Mission braucht Gemeinde

Artikel von Mark Collins
17. Dezember 2020 — 9 Min Lesedauer

„Was ist eine Gemeinde?“

Vor dieser Frage graute mir am meisten. Ich war 28 Jahre alt und war kürzlich vom Teamleiter zum Regionaldirektor meiner Missionsgesellschaft befördert worden. Ich saß mit zehn anderen Teamleitern in unserem monatlichen Meeting. Wir trafen uns als Vertreter von über 80 Missionaren im Vollzeitdienst, deren Dienst im 10/40-Window komplett über Spenden von verschiedenen Unterstützern gedeckt war. Unsere Gespräche sollten uns einen Motivationsschub geben und uns ermutigen – was auch oft der Fall war. Wir tauschten uns über Strategien für Evangelisation und die Früchte unserer Arbeit, über Jüngerschaft und das mögliche Multiplikationspotential in der Zukunft aus. Doch irgendwann stellte immer jemand die gefürchtete Frage: „Ist es unser Ziel, Gemeinden zu gründen? Tun wir das? Und sind wir uns überhaupt einig, was eine Gemeinde ausmacht? Was macht eine Gemeinde überhaupt zur Gemeinde?“

Mir graute vor der Frage, weil ich keine Antwort hatte. Schlimmer noch: Ich wusste aus vorigen fruchtlosen Diskussionen, dass keiner im Raum eine Antwort hatte. Wir wussten nicht, wie wir eine Gemeinde, geschweige denn eine gesunde Gemeinde, definieren sollten. Was ist der Unterschied zwischen einer Gemeinde und einer Gruppe von 25 Studenten auf einem Universitätscampus? Wir hatten viele solcher Gruppen gegründet. Was ist der Unterschied zwischen einer Gemeinde und einer Gruppe von 30 Berufstätigen, die sich regelmäßig zum Bibellesen treffen?

Es war für uns nicht nur eine theoretische Frage. Durch Gottes Gnade hatten wir erlebt, wie Gott unsere Arbeit mit reichen Früchten segnete. In unseren Diskussionen hatten wir also die konkreten Gläubigen vor Augen, die sich in dieser Woche als Gruppe versammeln wollten. Wir hatten die Menschen, die dort zusammenkamen, im Prozess der Jüngerschaft begleitet und viele von ihnen wünschten sich von uns Orientierung. Schnell wurde ihnen allerdings klar, dass wir ihnen nicht viel Orientierung bieten konnten.

Ein ungesundes Gemeindeverständnis exportieren

In den 19 Jahren, in denen ich in der Mission tätig bin, bietet sich mir über Missionsgesellschaften und Regionen hinweg immer wieder dasselbe Bild. Allzu oft haben die westlichen Missionare nicht viel zum Thema Gemeinde zu sagen, zumindest nicht mit biblischer Klarheit. In evangelikalen Kreisen ist das Evangelium Gott sei Dank für gewöhnlich klar, wird die Irrtumslosigkeit der Schrift gemeinhin bekräftigt und die Bedeutung einer gesunden Theologie typischerweise anerkannt. Doch im Blick auf die Gemeinde?

Wenn du Missionare fragst, ob sie dir erläutern können, in welchem Zusammenhang ihre Arbeit mit der Aufgabe von Gemeindegründungen steht, begegnet dir mehr Ratlosigkeit, als du erwarten würdest. Wenn du sie fragst, wie sie Gemeinde definieren und was eine gesunde Gemeinde ausmacht, wirst du sogar auf noch mehr Ratlosigkeit stoßen.

„Über die Jahre habe ich viel zu oft feststellen müssen: Wir exportieren ein ungesundes Gemeindeverständnis.“
 

Die Realität ist: Wenn man Missionare aussendet oder unterstützt oder wenn man mit anderen zusammenarbeitet, um Missionare auszusenden, exportiert man nicht nur die Person, sondern auch ein bestimmtes Gemeindeverständnis. Über die Jahre habe ich viel zu oft feststellen müssen, dass wir ein ungesundes Gemeindeverständnis exportieren.

Und das kann tragische Folgen auf dem Missionsfeld haben.

Wie kommt es zu diesem Problem?

Es gibt sicher viele Aspekte, die zu diesem Problem beitragen. Ich möchte hier drei kurz umreißen.

1. Die aussendenden Gemeinden sehen Mission oft als etwas an, das sie auslagern können.

Gemeindeleiter haben in ihren Gemeinden schon genug zu tun. Darüber hinaus noch Missionare zu betreuen und zuzurüsten übersteigt für viele gefühlt ihr Leistungsvermögen.

„Die Beurteilung eines Kandidaten für die Mission muss mehr sein als nur ein Punkt auf der Checkliste, der durch ein schnelles Referenzschreiben der Gemeinde abgehakt wird.“
 

Es stimmt natürlich, dass die Zusammenarbeit mit einer Missionsgesellschaft allein aus diesem Grund viele Vorteile mit sich bringt. Das Problem dabei ist allerdings, dass Gemeinden oft überschätzen, was eine Missionsgesellschaft tatsächlich beitragen kann. Zum Beispiel kann kein Bewerbungsprozess die Beurteilung einer Person hinsichtlich ihrer Gaben und ihrer Eignung in der Gemeinde ersetzen, wo im Gemeindeleben ein viel umfassender Eindruck entstehen kann. Die Beurteilung eines Kandidaten sollte am Anfang des Prozesses stehen. Sie muss mehr sein als nur ein kleiner Punkt auf der Checkliste, der durch ein schnelles Referenzschreiben der Gemeinde abgehakt wird.

2. Die Entsendung von Missionaren wird an Missionsgesellschaften ausgelagert, die oft kein klares Gemeindeverständnis haben.

Missionsgesellschaften werden in der Regel mit einem bestimmten Missionsschwerpunkt gegründet oder bilden mit der Zeit einen heraus. Einige konzentrieren sich auf eine bestimmte Teilgruppe der Bevölkerung, z.B. Studenten oder Berufstätige, andere auf die Ausbildung von Leitern mit einem bestimmten theologischen Schwerpunkt. Noch andere konzentrieren sich auf Gemeindegründungen in bestimmten Regionen oder unter bestimmten Volksgruppen.

Unabhängig von ihrer Ausrichtung beurteilen die verschiedenen Missionsgesellschaften den „Erfolg“ ihrer Arbeit jedoch anscheinend relativ selten hinsichtlich der langfristigen Gesundheit der Gemeindeneugründungen. Nach meiner Erfahrung aus der mittleren Führungsebene meiner Missionsgesellschaft bewegten wir uns im ständigen Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach messbaren Zielen („Wie viele neue Gruppen habt ihr gegründet?“) und dem Wunsch nach einer langfristigen Tragfähigkeit unserer Arbeit. Meine Bemühungen, nicht nur die zahlenmäßigen Erfolge, sondern auch die Frage nach der Gesundheit unserer Arbeit zu diskutieren, führten nicht sehr weit.

3. Die Missionare wissen selbst nicht, worauf sie abzielen.

Wie heißt es so schön: „Setze dir kein Ziel und du erreichst es jedes Mal“. Jeder Missionar auf dem Missionsfeld will eine gute Arbeit leisten. Missionare erzählen von ihrem Glauben, sie bemühen sich, frischgebackene Christen in der Jüngerschaft zu begleiten. Sie beten, dass Gott ihre Arbeit segnet. Das ist ein guter Anfang, aber es ist nicht vergleichbar mit einer klaren Vorstellung davon, wie eine Gemeindeneugründung nach biblischem Vorbild aufgebaut werden sollte und wie sie für ihren zukünftigen Dienst zunehmend auf eigenen Füßen stehen kann. Es fehlt ihnen an dieser klaren Vorstellung, weil sie nicht verstehen, was Gottes Wort über die Ortsgemeinde und ihre zentrale Rolle im Missionsauftrag spielt.

Ein besseres Gemeindeverständnis

Was kannst du als Pastor tun, um ein besseres Gemeindeverständnis zu „exportieren“?

1. Werte euer Missionsprogramm aus.

Kennst du als Pastor die Stärken und Schwächen der Leute, die du aussendest? Weißt du, was sie in der Praxis als Missionare tun werden? Hast du sie darum gebeten, dir ihre Arbeit genauer zu erläutern? Betet ihr in der Gemeinde regelmäßig für ihre Arbeit? Ist es den Leitern und Mitgliedern deiner Gemeinde ein Anliegen, dass die von euch ausgesandten Missionare gesunde Gemeinden gründen?

2. Nimm dir Paulus’ erste Missionsreise zum Vorbild für die Mission (Apg 13–14).

Lege bei der Auswahl und Entsendung der Missionare den Schwerpunkt auf Qualität statt Quantität. Der Geist führte die Gemeinde in Antiocha zu der Entscheidung, Paulus und Barnabas auszusenden (Apg 13,2) – also zwei ihrer besten Mitarbeiter. Ermutige gerade die Mitglieder, die bereits in der Gemeinde aktiv mitarbeiten, darüber nachzudenken und dafür zu beten, in die Mission zu gehen.

Mache die Arbeit von Missionaren zu einem festen und zentralen Bestandteil im Gemeindeleben. Bei der Aussendung von Paulus und Barnabas fastete und betete die ganze Gemeinde (Apg 13,3). Wie kannst du dafür sorgen, dass ihr in eurer Gemeinde regelmäßiger für eure Missionare betet? Nutze deine eigenen Gebete im Gottesdienst und die Gebetstreffen der Gemeinde, um regelmäßig für die Arbeit der Missionare, die ihr unterstützt, zu beten. Betet außerdem dafür, dass Menschen auf der ganzen Welt mit dem Evangelium erreicht werden.

„Ermutige gerade die Mitglieder, die aktiv sind in der Gemeinde, darüber nachzudenken, in die Mission zu gehen.“
 

Unterstütze eure Missionare darin, das Ziel von gesunden Gemeindeneugründungen nicht aus den Augen zu verlieren. Paulus und Barnabas widmeten ihre Zeit nicht nur der Verkündigung oder der Jüngerschaft, sondern sie besuchten und betreuten jede Gemeinde, bis überall Älteste eingesetzt waren (Apg 14,23). Ich nehme an, dass das der Erwartung der Gemeinde in Antiochia an die beiden entsprach. Bitte also angehende Missionare darum, einen Plan für ihren Dienst auszuarbeiten, der sowohl Gemeindegründungen als auch die Betreuung dieser jungen Gemeinden vorsieht, damit diese eine gesunde Entwicklung nehmen.

Bitte Missionare im Heimataufenthalt, der Gemeinde ausführlich von ihrer Arbeit zu berichten. „Als Paulus und Barnabas die Gemeinde versammelt hatten, erzählten sie, wie viel Gott mit ihnen getan hatte, und dass er den Heiden die Tür des Glaubens geöffnet hatte“ (Apg 14,27). Ich wurde kürzlich bei einem Heimataufenthalt von den Ältesten mehrerer Unterstützergemeinden gebeten, über meine Arbeit zu berichten. Ich war begeistert! Es ist Missionaren ein tiefes Bedürfnis, zu wissen, dass ihre Unterstützergemeinden Seite an Seite mit ihnen in allem stehen, was dazu gehört, um gesunde einheimische Gemeinden zu gründen. Nicht nur das: Es stärkt uns den Rücken, zu wissen, dass von uns mehr an Rechenschaft erwartet wird, als nur ein paar Fotos von lächelnden Einheimischen vorzulegen.

3. Weniger ist mehr.

Letzten Endes liegt die Ursache, warum wir ein schlechtes Gemeindeverständnis exportieren, häufig in der westlichen Vorstellung, dass mehr immer auch mehr ist. Wir senden mehr Arbeiter aus und erwarten von ihnen mehr Ergebnisse. Wir messen unseren Erfolg anhand der Zahl der Bekehrungen oder der Gemeindegründungen, ohne zu prüfen, wie gesund diese frischgebackenen „Christen“ oder jungen „Gemeinden“ sind. Ich habe den Eindruck, dass wir uns bewusst sind, dass viele unserer bestehenden Systeme eher auf einen großen Umfang als auf eine besondere Tiefe abzielen, aber dass wir nicht wissen, wie wir das ändern können.

Ein Anfang könnte sein, weniger Leute zu entsenden, diese jedoch besser zu unterstützen. Unterstützt als Gemeinde weniger Missionare, aber mit mehr Geld. Plant in eurem Budget eine konkrete Summe ein, damit ihr regelmäßig einen Ältesten zu den Missionaren schicken könnt, um einen Eindruck von der Arbeit vor Ort zu bekommen. Schafft Gelegenheiten, damit eure Missionare im Heimataufenthalt mehr Zeit mit der Gemeinde verbringen können. Und am wichtigsten: Betrachtet ihre Arbeit als eure Arbeit. Mache es dir als Pastor zum Ziel, nicht nur selbst eine gesunde Gemeinde zu leiten. Trage auch dazu bei, dass überall dort, wohin deine Gemeinde Missionare entsendet, gesunde Gemeinden gegründet werden.

Mark Collins ist Pastor, Gemeindegründer und dient seit 18 Jahren in Asien. Dort lebt er mit seiner Frau Megan und fünf Kindern, kommt aber ursprünglich aus Fairfax, Virginia.