Christliches Gebet ist einzigartig

Artikel von Hywel R. Jones
20. November 2020 — 13 Min Lesedauer

Gebet ist ein Merkmal sowohl aller Weltreligionen als auch der vielen selbst erdachten Spielarten von Religion. Das liegt daran, dass Menschen im Bild Gottes erschaffen sind und es ihnen bis zu einem gewissen Grad bewusst ist, dass sie einem höheren Wesen oder einer höheren Macht Dank und Rechenschaft schulden. Das Alte Testament berichtet von heidnischen Bitten um Beistand und Danksagungen für Hilfe; Beispiele finden wir bei den Philistern (Ri 16,23–24), den Baalspropheten (1Kön 18,25–26) und den Seeleuten auf Jonas Schiff (Jon 1,5). Aber deshalb hat die religiös-pluralistische Gesellschaft nicht recht, wenn sie alle Gebete als mehr oder weniger dasselbe betrachtet. Das stimmt nicht! Christliches Gebet ist einzigartig. Und Christen sollten dies durch die Haltung, in der sie beten, deutlich machen.

„Christliches Gebet ist einzigartig. Und Christen sollten dies durch die Haltung, in der sie beten, deutlich machen.“
 

Der Herr Jesus sprach über das Gebet, indem er sowohl unterschied und beurteilte als auch verbindliche Leitlinien aufstellte. Er ermahnte seine Nachfolger, nicht so wie die jüdischen Führer und die Heiden zu beten (siehe Mt 6,5–7), weil Gott weder durch Masken getäuscht noch durch Mantras zum Handeln gedrängt werden kann. Stattdessen sagte er ihnen, dass Gebet heißt, „den Vater in [seinem] Namen zu bitten“, und fügte hinzu, dass das etwas sei, was sie bis dahin noch nicht getan hatten (Joh 15,16; 16,23.24). Das überrascht, weil sie doch in gewissem Maße mit dem Alten Testament und dem Gottesdienst der Synagoge vertraut waren, und auch er selbst sie gelehrt hatte, was und wie sie beten sollten (Lk 11,1–13; 18,1–14). „Den Vater bitten in [seinem] Namen“ war weder mit den religiösen Praktiken der damaligen Zeit noch mit den Gebeten gottesfürchtiger Juden wie – unter anderen – dem Gebet des Vaters Johannes des Täufers gleichzusetzen (Lk 1,67–79). Es war auf jeden Fall nicht dasselbe, wie ihm Fragen zu stellen (Joh 14–16).

Was daran das Besondere war, erklärte Jesus im Obersaal, indem er die Ausdrücke „bis jetzt“, „eine kleine Weile“ und „an jenem Tag oder zu jener Stunde“ gebrauchte. Alle diese Ausdrücke verweisen auf jenen nicht wiederholbaren Punkt in der Geschichte, als Jesu Tod und Auferstehung das Ende des alten Bundes und den Beginn des neuen markierten und der Heilige Geist auf alle Gläubigen ausgegossen wurde. „An jenem Tag" weist zurück auf die Vorhersagen der alttestamentlichen Propheten über den „Tag des Herrn“, über sein persönliches Eingreifen, um seine Feinde zu richten und sein Volk zu retten. Jesus beschrieb es auch als „die Stunde“ (V. 25), und meinte damit seinen Tod am Kreuz und die damit verbundene Erhöhung (7,30; 8,20; 12,23.27; 13,1; und 17,1;) und die daraus resultierenden Folgen (5,28–29). Die letzte Stunde auf Gottes Uhr stand im Begriff zu schlagen. Das „Ende“ würde beginnen und das Gebet erneuern.

Ein neuer Tag für das Gebet

Dieser neue Tag war nicht nur mit der Vollendung der Erlösung durch den Sohn verknüpft, sondern brachte auch ein Zeitalter umfassenderer Offenbarung durch den Geist mit sich. Das sicherte Jesus seinen Jüngern mit den Worten zu: „[Ihr] werdet in meinem Namen bitten“ an „jenem Tag“, an dem er nicht mehr in Gleichnissen zu ihnen reden, sondern ihnen „offen vom Vater Kunde geben“ würde (V. 26). An Pfingsten begann für die Jünger ein helleres Licht zu scheinen – sowohl auf das, was Jesus sie in der Vergangenheit gelehrt hatte (siehe 14,26) als auch auf das, was er sie bis dahin nicht hatte lehren können (siehe 16,13–15). Diese klarere und vollständigere Offenbarung Gottes als Vater würde sie dahin führen, von Gott als dem zu denken, der in seinem Sohn Jesus offenbart wurde, und im Licht dieser Offenbarung zu ihm zu beten. Der Heilige Geist würde ihr Verständnis erweitern, ihre Traurigkeit wegnehmen, ihren Frieden tiefer und ihre Freude größer machen.

Christliches Gebet heißt daher, im Namen Jesu zum Vater zu beten. „Name“ steht dafür, dass Gott, der Herr, gegenwärtig ist und rettend handelt. Jesus ist der Gesandte des Vaters, sein Christus, weil er im Namen seines Vaters und nicht in seinem eigenen kam (siehe Joh 5,43). Zum Vater in seinem Namen zu beten bedeutet also, ihn als Propheten, Priester und König zu krönen und ihm durch Anbetung, Bekenntnis, Danksagung und Flehen zu dienen. Johannes Calvin verknüpft Gebet mit dem Glauben an Christus als Mittler und auch mit dem Beistand des Heiligen Geistes, wie er im Evangelium versprochen ist:

„Was immer wir brauchen und was immer uns mangelt, ist in Gott und in unserem Herrn Jesus Christus zu finden. Es gefiel dem Vater, in ihm die ganze Fülle leibhaftig wohnen zu lassen (Kol 1,19; Johannes 1,16), sodass wir alle daraus wie aus einer überströmenden Quelle schöpfen dürfen; und geradeso wie der Glaube aus dem Evangelium geboren wird, so werden auch unsere Herzen durch das Evangelium angeleitet, den Namen Gottes anzurufen (Röm 10,14–17). Und der Geist der Sohnschaft, der das Zeugnis des Evangeliums in unseren Herzen besiegelt (Röm 8,16), erhebt unseren Geist zu der Kühnheit, Gott unser Verlangen zu offenbaren, unaussprechliche Seufzer emporsteigen zu lassen (Röm 8,26) und vertrauensvoll „Abba, Vater!“ zu schreien. (Römer 8:15).

Seufzen im Geist

Christliches Gebet ist also ein „Schöpfen aus [Christus], einer überströmenden Quelle“ und die Erweckung unseres Geistes durch den Heiligen Geist, wenn wir zu Gott als unserem himmlischen Vater kommen. Das ist das Alleinstellungsmerkmal christlichen Gebets. Es ist die Folge der deutlich unterschiedlichen, aber sich ergänzenden Dienste zweier Fürsprecher, wovon der eine dem Gläubigen vor Gottes Thron im Himmel den Zugang zu Gott als Vater garantiert (vgl. 1 Joh 2,1.2) und der andere im Gläubigen wohnt und ihm die Gewissheit gibt, Gottes Kind und Erbe zu sein (Röm 8,15–28). Die Mittlerschaft des Sohnes und der Dienst des Geistes waren im Alten Testament unter einer Decke verborgen, aber sie sind das Kennzeichen des neuen Bundes und machen den Gläubigen freimütig, wenn er seinem himmlischen Vater alles mit Worten und Seufzern mitteilt.

„Christliches Gebet ist also ein ‚Schöpfen aus [Christus], einer überströmenden Quelle‘ und die Erweckung unseres Geistes durch den Heiligen Geist, wenn wir zu Gott als unserem himmlischen Vater kommen.“
 

Es gibt Zeiten, in denen solche Gedanken für Worte unerreichbar sind und wo sie sich nur durch Seufzen und sogar Tränen – verursacht durch die Leiden der jetzigen Zeit in ihrer Auswirkung auf den Gläubigen, die Gemeinde und die Welt – Luft machen können. Der Geist versteht diese nonverbale Sprache und übersetzt sie dem Vater durch den Sohn. Calvin sagt, dass der Geist „in uns Gewissheit, Verlangen und Seufzer erweckt, die zu erfassen unsere natürlichen Kräfte kaum ausreichen würden“. Nach dem englischen Puritaner John Owen ist es eben dies, was im Neuen Testament mit „Beten im Geist“ gemeint ist (Eph 6,18).

Beten, wie er uns gelehrt hat

Das Vaterunser kann als eine Komprimierung aller Gebete des Alten Testaments und als Gussform für alle Gebete des Neuen Testaments und überhaupt alle Gebete bis zur Wiederkunft Christi angesehen werden. Ein paar Worte darüber, wie das Vaterunser betrachtet und gebraucht werden sollte, sind also angebracht. Es hat zu Recht einen wichtigen Platz im christlichen Denken, und seine Auslegung im Heidelberger- und Westminster-Katechismus ebenso wie die Studien reformierter Schriftsteller wie Herman Witsius und Thomas Watson sind von unschätzbarem Wert. Die Diskussion darüber, ob es im öffentlichen Gottesdienst Anwendung finden sollte, wird zweifellos weiterhin geführt werden, aber unbestritten ist, dass es von Christen als Leitfaden für all ihre Gebete verwendet werden sollte. Calvins Kommentar ist überaus bedenkenswert:

„Dieses Gebet ist in jeder Hinsicht so vollkommen, dass alles Fremde, was ihm hinzugefügt wird und in keiner Beziehung dazu steht, unehrerbietig und der Zustimmung Gottes unwürdig ist. Denn in dieser Zusammenfassung hat er aufgezeigt, was seiner würdig, für ihn annehmbar und für uns notwendig ist, und was er uns bereitwillig geben will.“
„Das Vaterunser kann als eine Komprimierung aller Gebete des Alten Testaments und als Gussform für alle Gebete des Neuen Testaments und überhaupt alle Gebete bis zur Wiederkunft Christi angesehen werden.“
 

Man sollte aber nicht vergessen, dass Calvin das wahre und annehmbare Gebet nicht auf die Form seiner Worte beschränkt. Er erkennt an, dass es in der Bibel viele andere Gebete gibt, deren Worte „weit von ihm entfernt sind“ und doch „vom selben Geist verfasst wurden, deren Gebrauch für uns sehr gewinnbringend ist“. Darüber hinaus fügt Calvin hinzu: „Die Gläubigen werden durch denselben Geist zu vielen Gebeten angeregt, die im Wortlaut wenig Ähnlichkeit [mit ihm] haben“. Der alles entscheidende Faktor ist, dass „der Sinn sich nicht ändert“, obwohl „die Worte völlig unterschiedlich sind“.

Beten im Geist

Drei Bereiche dieses „Betens im Geist“ müssen abschließend erwähnt werden. Es ist wichtig zu beachten, dass das christliche Gebet (1) trinitarisch in der Form, (2) universell in der Reichweite und (3) kindlich im Geist ist. Zwar schweigt das Alte Testament zu keinem dieser Punkte, doch sind sie im Neuen Testament von der Apostelgeschichte bis zur Offenbarung noch deutlicher zu sehen. Gleich zu Beginn finden wir sie im Gebet der Gemeinde in Jerusalem in Apostelgeschichte 4,22–30. Das zeigt uns, dass christliches Gebet genauso aussieht wie alttestamentliches Gebet, aber durch die Realitäten und die Sprache des neuen Bundes gefiltert und ergänzt wird.

1. Trinitarisch in der Form

Wenn wir sagen, dass unsere Gebete eine „trinitarische Form“ haben, meinen wir damit, dass die im Neuen Testament aufgezeichneten Doxologien, Segenssprüche, Wünsche und Gebete in einer Weise strukturiert sind, die zur späteren Formulierung von Glaubensbekenntnissen geführt hat. In diesen Gebeten wird dem Vater der Vorrang gegeben: Er ist es, zu dem wir beten, und zwar durch den Sohn und unter Hinweis auf das Wirken des Geistes, der uns zum Beten befähigt. Das ist Standard in den Schriften der Apostel Petrus und Johannes und besonders bei Paulus. Letzterer wendet sich im Allgemeinen an den Vater und den Sohn und tut dies durch den Geist. Er deklariert sogar: „Durch ihn [Jesus Christus] haben wir beide [Juden und Heiden] den Zutritt zum Vater durch einen Geist“ (Eph 2,18) und leitet den Segen ein: „Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes“ (2Kor 13,14). Dies ist die Entschlüsselung des göttlichen Namens „HERR“ (der, der im Himmel hört, herabkommt, um sein Volk zu retten, und aus der Knechtschaft in ein Land führt, in dem Milch und Honig fließen), aber ehe er so eindeutig erklärt werden konnte, musste das Eintreten „der Stunde und des Tages“ abgewartet werden.

2. Universell in der Reichweite

Es versteht sich von selbst, dass Christen für Gemeinden und Mitgläubige beten. Das zeigen die im Neuen Testament überlieferten Gebete. Sogar die Worte des Johannes, „dass man für eine solche [Sünde] bitten soll, sage ich nicht“ (siehe 1. Johannes 5,16), stehen im Zusammenhang mit der Ermutigung zum Gebet für Mitchristen, die sündigen. Aber auch die Welt soll in diese Art der Fürbitte eingeschlossen werden. Das Alte Testament beschränkt Gottes Güte und Gnade nicht nur auf Israel: „Der HERR ist gütig gegen alle, und seine Barmherzigkeit waltet über allen seinen Werken.“ (Ps 145,9). Alle Menschen sollten zu ihm beten, aber selbst, wenn sie es nicht tun, „ist er gütig zu den Undankbaren und Bösen“ (Lukas 6,35). Hiob und Rahab, die Witwe von Zarpat, und die Bewohner von Ninive sind Beispiele dafür. Aber in der Zeit nach Christus wird dies noch deutlicher. Gott liebt seine Feinde (Mt 5,44–45). Er sandte seinen Sohn, um für eine böse Welt von verlorenen Menschen zu sterben (Joh 3,16). Er beschränkt sein wohlwollendes Sorgen und Handeln nicht auf die Gemeinde. Deswegen drängt Paulus dazu, für alle Arten von Menschen eine große Vielfalt an Gebeten darzubringen, im Einklang mit seinem Herzenswunsch, dass das Evangelium allen Völkern bekannt gemacht werden soll. Das Evangelium soll allen überall frei gepredigt werden, und ein Dienst der „nachbarschaftlichen“ Fürbitte unterstützt eine solche Verkündigung. „Denn dies ist gut und angenehm vor Gott, unserem Retter [Wohltäter], welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen“ (siehe 1Tim 2,1–7).

3. Kindlich im Geist

Ein Wesenszug des christlichen Gebets, das es von allen anderen unterscheidet, ist, dass Gott als „Vater“ angesprochen wird. Die Gläubigen des Alten Testaments waren demütig und voller Gottvertrauen, aber als „Vater“ galt Gott nur für den König und das Volk (2Mo 4,22 und Jes 63,16). Im Gegensatz dazu gibt Jesus allen Gläubigen das Recht, seinen Vater auch ihren Vater zu nennen (Lk 11,2 und Joh 20,17), und sein Geist bevollmächtigt sie dazu (Röm 8,15 und Gal 4,6). Er gibt ihnen auch die sichere Zusage, dass Gott ihre Gebete hören und beantworten wird – immer! Er kann vor seinen Kindern sein Ohr nicht verschließen – geradeso wenig wie vor ihrem älteren Bruder zu seiner Rechten im Himmel. Der Vater hat seinen Sohn gesandt, um seine entfremdeten Kinder zu sammeln und nach Hause zu bringen. Darum freut er sich, wenn sie seinen Namen in Glauben und Liebe anrufen (welche Worte sie auch immer verwenden oder welche Sprache sie auch sprechen), und wird positiv auf sie reagieren.

„Der Vater hat seinen Sohn gesandt, um seine entfremdeten Kinder zu sammeln und nach Hause zu bringen. Darum freut er sich, wenn sie seinen Namen in Glauben und Liebe anrufen.“
 

Sie beten in Übereinstimmung mit seinem Wort; er antwortet in Übereinstimmung mit seinem Willen. Es gibt keinen Dissens zwischen beidem, denn er hat seinen Willen in seinem Wort zum Ausdruck gebracht, damit seine Kinder wissen, was ihm gefällt. Daher können sie in so vielen Fällen sicher sein, dass sie den Vater um das bitten, was er ihnen auch geben will, und dass er es tun wird. Sie wissen, dass er für all ihre Bedürfnisse reichlich vorgesorgt hat und dass er am besten weiß, was er ihnen zu welchem Zeitpunkt geben sollte. Sie können darauf vertrauen, denn sie wissen, dass sie nie verwaist sein werden, und eines Tages werden sie darüber staunen, wie ihre unwürdigen Gebete erhört wurden.

Hywel R. Jones ist emeritierter Professor für praktische Theologie am Westminster Seminary California und Pastor der Presbyterian Church of Wales. Hywel und seine Frau Nansi sind seit mehr als 50 Jahren verheiratet. Sie haben drei Kinder und fünf Enkeltöchter.