Immanuel – Gott ist mit uns

Artikel von Benjamin Schmidt
21. Dezember 2020 — 9 Min Lesedauer
„Siehe, die Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden seinen Namen Emmanuel nennen, was übersetzt ist: Gott mit uns“ (Mt 1,23).

Diese Worte aus Matthäus 1,23, die mit zu den bekanntesten Weihnachtsversen gehören, stammen ursprünglich aus einer ganz anderen, sehr „unweihnachtlichen“ Situation. Ungefähr 700 Jahre vor Jesu Geburt befand sich das Südreich Juda in einer politisch brenzligen Lage. Die beiden Könige Rezin von Aram und Pekach von Israel hatten sich gegen Juda verbündet und entschieden, Jerusalem anzugreifen. Als Ahas, der König von Juda, von diesem bevorstehenden Angriff erfuhr, bekam er Todesangst, und das ganze Volk mit ihm (vgl. Jes 7,2). Die Lage schien für Jerusalem aussichtslos, denn die Gegner waren übermächtig und das Schicksal somit besiegelt. Aber wo war Gott in alledem? Wo war der Gott, der mit König David, dem großen König aus dem Stamm Juda, dem Urahn Ahas’, einen Bund geschlossen und ihm versprochen hatte: „Deine Nachkommenschaft und dein Königtum sollen vor mir Bestand haben für ewig, dein Thron soll fest stehen für ewig“ (2Sam 7,16)? Wo war dieser Gott und was war aus seinem Versprechen geworden, jetzt, wo einem das Wasser bis zum Hals stand?

Haben wir uns diese Frage auch schon einmal gestellt? Vielleicht gerade in der momentanen Situation, in der unser Alltag so frustrierend und aussichtslos erscheint und man sich fragt: Wann ist das alles nur vorüber? Wann kehrt wieder „Normalität“ ein? Was hat Gott vor? Können wir Ihm hinsichtlich unserer Zukunft wirklich vertrauen?

Doch so aussichtslos die Umstände um Ahas auch waren, Gott war bereits dabei, zu handeln! Er sandte seinen Propheten Jesaja, um Ahas zu ermutigen. Und zwar auf zweierlei Weise: Erstens durch eine Botschaft: „Fürchte dich nicht … vor diesen beiden Stummeln [Rezin und Pekach]“ (Jes 7,4). Anders ausgedrückt: Denk daran, wer ich bin und dann schau dir diese kleinen Wichte an. Was glaubst du, wer gewinnt? Und zweitens durch ein Zeichen. Das Besondere war, dass Gott dieses Mal dazu aufforderte, ein Zeichen (Wunder) von Ihm zu fordern (vgl. V. 11). Indem er ein Zeichen von Gott forderte, sollte Ahas sein Vertrauen zu Gott ausdrücken, während Gott durch das Zeichen Ahas und ganz Jerusalem die Bestätigung geben würde: Ganz egal, wie die Umstände auch aussehen, ich bin mit euch!

Ahas hatte jedoch ein sehr viel größeres Problem als den bevorstehenden Angriff durch Aram und Israel. Sein Problem war, dass er Gott nicht vertraute. In seinen Augen war Gottes Rettung nicht so sicher wie die, die er sich von dem König der Assyrer erhoffte (vgl. 2Kön 16,7 ff.). Vielleicht dachte Ahas auch, wenn Gott es gut mit uns meint, warum hat er uns dann überhaupt erst in solch eine Lage gebracht? Deshalb entschied er sich, das Wohlwollen eines ehemaligen Feindes zu erkaufen, um ihn als Verbündeten an der Seite zu haben. Seine Antwort an Gott lautete: „Ich will kein Zeichen fordern. Denn ich will Gott nicht auf die Probe stellen“ (Jes 7,12). Oder kurz gesagt: Ich will Gottes Hilfe nicht. Diese Reaktion Ahas’ mag im ersten Moment ehrfürchtig und zurückhaltend erscheinen, aber im Grunde ist sie, wie die weitere Geschichte zeigt, ein Ausdruck tiefen Misstrauens gegenüber Gott.

Auf diese Haltung Ahas’ antwortet Jesaja: „Reicht es euch nicht, Menschen zu ermüden? Müsst ihr auch noch meinen Gott ermüden?“ Und dann folgen die bekannten Worte: „Darum wird der HERR selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären und wird seinen Namen Immanuel nennen“ (Jes 7,14).

„Die Tatsache, dass Gott inmitten einer Kriegslage die Geburt eines Kindes als Zeichen wählte, ist entscheidend. Denn dies erforderte Geduld und Glauben.“
 

Gott würde eingreifen und trotz allem ein Wunder schenken. Ganz gleich, was Ahas tat oder wollte. Denn Gott hält an seinen Verheißungen fest. Um welches Kind es sich genau zur Zeit Jesajas handelte, wird uns nicht gesagt. Aber sehr wahrscheinlich war es ein Sohn Jesajas. Entscheidend ist jedoch: Die Geburt dieses Kindes war Gottes sichtbares Zeichen dafür, dass „Gott mit uns“ ist und dass Er Jerusalem erlösen würde (siehe V. 16).

Die Tatsache, dass Gott inmitten einer Kriegslage die Geburt eines Kindes als Zeichen wählte, ist entscheidend. Denn dies erforderte Geduld und Glauben. Aber Gott hatte bewiesen, dass man Seinem Wort glauben kann, denn Er ist treu! Und Seine Ehre besteht darin, dass Er Seine Allmacht und Allwissenheit stets zum Besten gebraucht für die, die Ihn lieben und auf Ihn vertrauen.

Doch so wundervoll Gottes Treue und Beistand in dieser Lage Jerusalems auch war, so dramatisch war Ahas’ Untreue und Undankbarkeit Gott gegenüber. Diese wurden dadurch deutlich, indem er sich von der Allmacht des altbewährten Gottes seiner Väter abwandte und stattdessen die Hilfe käuflicher Menschen suchte. Der Verlauf der Geschichte zeigt, dass Gott zwar auch „mit“ Ahas war, aber nur als ein vorübergehender Segen. Denn Gottes Gegenwart bedeutet eben nur für die, die auf Ihn vertrauen wahres, anhaltendes Glück. Daher lautete Gottes kurze, aber sehr prägnante Warnung an Ahas: „Glaubt ihr nicht, dann bleibt ihr nicht!“ (Jes 7,9b). In den Jahren nach Gottes Hilfe war Ahas’ Leben weiterhin von Unglauben, Untreue, Gottesferne und dem anschließenden Untergang geprägt (vgl. 2Chr 28,22ff.).

Vor dem Hintergrund der Geschichte bekommt der altbekannte Weihnachtsvers für uns vielleicht wieder eine tiefere Bedeutung. Denn auch wenn die Umstände 700 Jahre später, bei der Geburt Jesu, völlig andere waren, und sie sich von unseren heutigen Umständen noch einmal stark unterschieden, bleiben doch die wichtigsten Wahrheiten bestehen.

Schauen wir uns die Lage um die Geburt Jesu etwas genauer an. Israel war wieder eine vereinte Nation, doch von Freiheit konnte keine Rede sein. Das alltägliche Leben wurde eingeschränkt durch die Vorherrschaft der römischen Besatzungsmacht. Ja, es war in der Vergangenheit schlimmer gewesen, aber wünschenswert war es jetzt auch nicht. Und noch dazu schien Gott sein Volk vergessen zu haben, denn seit vierhundert Jahren hatte Er keinen Prophet mehr gesandt, um seine Verheißungen zu bestätigen. War Gott überhaupt noch mit seinem Volk oder hatte Er sie nach all den Irrwegen nun doch ganz aufgegeben? Was war aus seinen Verheißungen geworden?

Inmitten dieser Lage hat Matthäus seinen jüdischen Lesern die wichtigste Botschaft zu bringen; und sie lautet: Es hat sich erfüllt „was von dem Herrn geredet ist durch den Propheten [Jesaja] …“,  die Jungfrau ist schwanger geworden und hat einen Sohn geboren – den „Gott mit uns“, und sein Name lautet Jesus!

Indem Matthäus seine Leser an die Verheißung Gottes aus Jesaja 7 erinnert, und deutlich betont, dass diese Verheißung in der Geburt Jesu erfüllt ist, macht er deutlich, was eigentlich schon bei Jesaja erkennbar werden sollte: Die Befreiung aus der Belagerung kann nicht die eigentliche Erlösung sein; es ist mehr nötig als das. Und Gott tat mehr als das! Er selbst, der Gott und Schöpfer des Universums war gekommen, um sein Volk aus ihrem größten Problem zu erlösen – dem Problem ihrer Sünde und ihrer Ablehnung gegenüber Gott. Und Gott löste dieses Problem, indem Er selbst in Jesus zu uns kam, indem Er „Gott mit uns“ wurde; empfangen von dem Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria. Und das überragende Wunder war, dass Er gerade durch seinen Tod „sein Volk retten [würde] von seinen Sünden“ (Mt 1,21).

„Die täglichen Gefahren des Lebens – Dinge wie finanzieller Ruin, Krankheit und Tod, die schon vor dem Jahr 2020 real existierten – sind nicht das größte Problem der Menschen.“
 

Das Weihnachtsfest wird in diesem Jahr einen ganz anderen Charakter haben, als wir es je zuvor erlebt haben. Neben all den bunt geschmückten Häusern wird noch stärker die Frage aufkommen: Was wird aus uns, aus unserem Land, aus unseren Kindern werden? Denken wir daran, dass die täglichen Gefahren des Lebens – Dinge wie finanzieller Ruin, Krankheit und Tod, die schon vor dem Jahr 2020 real existierten, nicht das größte Problem der Menschen sind. Auch jetzt noch ist Gottes Gnade in seiner ganzen Schöpfung gegenwärtig, „indem er Gutes tut und vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gibt und die Herzen mit Speise und Fröhlichkeit erfüllt“ (Apg 14,17). Doch wie bei Ahas besteht das große Problem der Menschen in der großen Sünde, dass sie Seine große Gnade nicht anerkennen und Ihm nicht den entsprechenden Dank und die Ehre geben (vgl. Röm 1,18 ff.). Doch genau deswegen hat Gott uns den wundervollen Beweis Seiner Treue und Liebe in dem Kommen, Leiden, Sterben, der Auferstehung und Verherrlichung seines Sohnes gegeben.

Im vorletzten Kapitel der Bibel spendet Gott seinem unter Bedrängnis stehenden Volk erneut Trost, indem Er ihnen ein zukünftiges Ereignis prophezeit. Dort verheißt uns Gott wieder die Worte „Gott mit euch“, in dem neuen Jerusalem, dem Ort, an dem endlich ungetrübte Gemeinschaft zwischen Gott und Seinem erlösten Volk der Christusgläubigen aus allen Generationen, Sprachen und Nationen herrschen wird:

„Und ich hörte eine laute Stimme vom Thron her sagen: Siehe, das Zelt Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott. Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der, welcher auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu. Und er spricht: Schreibe! Denn diese Worte sind gewiss und wahrhaftig“ (Offb 21,3-5).

Es sind diejenigen, für die Jesu Geburt das Zeichen der uneingeschränkten Treue Gottes ist, und für die Sein Tod am Kreuz das höchste Ausmaß der Treue und Liebe Gottes zu den Seinen ist. Sie dürfen auf der Grundlage der Treue Gottes voller Zuversicht in die Zukunft blicken, denn die Freude der Gegenwart Gottes werden alle erleben, „die sein Erscheinen lieb gewonnen haben“ (vgl. 2Tim 4,8).

Benjamin Schmidt ist Leiter des Herold Verlags. Als Diakon der Immanuel-Gemeinde Wetzlar ist er im Bibelunterricht und in der Kinderarbeit tätig. Benjamin ist verheiratet mit Hanna und gemeinsam haben sie drei Kinder.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitschrift Herold, 12/2020, Nr. 12 (768), S. 5–6. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.