Another Gospel?

Rezension von Lars Reeh
21. Dezember 2020 — 4 Min Lesedauer
„We can’t allow truth to be sacrificed on the altar of our feelings.“ (S. 11)

Um was geht’s?

Dies ist ein gutes Buch. Die Autorin beschreibt in ehrlicher, aber unaufdringlicher Weise ihre Glaubenskrise – und ihren Weg heraus aus den Stürmen des Zweifels. Die Glaubenskrise wurde durch die Lehre eines „progressiven Pastors“ ausgelöst (welcher anonym bleibt). Alisa Childers, die übrigens ein Mitglied der christlichen Pop-Band ZOEgirl war, beschreibt ihre familiäre geistliche Prägung als durchweg positiv: Ihre Eltern haben den Glauben authentisch vorgelebt, sie begann bereits in jungen Jahren mit der Bibellektüre und lebte insgesamt über drei Jahrzehnte ein überzeugtes und fröhliches Christsein. Das Problem war nur, so schreibt sie, dass sie in einer „christlichen Blase“ lebte, was dazu beitrug, dass sie ihren Glauben nie wirklich intellektuell durchdacht hatte. Als die kritischen Anfragen durch den „progressiven Pastor“ kamen, geriet ihr Glaube ins Straucheln. Diese Glaubenszweifel werden eindrücklich als „Steine im Schuh“ beschrieben.

Christentum?

„Das Problem war,  dass sie in einer ‚christlichen Blase‘ lebte, was dazu beitrug, dass sie ihren Glauben nie wirklich intellektuell durchdacht hatte.“
 

Die Autorin unterscheidet zwischen zwei Arten von Christentum: Das eine nennt sie „progressives Christentum“ und das andere nennt sie „historisches Christentum“ (1Kor 15,3–5). Das progressive Christentum wird beschrieben als eine postmoderne, gnostische Form des Christentums, welches an vielen Stellen vom traditionellen Verständnis biblischer Aussagen abweicht. Dieses Nicht-Christentum kennzeichnet sich unter anderem durch eine Geringschätzung des Alten Testaments, eine Verächtlichmachung des Zornes Gottes („kosmischer Kindesmissbrauch“) und eine allgemeine Untergrabung biblischer Autorität. Die Vertreter des progressiven Christentums beschreiben den Prozess der Umdeutung biblischer Inhalte als Dekonstruktion. Zu diesen Progressiven gehören zum Beispiel Brian McLaren, Rob Bell, William Young (Autor von „Die Hütte“) und Nadia Bolz-Weber. Genial: Die Gegenüberstellung eines Zitates des Kirchenvaters Augustinus und einer Aussage von Bolz-Weber.

Alisa Childers beschreibt anschaulich, wie sie durch eine intensive Beschäftigung mit den theologischen Disziplinen Kirchengeschichte und Apologetik ihre Glaubenskrise überwinden konnte. Diesen Prozess beschreibt sie eindrücklich als Rekonstruktion. Diese rekonstruierte Theologie entspricht im Kern dem historischen Christentum; demnach bewegt sich Alisa Childers meines Erachtens theologisch größtenteils innerhalb des E21-Bekenntnisses.

„Das progressive Christentum wird beschrieben als eine postmoderne, gnostische Form des Christentums, welches an vielen Stellen vom traditionellen Verständnis biblischer Aussagen abweicht.“
 

Das Buch hat einen persönlichen, populärwissenschaftlichen Stil. Für meinen Geschmack benutzt sie zu viele Illustrationen (typisch amerikanisch) und ein paar direkte Zitate weniger hätten es auch sein können; insgesamt ist das Buch aber gut geschrieben und lässt sich flüssig lesen. Die Stärke von Another Gospel? liegt darin, dass es sich um einen authentischen Bericht handelt, in dem die Autorin darstellt, wie man ehrlich und konstruktiv mit Zweifeln und Glaubensfragen umgehen kann. Ich frage mich allerdings, wie kulturell anschlussfähig dieses Buch an die deutsche christliche Szene ist. Von Childers kritisierte Autoren wie Brian McLaren und Rob Bell sind gefühlt von vorgestern; Begriffe wie „Emerging Church“ und „progressive Christianity“ sind deutschen Leserinnen und Lesern vermutlich wenig vertraut (auch wenn diese Ideen bereits im Evangelikalismus angekommen sind; siehe Worthaus). Einen stärkeren Aktualitätsbezug hat diese apologetische Schrift in der Thematisierung von Nadia Bolz-Weber und dem Buch Die Hütte, welches gerade durch die Verfilmung weiter ins kollektive Bewusstsein eingedrungen ist. Der Ex-Pastor Joshua Harris und sein Abfall vom Glauben ist ein Beispiel für die in Another Gospel? behandelte Problematik. Joshua Harris sprach im Zusammenhang mit seiner religiösen Umorientierung von Dekonstruktion.

Apologetik?

Alisa Childers hat ein sympathisches und solides apologetisches Werk vorgelegt, dessen Schwerpunkt auf der Evidenz-basierten Apologetik liegt (Norman Geisler, Frank Turek, Greg Koukl, William Lane Craig). Diese Art der Apologetik untersucht u.a. die Gültigkeit der biblischen Manuskripte, um deren Historizität zu belegen. Insgesamt versucht die Evidenz-basierte Apologetik, die Wahrheit des Christentums durch Gründe, Tatsachen und Argumente zu belegen. Ein Kernpunkt ist dabei die Auferstehung: Man fragt z.B. danach, wie die Entstehung des Christentums (eine objektive Realität) erklärbar ist, falls die Auferstehung Jesu Christi nicht stattgefunden hat; durch das Abwägen der Gegebenheiten (leeres Grab, römische Wache, Auferstehungsverkündigung der Jünger) kommt man dann zu dem Schluss, dass die Tatsache der Auferstehung Christi die beste Erklärung für die Entstehung des Christentums ist. Es gibt allerdings noch weitere apologetische Ansätze. Durch die zusätzliche Lektüre von voraussetzungsbezogener Apologetik (Cornelius van Til, Greg Bahnsen, John Frame) hätte die Autorin ihre Argumentation bereichern können. Diese Form der Apologetik betont u.a., dass es kein neutrales Wissen gibt, da jede Beurteilung von Fakten aus einer bestimmten Perspektive geschieht, welche auf Vorannahmen gegründet ist, die a priori gesetzt sind. Alisa Childers hat ein gutes Buch geschrieben; ich wünsche ihr, dass sie in Zukunft ihren apologetischen Horizont erweitert, damit sie mit ihrem Dienst ein noch fruchtbareres Werk tut.

Buch

Alisa Childers, Another Gospel? A Lifelong Christian Seeks Truth in Response to Progressive Christianity, Carol Stream (IL): Tyndale Momenturm, 2020, 288 S., ca. 15,99 Euro.

Lars Reeh (34) ist Lehrer an einer christlichen Schule und Mitglied der Bekennenden Evangelisch-Reformierten Gemeinde in Gießen.