Systematische Theologie der Puritaner

Rezension von Ron Kubsch
17. November 2020 — 7 Min Lesedauer

Der Begriff „Puritaner“ stammt aus dem elisabethanischen England. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts wurde er benutzt, um abschätzig jene Christen, die die Kirche von England nach biblischen Maßstäben reformieren wollten, zu bezeichnen. Eigentlich wollten die Puritaner „die Frommen“ (godly) genannt werden. Aber das ursprüngliche Schimpfwort setzte sich durch.

„Es wäre falsch, zu meinen, die Puritaner seien ausnahmslos Vertreter einer reformierten Theologie gewesen.“
 

Der Puritanismus war im Kern darum bemüht, die Theologie Johannes Calvins mit Ansätzen einheimischer Geistlicher, etwa William Tyndale oder John Bradford, zu verbinden. Doch wäre es falsch, zu meinen, die Puritaner seien ausnahmslos Vertreter einer reformierten Theologie gewesen. Richard Baxter (1615–1691) war zwar ein Puritaner, aber theologisch nicht reformiert. John Goodwin (1594–1665), ebenfalls ein bekannter Puritaner, war theologisch ein Arminianer. John Milton (1608–1674) neigte wahrscheinlich sogar zum Arianismus und John Eaton (wahrscheinlich 1575–1631) war ein Antinomist, also jemand, der davon ausging, dass mit dem Neuen Bund das alttestamentliche Moralgesetz überholt worden sei (griech. anti = ‚gegen‘, nomos = ‚Gesetz‘; sinngemäß also „ohne Gesetz“). Die Mehrheit der Puritaner gehörte freilich zur sogenannten „reformierten Rechtgläubigkeit“. Sie vertraten also mehrheitlich strenge calvinistische Positionen und verteidigten diese mitunter ziemlich polemisch gegen katholische, arminianische und lutherische. Waren zum Beginn der Reformation in England die Lutheraner noch ziemlich einflussreich, wurde ihre Bedeutung durch die puritanische Bewegung mehr und mehr zurückgedrängt. Vor allem der lutherische Gottesdienst erschien vielen Puritanern als zu katholisch und festigte die Zurückhaltung gegenüber lutherischen Einflüssen. John Owen, ein wahrlich belesener und gelehrter Puritaner, soll in seinen vielen Büchern nicht einmal lutherische Theologen zitiert haben. Schriften von Martin Luther hat aber sehr wohl gelesen und zweifelsohne verdankt die puritanische Theologie insgesamt dem deutschen Reformator viel.

Was hat es aber mit dem endlich auch in deutscher Sprache erschienen Buch Systematische Theologie der Puritaner auf sich? Die beiden Autoren Joel R. Beeke und Mark Jones haben beobachtet, dass viele Puritaner herausragende Dogmatiker waren, sie aber nur selten gelesen werden. Das hat etwas mit der Zugänglichkeit ihrer Werke zu tun, liegt aber auch daran, dass es ihnen gegenüber viele Vorbehalte gibt. So wird immer wieder darauf verwiesen, dass die Puritaner gesetzlich gewesen wären. Wer sich jedoch mit der „gesamten puritanischen Theologie“ beschäftigt, wird – so die Autoren – dieses Urteil überdenken (S. 25). Ähnliches gilt für den Vorwurf, dass die Calvinisten sich sehr weit von Calvin entfernt hätten (die Calvin-versus-Calvinismus-Debatte). Hier stimmt das, was viele Leute über die Puritaner denken und behaupten, nicht mit dem überein, was die Geistlichen im 16. und 17. Jahrhundert tatsächlich geschrieben haben.

„Die Autoren haben sich die Mühe gemacht, klassische Themen der Systematischen Theologie anhand von puritanischer Primärliteratur darzustellen.“
 

Also haben die Autoren sich die Mühe gemacht, klassische Themen der Systematischen Theologie anhand von puritanischer Primärliteratur darzustellen. Sie schreiben so etwa über die Trinität, die Rechtfertigungslehre, die Prädestination, die Engellehre, die Sünde, die Bünde, den Heiligen Geist oder auch das Abendmahl. Die behandelten Themen sind im Groben: Einführung (oder auch Prolegomena), Lehre von Gott, Anthropologie und Bundestheologie, Christologie, Soteriologie, Ekklesiologie, Eschatologie und Praktische Theologie. Manchmal kommen bei der Darstellung des Stoffes viele Puritaner zu Wort. Hin und wieder konzentrieren sich die Ausführungen jedoch auf einen Autor. So ist das Kapitel 4 den Eigenschaften Gottes gewidmet. Zu Wort kommt Stephen Charnock (1628–1680), der ein gigantisches Werk von ca. 960 Seiten zu diesem Thema hinterlassen hat.1 Das Kapitel beginnt mit einer Einführung, in der das erwähnte Buch zur Gotteslehre und Stephen Charnock vorgestellt werden. Es folgen Abhandlungen zum Sein Gottes, zu Gottes Einfachheit, Ewigkeit, Allgegenwart, Allwissenheit, Weisheit, Allmacht, Heiligkeit, Güte, seinem Herr-Sein und zur Geduld sowie ein abschließendes Fazit. Gelegentlich werden längere Zitate angeführt. In der Regel fassen die Autoren allerdings die Kernaussagen Chernocks zusammen und kommentieren diese noch kurz. Gerade diese Kommentare, die die Aussagen oft kontextualisieren und aktualisieren, erweisen sich als sehr hilfreich und erleichtern dem Leser das Verstehen. Nicht immer bringen Beeke und Jones eigene Überlegungen ein. Manchmal ziehen sie Kenner der reformierten Orthodoxie heran, wie etwa Heinrich Heppe, Richard A. Muller oder Sinclair B. Ferguson.

Ich möchte die angewandte Methode am Beispiel von Gottes Unveränderlichkeit erläutern (S. 97–100). Zum Eingang der Ausführungen wird erklärt, dass die Unveränderlichkeit aufgrund der Einfachheit Gottes eine notwendige Eigenschaft ist. „Das heißt, weil Gott nicht aus mehreren Teilen besteht, kann er sich nicht verändern und verändert sich auch nicht. Er ist, was er immer war und immer sein wird“ (S. 97). Es folgt eine gute Dienste leistende Kontextualisierung. Mit Verweis auf Artikel 2.2 aus dem gewichtigen Westminster Bekenntnis2 wird darauf hingewiesen, dass dort Gottes Unveränderlichkeit und seine Leidenschaftslosigkeit bekräftigt wird. Die Unveränderlichkeit Gottes ist aus der heutigen Sicht ein Problem. Viele Gegenwartstheologen gegen davon aus, dass die Unveränderlichkeit Gottes aus der antiken Philosophie importiert wurde.3 Ein unveränderlicher Gott ist für sie ein Gott, der nicht fühlen und damit auch nicht leiden kann. Folgender Verweis ist deshalb hilfreich: „Richard A. Muller sagt diesbezüglich, dass die orthodox-reformierten Theologen einschließlich Charnock Gefühllosigkeit aber nicht als Gottes Eigenschaft ansahen“ (S. 97). Allerdings ist die Sache nicht ganz so einfach, wie die anschließenden Betrachtungen zeigen (S. 97–99). Verbunden mit der Unveränderlichkeit taucht weiterhin die Frage auf, weshalb die Bibel oft davon spricht, dass es Gott reute. Hier werden die Antworten von Charnock und Leigh angeführt. Beide greifen auf das Prinzip der Akkommodation (lat. accommodatio) zurück. Demnach kleidet Gott sich manchmal mit unserer menschlichen Natur, damit wir ihn überhaupt verstehen können. Diese sogenannten Anthropomorphismen werden in der Schrift verwendet, damit die Christen Zugang zu Gottes Vollkommenheit erhalten.

„Insgesamt ist das umfangreiche Buch damit gut dafür geeignet, sich mit der Theologie der Puritaner bekannt zu machen.“
 

Ein ähnliches Vorgehen finden wir auch bei den anderen Themen. Insgesamt ist das umfangreiche Buch damit gut dafür geeignet, sich mit der Theologie der Puritaner bekannt zu machen, ohne die vielen einzelnen Werke, die ja meist gar nicht in deutscher Sprache erhältlich sind, lesen zu müssen. Die Lektüre wird freilich trotzdem keine einfache sein. Deshalb schließe ich mit einem langen Zitat aus dem Vorwort von Sinclair B. Ferguson, der wiederum den jungen John Owen zu Wort kommen lässt:

„Diese Seiten sind nicht voller Verwicklungen und Unklarheiten; sie sind aber auch nicht leicht zu lesen. Man wird wieder an die Worte des jungen John Owen erinnert – zu der Zeit, als er ein etwas kantiger 30-Jähriger war –, mit denen er sein Werk ‚Der Tod des Todes in dem Tod Christi‘ an seine Leser einleitete: ‚Wenn du weitergehen möchtest, dann möchte ich dich ersuchen, noch ein wenig zu verweilen. Wenn du, wie viele in dieser Zeit, in der viel vorgetäuscht wird, ein Zeichen- oder Titelsucher bist und Umgang mit Büchern pflegst, wie Cato ins Theater geht, nur um wieder hinauszugehen – dann hast du jetzt deine Unterhaltung gehabt, mach’s gut!‘“ (S. 10–11).

Buch

Joel R. Beeke u. Mark Jones, Systematische Theologie der Puritaner, Waldems: 3L Verlag, 2019, 1296 S., 39,90 Euro.


1 Jedenfalls zählt meine Ausgabe so viele Seiten: Stephen Charnock. „Discourse On The Existence and Attributes of God“ in: The Complete Works. Bd. 1–5. 1864–1866. Edinburgh; London; Dublin: James Nichol; James Nisbet and Co.; W. Robertson; G. Herbert, Bde 1–2. In dem hier besprochenen Buch steht merkwürdigerweise einmal, das Buch habe 1200 Seiten (S. 24) und einmal ist von 768 Seiten die Rede (S. 91). Im englischen Original stehen keine Angaben zu den Seitenzahlen.

2 Das Westminster Bekenntnis von 1647 ist im puritanischen Geist verfasst und ein sehr bedeutendes „Kompromisspapier“ puritanischer Theologie. Eine deutschsprachige Ausgabe gibt es als: Thomas Schirrmacher (Hrsg.). Der evangelische Glaube kompakt: Ein Arbeitsbuch: Das Westminster Glaubensbekenntnis von 1647, Theologisches Lehr- und Studienmaterial des Martin Bucer Seminars. Bd. 17. 3. Auflage. Bonn; Hamburg: VKW; RVB, 2017.

3 Siehe dazu: Wilhelm Maas. Unveränderlichkeit Gottes. München; Paderborn; Wien: Schöningh, 1974.

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.

Die Rezension erschien zuerst in der Zeitschrift Glauben und Denken heute, 1/2020, Nr. 25, S. 67–68. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung.

Bild: 3L Verlag