Esther und die stille Souveränität Gottes

Artikel von Bethany L. Jenkins
2. Dezember 2020 — 7 Min Lesedauer

Bist du Teil einer religiösen Minderheit, die unter Vorherrschaft einer anderen Kultur lebt? Deren Sichtweise sich in fast allen Belangen von deinen unterscheidet? Wie sähe deine Beziehung zu dieser Kultur unter diesen Umständen aus? Würdest du dich zurückziehen, anpassen, protestieren oder kritisieren?

Das sind Fragen, die Tim Keller in seiner vierteiligen Predigtreihe „Esther and the Hiddenness of God“1 (dt. etwa „Esther und der verborgene Gott“) stellt. Und das sind Fragen, die sich auch heute viele von uns stellen.

Gott wird mit keiner Silbe erwähnt

Im Buch Esther sind die Juden in Gefahr. Sie sind eine religiöse Minderheit, die in Persien lebt, einer Gesellschaft die durch geistliche und moralische Werte beherrscht wird, die sich sehr stark von ihren eigenen Werten unterscheiden. Sie haben keinen König, keine Armee, und kein Land. Und mächtige Akteure wollen sie vernichten.

In der Vergangenheit sandte Gott, wenn sein Volk in Schwierigkeiten war, wundersame Zeichen und Wunder. Hier jedoch scheint er komplett abwesend zu sein. Gott wir mit überhaupt keiner Silbe erwähnt – keine Vision, kein Traum, keine Prophezeiung, kein Gebet.

Ist das Zufall? Oder könnte genau das die Aussage sein?

Eine Verkettung von „Zufällen“

Die Geschichte von Esther ist eine der realistischsten biblischen Berichte über die Vorsehung Gottes, und zwar genau deswegen, weil Gott abwesend scheint. Sie zeigt uns, wie der unsichtbare Gott oft durch die menschliche Geschichte wirkt – „nicht indem er durch Wunder eingreift“, wie Karen Jobes beobachtet, „sondern durch ganz gewöhnliche Ereignisse“.2

„In der Geschichte von Esther ist es Gott nicht so wichtig, äußerlich und sichtbar in Erscheinung zu treten, sondern seine Souveränität zu zeigen.“
 

Im Buch Esther wird eine Verkettung von „Zufällen“ geschildert, die dazu führen, dass die Juden gerettet werden: ein betrunkener und prahlerischer König, eine Königin mit Selbstachtung, ein Schönheitswettbewerb, ein wunderschönes Mädchen, ein belauschter Anschlagsplan, und eine rechtzeitige Schlaflosigkeit. Gott gebraucht sogar moralisch fragwürdige Entscheidungen, um für sein Volk alle Dinge zum Besten dienen zu lassen.

Und durch diese undurchsichtigen und scheinbar unbedeutenden Mittel bringt er seine Absichten voran. In der Geschichte von Esther ist es Gott nicht so wichtig, äußerlich und sichtbar in Erscheinung zu treten, sondern seine Souveränität zu zeigen.

Besessen von Äußerlichkeiten

Gott ist es nicht wichtig, in Erscheinung zu treten. Uns schon. Das ist die bittere Ironie.

Das Buch Esther beginnt mit einem Fest, das der König im Palast veranstaltet. Es ist ein solch opulenter Palast, dass seine Beschreibung nur mit dem Tempel und der Stiftshütte verglichen werden kann. (Die ursprünglichen Zuhörer hätten diese Anspielung wahrgenommen.) Sechs Monate lang stellt der König seine Macht, seinen Reichtum, seine Majestät und seine Großzügigkeit vor seinen Beamten und Dienern zur Schau, in der Hoffnung, ihre Unterstützung und Loyalität für den Feldzug zu gewinnen, den er gegen Griechenland führen würde.

Am letzten Tag, als die ganze Stadt versammelt ist, befiehlt er der Königin, vor ihm zu erscheinen, um ihre Schönheit zur Schau zu stellen. Von Feministinnen gefeiert für ihre Selbstachtung und von Fundamentalisten gerügt für ihren Ungehorsam, weigert sie sich, vor diesem betrunkenen Publikum zu erscheinen und wird deswegen ihrer Stellung enthoben. Die Botschaft ist klar: Die Dreistigkeit des Königs sollte man fürchten.

Der König richtet einen internationalen Schönheitswettbewerb aus, um die Königin zu ersetzen und zwingt „schöne, unberührte junge Mädchen“ (Est 2,4; NeÜ) in seinen Harem, um sich einer einjährigen „Schönheitspflege“ zu unterziehen. Die „Siegerin“ ist am Ende ein jüdisches Mädchen namens Esther. Sie ist jung, fügsam, und hat Angst – ein vorausgreifender Gegensatz zu der Esther, wie sie später auftritt.

Es hat sich nicht viel verändert

Diese ganze Szene – vom Fest bis hin zum Schönheitswettbewerb – ist ein Spektakel. Es wurde aufgeschrieben, um zu zeigen, wie sehr die persische Kultur Äußerlichkeiten liebt. Männer werden an Reichtum und Macht gemessen, Frauen an Schönheit und Sexualität – oder wie Keller es ausdrückt: Ein Mann an der Größe seines Geldbeutels, eine Frau an der Größe ihres Kleides.

Es hat sich nicht viel verändert, oder? Die Welt sagt uns, Dinge und Menschen anhand äußerlicher Maßstäbe zu messen. Sie sagt uns, dass das, was wir haben – Geld, Schönheit, Talent, Macht – wichtiger ist als das, wer wir sind. Sie verlangt „Schönheitspflege“, um mehr Anerkennung und attraktivere Körper zu bekommen.

Wenn wir jedoch diese von Äußerlichkeiten getriebene Herangehensweise übernehmen, dann verpassen wir Gottes tägliche Treue, weil wir nur nach außergewöhnlichen Wundern Ausschau halten, und nicht nach der alltäglichen Vorsehung. Keller merkt dazu an:

„Wenn man eine der zehn Plagen sieht, dann weiß man: Das ist Gott! Wenn man jedoch sieht, wie König Xerxes sich betrinkt und sich großkotzig benimmt, dann sagt niemand: ‚Wow. Hier ist Gott am Wirken!‘ Aber das Buch Esther möchte euch sagen: ‚Lasst euch nicht irreführen. Gott ist am Wirken‘“.

Wenn wir in politischen Entscheidungen, in der Medizinethik im Bereich Gesundheitsfürsorge oder in alltäglichen Ereignissen Gott heute nicht am Wirken sehen, dann dürfen wir nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass er nicht am Wirken ist. Keller sagt dazu:

„Seine Stille ist nicht gleichbedeutend mit Abwesenheit, seine Verborgenheit nicht mit ‚im-Stich-lassen‘“.

Denn das Buch Esther lehrt, dass er in seiner Vorsehung die Rettung seines Volkes bewirkt.

Lache angesichts der Tage, die da kommen

Die Geschichte von Esther verkehrt die Erwartungen ins Gegenteil. Dinge scheinen unausweichlich, sind es aber nicht. Menschen scheinen mächtig, sind es aber nicht. Äußerlichkeiten sind nicht das, was sie zu sein scheinen.

„Das Buch Esther lehrt, dass Gott in seiner Vorsehung die Rettung seines Volkes bewirkt.“
 

Das Buch Esther wird einige Zeit nach den Ereignissen niedergeschrieben. Die ursprünglichen Zuhörer wissen, dass König Xerxes als besiegter Herrscher von seinem Feldzug nach Griechenland zurückkehrt. Sie wissen, dass Gott Esther gebraucht, um sie zu retten. Sie wissen, wie derjenige, der versucht sie zu vernichten, selbst vernichtet wird. Natürlich wissen sie auch, dass die Geschichte voller Ironie, Satire und Humor ist. Ein Kommentator schreibt dazu:

„Der Autor lehrt uns, uns über genau die Mächte lustig zu machen, die einst unsere Existenz bedrohten – und wieder bedrohen werden – und lässt uns dabei ihre Trivialität wie auch ihre Macht erkennen. ‚Wenn ich überhaupt über vergängliche Dinge lache‘, sagte Byron, ‚dann ist es deswegen, damit ich nicht weine.‘ Juden haben diese Art von Lachen gelernt.“

Esther weist zudem auf Jesus hin. Er ist kein Retter, wie ihn die Menschen erwarteten. Er ist aus Nazareth, nicht aus Jerusalem. Er wird als Sohn eines Zimmermanns gesehen, nicht als König. Auf Äußerlichkeiten basierend wird er nicht geschätzt, sondern verspottet werden. Dann sehen sie ihn am Kreuz eines Verbrechers und begraben ihn in einem ausgeborgten Grab.

Was für ein Witz.

Aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Äußerlichkeiten sind nicht das, was sie scheinen. Die Geschichte des Evangeliums macht wie die Geschichte von Esther eine der grundlegendsten Prinzipien biblischer Hermeneutik klar, was Jobes wie folgt ausdrückt:

„Ohne göttliche Offenbarung ist das menschliche Erleben naturgemäß vieldeutig und kann nicht auf rechte Weise verstanden werden.“

Diese göttliche Offenbarung ist die Auferstehung. Die Mächte, die danach strebten, Jesus zu vernichten, werden selbst durch ihn vernichtet – eine Umkehrung, die uns lehrt, selbst den größten Feind (1Kor 15,50–58) zu verspotten. Gegen jede menschliche Erwartung nimmt Jesus den Tod auf sich, den wir verdient haben, damit wir das Leben in Anspruch nehmen können, das er verdient hat.

Das Heute ist ebenfalls nicht das Ende der Geschichte. Die Mächte, die am Ruder scheinen, sind nicht am Ruder. Die unausweichliche Flugbahn ist nicht unausweichlich. Jobes schreibt:

„Verborgen unter der Oberfläche selbst scheinbar unbedeutender menschlicher Entscheidungen und Ereignisse ist eine unsichtbare und unkontrollierbare Macht am Werk, die weder erklärt noch aufgehalten werden kann“.

 


1 Tim Keller, Esther and the Hiddenness of God, URL: https://gospelinlife.com/downloads/esther-and-the-hiddenness-of-god/ (Stand: 23.11.2020).

2  Karen Jobes. The NIV Application Commentary: Esther, Grand Rapids, MI: Zondervan, 1999. Weitere Zitate von Jobes stammen ebenfalls aus diesem Kommentar und wurden für diesen Artikel aus dem Englischen übersetzt.

 

Bethany L. Jenkins ist stellvertretende Leiterin im Bereich Medien bei The Veritas Forum, schreibt Beiträge bei The Gospel Coalition, und ist Senior Fellow am The King’s College. Bevor sie begann, mit gemeinnützigen Organisationen zusammenzuarbeiten, arbeitete sie im Kongress, im Außenministerium, an der Wall Street und in einer großen Kanzlei. Sie erwarb ihren Bachelor an der Baylor University und ihren Jura-Abschluss an der Columbia Law School. Sie ist aktives Mitglied der Redeemer Presbyterian Church.