Ist Gemeindemitgliedschaft biblisch?

Artikel von Matt Chandler
1. Dezember 2020 — 9 Min Lesedauer
„Zum Ehebruch lässt sich die Braut Christi nicht verführen, sie ist unbefleckt und züchtig. Nur ein Haus kennt sie, die Heiligkeit eines Schlafgemachs bewahrt sie in keuscher Scham. Sie ist es, die nur für Gott errettet, sie weist die Kinder, die sie geboren hat, seinem Reiche zu. Jeder, der sich von der Kirche trennt und sich mit einer Ehebrecherin verbindet, schließt sich aus von den Verheißungen der Kirche, und wer die Kirche Christi verlässt, wird nicht zu den Belohnungen Christi gelangen. Er ist ein Fremder, er ist ein Unheiliger, er ist ein Feind. Gott kann der nicht mehr zum Vater haben, der die Kirche nicht zu Mutter hat.“ – Cyprian von Karthago († 258): Über die Einheit der katholischen Kirche (De catholicae ecclesiae unitate), Kap. 6.

Ich war 28, als ich Pastor der Highland Village First Baptist Church wurde. Heute kennt man die Gemeinde als The Village Church. Ich hatte in meiner Jugend äußerst gemischte Gemeindeerfahrungen gemacht und war noch nicht aus einer gewissen Gemeindeverdrossenheit herausgewachsen.

Ganz ehrlich, ich war mir damals nicht sicher, ob Gemeindemitgliedschaft wirklich ein biblisches Konzept war. Nichtsdestotrotz hatte mir der Heilige Geist unmissverständlich klar gemacht, dass ich die Pastorenstelle in dieser kleinen Gemeinde am Stadtrand von Dallas annehmen sollte. Das war damals nur eine von vielen ironischen Situationen in meinem Leben.

Die Highland Village First Baptist Church war eine „sucherorientierte“ Gemeinde nach dem Willow-Creek-Modell. Als ich kam, waren Gemeindemitgliedschaft und Gemeindebeitritt nicht formell geregelt, doch setzte sich die Gemeinde aktiv dafür ein und wünschte sich, dass sich auch der neue Pastor in diesen Prozess einbrachte. Ich hatte ein grundlegendes Verständnis von der universellen Gemeinde, aber ich kannte mich nicht gut mit dem Thema Ortsgemeinde aus und brachte, wie gesagt, eine gewisse Skepsis mit. Die Gemeinde wuchs schnell. Unser Neuzuwachs bestand vor allem aus desillusionierten, jungen Leuten in ihren 20ern, die entweder keinen oder einen schwierigen Gemeindehintergrund hatten. Sie mochten The Village, weil wir „anders“ waren. Das kam mir immer merkwürdig vor, weil wir nichts weiter machten als singen und predigen.

In den Gesprächen mit diesen Männern und Frauen hörte ich Sätze wie: „Die Kirche ist korrupt. Es geht eigentlich nur um Geld und um das Ego des Pastors.“ Oder: „Ich liebe Jesus, aber mit der Kirche habe ich ein Problem.“ Mein Lieblingssatz war: „Wenn man anfängt, die Gemeinde durchzuorganisieren, dann verliert sie ihre Kraft.“ Obwohl mich diese Bemerkungen teilweise ansprachen (weil ich mich wie die meisten Menschen in meiner Generation mit Unterordnung und Verbindlichkeit schwertue), fand ich sie auch verwirrend, weil sie aus dem Mund von Leuten kamen, die in die Gemeinde gingen, in der ich Pastor war.

Zwei Fragen aus Hebräer 13,17

Weil wir damals in der Gemeinde bereits Konflikte zu anderen Lehrfragen zu lösen hatten, die mir wichtiger erschienen, war ich versucht, das Thema Gemeindemitgliedschaft fürs Erste auf Eis zu legen. Ich arbeitete zu der Zeit an einer Predigtreihe zum Hebräerbrief und war gerade „zufällig“ in Kapitel 13 angelangt, als mir Vers 17 förmlich entgegensprang: „Gehorcht euren Führern und fügt euch ihnen; denn sie wachen über eure Seelen als solche, die einmal Rechenschaft ablegen werden, damit sie das mit Freuden tun und nicht mit Seufzen; denn das wäre nicht gut für euch!“

„Wenn wir kein Verständnis der Mitgliedschaft in einer Ortsgemeinde haben, wem sollen wir uns dann unterordnen und wem sollen wir gehorchen?“
 

Zwei Fragen schossen mir durch den Kopf: Erstens: Wenn es kein biblisches Gebot gibt, Mitglied einer Ortsgemeinde zu sein, welchen Leitern soll der einzelne Christ dann gehorchen und sich unterordnen? Zweitens (und das war die persönlichere Frage für mich): Für wen werde ich als Pastor Rechenschaft leisten müssen?

Mit diesen beiden Fragen begann meine Suche nach einem biblischen Verständnis der Ortsgemeinde. Ausgangspunkt waren für mich die Konzepte Autorität und Unterordnung.

Hinsichtlich der ersten Frage gebietet die Schrift ganz klar, dass sich Christen einem Ältestenkreis unterordnen und diesen ehren sollen (Hebr 13,17; 1Tim 5,17). Wenn wir kein Verständnis der Mitgliedschaft in einer Ortsgemeinde haben, wem sollen wir uns dann unterordnen und wem sollen wir gehorchen? Jedem, der den Titel „Ältester“ trägt, aus jeder Gemeinde? Sollte ich mich als Christ einer Hassgruppe wie der Westboro Baptist Church unterordnen und diesen Leitern gehorchen? Muss ich bei Protestaktionen mitmachen, wenn ein Soldat beerdigt wird, nur weil der Pastor der Westboro das erwartet?

Hinsichtlich der zweiten Frage gebietet die Schrift eindeutig, dass es einen Ältestenkreis geben soll, der sich um eine konkrete Gruppe von Menschen kümmert (1Petr 5,1-5; siehe auch Apg 20,29-30). Werde ich als Pastor für alle Christen im Großraum Dallas Rechenschaft ablegen müssen? Es gibt viele Gemeinden in Dallas, mit denen ich theologisch und weltanschaulich nicht übereinstimme. Werde ich dafür Rechenschaft ablegen müssen, was in ihren Kleingruppen gelehrt wird, wie sie ihre Finanzen verwalten und wie sie an die weltweite Mission herangehen?

Was ist mit Gemeindezucht?

Nach den Aspekten Autorität und Unterordnung beschäftigte ich mich in meiner Auseinandersetzung mit der Ortsgemeinde zunächst damit, was die Bibel über Gemeindezucht sagt.

Wir sehen das an verschiedenen Stellen, aber nirgends so deutlich wie in 1Korinther 5,1-12. In diesem Text konfrontiert Paulus die Gemeinde in Korinth, weil sie einen Mann, der unverhohlen in sündhafter, sexueller Unmoral lebte, bestätigten, statt ihn zur Umkehr zu rufen. Die Korinther feierten das als Ausdruck von Gottes Gnade, aber Paulus warnt sie eindringlich, dass diese Art boshaften Verhaltens kein Grund zum Rühmen, sondern zur Trauer ist. Er nennt sie aufgebläht, also arrogant, und fordert sie auf, diesen Mann aus der Gemeinde auszuschließen, „zum Verderben des Fleisches, damit der Geist gerettet werde“ (1Kor 5,5). In den Versen 11-12 nimmt er kein Blatt vor den Mund: „Jetzt aber habe ich euch geschrieben, dass ihr keinen Umgang haben sollt mit jemand, der sich Bruder nennen lässt und dabei ein Unzüchtiger oder Habsüchtiger oder Götzendiener oder Lästerer oder Trunkenbold oder Räuber ist; mit einem solchen sollt ihr nicht einmal essen. Denn was gehen mich auch die an, die außerhalb [der Gemeinde] sind, dass ich sie richten sollte? Habt ihr nicht die zu richten, welche drinnen sind?“

Meiner Erfahrung nach praktizieren leider nur noch sehr wenige Gemeinden Gemeindezucht. Aber das ist ein Thema für einen anderen Artikel. Meine Frage aus diesem Text ist einfach: Wie kann man jemanden „ausschließen“, wenn es kein „drinnen“ gibt? Wenn es nicht die Verbindlichkeit einer Mitgliedschaft in einer Glaubensgemeinschaft vor Ort gibt, wie entfernt man dann überhaupt jemanden aus dieser Glaubensgemeinschaft? Gemeindezucht funktioniert nicht ohne die Mitgliedschaft in der Ortsgemeinde.

Weitere Belege für Gemeindemitgliedschaft

Es gibt noch weitere biblische Belege für die Mitgliedschaft in der Ortsgemeinde.

In Apostelgeschichte 2,37-47 werden die Zahlen der Menschen aufgeführt, die sich auf den Namen Christi taufen ließen und mit dem Heiligen Geist erfüllt wurden (V. 41). Es wird außerdem berichtet, dass die Gemeinde das Wachstum aufzeichnete (V. 47).

In Apostelgeschichte 6,1-6 lesen wir, dass eine Wahl stattfindet, um ein konkretes Problem und einen damit verbundenen Vorwurf anzugehen.

Römer 16,1-16 weist darauf hin, dass es anscheinend ein Bewusstsein dafür gab, wer Gemeindemitglied ist.

In 1Timotheus 5,3-16 begegnen wir einer klaren Anweisung von Paulus an Timotheus, wie mit den Witwen in der Gemeinde umgegangen werden soll. In den Versen 9-13 lesen wir:

„Eine Witwe soll nur in die Liste eingetragen werden, wenn sie nicht weniger als 60 Jahre alt ist, die Frau eines Mannes war und ein Zeugnis guter Werke hat; wenn sie Kinder aufgezogen, Gastfreundschaft geübt, die Füße der Heiligen gewaschen, Bedrängten geholfen hat, wenn sie sich jedem guten Werk gewidmet hat. Jüngere Witwen aber weise ab; denn wenn sie gegen [den Willen des] Christus begehrlich geworden sind, wollen sie heiraten und kommen [damit] unter das Urteil, dass sie die erste Treue gebrochen haben. Zugleich lernen sie auch untätig zu sein, indem sie in den Häusern herumlaufen; und nicht nur untätig, sondern auch geschwätzig und neugierig zu sein; und sie reden, was sich nicht gehört.“

In diesem Text sehen wir die Kriterien, wer für das Witwenfürsorgeprogramm in Ephesus in Frage kommt und wer nicht. Die Ortsgemeinde in Ephesus ist organisiert und setzt einen Plan um.

Wir könnten an dieser Stelle noch weiter darüber nachdenken, wie wir Gottes Geboten in 1Korinther 12 oder Römer 12 gehorchen sollen, wenn wir nicht Teil einer Glaubensgemeinschaft vor Ort sind. Doch hier alle relevanten Texte unter die Lupe zu nehmen, würde das Format dieses Artikels sprengen.

Es ist Gottes Plan, dass wir Teil einer Ortsgemeinde sind

Wenn man anfängt, sich diese Texte anzuschauen, wird deutlich, dass es Gottes Plan für seine Gemeinde ist, dass wir Teil einer Glaubensgemeinschaft vor Ort sind. Die Mitgliedschaft in einer Ortsgemeinde dient zu unserem Schutz, zu unserem Heranreifen im Glauben und zum Wohl anderer.

„Die Mitgliedschaft in einer Ortsgemeinde dient zu unserem Schutz, zu unserem Heranreifen im Glauben und zum Wohl anderer.“
 

Wenn du die Gemeinde als eine Art ekklesiologisches Buffet verstehst, an dem du dich bedienen kannst, wie es dir gefällt, dann wirst du damit höchstwahrscheinlich dein Heranreifen im Glauben nach oben hin begrenzen. Dieser Reifeprozess kann schmerzlich sein. Zum Beispiel erlebe ich im Umgang mit anderen in meiner eigenen Ortsgemeinde, wie ans Licht kommt, dass ich oft eher träge bin als brennend vor Eifer, dass es mir immer wieder an Geduld fehlt, dass ich nicht beharrlich bete und dass ich zögere, mich zu den Niedrigen zu halten (Röm 12,11-16). Der Umgang miteinander gibt mir aber auch die Chance, liebevolle Korrektur von meinen Geschwistern zu erfahren, die mit mir den guten Kampf kämpfen, und ich habe einen sicheren Schutzraum, in dem ich meine Sünde bekennen und umkehren kann. Wenn die Gemeinde nur ein Ort ist, den du besuchst, ohne je verbindlich zu werden, wie eine Art ekklesiologisches Buffet, dann musst du dir ehrlich die Frage stellen, ob du immer dann wegläufst, wenn der Geist Dinge in dir ans Licht bringt, und es Zeit wäre, dich an die echte Arbeit zu machen.

Was heißt das im Endeffekt? Die Mitgliedschaft in einer Ortsgemeinde ist eine Frage des Gehorsams gegenüber der Bibel und nicht eine Frage der persönlichen Vorliebe.

Matt Chandler ist Hauptpastor von The Village Church in Dallas/Fort Worth, Texas (USA), und Leiter von Acts29. Er ist Autor einer Reihe von Büchern. Matt und seine Frau Lauren leben mit ihren drei Kindern in Highland Village, Texas.