuld führt zu Hoffnungslosigkeit, was zu noch schlimmeren Verhaltensweisen anspornt.

Als Christen wissen wir glücklicherweise, wie wir diesen Teufelskreis stoppen können: Vergebung.

„Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit“ (1Joh 1,9). Egal wie tiefgreifend unser Versagen ist, Gott ermöglicht uns einen Neustart. Das ist eine gute Nachricht, denn letzten Endes ist es Gnade – nicht Schuld – die uns befähigt, ein heiliges, gesundes Leben zu führen. Das ist nicht nur am 1. Januar wahr, sondern auch an jedem anderen Tag des Jahres.