Stille Nacht – Heilige Nacht

Rezension von Matthias Mockler
11. Dezember 2020 — 3 Min Lesedauer

Weihnachten ist längst nicht mehr nur ein christliches Fest – es ist auch ein säkularer Feiertag: Je nach Glaubensüberzeugung feiern die einen die Geburt Jesu Christi, die anderen das Fest der Liebe, des Friedens und der Familie. Man kann Weihnachten in der säkularen Gesellschaft ohne Gottesdienst, ohne christliche Lieder und ohne Christus feiern. Mit dieser Beobachtung beginnt Timothy Keller sein Buch Stille Nacht – Heilige Nacht. Warum wir Weihnachten heute noch feiern. Nach seiner Wahrnehmung ist die wahre Weihnachtsbotschaft vielerorts verloren gegangen – und zwar auch in christlichen Kreisen: „Im säkularen wie im christlichen Weihnachtsfest geht es fast nur um Frieden, Freude und Licht“ (S. 110).

„Weihnachten ist – genau wie Gott selber – sowohl wunderbarer als auch gefährlicher und bedrohlicher, als wir uns das vorstellen.“
 

Dass Weihnachten einen viel tieferen Sinn hat, entfaltet der Autor in acht Kapiteln zu klassischen Weihnachtstexten aus dem Propheten Jesaja, dem Matthäus- und dem Lukasevangelium sowie 1. Johannes 1,1–4. Zwar spricht auch Keller in den acht Kapiteln seines Buchs viel von Gottes Liebe, seinem Frieden und seinem Licht, diese Begriffe wirken bei ihm jedoch kräftiger als in so mancher Weihnachtspredigt, da er sie in den Kontrast zur Finsternis, zum Krieg (in dieser Welt und in unseren Herzen) und Gottes gerechtem Zorn setzt. Keller ist überzeugt: „Weihnachten ist – genau wie Gott selber – sowohl wunderbarer als auch gefährlicher und bedrohlicher, als wir uns das vorstellen“ (S. 8).

Im ersten Teil hilft er dem Leser, Gottes Weihnachtsgeschenk besser zu verstehen. Im zweiten Teil geht er der Frage nach, wie Menschen dieses Geschenk annehmen können. Timothy Keller schöpft dabei aus dem reichen Schatz eines langen Pastorenlebens. Er schreibt: „Jedes Kapitel steht für mindestens zehn Meditationen und Predigten über den betreffenden Text, die ich im Laufe von Jahrzehnten in Weihnachtsgottesdiensten gehalten habe“ (S. 133). Diese gründliche Reflexion merkt man dem Buch an. Keller versteht es meisterhaft, die großen Nöte, Sehnsüchte und falschen Vorstellungen unserer Zeit zu adressieren und im Licht des Evangeliums zu betrachten. So entlarvt er zum Beispiel den Wunsch nach einem menschengemachten Weltfrieden als Utopie. Der Glaube, dass wir uns selbst erlösen könnten, habe nur zu mehr Finsternis in der Welt geführt (vgl. S. 14). Das zu begreifen sei zentral. Keller schreibt: „Wir können die Verheißung von Weihnachten erst dann erkennen, wenn wir zugeben, dass wir uns nicht selber erlösen können, ja dass wir uns noch nicht einmal selbst erkennen können ohne das Licht von Gottes unverdienter Gnade in unserem Leben“ (S. 23). Das Weihnachtsfest, das macht Timothy Keller immer wieder klar, ist ohne die Sünde des Menschen nicht zu verstehen. Echte Weihnachtsfreude kann sich nur dort breitmachen, wo Menschen erkennen, dass Christus in diese Welt gekommen ist, um sie von ihrer persönlichen Schuld zu erlösen.

„Das Weihnachtsfest ist ohne die Sünde des Menschen nicht zu verstehen.“
 

Das Buch wird Menschen helfen, die den wahren Sinn des Weihnachtsfests nicht mehr oder höchstens noch rudimentär verstehen. Keller erklärt nicht nur warum wir Weihnachten feiern, sondern zeigt auch wie das Evangelium verschiedene Bräuche erst verständlich macht: Die Kerzen als Symbol für Gottes Licht, das in unsere Finsternis kam. Geschenke als Zeichen für das viel größere Geschenk, das Gott uns in seinem Sohn gemacht hat. Spenden für Bedürftige als Ausdruck der Dankbarkeit für die Hingabe Gottes. Aber auch Christen, die die Bedeutung des Fests gut kennen, werden das Buch mit Gewinn lesen: Zum einen, weil es sie sprachfähig macht, den vielen säkularen Weihnachtsfans den tieferen Sinn von Weihnachten zu erklären. Zum anderen – und das ist noch wichtiger –, weil Keller in seinen acht Textbetrachtungen auf erfrischende Weise den Gott großmacht, der für uns klein geworden ist und als Retter von persönlicher Schuld zu uns gekommen ist.

Buch

Timothy Keller, Stille Nacht – Heilige Nacht. Warum wir Weihnachten heute noch feiern, Gießen: Brunnen Verlag, 2018, 144 S., 12,00 Euro.

Matthias Mockler studierte nach einem Geschichtsstudium und einer Journalistenausbildung Theologie. In der FEG München-Mitte ist er seit dem Juni 2019 als Pastor für den Bereich Jüngerschaft verantwortlich. Matthias ist mit Ruth verheiratet. Die beiden haben eine Tochter und zwei Söhne.