Du kannst nichts mitnehmen

Artikel von Kathy Keller
19. Dezember 2020 — 4 Min Lesedauer

Die Weihnachtszeit wird schnell mit zügellosem Materialismus in Verbindung gebracht. Wir beginnen das neue Jahr in emotionaler und finanzieller Erschöpfung, sowohl gemeinschaftlich als auch individuell. Ich werde dieser Einschätzung nicht widersprechen.

Allerdings...

Die meisten Menschen denken, Materialismus sei das Verlangen nach vielen, teuren oder einzigartigen Dingen, oder allem zusammen. Die Wahrheit ist, dass man Materialist sein kann, wie hoch das Einkommen auch immer sein mag (auch ohne Einkommen). Worauf es ankommt, ist, dass man sein Glück im materiellen Komfort dieser Welt sucht.

Das Herz des Materialismus

C.S. Lewis entlarvte in seinem berühmten Buch Dienstanweisung für einen Unterteufel das Spektrum der Völlerei, indem er zeigte, dass eine sündige Beziehung zum Essen nicht nur die Form übermäßigen Genusses annimmt. Manchmal ist es einfach nur ein Beharren auf „einer Tasse Tee, schwach, aber nicht zu schwach, und dem klitzekleinsten Stückchen wirklich knusprigen Toasts“ – ganz gleich, was angeboten wurde (Brief XVII).

„Materialismus bedeutet einfach, dass dein Glück, deine Freude, deine Zufriedenheit und deine Befriedigung an etwas in dieser materiellen Welt gebunden sind.“
 

In ähnlicher Weise drückt sich der Materialismus nicht nur in dem Wunsch nach enormer Menge oder hervorragender Qualität irdischer Güter aus, sondern indem er das Glück in den Dingen dieser Welt verortet. Vielleicht hast du kein Verlangen nach Designermode oder wertvollem Schmuck oder Autos oder Yachten oder anderen Symbolen des Elitestatus. Aber frag dich mal folgendes: Wie viel von meiner Zufriedenheit beruht darauf, dass diese Welt mich mit [fülle diese Lücke] versorgt? Muss ich in meine Kleider der Größe 36 passen oder mit meiner Familie im Restaurant essen können, ohne das Geld zu zählen? Brauche ich die Zuneigung eines Haustiers? Was ist, wenn ich das Licht und die Aussicht aus meinen Fenstern wegen eines neuen blockierenden Gebäudes verliere? Und so weiter.

Der Verlust solch alltäglicher Annehmlichkeiten wird immer ein gewisses Maß an Bedauern hervorrufen, aber wird er dein Glück zerstören? Wenn das der Fall ist, bist du Materialist. Materialismus bedeutet einfach, dass dein Glück, deine Freude, deine Zufriedenheit und deine Befriedigung an etwas in dieser materiellen Welt gebunden sind. Ein Gehalt - ganz gleich, wie klein. Ein Status - ganz gleich, wie niedrig. Besitztümer, wie bescheiden oder fadenscheinig sie auch sein mögen. Wenn unsere Herzen übermäßig an diesen Dingen hängen – über die bloße Zuneigung hinaus, die wir für Gewohntes empfinden –, dann sind wir Materialisten.

Und da diese Welt vergeht, gehört der Materialismus in dieselbe Kategorie wie der Bau eines Hauses auf Sand oder das Essen von Nahrungsmitteln, die nicht sättigen. Er ist zum Scheitern verurteilt.

Das alte Sprichwort „Du kannst nichts mitnehmen“ könnte erweitert werden zu „Du kannst selbst in dieser Welt nichts festhalten“. Wenn Leiden, Alter oder andere Verluste uns diese materiellen Annehmlichkeiten rauben, haben wir Materialisten nichts mehr.

Wahre Freude an seinem Königreich

Nur wenn wir gelernt haben, unsere Freude in Gottes Reich, Gegenwart und Liebe zu suchen, sind wir sicher. Wie Paulus den Korinthern rät: Lasst euch durch Prüfungen und Verluste nicht übermäßig entmutigen und richtet eure Augen „nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn das Sichtbare ist vergänglich, das Unsichtbare aber ist ewig“ (2Kor 4,18). Wir sollten alles befürworten, was uns von der Bindung an diese Welt befreit. Die altehrwürdigen Heiligen nannten es „von der Welt entwöhnt werden“. Kein Kind freut sich über den Tag, an dem es entwöhnt wird, und es ist unmöglich, ihm die Herrlichkeit von Eis, Erdbeeren, Lasagne und Guacamole, die ihm zuteil wird, wenn es nur vom Temporären zum Dauerhaften übergeht, begreiflich zu machen.

„Nur wenn wir gelernt haben, unsere Freude in Gottes Reich, Gegenwart und Liebe zu suchen, sind wir sicher.“
 

Ebenso ist es bei uns. Wir klammern uns an das, was uns nicht befriedigen kann, ja, was nicht einmal bleibt, statt als Bürger des Himmels im Glauben zu wandeln und die Sicherheit eines Erbes zu genießen, das niemals erschüttert werden kann. Schlimmer noch, wenn Gott in seiner Barmherzigkeit Maßnahmen ergreift, um uns aus unserer ungesunden Abhängigkeit zu entwöhnen, klagen wir ihn der Ungerechtigkeit, der Lieblosigkeit oder des Mangels an Liebe an – so wie es ein Säugling tun würde, könnte er es aussprechen, wenn der Trost der mütterlichen Brust entfernt und mit Nahrung (oh, eklig!) ersetzt wird.

Ich bekenne meinen eigenen Materialismus. Meine Möbel mögen Jahrzehnte alt sein, meine Garderobe aus Katalogen bestellt, meine Teppiche an den Rändern ausgefranst und in der Mitte kahl, aber sie gehören mir, und das Leben, das ich um mich herum gewoben habe, möchte ich nicht im Geringsten verändert haben. In meinem Inneren möchte ich Gottes Angesicht sehen und ewig mit ihm in Freude leben, aber ohne dass sich etwas ändert, verstehst du?

Gott, erlöse mich von meinem Materialismus. Gott, rette uns alle und mach uns bereit für dein Reich, in dem wir mit dir ewig in Freude leben werden.

Kathy Keller ist früher Assistent Director of Communications in der Redeemer Presbyterian Church in New York (USA) gewesen. Sie ist Autor von Jesus, Justice, and Gender Roles: A Case for Gender Roles in Ministry und hat zusammen mit ihrem Mann Tim das Buches Ehe: Gottes Idee für das größte Versprechen des Lebens geschrieben.