Vergebung darf man auch fühlen

Artikel von Dane Ortlund
9. November 2020 — 8 Min Lesedauer

Haben Sie auch nach Jahren des Glaubens an Jesus Christus noch Mühe, Gottes Vergebung zu fühlen? Obwohl natürlich die erfahrene der gefühlten Vergebung vorausgeht, scheut sich die Bibel nicht, über unser subjektives Erfahren objektiver Wahrheiten des Evangeliums zu sprechen (Röm 5,5; 1 Kor 13,6; 2 Kor 1,4; Eph 3,16–19; 1 Petr 1,8).

Vergebung gefühlsmäßig erfahren: Damit tun sich doch – offen gesagt – viele unter uns schwer. Auch wenn wir mit aufrichtigem Herzen Christus nachfolgen und Gott in der Tiefe erfahren haben, gerät unsere Nachfolge doch immer wieder ins Stocken. Dann sind wir bestürzt, weil wir uns über Gott häufig langweilen, andern Menschen gegenüber Ressentiments hegen, unsere Gemeinde kritisieren oder Zeiten der Verzweiflung und Leere durchmachen. Oder vielleicht verdüstern Wolken undefinierbarer Schuld unser Leben.

Uns selbst das Evangelium und bewährte Lehren zu „predigen“ hilft dann auch nicht weiter. Unser Herz will dabei nicht auftauen oder gar warm werden. Und so durchzieht ein Verständnis der göttlichen Vergebung, das einer Achterbahnfahrt gleicht, unser Leben.

Ein Christ-Sein, zwei Lebensweisen

Drei Dinge verstanden die Puritaner besser als wir: das menschliche Herz, das Wort Gottes und wie beides miteinander zu verbinden ist. Ein Weg, auf dem sie uns in eine neue Tiefe der gefühlten Vergebung führen, besteht in der Anweisung, dass wir nicht nur das über uns gefällte Urteil betrachten sollen, sondern auch – tiefer und auf wundersamere Weise – das Herz, aus welchem dieses Urteil kommt. Es gehe nicht nur um das Ergebnis, sondern auch um den Ursprung bzw. nicht nur um den Bach, sondern die Quelle, wie John Owen es formulierte.

Über Gläubige, die sich eines soliden Bewusstseins der Vergebung erfreuen, sagt Owen:

„Sie geben sich nicht mit allgemeinen Vorstellungen von Straffreiheit ab. Sie führen vertrautere Gespräche mit Gott, als sich mit solchen Gedanken zufrieden zu geben. Sie erforschen die Güte seines Wesens, den Wohlgefallen seines Willens, die Absicht seiner Gnade; sie betrachten und reflektieren das Geheimnis seiner Weisheit und Liebe, die uns seinen Sohn senden ließen. Sollten ihnen diese Quellen nicht zugänglich sein, werden ihnen die Bäche nur wenig Erfrischung bringen.“

Andere hingegen, die Jesus Christus bekennen, können sich nur halbherzig über die göttliche Vergebung freuen. Weiter dazu John Owen:

„Und einige meinen, sie hätten bereits genug verstanden, wenn sie für die Zusammenhänge des Heils ein paar Worte finden. Dies ist zweifellos ein Grund, weshalb viele wirklich Gläubige ihr Leben lang doch so schwanken, wenn es ums Thema der Vergebung geht; denn sie haben nicht wirklich ihren Glauben darin geschult, die Ursprünge und ewigen Quellen der Vergebung zu ergründen, sondern haben sich nur mit der Begnadigung im Hier und Jetzt befasst.“ (Auslegung von Psalm 130,104).

Ungesundes Wanken

Worum geht es Owen hier? Er beschreibt zwei Typen von gläubigen Personen. Diese werden nicht nach „wiedergeboren“ oder „nicht-wiedergeboren“ unterschieden, sondern nach „gesund“ oder „ungesund“. Ungesunde Christen haben ein schwankendes Verständnis von Vergebung, gesunde Christen nicht.

Doch worin besteht der Unterschied?

Schauen wir uns präzise an, was Owen dazu sagt. Ungesunde Christen begnügen sich mit einem „allgemeinem Verständnis von Straffreiheit“. Sie haben den Grundgedanken des Evangeliums verstanden und begnügen sich damit. Sie denken, dass schon bestimmte Worte mit einem genügenden Verständnis gleichzusetzen seien. Anders ausgedrückt: Mit dem richtigen Verständnis der Wahrheit hätten sie das Evangelium bereits tief genug erfasst.

Allerdings haben sie nicht durch das Evangelium hindurch ins Herz des Autors geschaut. Sie begnügen sich lediglich mit der Formel des Evangeliums, anstatt seinen Begründer tiefer kennenzulernen. Zwar glauben sie richtiger- und glücklicherweise an die Rechtfertigung allein durch Glauben auf der Basis von dem, was allein Jesus Christus getan hat, doch suchen sie nicht nach dem Ursprung, der Quelle des Evangeliums.

Diese Christen wissen, dass das Werk von Jesus Christus rein und gerecht macht. Aber sie lassen außer Acht, dass er auch sanftmütig und demütig ist (Mt 11,29).

Bleib nicht kurz vor Gottes Herz stehen

In den zitierten Stellen und anderen Schriften spricht John Owen davon, dass wir unmündige Christen bleiben, wenn wir (wie er im selben Abschnitt sagt) kurz vor dem „Herzen Christi“ stehen bleiben.

„Das Evangelium auf einer rein austauschorientierten Ebene zu verstehen, führt beim Thema der Vergebung zu Gefühlsschwankungen.“
 

Das Wissen um die Vergebung bringt Erleichterung. Veränderung hingegen geschieht erst dann, wenn wir Jesus Christus und seine Sehnsucht – sein echtes Wohlgefallen, seine unverhohlene Freude, unsauber-aber-reumütige Sünder zutiefst in sein Herz zu schließen – höchstpersönlich kennenlernen. Das Evangelium auf einer rein austauschorientierten Ebene zu verstehen, führt beim Thema der Vergebung zu Gefühlsschwankungen. Richtet man den Blick hingegen auf die unerschöpfliche Quelle der Liebe, aus welcher das Evangelium fließt, findet auch das Gefühl der Vergebung seine Ruhe und Zufriedenheit.

Wenn ein Waisenkind von einem Milliardär von der anderen Seite der Erde beschenkt wird, ist es wohl dankbar, rechnet aber kaum mit weiteren Gaben, weil es das Herz seines Gönners nicht kennt. Aber wie wäre es, wenn dieser Milliardär dieses Waisenkind vor sich sähe, sich seiner erbarmte, es mit überfließendem Mitleid nach Hause mitnähme und adoptierte?

Gesunde Christen blicken über die Segnungen des Evangeliums hinaus zu dessen Quellen.

Wie sich Gottes Herz finden lässt

Doch wie funktioniert das? Wie schaffen wir es, über das Evangelium hinaus in Gottes Herz zu blicken?

Dafür gibt es keine Antwort nach Schema X. Denn einerseits ist dies Teil unseres großen, lebenslangen Kampfes als Christen. Aber andererseits bieten sich sehr wohl konkrete Schritte für einen Durchbruch an, den viele unter uns benötigen, wenn unsere Gebete aufsteigen und der Heilige Geist herabkommt.

1. Nimm die ganze Bibel-Dosis ein

Wir alle neigen dazu, Bibelstellen herauszupicken und uns auf bestimmte Abschnitte und Aspekte zu konzentrieren. Wohl lesen wir alles, schlucken aber nur einen Teil davon. Nimm Dir Zeit, dem zu entwachsen. Lerne neben Römer 3 auch Hosea 11 auswendig. Denke nicht nur über die ohnehin klaren, geordneten, besser "herunterladbaren" Abschnitte der Bibel nach, sondern auch über diejenigen, deren himmlischer Herzschlag erröten lässt – etwa, wo es heißt, dass wir Gottes „Lieblingskind“ (Jer 31,20) sind, oder dass Gott „ein eifersüchtiges Verlangen“ hat (Jak 4,5). Solche Bibeltexte lassen uns – laut Owen – „in die Quellen“ blicken.

2. Setze Dich voll und ganz in einer gesunden Kirche ein

Eine „gesunde Kirche“ lässt sich natürlich auf hundert unterschiedliche Arten definieren. Als Vorschlag – suche eine Kirche, die über folgende Themen spricht: nicht nur über den Austausch des Evangeliums, sondern auch über den Gott und Christus dieses Evangeliums; nicht nur über die Formel, sondern ebenso über Gott als Person; nicht nur über den Strom, sondern auch über den Brunnen; nicht nur über Gottes Werk, sondern auch über sein Herz.

Suche dir eine Kirche, wo du nicht nur über Gottes Liebe gelehrt wirst, sondern seine Liebe auch fühlen kannst.

3. Suche einen Verbündeten

Verbünde dich mit jemandem, der mit dir das Evangelium der Gnade und alle seine Segnungen auskundschaftet, und darüber hinaus mit dir zu den Quellen derselben vordringt. Eine Person, die nur zu gerne „eine Form von Worten“ beiseitelässt, um in Gottes Herz blicken zu können. 

„Gesunde Christen blicken über die Segnungen des Evangeliums hinaus zu dessen Quellen.“
 

So ein Verbündeter ist vielleicht nicht deine ganze Gemeinde, deine gesamte Kleingruppe, oder vielleicht nicht einmal dein Ehepartner. Aber es gibt jemanden. Finde diese Person, und lass sie nicht los. Schärft euch gegenseitig, stellt einander Fragen, betet füreinander. „So ist's ja besser zwei als eins“ (Pred 4,9).

4. Suche einen puritanischen Freund

Suche dir einen evangelisch-reformatorischen oder modernen Autor. Auf jeden Fall jemanden, der dir eine Bibliothek an Schriften hinterlassen hat, die dich eng auf dem inneren Weg zur göttlichen Liebe begleiten, damit du diese sehen kannst und sie dein Herz im Tatsächlich-Vergeben-Sein ein für alle Mal festigen kann.

Geh zu den Quellen

So oder so – tu, was dir hilft, um Vergebung bis in Gottes Herz hinein zu glauben. John Owen sagte ja, wir sollen „Glauben üben, um die Quellen der göttlichen Liebe zu erblicken“. Naturgemäß haben wir eine eher unterkühlte Vorstellung vom Herzen Gottes. Und unsere eigene Intuition hilft uns nicht weiter, Gottes Herz in seiner wirklichen Art zu erkennen. Wie gesagt: Dafür brauchen wir Glauben, und dazu sehende Augen. Denn sonst projizieren wir nur unsere persönliche, berechnende Vorstellung von Liebe und Vergebung auf Gott.

Bitte Gott um einen Blick in sein Herz, die „Quelle“ des Evangeliums. Glaube kühn, dass Gott nicht so liebt, wie du es tust. Lass das notvolle Schwanken hinter dir. Packe den Tag an mit all seinen Herausforderungen und Verwirrungen und wage es, Gottes Vergebung auch zu fühlen.

Dane Ortlund ist Chef-Verleger und Bibel-Verleger bei Crossway. Er arbeitet zudem als Redakteur der Reihen Knowing the Bible und Short Studies in Biblical Theology. Ebenso hat er mehrere Bücher verfasst, darunter Gentle and Lowly: The Heart of Christ for Sinners and Sufferers. Dane Ortlund, seine Frau Stacey und ihre fünf Kinder leben in Wheaton, Illinois (USA).